VerumVita - Wahres Leben

Die Psychologie des Jojo-Effekts: Wenn die Waage nicht mehr belohnt

Titelbild für Die Psychologie des Jojo-Effekts: Wenn die Waage nicht mehr belohnt

Die Waage als Dealer

Es beginnt fast immer gleich. Montag, 7:14 Uhr. Die Füße berühren die kalte Oberfläche der Waage. Kurzes Warten. Dann die Zahl – und ein Lächeln. Minus 800 Gramm seit gestern. Der Tag kann beginnen.

Claudia* kannte dieses Ritual. Sie hatte es in den vergangenen fünfzehn Jahren dutzendfach durchlebt – mit Weight Watchers, mit Low Carb, mit Intervallfasten, mit einer App, die jede Kalorie zählte. Und jedes Mal, zu Beginn, war die Waage ihre beste Freundin. Jeden Morgen lieferte sie ein kleines Glücksgefühl. Einen Beweis, dass es diesmal funktioniert. Dass sich der Verzicht lohnt. Dass sie es doch schaffen kann.

„Es war wie ein Rausch", sagte sie in einer unserer ersten Sitzungen. „Solange die Zahl runterging, war ich wie verwandelt. Ich hätte alles tun können."

Und genau das ist der Punkt, an dem diese Geschichte interessant wird. Nicht, weil Claudia gescheitert ist – das erwartete sie längst von sich selbst. Sondern weil ihr „Scheitern" einem Muster folgt, das so präzise und vorhersagbar ist, dass es in der Forschung seinen eigenen Namen hat: der Jojo-Effekt. Oder, wissenschaftlich präziser: Weight Cycling – das zyklische Muster aus Gewichtsverlust und Wiederzunahme, das in Longitudinalstudien bei 80–95 % aller Diätversuche dokumentiert wird (Mann et al., 2007; Tomiyama et al., 2013).

Die meisten Erklärungen für dieses Phänomen setzen bei der Biologie an: Hormone, Stoffwechsel, Set-Point-Theorie. Das ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Denn der Jojo-Effekt hat eine psychologische Architektur, die mindestens ebenso mächtig ist wie die biologische – und die fast nie besprochen wird.

Dieser Essay handelt von dieser Architektur. Von der Frage, warum Diäten nicht am Essen scheitern, sondern an der Belohnung. Und von der Möglichkeit, einen Weg zu finden, der nicht in der endlosen Wiederholung desselben Kreislaufs endet.


I. Essen als Ur-Belohnung

Um den Jojo-Effekt psychologisch zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, welche Rolle Essen in unserem emotionalen Haushalt spielt. Und diese Rolle ist gewaltig.

Essen ist, neurobiologisch betrachtet, die älteste und zuverlässigste Belohnungsquelle, über die der Mensch verfügt. Lange bevor wir Sprache hatten, bevor wir soziale Anerkennung suchten, bevor wir uns an Karriereerfolgen erfreuten, gab es eine biologische Wahrheit: Nahrungsaufnahme aktiviert das mesolimbische Dopaminsystem – jenes Netzwerk im Gehirn, das für Motivation, Verlangen und Belohnung zuständig ist (Berridge & Robinson, 2016).

Das ist keine Schwäche. Es ist eine evolutionäre Notwendigkeit. Unsere Vorfahren lebten in einer Welt, in der Nahrung knapp und unzuverlässig war. Ein Gehirn, das Nahrungsaufnahme mit intensivem Wohlbefinden belohnt, erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit. Das Dopaminsystem sorgte dafür, dass die Suche nach Nahrung mit Motivation aufgeladen wurde – und dass die Sättigung mit einem Gefühl der Erleichterung und des Friedens einherging.

In meinem Beitrag über emotionales Essen habe ich beschrieben, wie tief diese Verbindung reicht: Essen ist nicht nur Energiezufuhr, sondern Trost, Belohnung, Stressregulation, Zugehörigkeit und biografische Kontinuität. Wir essen nicht nur, weil wir Hunger haben. Wir essen, weil es funktioniert – als schnellster, leichtester und verlässlichster Weg, uns gut zu fühlen.

Sigmund Freud hätte hier von der oralen Phase gesprochen: jener ersten Entwicklungsstufe, in der das Saugen an der Brust nicht nur Nahrung liefert, sondern Nähe, Sicherheit, Geborgenheit – die Erfahrung, dass die Welt ein guter Ort ist. Aber man muss kein Freudianer sein, um den Punkt zu verstehen: Essen und emotionale Regulation sind neuronal so eng verknüpft, dass sie sich nicht chirurgisch trennen lassen. Wer das versucht – und genau das tut eine Diät –, greift in ein System ein, das Millionen von Jahren alt ist.


II. Die Flitterwochen der Diät: Wenn die Waage zum Belohnungsersatz wird

Und doch funktionieren Diäten. Zumindest am Anfang. Und zwar nicht trotz, sondern wegen des Belohnungssystems.

Was passiert, wenn jemand eine Diät beginnt? Die Nahrungsaufnahme wird eingeschränkt, das Essverhalten verändert, oft radikal. Das bedeutet: Eine der primären Belohnungsquellen wird gedrosselt. Psychologisch müsste das eine Krise auslösen – ein Vakuum, ein Entzug.

Aber zunächst passiert etwas anderes: Die Pfunde purzeln. Und der allmorgendliche Gang zur Waage liefert ein neues, intensives Erfolgserlebnis. Die sinkende Zahl wird zum täglichen Beweis: Es funktioniert. Ich schaffe das. Ich bin auf dem richtigen Weg.

Neurobiologisch geschieht hier etwas Faszinierendes: Die Belohnungsquelle verschiebt sich. Wolfram Schultz, dessen Forschung zum Dopaminsystem zu den einflussreichsten der Neurowissenschaften gehört, hat gezeigt, dass Dopamin nicht primär auf die Belohnung selbst reagiert, sondern auf die Antizipation – die Erwartung – einer Belohnung (Schultz, 2015). Das morgendliche Wiegungsritual liefert genau das: die Erwartung eines Erfolgs, der dann (zunächst) zuverlässig eintritt.

In der Sprache der operanten Konditionierung: Die positive Verstärkung durch den Gewichtsverlust ersetzt die positive Verstärkung durch das Essen. Der Verzicht fällt leicht, weil er selbst belohnt wird – nicht durch Nahrung, sondern durch eine sinkende Zahl.

Ich nenne diese Phase die Flitterwochen der Diät. Alles fühlt sich leicht an. Die Motivation ist hoch. Die Umgebung reagiert mit Komplimenten. Die Kleidung sitzt lockerer. Es ist eine Phase der Euphorie, die sich selbst verstärkt – ein positiver Kreislauf, der den Eindruck erweckt, es sei diesmal alles anders.

Claudia beschrieb es so: „In den ersten vier Wochen fühlte ich mich wie eine andere Person. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt."

Wir kennen diese Sprache. In meinem Beitrag über den vermeintlichen Klick-Moment habe ich beschrieben, warum der „Schalter" eine Illusion ist. Aber in den Flitterwochen der Diät ist die Illusion besonders verführerisch – denn dort passiert tatsächlich etwas. Die Verstärkung ist real. Das Dopamin fließt. Nur: Es fließt aus einer Quelle, die versiegen wird.


III. Das Plateau: Wenn die Quelle versiegt

Und dann, irgendwann zwischen Woche vier und Woche zwölf, geschieht das Unvermeidliche: Das Gewicht stagniert.

Biologisch ist das keine Überraschung. Der Körper hat die Kalorienreduktion registriert und antwortet mit einem ganzen Arsenal an Gegenmaßnahmen, die in meinem Beitrag über Gewichtsregulation und Abnehmen ausführlich beschrieben sind:

  • Das Hungerhormon Ghrelin steigt massiv an.
  • Das Sättigungshormon Leptin sinkt.
  • Der Grundumsatz fährt herunter – der Körper wird metabolisch effizienter.
  • Die Thermogenese reduziert sich – weniger Energie wird als Wärme abgegeben.

All das ist kein Fehler im System. Es ist das System. Der menschliche Organismus ist auf Überleben programmiert, nicht auf das Erreichen eines Instagram-tauglichen Körpers. Wenn er eine anhaltende Kalorienreduktion registriert, interpretiert er das als Hungersnot und kämpft mit allem, was er hat, gegen den weiteren Gewichtsverlust.

Aber die biologische Stagnation ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte – die psychologisch entscheidende – ist das, was ich das Belohnungsvakuum nenne.

Das Belohnungsvakuum

Stellen Sie sich die Diät als eine Art Deal vor, den Sie unbewusst mit sich selbst geschlossen haben: Ich verzichte auf meine primäre Belohnungsquelle (Essen) und erhalte dafür eine neue (Gewichtsverlust). Dieser Deal funktioniert, solange die neue Belohnung zuverlässig liefert. Tut sie es nicht mehr, steht Ihr emotionales System vor einem Problem.

Das Plateau bedeutet: Die Waage liefert nicht mehr. Morgens dieselbe Zahl wie gestern. Und vorgestern. Und letzte Woche. Die Dopamin-Antizipation läuft ins Leere. Der erwartete Belohnungsimpuls bleibt aus.

In der Forschung zur operanten Konditionierung ist dieses Phänomen gut verstanden: Wenn eine zuvor verstärkte Handlung nicht mehr verstärkt wird, setzt eine sogenannte Löschung (extinction) ein – die schrittweise Abnahme des Verhaltens (Skinner, 1938). Psychologisch übersetzt: Wenn der Verzicht nicht mehr durch Gewichtsverlust belohnt wird, verliert er seine motivationale Grundlage. Das Verhalten, das funktioniert hat, hat plötzlich keinen Sinn mehr.

Und hier entsteht ein gefährliches Zusammenspiel: Die biologische Gegenregulation (stärkerer Hunger, reduzierter Grundumsatz) trifft auf ein psychologisches Vakuum (fehlende Belohnung). Der Körper schreit nach Energie, und gleichzeitig fällt der einzige Grund weg, diesem Schreien nicht nachzugeben.

Das Plateau ist nicht der Moment, in dem die Diät scheitert. Es ist der Moment, in dem die Illusion zusammenbricht, dass eine externe Belohnungsquelle den lebenslangen emotionalen Vertrag mit dem Essen ersetzen könnte.


IV. Der Rückfall: Die logische Heimkehr

Was geschieht nun? Das emotionale System steht vor einer drängenden Frage: Was hat mir früher verlässlich ein gutes Gefühl gegeben?

Die Antwort ist – biologisch, psychologisch, biografisch – eindeutig: Essen.

Essen war immer da. Es hat nie enttäuscht. Es hat keine Plateaus, keine Stagnation, keine ausbleibende Belohnung. Ein Stück Schokolade liefert in Millisekunden, was die Waage seit Wochen verweigert. Das mesolimbische System kennt diesen Weg. Er ist neuronal gebahnt, tief verankert, über Jahrzehnte zuverlässig bestätigt.

In der Sprache Viktor Frankls, die ich in meinem Beitrag über Reiz und Reaktion beschrieben habe: Zwischen dem Reiz (Frustration über das Plateau, Hunger, emotionale Leere) und der Reaktion (Essen) gibt es theoretisch einen Raum der Freiheit. Aber dieser Raum ist im Kontext des Belohnungsvakuums winzig klein. Das Gehirn sucht nicht nach Freiheit – es sucht nach einer Lösung. Und die schnellste, bewährteste Lösung ist die Rückkehr zum Vertrauten.

Entscheidend ist dabei: Der Rückfall ist kein Zeichen von Willensschwäche. Er ist kein moralisches Versagen. Er ist die logische, neurobiologisch vorhersagbare Konsequenz eines Systems, das eine essenzielle Belohnungsquelle verloren hat und sich die nächstverfügbare zurückholt.

In meinem Beitrag über Disziplin beim Abnehmen habe ich beschrieben, wie Willenskraft nach dem Modell von Baumeister wie ein Muskel funktioniert, der ermüdet. Das Plateau ist der Moment maximaler Erschöpfung: Die Willenskraft, die den Verzicht über Wochen hinweg aufrechterhalten hat, ist aufgebraucht – und bekommt keinen neuen Treibstoff mehr, weil die Belohnung fehlt.

Der Teufelskreis der Scham

Und dann passiert etwas, das den Kreislauf zementiert: Scham.

Die meisten Menschen erleben den Rückfall nicht als neutrales Ereignis, sondern als persönliches Versagen. „Ich hab's wieder nicht geschafft." „Ich bin einfach zu schwach." „Was stimmt nicht mit mir?" Diese Selbstverurteilung hat verheerende Folgen, denn sie erzeugt genau die emotionale Belastung, die das Essen als Bewältigungsstrategie noch dringender macht.

Scham → emotionaler Schmerz → Essen als Trost → Gewichtszunahme → mehr Scham.

Das ist die psychologische Spirale, die den Jojo-Effekt nicht nur erklärt, sondern am Laufen hält. In meinem Essay über das Unbehagen im dicken Körper habe ich beschrieben, wie tief die gesellschaftliche Stigmatisierung des dicken Körpers reicht – und wie sie den inneren Konflikt verschärft, anstatt ihn zu lösen. Die Diätkultur verspricht Erlösung durch Gewichtsverlust und produziert dabei die Scham, die den nächsten Zyklus antreibt.


V. Die drei verborgenen Fallen

Im Kern des Jojo-Effekts verbergen sich drei psychologische Fallen, die selten benannt werden:

Falle 1: Die Verwechslung von Gewichtsverlust und Wohlbefinden

Die meisten Diäten operieren unter einer impliziten Annahme: Wenn ich weniger wiege, werde ich mich besser fühlen. Das klingt intuitiv plausibel – und ist doch eine kognitive Verzerrung. In meinem Beitrag über Gewichtsregulation und Abnehmen habe ich beschrieben, wie die Verfügbarkeitsheuristik uns dazu verleitet, den Zusammenhang zwischen Schlankheit und Glück zu überschätzen.

Die Wahrheit ist komplexer: Was sich in den Flitterwochen der Diät so gut anfühlt, ist nicht der Gewichtsverlust selbst, sondern die Selbstwirksamkeitserfahrung – das Gefühl, etwas zu bewirken, Kontrolle zu haben, ein Ziel zu verfolgen. Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt genau diesen Mechanismus: Der Glaube, eine Herausforderung meistern zu können, wirkt sich positiv auf Stimmung, Motivation und Stressresistenz aus. Aber diese Selbstwirksamkeit ist an den Prozess geknüpft, nicht an das Ergebnis. Sobald das Ergebnis stagniert, bricht die Selbstwirksamkeit ein – obwohl der Mensch sich nicht verändert hat.

Falle 2: Die extrinsische Motivationsstruktur

Eine Diät, die auf der Waage basiert, ist strukturell eine extrinsisch motivierte Unternehmung. Der Antrieb kommt von außen: von der Zahl, vom Spiegel, von den Komplimenten der Umgebung. Extrinsische Motivation ist fragil – sie hält nur so lange, wie die äußere Bestätigung anhält.

Was fehlt, ist das, was in meinem Beitrag über den goldenen dritten Weg der Selbstdisziplin als Future Self-Continuity beschrieben wird: die emotionale Verbundenheit mit dem eigenen zukünftigen Ich. Solange der Gewichtsverlust eine Reise zu einem abstrakten Ziel ist (einer Zahl auf der Waage), bleibt die Motivation oberflächlich. Erst wenn er Teil einer tieferen Identitätsentwicklung wird – Wer möchte ich sein? –, wird die Motivation belastbar.

Falle 3: Die fehlende Alternative

Die vielleicht folgenschwerste Falle: Die meisten Diäten nehmen die primäre Belohnungsquelle (Essen) weg, ohne eine nachhaltige Alternative aufzubauen. Sie entziehen das Alte, bieten aber nichts Neues – außer der flüchtigen Belohnung durch die sinkende Zahl.

In der Salutogenese nach Aaron Antonovsky heißt es: Gesundheit entsteht nicht durch das Bekämpfen von Krankheit, sondern durch das Stärken von Ressourcen. Übertragen auf den Jojo-Effekt: Nachhaltigkeit entsteht nicht durch das Entfernen des Essens als Belohnung, sondern durch den Aufbau eines breiteren Belohnungsportfolios. Wer nur eine Quelle der inneren Zufriedenheit hat, ist emotional verwundbar. Wer mehrere hat, ist resilient.


VI. Den Kreislauf durchbrechen: Jenseits der Waage

Wie also lässt sich der Kreislauf unterbrechen? Nicht durch eine bessere Diät. Nicht durch mehr Willenskraft. Sondern durch eine grundsätzlich andere Haltung zum Thema Belohnung.

In unserer Praxis arbeiten wir mit einem Konzept, das ich die Entthronung der Waage nenne. Es bedeutet nicht, die Waage zu ignorieren oder Gesundheit für irrelevant zu erklären. Es bedeutet, die Waage von ihrem Thron als einzige Erfolgsinstanz zu stoßen – und an ihre Stelle ein differenzierteres, robusteres System der Selbstbewertung zu setzen.

Schritt 1: Die Belohnungslandkarte zeichnen

Der erste Schritt ist Bewusstwerdung. Die meisten Menschen haben nie systematisch darüber nachgedacht, was ihnen – jenseits von Essen und Gewichtsverlust – ein gutes Gefühl gibt. In unseren Sitzungen erstellen wir deshalb etwas, das ich eine „Belohnungslandkarte" nenne: eine ehrliche Bestandsaufnahme aller Aktivitäten, Erfahrungen und Verbindungen, die positive Emotionen auslösen.

Die Ergebnisse sind oft überraschend. Claudia entdeckte, dass ein Spaziergang entlang der Eilenriede sie zuverlässiger beruhigte als Schokolade – sie hatte es nur nie als „Belohnung" kategorisiert, weil es nicht spektakulär genug erschien. Andere Klienten nennen Gartenarbeit, Gespräche mit Freunden, kreative Tätigkeiten, Musik, eine warme Dusche, das Vorlesen für die Kinder.

Das sind keine banalen Tipps. Das ist die aktive Gestaltung eines diversifizierten Belohnungsportfolios – eine psychologische Infrastruktur, die nicht zusammenbricht, wenn eine einzelne Quelle versiegt.

Schritt 2: Die Funktion des Essens verstehen

In meinem Beitrag über Essgeschichten und Identität habe ich beschrieben, wie tief unsere Essgewohnheiten in unserer Biografie verankert sind. Essen ist nie nur Essen. Es ist Erinnerung, Tradition, Selbstmedikation, Beziehungsgestaltung.

Bevor wir eine Belohnungsquelle ersetzen können, müssen wir verstehen, welche Funktion sie erfüllt. Denn Essen als Trost bei Einsamkeit erfordert eine andere Alternative als Essen als Ritual bei Langeweile oder Essen als Spannungsabbau bei Stress. Die therapeutische Arbeit besteht darin, die emotionale Funktion hinter dem Essverhalten sichtbar zu machen – nicht um das Essen zu verurteilen, sondern um zu verstehen, welches Bedürfnis es bedient.

Wir nehmen niemandem das Essen weg. Wir helfen dabei, die Bedürfnisse dahinter so gut zu verstehen, dass das Essen nicht mehr die einzige Antwort sein muss.

Schritt 3: Erfolg neu definieren

Die vielleicht radikalste Veränderung: den Erfolg von der Waage loskoppeln und an Kriterien binden, die nachhaltig belohnend wirken.

Statt: „Ich habe diese Woche 500 Gramm abgenommen." Lieber: „Ich habe an drei Abenden nicht aus Langeweile gegessen, sondern bin stattdessen spazieren gegangen."

Statt: „Mein BMI ist jetzt bei 28." Lieber: „Ich kann wieder zwei Stockwerke Treppen steigen, ohne außer Atem zu sein."

Statt: „Ich habe durchgehalten." Lieber: „Ich habe gestern Abend bewusst ein Stück Kuchen gegessen und es genossen – ohne Reue."

Bewusster Genuss ist keine Schwäche in diesem System. Er ist ein Zeichen dafür, dass die Identität stabil genug ist, um weder von Verzicht noch von Überkonsum erschüttert zu werden.

Schritt 4: Das Plateau erwarten – und begrüßen

Dieser Schritt ist kontraintuitiv, aber therapeutisch von enormer Bedeutung: Wer das Plateau erwartet, kann es nicht mehr als Niederlage erleben.

In unserer Praxis sprechen wir das Plateau von der ersten Sitzung an. Wir erklären die Biologie, die Psychologie, die Vorhersagbarkeit. Wir sagen: „Es wird kommen. Es ist kein Zeichen, dass Sie etwas falsch machen. Es ist ein Zeichen, dass Ihr Körper funktioniert."

Und wir stellen die Frage, die alles verändert: Was werden Sie tun, wenn die Waage nicht mehr belohnt?

Wer diese Frage vor dem Plateau beantwortet – wer alternative Belohnungsquellen aufgebaut, die Funktion des Essens verstanden und Erfolg neu definiert hat –, der steht am Plateau nicht vor einem Abgrund, sondern vor einer Schwelle. Der Moment, der bei Claudia früher den Rückfall einleitete, wird zum Übergang in eine neue Phase: eine Phase, in der das Wohlbefinden nicht mehr von einer externen Zahl abhängt.


VII. Die tiefere Frage: Was belohnt wirklich?

Der Jojo-Effekt ist, bei aller Komplexität, letztlich ein Symptom einer größeren Frage: Was brauchen wir, um uns gut zu fühlen – und warum wissen wir es so selten?

In meinem Essay über das hedonistische Kalkül habe ich die Spannung zwischen momentaner Lust und langfristiger Belohnung als eine Art permanente Verhandlung mit uns selbst beschrieben. Der Jojo-Effekt ist ein besonders schmerzliches Beispiel für das Scheitern dieser Verhandlung: Wir opfern den kurzfristigen Genuss für ein langfristiges Ziel (Gewichtsverlust) – und verlieren beides, wenn das Ziel stagniert.

Die Lösung liegt nicht in der Wahl des einen gegen das andere. Sie liegt in einer Integration, die in unserer Kultur selten gelehrt wird: der Fähigkeit, sowohl den Moment zu genießen als auch eine Richtung zu haben. In meinem Beitrag über die drei Säulen für ein erfülltes Leben habe ich, inspiriert von Lévinas, argumentiert, dass Genuss ein Ausdruck von Unabhängigkeit ist – kein Feind der Gesundheit. Das Problem ist nicht der Genuss. Das Problem ist, wenn Genuss die einzige verfügbare Form der emotionalen Regulation ist.

In der reflexiven Freiheit beim Essen liegt ein dritter Weg: Nachhaltige Veränderung, die weder auf naivem Voluntarismus beruht („Du musst es nur wollen!") noch auf resigniertem Determinismus („Diäten scheitern immer"), sondern auf der schrittweisen Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums durch Bewusstmachung, Verstehen und behutsame Gestaltung.


Fazit: Das Plateau als Einladung

Claudia sitzt mir heute, anderthalb Jahre nach unserer ersten Sitzung, gegenüber. Sie hat nicht mehr die Euphorie der Flitterwochen. Aber sie hat etwas Besseres: Ruhe.

Sie wiegt nicht das, was die BMI-Tabellen ihr vorschreiben. Aber sie geht dreimal pro Woche spazieren, weil es ihr guttut – nicht, um Kalorien zu verbrennen. Sie isst Schokolade, wenn sie Lust darauf hat – und lässt sie liegen, wenn nicht. Sie hat aufgehört, sich morgens zu wiegen. Nicht, weil sie die Waage hasst, sondern weil sie nicht mehr braucht, was die Waage ihr gab.

„Das Komische ist", sagte sie letztens, „ich bin nicht da, wo ich hin wollte. Aber ich bin da, wo ich sein will."

Der Jojo-Effekt ist kein Beweis für menschliche Schwäche. Er ist ein Beweis für die Intelligenz unseres emotionalen Systems – ein System, das uns daran erinnert, dass Wohlbefinden nicht an Zahlen geknüpft werden kann. Das Plateau ist nicht der Moment des Scheiterns. Es ist die Einladung, sich eine Frage zu stellen, die wichtiger ist als jede Kalorie:

Was gibt mir ein gutes Gefühl – abseits der Waage?

Wer diese Frage ehrlich beantwortet, hat den Kreislauf nicht nur durchbrochen. Er hat ihn hinter sich gelassen.


Wenn Sie diesen Weg nicht allein gehen möchten – voller Neugier statt Selbstvorwürfen, mit Tiefe statt Diätplänen –, begleiten wir Sie gerne in unserer Praxis für Ernährungstherapie in Hannover.

*Name geändert


Quellenverzeichnis

Berridge, K. C., & Robinson, T. E. (2016). Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. American Psychologist, 71(8), 670–679.

Mann, T., Tomiyama, A. J., Westling, E., Lew, A.-M., Samuels, B., & Chatman, J. (2007). Medicare's search for effective obesity treatments: Diets are not the answer. American Psychologist, 62(3), 220–233.

Schultz, W. (2015). Neuronal reward and decision signals: From theories to data. Physiological Reviews, 95(3), 853–951.

Skinner, B. F. (1938). The behavior of organisms: An experimental analysis. Appleton-Century.

Tomiyama, A. J., Ahlstrom, B., & Mann, T. (2013). Long-term effects of dieting: Is weight loss related to health? Social and Personality Psychology Compass, 7(12), 861–877.

Hat dieser Artikel Ihr Interesse geweckt?

Ob für Sie persönlich oder für Ihr Unternehmen – wir finden den passenden Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch.

Jetzt Kontakt aufnehmen
Termin buchen