Die Szene, die ich nicht halten konnte
In meinem letzten psychologischen Essay habe ich von zwei Szenen erzählt. In der zweiten – sie liegt am Beginn meiner Berufslaufbahn – saß ich einer weinenden Klientin gegenüber, spürte ihren Schmerz so unmittelbar, dass die Grenze zwischen ihrem Erleben und meinem verschwamm, und begann selbst zu weinen. Die Klientin verstummte. Dann tat sie etwas Bemerkenswertes: Sie begann, mich zu trösten. „Entschuldigung", sagte sie. „So schlimm ist es gar nicht. Ich wollte Sie nicht belasten." In wenigen Sekunden hatte sich die Beziehung umgekehrt. Die Hilfesuchende wurde zur Helferin. Der geschützte Raum war zusammengebrochen.
Ich habe diese Szene damals als ein Versagen der Empathie gedeutet – als ein Abrutschen in Gefühlsansteckung, in jenen ältesten und primitivsten der drei Modi, in dem der Schmerz des Anderen über den Rand des eigenen Selbst schwappt wie Wasser über das Glas. Das stimmt. Aber es ist nur die halbe Diagnose. Denn die Frage, die offen blieb, lautet nicht: Warum wurde ich überflutet? Sondern: Welche Fähigkeit hätte mich davor bewahrt? Welche innere Kapazität erlaubt es einer Therapeutin, den rohen, unaushaltbaren Affekt der Klientin aufzunehmen, ohne von ihm überschwemmt zu werden – ihn zu halten, zu verwandeln und in einer Form zurückzugeben, die die Klientin selbst nicht hatte produzieren können?
Am Ende jenes Essays gab ich ein Versprechen. Ich schrieb, der Psychoanalytiker Wilfred Bion habe für genau diesen Transformationsprozess ein Modell entwickelt, „das ich in einem kommenden Beitrag ausführlich beschreiben werde: das Containing." Dieser Beitrag ist jetzt. Und er wird, anders als die vorangegangenen drei – Übertragung, Empathie und Mitgefühl, Selbstmitgefühl –, den therapeutischen Zweierraum bewusst verlassen. Denn Containing hat eine Eigenschaft, die es zu einem der reichsten Begriffe der Psychoanalyse macht: Es skaliert. Vom Säugling zur Klient:in. Von der Klient:in zur Familie. Von der Familie zum Team. Vom Team zur Institution – bis hin zum Krankenhaus mit tausenden Mitarbeitenden. Dieser Essay folgt dieser Skala. Er beginnt an einer Wiege und endet in einer Organisation.
I. Bion: Ein Denker des Denkens unter Katastrophendruck
Wer Wilfred Bion (1897–1979) verstehen will, sollte mit seiner Biografie beginnen, denn sie ist seinem Werk eingeschrieben. Bion wurde im nordindischen Mathura geboren, in der Zeit des Britischen Empire. Mit knapp zwanzig Jahren kommandierte er im Ersten Weltkrieg einen Panzer an der Westfront – ein junger Mann in einer stählernen Kiste, mitten in der Hölle von Cambrai, ausgezeichnet mit dem Distinguished Service Order und der Légion d'Honneur. Diese Erfahrung – Denken unter Bedingungen, unter denen das Denken selbst zusammenzubrechen droht – wurde zum heimlichen Zentrum seines Werks. Bion fragte zeitlebens nicht nur: Was denkt der Mensch? Sondern: Wie wird Denken überhaupt erst möglich? Und was geschieht, wenn die Erfahrung so unaushaltbar wird, dass sie nicht mehr gedacht, sondern nur noch ausgestoßen werden kann?
Später ging Bion ans Londoner Tavistock-Institut, jenes legendäre Zentrum, an dem sich Psychoanalyse, Gruppenforschung und Organisationsdenken kreuzten. Er wurde zunächst von John Rickman und ab Mitte der 1940er-Jahre von Melanie Klein analysiert – der großen Theoretikerin der frühesten seelischen Zustände, der Spaltung, der Projektion. Aus diesem Boden wuchsen seine Schlüsselwerke: Experiences in Groups (1961), Learning from Experience (1962), der dichte Aufsatz A Theory of Thinking (1962) und Attention and Interpretation (1970). Bions Prosa ist berüchtigt schwierig, beinahe mystisch. Aber im Kern seiner Theorie steht ein Bild von erstaunlicher Anschaulichkeit – und es ist, für einen Ernährungstherapeuten, ein Glücksfall: Es ist ein Bild aus der Welt der Verdauung.
Beta-Elemente: Das Unverdaute
Stellen wir uns den Säugling vor. Er erlebt etwas, für das er keine Worte, keine Begriffe, keine inneren Bilder hat: einen Hunger, der sich anfühlt wie Vernichtung; eine Einsamkeit, die grenzenlos ist; einen Schmerz ohne Anfang und Ende. Bion nannte diese rohen, unverarbeiteten Sinnes- und Affekteindrücke Beta-Elemente – „unverdaute Tatsachen", wie er sie selbst nannte. Beta-Elemente kann man nicht denken. Man kann sie nicht erinnern, nicht träumen, nicht symbolisieren. Man kann sie nur loswerden – sie ausstoßen, evakuieren, in einen anderen Menschen hineinprojizieren. Der Säugling schreit, strampelt, wirft seinen Zustand hinaus in die Welt.
Ein Beta-Element ist ein Gefühl, das so roh ist, dass man es nicht haben, sondern nur ausstoßen kann. Ein Alpha-Element ist dasselbe Gefühl, nachdem jemand es für uns verdaut hat.
Die Alpha-Funktion: Verdauen für einen anderen
Hier kommt die Mutter ins Spiel – oder genauer: das Containing-Objekt, gleich welchen Geschlechts. (Bion notierte das Modell mit zwei Zeichen, ♀ für den Container und ♂ für das Enthaltene; gemeint ist eine Funktion, keine Geschlechterzuschreibung – diese Klarstellung ist mir wichtig.) Die Mutter nimmt den hinausgeschleuderten Schrecken des Kindes auf. Sie lässt sich von ihm erreichen, ohne von ihm zerstört zu werden. In einem Zustand, den Bion Reverie nannte – einer träumerischen, aufnahmebereiten Versunkenheit –, „verdaut" sie das Unaushaltbare. Sie spürt: Das ist kein Weltuntergang, das ist Hunger. Sie gibt dem Namenlosen einen Namen, dem Formlosen eine Form. Und sie gibt es zurück – nicht als rohen Schrecken, sondern als etwas Erträgliches, Benennbares, Beruhigtes: „Du hast Hunger, mein Kind. Gleich gibt es etwas. Es ist alles gut."
Diese verwandelnde Tätigkeit nannte Bion die Alpha-Funktion. Sie wandelt Beta-Elemente in Alpha-Elemente um – in psychisches Material, das man denken, erinnern, träumen kann. Bion selbst formulierte mit charakteristischer Vorsicht (er weigerte sich bewusst, die Alpha-Funktion exakt zu definieren): „It seemed convenient to suppose an alpha-function to convert sense data into alpha-elements" – es schien zweckmäßig, eine Alpha-Funktion anzunehmen, die Sinnesdaten in Alpha-Elemente verwandelt und so der Psyche das Material für Traumgedanken liefert (Bion, A Theory of Thinking, 1962). Was hier geschieht, ist nicht weniger als die Geburt des Denkens. Denn – und das ist Bions paradoxester Satz – Gedanken gehen dem Denken voraus. Erst existiert der Gedanke (etwa: die abwesende Brust, die Frustration des Fehlens), und das Denken ist der Apparat, den der Mensch entwickelt, um mit diesen Gedanken umzugehen, sie auszuhalten. Denken entsteht, um Frustration zu ertragen, statt sie nur auszustoßen. Und diese Fähigkeit ist nicht angeboren. Sie wird geliehen – von einem Anderen, der sie zuerst für uns ausübt, bis wir sie verinnerlichen.
Wenn der Container fehlt: Nameless dread
Was aber geschieht, wenn niemand da ist, der containt? Wenn die Mutter selbst überflutet ist, abwesend, panisch – wenn sie den Schrecken des Kindes nicht aufnehmen und verwandeln, sondern nur zurückspiegeln oder verstärken kann? Dann, schrieb Bion in A Theory of Thinking, reintrojiziert der Säugling nicht eine erträglich gemachte Angst, sondern – und dies ist eine seiner wenigen wörtlich oft zitierten Wendungen – „not a fear of dying made tolerable, but a nameless dread": keine erträglich gewordene Todesangst, sondern einen namenlosen Schrecken. Ein sinnentleertes Grauen, das nicht gedacht werden kann, weil es nie verdaut wurde. Der Container hat versagt. Und das Kind bleibt allein mit dem Unverdaulichen.
Genau hier – beim Container, der versagt – schließt sich der Kreis zu meiner Szene. In jenem Behandlungszimmer war ich der Container. Und ich habe versagt. Statt den projizierten Affekt der Klientin aufzunehmen, zu halten und verwandelt zurückzugeben, habe ich ihn ungefiltert weitergereicht – ich habe selbst geweint. Die Klientin bekam ihren Schrecken nicht detoxifiziert zurück, sondern verstärkt. Und so musste sie tun, was ein Kind niemals tun sollte: ihren eigenen Container reparieren. Sie tröstete mich.
II. Holding und Containing: Zwei Mütter, zwei Funktionen
An dieser Stelle wäre es bequem, Bions Containing mit einem Begriff zu verwechseln, der ihm nahesteht und den ich im Blog schon mehrfach bemüht habe: Donald Winnicotts Holding. Beide Begriffe stammen aus derselben britischen Schule, beide handeln von der frühesten Beziehung, beide sind Metaphern für das, was eine fürsorgliche Umwelt für die werdende Psyche leistet. Aber sie sind nicht dasselbe – und ihre Unterscheidung ist für die therapeutische Praxis entscheidend.
Donald Winnicott beschrieb das Holding als die haltende, umgebende Umwelt der „ausreichend guten Mutter" (good enough mother): eine atmosphärische Verlässlichkeit, ein mütterliches Getragenwerden, das dem Kind erlaubt, einfach zu sein. Holding ist umhüllend, mutuell, harmonisch. Es ist das warme Bett, in dem das Wahre Selbst sich entfalten darf.
Bions Containing ist von anderer Natur. Es ist nicht primär umhüllend, sondern transformierend. Es enthält etwas potenziell Zerstörerisches – und es arbeitet daran. Wo Holding das Kind hält, verdaut Containing seinen Affekt. Der Motor des Containing ist nicht Harmonie, sondern Frustration: Erst weil das Kind das Fehlen, den Mangel, die Abwesenheit erlebt und ein Anderer ihm hilft, dieses Erleben zu ertragen statt es auszustoßen, entsteht die Fähigkeit zu denken. Eine zeitgenössische Synthese formuliert es treffend: Holding meint eine mutuelle, harmonische Anordnung; Containing impliziert, etwas potenziell Zerstörerisches zu enthalten (sinngemäß nach Psychoanalytic Dialogues, 2024).
Holding sagt: Ich halte dich, damit du sein darfst. Containing sagt: Ich nehme das Unaushaltbare in dir auf, verdaue es und gebe es dir denkbar zurück.
Es wäre ein Missverständnis, die beiden gegeneinander auszuspielen. Sie sind nicht konkurrierend, sondern komplementär. Die gute therapeutische Beziehung – und die gute frühe Beziehung – braucht beides: die haltende Atmosphäre Winnicotts und die verdauende Arbeit Bions. In meinem Beitrag über das Beziehungsgebundene habe ich beschrieben, wie der Polyvagal-Theoretiker Stephen Porges die Co-Regulation als physiologisches Fundament jeder Sicherheit beschreibt – das beruhigte Nervensystem des Anderen, das das eigene beruhigt. Containing ist gewissermaßen die psychische Oberseite dieses körperlichen Vorgangs: Was Porges auf der Ebene des autonomen Nervensystems beschreibt, beschreibt Bion auf der Ebene der Bedeutung. Beide handeln davon, dass wir Regulation zuerst leihen, bevor wir sie besitzen.
III. Der Essanfall als Evakuation: Wenn Affekte nicht verdaut werden können
Nun bin ich Ernährungstherapeut, kein Psychoanalytiker, und ich muss erklären, warum ein Modell über die Wiege in einem Blog über Essen steht. Die Antwort liegt in Bions Verdauungsmetapher selbst – und sie ist, wie ich gestehen muss, fast zu schön, um wahr zu sein.
Bion beschreibt die Psyche als ein Organ, das Erfahrung verstoffwechselt, wie der Darm die Nahrung. Wer ein internalisiertes Containing erfahren hat, besitzt eine funktionierende seelische Verdauung: Er kann unaushaltbare Zustände – Wut, Trauer, Einsamkeit, Leere – aufnehmen, halten, verarbeiten und in Denkbares verwandeln. Er kann fühlen, was er fühlt, ohne daran zu zerbrechen. Wer dieses Containing aber nie hinreichend erfahren hat, dem fehlt diese seelische Alpha-Funktion. Die unaushaltbaren Affekte bleiben Beta-Elemente: roh, unverdaut, nicht denkbar. Und sie drängen, wie alle Beta-Elemente, nach Evakuation – sie müssen hinaus, irgendwie.
Hier setzt meine These an – und ich kennzeichne sie ausdrücklich als interpretierende Übertragung, nicht als Bions eigene Aussage: Der Essanfall lässt sich lesen als ein Versuch, unverdaute Beta-Elemente loszuwerden – oder zu betäuben. Wenn ein Gefühl nicht psychisch verdaut werden kann, dann wird es buchstäblich – über den Mund, über den Magen – betäubt, gefüllt, ausgestoßen. Das Essen übernimmt die Funktion, die ein innerer Container leisten sollte: Es soll das Unaushaltbare aushaltbar machen lassen. In meinem Beitrag über emotionales Essen habe ich beschrieben, dass Essen die älteste Beziehungserfahrung des Menschen ist – die erste Stelle, an der Affekt und Nahrung, Trost und Sättigung untrennbar verschmolzen. Und in meinem Beitrag über Essen als Sucht habe ich mit Gabor Maté gezeigt, dass süchtiges Verhalten fast immer ein Versuch der Affektregulation ist – ein Versuch, einen unerträglichen inneren Zustand erträglich zu machen, wenn die innere Fähigkeit dazu fehlt. Bions Modell gibt diesem Befund eine Tiefenstruktur: Wo das Containing fehlt, wird der Mund zum Ort, an dem das Unverdaute hinausgeschoben wird, das die Seele nicht verdauen konnte. Es ist kein Zufall, dass die psychoanalytische Lesart von Essstörungen die Unfähigkeit, Affekte zu tolerieren, ins Zentrum stellt – und Bions Modell genau darauf anwendet (vgl. American Journal of Psychoanalysis, 2021).
Die Therapeut:in als geliehener Container
Was bedeutet das für die Praxis? Es bedeutet, dass ein wesentlicher Teil meiner Arbeit nicht in der Vermittlung von Ernährungswissen besteht, sondern darin, vorübergehend jenen Container anzubieten, der einmal gefehlt hat. Wenn Katrin* mir von ihrem Essanfall erzählt – von der Packung Kekse, der Scham, dem Schwur, der schon so oft gebrochen wurde –, dann ist meine erste Aufgabe nicht, einen besseren Plan zu liefern. Meine erste Aufgabe ist, den rohen, beschämenden, unaushaltbaren Affekt aufzunehmen, ihn zu halten, ohne ihn zu bewerten oder zurückzuspiegeln, und ihn ihr in einer Form zurückzugeben, in der er denkbar wird: „Was Sie da am Samstagabend erlebt haben, war kein Versagen. Es war ein Versuch, etwas Unaushaltbares loszuwerden, für das Sie nie andere Worte gelernt haben. Lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, was es war."
Das ist exakt die Bewegung, die in meiner gescheiterten Szene misslang. Damals habe ich den Affekt nicht verdaut, sondern weitergereicht. Containing ist die Fähigkeit, die diesen Unterschied macht: Der Affekt wird gehalten und transformiert, nicht zurückgespiegelt. Hier verbindet sich Bion mit dem, was ich über Übertragung und Gegenübertragung geschrieben habe: Bion hat – über Kleins eigenen Vorbehalt hinweg – die projektive Identifikation zu einem Modell der Gegenübertragung erweitert. Die Gefühle, die in mir als Therapeut entstehen, sind nicht bloß meine; sie sind oft das, was die Klientin in mich hineinprojiziert hat, weil sie es selbst nicht halten kann. Containing heißt dann: diese Gegenübertragung halten, statt sie auszuagieren. Sie als Information verstehen, als verschlüsselte Botschaft über den Zustand der Klientin – und sie verdaut zurückgeben. Genau das macht den Unterschied zwischen einer Therapeutin, die in Tränen ausbricht, und einer, die sagen kann: „Ich spüre gerade, wie schwer das ist."
In meinem Beitrag über Ernährungstherapie als mehr als Verhaltensänderung habe ich beschrieben, warum verhaltenstherapeutische Werkzeuge allein oft nicht ausreichen. Containing ist ein weiterer Grund dafür. Ein Ernährungsplan ist ein Alpha-Element – ein fertig gedachtes, geordnetes Stück Wirklichkeit. Aber wer noch im Beta-Zustand verharrt, kann ein Alpha-Element nicht aufnehmen. Man kann einem Menschen, der vor unverdauter Angst nicht denken kann, keinen Denk-Inhalt überreichen. Man muss ihm zuerst die Verdauung leihen. Das ist die Reihenfolge, die Scham so oft umkehrt: Scham reicht dem Unverdauten noch ein Urteil hinterher und macht es damit noch unverdaulicher.
IV. Die Brücke nach außen: Wenn eine Institution nicht containen kann
Bis hierher habe ich Containing als ein Geschehen zwischen zwei Menschen beschrieben: Mutter und Kind, Therapeut:in und Klient:in. Aber Bion selbst hat den Begriff nie auf die Dyade beschränkt. Schon in Experiences in Groups (1961) untersuchte er, wie Gruppen mit Angst umgehen – und beschrieb jene unbewussten „Grundannahmen" (Abhängigkeit, Kampf/Flucht, Paarbildung), in die eine Gruppe flieht, wenn die eigentliche Arbeit zu bedrohlich wird. Hier öffnet sich die Tür zur entscheidenden Wendung dieses Essays: Was im Kleinen zwischen zwei Menschen geschieht, geschieht – oder versagt – auch im Großen, zwischen vielen. Containing skaliert.
Und es gibt eine Institution, an der dieses Versagen mit beispielloser Klarheit studiert wurde: das Krankenhaus.
Menzies Lyth und der Pflegedienst
Im Jahr 1959 untersuchte die Psychoanalytikerin Isabel Menzies – später, nach ihrer Heirat, Menzies Lyth – im Auftrag des Tavistock-Instituts den Pflegedienst eines großen Londoner allgemeinen Lehrkrankenhauses. (Welches Haus es war, hielt sie anonym; spätere Zuschreibungen sind verbreitet, aber nicht hart belegt.) Ihre Studie erschien 1960 unter dem sperrigen Titel A Case-Study in the Functioning of Social Systems as a Defence against Anxiety in der Zeitschrift Human Relations. Sie ist heute ein Klassiker der Organisationspsychologie – und, was kaum jemand weiß, hatte Menzies Lyth selbst ihre zweite Analyse bei niemand Geringerem als Wilfred Bion. Sie trug seinen Begriff des Containing direkt in die Welt der Organisationen.
Der Anlass ihrer Studie war banal-praktisch und zugleich erschütternd: Das Krankenhaus litt unter hoher Personalfluktuation, hohen Krankenständen und einem heftigen Studienabbruch unter den Pflegeschülerinnen („wastage among student nurses was heavy"). Menzies Lyths Frage lautete: Warum? Warum verschleißt eine Institution, deren Aufgabe die Fürsorge ist, ausgerechnet ihre Fürsorglichsten?
Ihre Antwort, aufbauend auf Melanie Kleins Theorie der Angst und auf einem wegweisenden Aufsatz von Elliott Jaques (Social Systems as a Defence against Persecutory and Depressive Anxiety, 1955), war von dialektischer Schönheit. Pflegearbeit, so Menzies Lyth, weckt durch den körperlichen und emotionalen Kontakt mit Krankheit, Schmerz, Verfall, Körperflüssigkeiten, Abhängigkeit und Tod die tiefsten und primitivsten Ängste des Menschen – jene persekutorischen und depressiven Ängste, die Klein in der frühesten Kindheit verortete. Die Pflegende steht, jeden Tag, in einem Sturm von Beta-Elementen.
Eine gesunde Institution würde diese Angst containen – sie würde Räume schaffen, in denen die Pflegenden ihren Schrecken aussprechen, teilen und verdauen können. Aber das Krankenhaus, das Menzies Lyth untersuchte, tat das Gegenteil. Statt die Angst zu enthalten, organisierte es sich unbewusst um ihre Vermeidung. Sie nannte das Ergebnis das „social defence system" – das soziale Abwehrsystem der Pflegeorganisation. Und sie beschrieb seine Techniken mit klinischer Präzision:
- Aufgabensplitting: Nicht die Pflegerin betreut den Menschen in Bett 7, sondern eine Pflegerin misst bei allen Patienten den Blutdruck, eine andere wechselt bei allen die Verbände. Die Beziehung zum einzelnen Leidenden wird aufgelöst – und mit ihr der Schmerz der Bindung.
- Depersonalisierung und Kategorisierung: Der individuelle Mensch wird zur Diagnose, zum Fall, zur „Galle in Zimmer 7". Wer keine Person mehr ist, dessen Leiden muss man nicht fühlen.
- Verleugnung von Gefühlen: Professionelle Unbeteiligtheit als Norm; rasche Rotation, damit keine Bindung entsteht, die schmerzen könnte.
- Rituelle Aufgabenerfüllung: Starre, vorgeschriebene Tätigkeitsabläufe, die jede individuelle Entscheidung – und damit jede individuelle Verantwortung und Angst – eliminieren sollen.
- Checks and Counterchecks und Verantwortungsdiffusion: Mehrfache gegenseitige Kontrollen und zweckdienlich unklare Zuständigkeiten, die das Gewicht jeder Entscheidung so verteilen, dass niemand sie allein tragen – und niemand allein an ihr leiden – muss.
Diese Abwehr ist nicht das Werk schlechter oder kalter Menschen. Das ist Menzies Lyths mitfühlende und entscheidende Pointe: Die Abwehr ist kollektiv, unbewusst und schützend gemeint. Niemand hat sie beschlossen. Sie ist geronnene Angst – Angst, die niemand containen konnte und die sich deshalb in die Struktur der Institution selbst eingelagert hat.
Was eine Mutter nicht verdauen kann, stößt das Kind als namenlosen Schrecken wieder aus. Was eine Institution nicht containen kann, gerinnt zu Ritual, Depersonalisierung und Verantwortungsdiffusion.
Und hier liegt die dialektische Wendung, die diese Studie zu mehr macht als zu einer Krankenhausanekdote. Menzies Lyth schrieb, das soziale Abwehrsystem schütze die Pflegenden zwar vor dem Stress des Augenblicks, aber „at the expense of its more permanent reduction" – auf Kosten seiner dauerhaften Verringerung. Die Abwehr lindert den Moment und verewigt das Problem. Sie verhindert, dass die Angst je durchgearbeitet wird. Schlimmer noch: „Some efficiency has had to be sacrificed, though not by conscious decision, to evasion of anxiety." Effizienz und Fürsorgequalität werden – nicht durch Entscheidung, sondern unbewusst – der Angstvermeidung geopfert. Und die Tragödie kulminiert in einem Satz, der mir nicht aus dem Kopf geht: „The better the student the less satisfaction she finds in the rate of development of her nursing skills." Je besser die Schülerin, desto weniger Befriedigung findet sie. Gerade die Empfindsamsten, Fähigsten, Fürsorglichsten leiden am meisten an einem System, das die Fürsorge gegen die Angst eingetauscht hat. Sie sind es, die gehen.
Man muss diese Studie nur eine Stunde lang neben die heutigen Schlagzeilen legen – Pflegenotstand, Empathieverlust, das, was man heute moral injury nennt: die Verletzung, die entsteht, wenn Menschen durch Strukturen gezwungen werden, gegen ihre eigenen fürsorglichen Werte zu handeln –, um zu erkennen, dass Menzies Lyth 1960 etwas beschrieb, das aktueller kaum sein könnte. Die Psychiaterin Penelope Campling hat 2015 die heutige Krise des Gesundheitswesens ausdrücklich durch Menzies Lyths Brille gelesen und einen Satz formuliert, der die ganze Mechanik einfängt: „As defensive walls build up, feelings of vulnerability and sadness become more deeply buried and the capacity for empathy recedes." Je höher die Abwehrmauern, desto tiefer vergraben die Verletzlichkeit – und desto mehr schwindet die Fähigkeit zur Empathie. Die ungehaltene Angst frisst genau die Fürsorge auf, um derentwillen die Institution existiert.
Auch eine Praxis ist eine Institution
Bevor ich zur Lösung komme, ein unbequemes Eingeständnis: Diese Mechanik macht vor meiner eigenen Zunft nicht halt. Auch eine Ernährungspraxis – und erst recht eine ganze Klinik – ist eine Institution, die Angst entweder containt oder in dysfunktionale Routinen verschiebt. Der starre, von oben verordnete Diätplan kann eine ritualisierte Aufgabenerfüllung sein, die der Beraterin die Angst vor der Komplexität des einzelnen Menschen erspart. Die Reduktion der Klientin auf ihre BMI-Zahl ist eine Depersonalisierung – die „Adipositas in Zimmer 3". Die Protokoll-Checkliste kann zur Verantwortungsdiffusion werden. In meinem Beitrag über die Psychologie des Jojo-Effekts und in jenem über die Diätkultur habe ich beschrieben, wie das ganze System der Gewichtsreduktion zu einem solchen sozialen Abwehrsystem werden kann – eines, das die Beteiligten vor der unaushaltbaren Wahrheit schützt, dass der menschliche Körper kein Maschinenproblem ist, das sich durch Kontrolle lösen lässt. Menzies Lyth zwingt unsere Zunft, unsere eigene Arbeit zu befragen: Wo containe ich – und wo wehre ich nur ab?
Damit öffnet das Thema 'Containing' einen Möglichkeitsraum, aufgespannt zwischen zwei Extremen: Erstens: Verleugnung von unaushaltbaren Gefühlen in Bezug auf Essen (klassische Ernährungsberatung). Zweitens: Anerkennung und Aushalten derselben als integraler Bestandteil der Arbeit mit Menschen und deren Gefühlen (ernährungspsychologisch fundierte Ernährungstherapie).
V. Edmondson: Wie man Containing messbar macht
Menzies Lyth zeigte uns, was geschieht, wenn das Containing in einer Institution fehlt. Aber sie beschrieb das Negativ – die Krankheit, nicht die Gesundheit. Gibt es einen positiven, ja empirisch fassbaren Begriff für das, was eine Organisation täte, wenn sie containen würde? Es gibt ihn. Er stammt nicht aus der Psychoanalyse, sondern aus der Harvard Business School, und er heißt psychologische Sicherheit.
Amy Edmondson, Professorin in Harvard, definierte den Begriff 1999 in einem inzwischen klassischen Aufsatz präzise: „Team psychological safety is defined as a shared belief that the team is safe for interpersonal risk taking." Psychologische Sicherheit ist der geteilte – und meist stillschweigende – Glaube eines Teams, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen: eine Frage zu stellen, einen Fehler einzuräumen, eine Sorge auszusprechen, eine abweichende Idee zu wagen, ohne Demütigung oder Bestrafung fürchten zu müssen. Edmondson grenzt scharf ab: Es geht nicht um bloße Nettigkeit, nicht um eine Wohlfühlatmosphäre, und es senkt keine Leistungsstandards. Im Gegenteil – in The Fearless Organization (2018) verortet sie die produktivste „Lernzone" genau dort, wo hohe Standards und hohe Sicherheit zusammentreffen. Psychologische Sicherheit, so ihre Formel, geht über bloßes Vertrauen hinaus („involves but goes beyond interpersonal trust").
Der Befund, der alles auf den Kopf stellte
Das Bemerkenswerteste an Edmondsons Forschung ist, wo sie begann: in einem Krankenhaus. In ihrer frühen Forschung untersuchte sie, eingebettet in eine große Studie über Medikationsfehler, die Stationsteams eines Krankenhauses. Ihre Hypothese – naheliegend, geradezu selbstverständlich – lautete: Bessere Teams machen weniger Fehler. Die Daten sagten das genaue Gegenteil. Die besser arbeitenden Teams berichteten mehr Fehler.
Ein Schock – bis Edmondson die Auflösung fand, und sie ist die ganze Pointe (und sie muss präzise erzählt werden, sonst kippt sie ins Falsche): Die besseren Teams machten nicht mehr Fehler. Sie berichteten mehr Fehler. Sie sprachen offen über sie, statt sie zu verbergen. Was die Daten maßen, war nicht die Fehlerrate, sondern die Bereitschaft, Fehler überhaupt sichtbar zu machen. Ein verblindeter Beobachter, der das Klima der Stationen einschätzte, ohne die Fehlerzahlen zu kennen, bestätigte es: Seine Rangliste der Offenheit deckte sich beinahe vollständig mit den berichteten Fehlerraten. Die schlechten Teams schwiegen ihre Fehler tot – und konnten deshalb nicht aus ihnen lernen.
Hören wir, was hier geschieht? Menzies Lyths Stationen sind genau jene Teams, in denen ein Medikationsfehler verschwiegen wird, weil die Angst zu groß und der Raum zu unsicher ist. Edmondsons sichere Teams sind jene, die ihn aussprechen – und dadurch lernen. Der kontraintuitive Befund ist, empirisch gemessen, der Unterschied zwischen Abwehr und Containing. Im einen Team wird die Angst evakuiert (verschwiegen, verleugnet, in Struktur eingelagert); im anderen wird sie gedacht, geteilt, verdaut.
Ein sozial strukturiertes Abwehrsystem ist ein Team, das den Fehler verschweigt. Psychologische Sicherheit ist ein Team, das ihn ausspricht – und dadurch denkt.
Ich will ehrlich sein, wie es dem Geist meines Blogs entspricht und wie ich es schon in meinem Beitrag über qualifizierte Ernährungsberatung mit Popper begründet habe: Edmondson zitiert weder Bion noch Menzies Lyth. Ihre Linie ist die organisationale Lerntheorie, nicht die Psychoanalyse. Die Brücke, die ich hier baue – psychologische Sicherheit ist das organisationale Pendant des Containing –, ist meine Synthese-These, nicht Edmondsons Begriffsarbeit. Aber sie ist, glaube ich, eine wahre. Liest man Edmondson durch die psychoanalytische Brille, dann beschreibt psychologische Sicherheit exakt jenen organisationalen Raum, in dem Angst (vor Fehler, Scham, Statusverlust) gedacht statt evakuiert werden kann. Sie ist die Alpha-Funktion einer Organisation. Und sie ist, nicht zufällig, eng verwandt mit dem, was Aaron Antonovskys Salutogenese auf der individuellen Ebene beschreibt: das Kohärenzgefühl, die Erfahrung, dass die Welt verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Psychologische Sicherheit ist das Kohärenzgefühl eines Teams.
VI. Was das für gute betriebliche Gesundheitsförderung heißt
Hier schließt sich der Bogen zu einem Feld, das mich zunehmend beschäftigt: die betriebliche Gesundheitsförderung in großen Organisationen – und ich denke dabei, ohne sie zu nennen, durchaus an jene Großinstitution, die Menzies Lyths Paradebeispiel war.
Die landläufige betriebliche Gesundheitsförderung baut Obstkörbe. Sie verteilt Schrittzähler, organisiert einen jährlichen Gesundheitstag, stellt einen Wasserspender mit Ingwer-Aufguss in den Flur. Das ist nicht falsch – aber es ist, in Bions Sprache, der Versuch, Alpha-Elemente zu überreichen an ein System, das im Beta-Zustand verharrt. Ein Apfel containt keine emotionale Verletzung. Ein Schrittzähler verdaut keine namenlose Angst. Wer einem Pflegeteam, das täglich im Sturm der Beta-Elemente steht, lediglich einen Obstkorb hinstellt, hat Menzies Lyth nicht gelesen.
Gute betriebliche Gesundheitsförderung baut keine Obstkörbe. Sie baut Containing-Strukturen – Räume, in denen die unaushaltbaren Affekte der Mitarbeitenden gehalten und in Denk- und Handhabbares verwandelt werden können. Das ist genau der Ansatz, den ich in meinem Cluster über die organisationale Gesundheit beschrieben habe. In gesundheitsfördernder Arbeitsgestaltung habe ich argumentiert, dass nicht das Einzelverhalten, sondern die Struktur der Arbeit der Hebel der Gesundheit ist – Menzies Lyth liefert das psychoanalytische Fundament dieser These. In kommunikationsorientierter Organisationsentwicklung beschreibe ich, wie das offene Gespräch – Edmondsons candor – zum eigentlichen Organisationsprinzip wird. In der Kultur der Achtsamkeit und dem Sozialvermögen liegt das, was ein Team befähigt, einander zu containen. In realer Mitgestaltung im definierten Rahmen liegt die Verantwortung, deren Diffusion Menzies Lyth als Abwehr entlarvte – hier wird sie wieder benenn- und tragbar. Und ressourcenorientiertes Denken und Handeln ist nichts anderes als die organisationale Version dessen, was ich über Scham geschrieben habe: Man entwickelt Menschen nicht über ihre Defizite, sondern über ihre Kräfte.
Führung, in dieser Lesart, ist die Alpha-Funktion der Organisation. Eine Führungskraft, die containt, nimmt die Angst, die Frustration, die Überlastung ihres Teams auf, ohne von ihr überflutet zu werden oder sie abzuwehren – und gibt sie verdaut zurück: als gemeinsam denkbares Problem, als ausgesprochene Sorge, als gehaltene Verantwortung. Eine Führungskraft, die das nicht kann, reicht die Beta-Elemente nach unten weiter – wie ich einst in meinem Behandlungszimmer die Tränen weiterreichte –, und das System entwickelt, ganz von selbst, seine sozialen Abwehrsysteme. Warum gerade in einem Gesundheitsbetrieb das Essen der Mitarbeitenden so eng mit all dem verknüpft ist, habe ich in meinem Beitrag über emotionales Essen angelegt: Wo am Tag nichts verdaut werden kann, wird abends gegessen. Die ungehaltene Angst der Institution landet, am Ende, auf dem Teller des Einzelnen.
VII. Selbst-Containing: Die zurückgegebene Verdauung
Ich möchte schließen, wo dieser Essay auch hätte enden können – im Inneren des Menschen. Denn so wie das Mitgefühl seine reifste Form im Selbstmitgefühl findet, so findet das Containing seine reifste Form im Selbst-Containing.
Erinnern wir uns an Bions Grundgedanken: Die Fähigkeit zu denken, die Fähigkeit, eigene unaushaltbare Zustände zu halten, wird nicht geboren – sie wird geliehen. Das Kind verinnerlicht mit der Zeit die Alpha-Funktion der Mutter und macht sie zu seiner eigenen. Was einst von außen kam, wird zur inneren Kapazität. Genau dieser Vorgang ist das stille Ziel jeder guten Ernährungstherapie, die ihren Namen verdient. Ich biete der Klientin meinen Container an – nicht, damit sie ihn behält, sondern damit sie ihn internalisiert. Damit sie eines Tages selbst aushalten kann, was heute noch über den Mund evakuiert werden muss.
Selbst-Containing heißt: einen unaushaltbaren Zustand – die Leere am Sonntagabend, die Wut nach dem Streit, die Angst vor dem Montag – fühlen, halten und benennen zu können, ohne ihn über Essen loswerden zu müssen. Es ist die Fähigkeit, zu sich selbst zu sagen, was eine gute Mutter zum Kind und eine gute Therapeutin zur Klientin sagt: Das ist auszuhalten. Ich bleibe bei mir, während ich es fühle. Es wird vorübergehen. In meinem Beitrag über den goldenen dritten Weg habe ich beschrieben, wie nachhaltige Selbstregulation nicht aus dem inneren Kampf gegen sich selbst entsteht, sondern aus der Verbundenheit mit dem eigenen Selbst. Selbst-Containing ist die seelische Voraussetzung dafür. Es ist kein Kampf gegen das Gefühl. Es ist die Fähigkeit, es zu verdauen.
Heilung in der Ernährungstherapie heißt nicht, das Essen zu kontrollieren. Sie heißt, das fühlen zu lernen, was das Essen bisher betäuben musste.
Schluss: Vom Raum zur Institution – und wieder zurück
Ich habe diesen Essay an einer Wiege begonnen und in einer Organisation enden lassen. Das war kein rhetorischer Trick, sondern Bions tiefste Einsicht: dass ein und dieselbe Bewegung auf jeder Skala des menschlichen Zusammenlebens am Werk ist. Eine Mutter containt ihr Kind. Eine Therapeutin containt ihre Klientin. Eine Familie containt – oder versagt darin, wie ich am familiären Pendel der Essstörungen gezeigt habe. Eine Führungskraft containt ihr Team. Eine Institution containt ihre Mitarbeitenden – oder verschiebt deren ungehaltene Angst in dysfunktionale Routinen, bis die Fürsorglichsten gehen.
Mit diesem Essay schließt sich der Bogen, den ich in vier Beiträgen gespannt habe: von der unsichtbaren Beziehung der Übertragung über die Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl und die Strenge in der eigenen Stimme bis hierher. Die ersten drei handelten vom Ich und vom Wir im geschützten Zweierraum. Dieser vierte weitet die Skala – nach außen, in die Familie, ins Team, in die Institution, in den Zeitgeist eines Gesundheitswesens, das an seiner ungehaltenen Angst leidet. Was wir der Harvard-Grant-Studie verdanken – die Erkenntnis, dass die Qualität unserer Beziehungen der stärkste Prädiktor für ein gesundes Leben ist –, gilt nicht nur für die Liebe und die Freundschaft. Es gilt für jede Beziehung, in der ein Mensch das Unaushaltbare eines anderen aufnimmt, verdaut und denkbar zurückgibt. Freuds Diktum, psychische Gesundheit zeige sich in der Fähigkeit zu „lieben und arbeiten", gewinnt hier eine letzte Tiefe: Sowohl im Lieben als auch im Arbeiten geht es darum, ob wir Räume schaffen, in denen Angst gedacht statt evakuiert werden kann.
In einer Zeit, die nach immer mehr Kontrolle, Optimierung und Effizienz ruft, ist die Botschaft des Containing eine leise, fast altmodische: Bevor irgendetwas gedacht, geplant, verändert werden kann, muss es erst einmal gehalten werden. Das gilt für den weinenden Säugling, für die Klientin mit der Packung Kekse, für die erschöpfte Pflegekraft auf der Nachtschicht – und am Ende für uns selbst. Denn das reifste Containing ist jenes, das wir, irgendwann, niemandem mehr schulden, weil wir es uns selbst geben können.
* Namen und biografische Details wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verändert.
Über den Autor
Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am "Bauch von Hannover" (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.
Literatur
- Bion, W. R. (1961). Experiences in Groups and Other Papers. London: Tavistock.
- Bion, W. R. (1962). A Theory of Thinking. International Journal of Psycho-Analysis, 43, 306–310 (wiederabgedruckt in Second Thoughts, 1967).
- Bion, W. R. (1962). Learning from Experience. London: Heinemann Medical Books.
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Weiterführende Artikel:
- Vom Verstehen zum Mitgefühl
- Die Strenge in der eigenen Stimme – Selbstmitgefühl
- Die unsichtbare Beziehung – Übertragung in der Ernährungsberatung
- Emotionales Essen – die älteste Beziehungserfahrung
- Essen als Sucht – Affektregulation und Gabor Maté
- Das familiäre Pendel – Familie und Essstörungen
- Gesundheitsfördernde Arbeitsgestaltung
- Kommunikationsorientierte Organisationsentwicklung
