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Die Strenge in der eigenen Stimme: Warum Selbstkritik nicht motiviert – und Selbstmitgefühl schon

Titelbild für Die Strenge in der eigenen Stimme: Warum Selbstkritik nicht motiviert – und Selbstmitgefühl schon

Zwei Stimmen, ein Montagmorgen

Katrin* sitzt am Montagmorgen in der Küche. Sie hat nicht geschlafen. In ihrem Kopf läuft seit Stunden derselbe Satz: „Du bist echt zu nichts zu gebrauchen."

Am Samstagabend war es wieder passiert. Keine Viertelstunde vor dem Fernseher, bevor die Hand in die Kekspackung griff. Eine ganze Packung. Danach das übliche Programm: Scham, Ekel, der Schwur, dass das nie wieder passiert. Den gleichen Schwur wie letzte Woche. Und die Woche davor.

In unserer Sitzung am Donnerstagvormittag frage ich sie: „Katrin, wenn Ihre beste Freundin Ihnen gerade erzählt hätte, was Sie mir gerade erzählt haben – was würden Sie zu ihr sagen?"

Sie überlegt lange. Dann sagt sie leise: „Ich würde sagen: Das ist okay. Das passiert. Du warst erschöpft. Lass uns überlegen, was du beim nächsten Mal brauchst."

Pause. „Aber zu mir selbst würde ich das nie sagen."

In diesem Moment berührt sie etwas, das in meiner Praxis fast täglich sichtbar wird – und das doch so selten ausgesprochen wird: Die Stimme, mit der wir uns selbst anreden, ist in der Regel härter als jede Stimme, die wir jemandem anderen gegenüber zulassen würden. Sie wäre, an eine Freundin gerichtet, eine Form von emotionaler Gewalt. An uns selbst gerichtet, halten wir sie für Disziplin.

In meinem letzten Beitrag habe ich nachgezeichnet, wie sich in der Psychologie des 21. Jahrhunderts eine entscheidende Unterscheidung durchgesetzt hat: die zwischen Empathie als Schmerzresonanz und Mitgefühl als warmer, handlungsbereiter Zuwendung. Heute möchte ich diesen Gedanken zu Ende führen. Denn die Empathie-Trilogie – Rogers, Singer, Bloom – hatte bisher einen blinden Fleck: Sie sprach von Mitgefühl für den Anderen. Aber was ist mit der Person, deren Mitgefühl wir am seltensten erfahren – uns selbst?

Der Name dieser Person, zu Ende gedacht, heißt: Selbstmitgefühl. Und die Forscherin, die sie seit zwanzig Jahren systematisch untersucht, heißt Kristin Neff.


I. Der Mythos des strengen Antreibers

Bevor wir über Selbstmitgefühl sprechen können, müssen wir über einen Mythos sprechen, der so tief in unsere Kultur eingegraben ist, dass wir ihn kaum noch bemerken. Er lautet ungefähr so:

„Wer zu nett zu sich selbst ist, wird faul. Wer sich selbst verzeiht, gibt auf. Wer sich selbst tröstet, statt sich zu hinterfragen, wird nie etwas erreichen. Selbstkritik ist der Motor, Selbstmitgefühl die Ausrede."

Dieser Mythos ist die geheime Religion der Leistungsgesellschaft. Er steht auf Motivationspostern. Er wird in Führungsseminaren gepredigt. Er klingt in fast jeder Diätwerbung mit. Und er durchzieht die Ernährungsberatung oft in einer subtilen, unausgesprochenen Form: Wenn Sie es diesmal nicht schaffen, waren Sie einfach nicht streng genug mit sich.

In der Praxis zeigt sich dieser Mythos bei Klient:innen wie Katrin in einem doppelten Paradox. Erstens: Sie waren schon streng mit sich. Zwei Jahrzehnte lang. Mit Weight Watchers, Intervallfasten, Low Carb, Kalorien-Apps. Wenn Strenge das Rezept wäre, müssten sie längst gesund sein. Zweitens: Die Strenge funktioniert nicht nur nicht – sie verschlimmert den Zustand, den sie eigentlich heilen soll. Jede gescheiterte Diät bestätigt die Überzeugung, die sie zum nächsten Versuch treibt: Ich muss härter werden. Strenger. Disziplinierter.

Was hier passiert, ist eine Art perverser Logik: Die gescheiterte Strenge wird nicht als Hinweis auf eine falsche Strategie interpretiert, sondern als Bestätigung der Strategie. Die Dosis muss nur erhöht werden. In meinem Beitrag über Scham habe ich beschrieben, wie dieser Mechanismus psychologisch funktioniert: Scham ist kein Motivator, sondern ein Isolator. Sie führt nicht zu Veränderung, sondern zu Rückzug – oft in genau das Verhalten, das sie ausgelöst hat.

Der Mythos des strengen Antreibers ist also nicht nur falsch. Er ist eine der robustesten Ursachen für das Scheitern von Veränderungsprozessen, die er zu befördern vorgibt.


II. Was Selbstmitgefühl nicht ist

Weil dieser Mythos so mächtig ist, weckt das Wort „Selbstmitgefühl" bei vielen Menschen reflexhaften Widerstand. Es klingt weich. Esoterisch. Nach Aufgabe. Diese Assoziationen beruhen in der Regel auf drei Verwechslungen, die Kristin Neff in ihrer Forschung sorgfältig ausräumt (Neff, 2003).

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstmitleid. Selbstmitleid isoliert. Es sagt: „Ausgerechnet mir passiert das. Niemand hat es so schwer wie ich." Es dramatisiert das eigene Leiden und trennt es von der Erfahrung anderer. Selbstmitgefühl hingegen verbindet. Es erkennt: „Auch andere Menschen erleben das. Ich bin nicht allein damit."

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstnachsicht. Selbstnachsicht ist eine Form der Selbsttäuschung: „Ist doch nicht so schlimm, egal, ich mach's mir bequem." Sie umgeht die Realität, statt sie anzusehen. Selbstmitgefühl blickt der Realität direkt ins Gesicht – aber ohne Verurteilung: „Das ist schwer. Und es ist wahr. Und ich darf trotzdem freundlich mit mir sein."

Selbstmitgefühl ist nicht Selbstwertgefühl. Das westliche Selbstwertkonzept ist kontingent: Es steigt mit Erfolg und fällt mit Misserfolg. Deshalb ist es so instabil – und deshalb produziert seine permanente Steigerung Narzissmus, nicht Reife. Selbstmitgefühl ist gerade nicht leistungsabhängig. Es gilt auch – und vor allem – dann, wenn ich gerade nicht stolz auf mich bin.

Die Unterscheidung ist entscheidend: Selbstmitgefühl ist kein weiches Gegenteil von Strenge. Es ist eine präzise, empirisch definierte Haltung, die unabhängig von Erfolg oder Versagen funktioniert.


III. Neffs drei Komponenten

Neff hat das Konstrukt in drei Komponenten operationalisiert, die zusammen das ausmachen, was sie self-compassion nennt (Neff, 2003):

  1. Selbstfreundlichkeit statt Selbstverurteilung. Die bewusste Entscheidung, sich in Momenten des Versagens nicht zu bestrafen, sondern zu verstehen. „Das ist gerade hart" statt „Ich bin ein Versager".
  2. Gemeinsame Menschlichkeit statt Isolation. Die Einsicht, dass Leiden, Scheitern und Unvollkommenheit Teil des Menschseins sind – nicht Beweis meiner persönlichen Defizienz. „So etwas erleben viele" statt „Nur mir passiert das".
  3. Achtsamkeit statt Überidentifikation. Die Fähigkeit, schmerzhafte Gefühle wahrzunehmen, ohne in ihnen zu verschwinden. „Ich spüre gerade Scham" statt zu der Scham zu werden.

Übertragen auf Katrins Keksabend: Selbstfreundlichkeit heißt, dass sie sich am Montag nicht die ganze Zeit beschimpft. Gemeinsame Menschlichkeit heißt, dass sie sich erinnert: Millionen Menschen haben Essanfälle nach erschöpfenden Wochen. Achtsamkeit heißt, dass sie ihre Scham bemerkt, ohne sich von ihr verschlucken zu lassen.

Das klingt einfach. In der Praxis – bei Menschen, deren innere Stimme seit Jahrzehnten anders klingt – ist es eine der schwierigsten Umschulungen, die die Psychologie kennt.


IV. Die Evidenz: Selbstmitgefühl motiviert – nicht Selbstkritik

An dieser Stelle könnte man einwenden, dass das alles schön klingt, aber letztlich eine Geschmacksfrage sei. Wer wissenschaftlich arbeiten will, muss an diesem Punkt die Daten sprechen lassen.

Die wichtigste Studie zum Thema stammt von Juliana Breines und Serena Chen von der University of California, Berkeley. In einer Serie von vier Experimenten (Breines & Chen, 2012) prüften sie genau die Frage, die der kulturelle Mythos voraussetzt: Macht Selbstmitgefühl faul?

Das Design war elegant. Proband:innen wurden nach einem moralischen Fehltritt, einem schlechten Testergebnis oder einer persönlichen Schwäche in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe wurde eingeladen, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Die andere erhielt Aufgaben, die ihr Selbstwertgefühl stärken sollten (Erinnerung an Stärken, Komplimente). Anschließend maßen Breines und Chen die Bereitschaft, sich zu verbessern: Wie viel Zeit investierten die Proband:innen in das nächste, schwierigere Testmaterial? Wie motiviert waren sie, ihr Fehlverhalten künftig zu vermeiden?

Das Ergebnis war eindeutig – und für viele unerwartet: Die Selbstmitgefühls-Gruppe zeigte mehr Veränderungsbereitschaft, nicht weniger. Sie lernten länger für den nächsten Test. Sie berichteten stärkere Motivation zur Wiedergutmachung. Und sie taten das, ohne in Grübeln zu verfallen.

Breines und Chen schrieben: „Self-compassion may be a useful tool for motivating oneself to improve after a failure."

Diese Kernbefunde sind in den folgenden Jahren mehrfach bestätigt und in den Ernährungskontext übertragen worden:

  • Adams und Leary (2007) zeigten, dass Diät-Haltende nach einem Süßigkeitenbruch weniger kompensatorisch weiteraßen, wenn sie zuvor eine kurze Selbstmitgefühlsintervention erhalten hatten – der Teufelskreis „Jetzt ist eh alles egal" wurde durchbrochen.
  • Kelly, Vimalakanthan und Carter (2014) fanden, dass Selbstmitgefühl ein zentraler Mediator zwischen Scham und Essanfallsstörung ist: Mehr Selbstmitgefühl, weniger Binge-Eating-Symptomatik.
  • Sirois, Kitner und Hirsch (2015) zeigten in einer Meta-Analyse, dass Selbstmitgefühl mit gesünderem Essverhalten, weniger emotionalem Essen und stabileren Gewichtsverläufen einhergeht.

Und Paul Gilbert, Begründer der Compassion Focused Therapy, hat die neurobiologische Erklärung geliefert, die diese Befunde zusammenhält (Gilbert, 2009). Unser Gehirn verfügt über drei evolutionär unterschiedliche emotionale Regulationssysteme: ein Bedrohungssystem (Amygdala, Cortisol), ein Antriebssystem (Dopamin, Belohnung) und ein Beruhigungssystem (Oxytocin, parasympathische Aktivierung). Selbstkritik aktiviert das Bedrohungssystem – dasselbe System, das bei körperlicher Gefahr feuert. Das Bedrohungssystem ist nicht fürs Lernen gemacht. Es ist fürs Überleben gemacht. Es engt die Wahrnehmung ein, blockiert kreative Problemlösung, beschleunigt kurzfristige Entscheidungen („Nur weg hier"). Selbstmitgefühl hingegen aktiviert das Beruhigungssystem. Und erst das Beruhigungssystem – physiologisch entspannt, neuronal offen – ermöglicht komplexes Lernen, Perspektivwechsel und nachhaltige Verhaltensänderung.

Selbstkritik schaltet den Teil des Gehirns an, der für Flucht zuständig ist. Selbstmitgefühl schaltet den Teil an, der für Wachstum zuständig ist. Der Motivationsmythos hat die Neurobiologie genau umgekehrt.


V. Warum es so schwer ist: Die biografische Spur der inneren Stimme

Wenn Selbstmitgefühl so wirksam ist – warum ist es dann so schwer? Warum klingt in Katrins Kopf am Montagmorgen nicht die mitfühlende Stimme, sondern der Satz „Du bist zu nichts zu gebrauchen"?

Die Antwort führt zurück zu dem, was ich in meinem Beitrag über Übertragung beschrieben habe: Unsere innere Stimme ist selten eine original eigene. Sie ist in der Regel die internalisierte Stimme einer frühen Bezugsperson. Der strenge Vater, der nie zufrieden war. Die ängstliche Mutter, die in jeder Gewichtszunahme einen Beweis für Versagen sah. Die Lehrerin, die vor der Klasse laut vorlas, was in der Mathearbeit alles falsch war.

Freud nannte diese internalisierte Instanz das Über-Ich – jene psychische Struktur, die die Stimmen der frühen Autoritäten übernimmt und sie, lange nachdem diese Autoritäten physisch abwesend sind, in uns weiterspricht. John Bowlby und Daniel Stern haben dieses Konzept in die moderne Bindungsforschung übersetzt: Wir tragen innere Arbeitsmodelle unserer frühen Beziehungen in uns. Wer als Kind konsequent mit strenger Kritik beantwortet wurde, spricht im Erwachsenenalter so mit sich selbst, wie mit ihm gesprochen wurde.

Das hat eine verstörende, aber befreiende Konsequenz: Selbstmitgefühl ist keine Technik. Es ist Reparaturarbeit an einer Beziehungsgeschichte. Wer lernt, sich selbst mit Wärme zu begegnen, korrigiert keine Gewohnheit – er korrigiert ein inneres Beziehungsmuster, das seit Jahrzehnten besteht. Das erklärt, warum diese Umschulung so langsam ist. Und warum sie so tiefgreifend wirkt, wenn sie gelingt.


VI. Die Ernährungstherapie-Pointe: Zwei Stimmen im selben Kopf

Nirgends wird die Dynamik der inneren Stimmen so sichtbar wie beim Essen. Und nirgends hat die Diätkultur so systematisch einen inneren Dauerkonflikt erzeugt.

Denken wir uns die Situation vor: Der Körper signalisiert am Samstagabend Hunger, Erschöpfung, ein Bedürfnis nach Trost. Das sind keine pathologischen Signale. Das sind die ältesten, verlässlichsten Selbstfürsorge-Signale, die der Mensch kennt – entstanden in der Urszene, in der Nahrung und emotionale Zuwendung neurobiologisch eins waren (siehe dazu meinen Beitrag über Übertragung und frühe Beziehungserfahrung).

Gleichzeitig aber meldet sich eine zweite Stimme. Die Stimme der Diätkultur, die wir jahrzehntelang internalisiert haben: „Nicht jetzt. Nicht das. Du darfst nicht. Du bist schwach, wenn du es tust." In Freuds Sprache: Das Über-Ich hat die Stimme der Diätkultur übernommen und wendet sie gegen das eigene Bedürfnis.

Was hier entsteht, ist kein Versagen und keine Willensschwäche. Es ist eine strukturelle innere Spaltung: Zwei Stimmen im selben Kopf – die des bedürftigen Selbst und die des strengen Aufpassers. Diese Spaltung ist nicht die Folge mangelnder Disziplin. Sie ist die direkte Konsequenz der Diätlogik selbst. Wer jahrzehntelang gelernt hat, die eigenen Körpersignale als „Feind" zu betrachten, lebt zwangsläufig im inneren Krieg mit sich.

Und dieser Krieg hat einen vorhersehbaren Verlauf. Irgendwann – am Samstagabend, erschöpft, allein vor dem Fernseher – kapituliert der Aufpasser kurz. Das bedürftige Selbst greift zu. Und sobald der erste Bissen geschluckt ist, kehrt der Aufpasser mit verdoppelter Wucht zurück: „Jetzt hast du wieder versagt." Die Scham setzt ein. Die Scham führt in den Rückzug. Der Rückzug führt zu weiterem Essen als Betäubung. Am Montag sitzt Katrin in der Küche und beschimpft sich selbst – genau so, wie der innere Aufpasser es verlangt. Der Kreislauf schließt sich. Am Mittwoch beginnt die nächste Diät. Genauer: derselbe innere Krieg in neuer Verpackung.

In meinem Beitrag über den goldenen dritten Weg habe ich beschrieben, warum der Kampf gegen sich selbst als Strategie eine Sackgasse ist: Willenskraft ermüdet, und wer gegen Teile seiner selbst kämpft, kann nicht gewinnen, weil er beide Seiten gleichzeitig ist. In meinem Beitrag über den Jojo-Effekt habe ich gezeigt, wie dieser Kreislauf neurobiologisch zementiert wird.

Und hier kommt der Punkt, den Neffs Forschung zu einer praktischen Pointe führt: Selbstmitgefühl wirkt konfliktauflösend, nicht verhaltensauflösend. Es entzieht der inneren Kampfstruktur die Grundlage, weil es dem bedürftigen Selbst nicht mit Verurteilung begegnet, sondern mit Zuwendung. Wenn die zweite Stimme im Kopf aufhört, die Signale des Körpers zu verurteilen, gibt es keinen inneren Krieg mehr, den man gewinnen oder verlieren könnte. Die Energie, die vorher im Selbstkampf gebunden war, wird frei. Und erst diese freigesetzte Energie steht für echte Veränderung zur Verfügung.

Selbstmitgefühl ist also nicht die Alternative zu Verhaltensänderung. Es ist ihr Boden. Wer sich selbst verachtet, kann sich nicht nachhaltig verändern – jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Wer sich selbst mit Mitgefühl begegnen kann, hat zum ersten Mal einen stabilen Stand, von dem aus Veränderung möglich wird.


VII. Die Trilogie: Drei Adressaten desselben Mitgefühls

Damit schließt sich ein Kreis, den dieser Blog in den vergangenen Wochen Schritt für Schritt gezogen hat.

Carl Rogers sprach 1957 von Empathie – dem genauen Hineinspüren in die innere Bezugswelt des Gegenübers als ob man diese Person wäre. Tania Singer und Paul Bloom zeigten sechs Jahrzehnte später, dass das, was Rogers Empathie nannte, neurobiologisch in zwei Prozesse zerfällt: die schmerzhafte Resonanz und die warme, handlungsbereite Zuwendung, die wir Mitgefühl nennen. Und Kristin Neff hat über zwanzig Jahre hinweg gezeigt, dass derselbe Prozess auch einen dritten Adressaten hat: uns selbst.

Drei Bezeichnungen, drei Forschungsstränge, aber letztlich dieselbe neurobiologische Architektur. Gilberts Beruhigungssystem feuert, wenn wir einem Kind gegenüber mitfühlend sind, wenn wir einer Klientin gegenüber mitfühlend sind – und wenn wir uns selbst gegenüber mitfühlend sind. Es unterscheidet nicht nach Adressat. Es braucht nur die innere Haltung.

Damit wird die Empathie-Trilogie zu einer Lehre von drei Bewegungen desselben Mitgefühls:

  1. Empathie = Ich verstehe dich genau, als ob ich du wäre.
  2. Mitgefühl (für andere) = Ich wende mich dir zu, ohne in deinem Schmerz zu verschmelzen.
  3. Selbstmitgefühl = Ich wende mich mir selbst zu, ohne in meinem Schmerz zu verschmelzen.

Was Rogers, Singer, Bloom und Neff gemeinsam zeigen: Die Qualität der therapeutischen Beziehung beginnt nicht beim Gegenüber. Sie beginnt bei der Beziehung, die die Therapeut:in zu sich selbst hat. Wer sich selbst nicht mit Wärme begegnen kann, wird auch einem Klienten nicht wirklich begegnen können – er wird ihm Techniken reichen, aber keine Präsenz. Und umgekehrt: Was Klient:innen in der therapeutischen Beziehung erfahren, ist auf Dauer nur dann heilsam, wenn sie lernen, es mit sich selbst zu replizieren. Sonst bleibt die Therapie eine Insel, die verschwindet, sobald die Sitzung endet.


VIII. Was das praktisch heißt: Drei Mikro-Praktiken

Die letzten Beiträge dieses Blogs waren theorielastig. An dieser Stelle möchte ich bewusst konkret werden – mit drei Mikro-Praktiken, die in meiner Praxis regelmäßig zum Einsatz kommen. Sie sind nicht dazu da, den inneren Konflikt zu gewinnen, sondern ihn zu deeskalieren.

1. Der Freundestest

Wenn Sie sich gerade selbst verurteilen, unterbrechen Sie die innere Rede für einen Moment und fragen Sie sich: Was würde ich einer guten Freundin sagen, der das gerade passiert ist?

Die Frage ist so banal wie wirksam. Sie aktiviert im Gehirn ein vollständig anderes sprachliches Register. Die meisten Menschen merken bei diesem Experiment zum ersten Mal explizit, wie groß der Unterschied zwischen dem inneren Ton ist, den sie sich selbst zumuten, und dem, den sie für andere bereithalten. Und allein dieses Bemerken beginnt, die Asymmetrie zu verschieben.

2. Der Self-Compassion Break (nach Neff & Germer, 2013)

Legen Sie eine Hand auf Ihren Brustkorb – dorthin, wo Sie den Herzschlag spüren – und sprechen Sie innerlich drei Sätze:

  • „Das ist gerade ein schwerer Moment." (Achtsamkeit)
  • „Schwere Momente gehören zum Menschsein. Ich bin damit nicht allein." (Gemeinsame Menschlichkeit)
  • „Möge ich freundlich mit mir sein." (Selbstfreundlichkeit)

Die Geste mit der Hand ist kein esoterisches Beiwerk. Sie aktiviert physiologisch Ihr Beruhigungssystem – dieselbe Geste, mit der Sie ein weinendes Kind trösten würden, wirkt bei Ihnen selbst nach demselben Mechanismus. Drei Sätze. Dreißig Sekunden. Und ein messbarer Effekt auf Herzfrequenzvariabilität und Cortisol (Neff & Germer, 2013; Finlay-Jones et al., 2015).

3. Die Umformulierung

Hören Sie die Stimme, die sagt: „Ich bin ein Versager." Und formulieren Sie sie um:

„Es ist gerade hart. Rückfälle gehören zu diesem Prozess, den so viele Menschen durchleben. Was brauche ich jetzt?"

Diese Umformulierung ist keine Lüge und keine Schönfärberei. Sie ist die sprachliche Aktivierung aller drei Neff-Komponenten in einem einzigen Satz: Achtsamkeit („Es ist gerade hart"), gemeinsame Menschlichkeit („so viele Menschen"), Selbstfreundlichkeit („Was brauche ich jetzt?").

Mit der Zeit – und das ist der entscheidende Punkt – wird diese Stimme zur zweiten Stimme in Ihrem Kopf. Nicht statt der anderen. Neben ihr. Die strenge Stimme wird nicht verschwinden. Sie hat dreißig oder vierzig Jahre trainiert, um so zu klingen. Aber irgendwann ist sie nicht mehr allein.


IX. Die zweite Version desselben Montagmorgens

Ich kehre noch einmal zu Katrin* zurück. Ein halbes Jahr später. Wieder ein Samstagabend, wieder eine Kekspackung – das passiert. Veränderung ist kein linearer Prozess. Aber diesmal ist etwas anders.

Am Montagmorgen sitzt sie in der Küche. Die vertraute Stimme meldet sich sofort: „Du bist echt zu nichts zu gebrauchen." Doch diesmal ist da noch eine zweite Stimme. Sie ist leiser, langsamer, aber sie ist da. Sie legt Katrin eine Hand auf den Brustkorb. Und sie sagt: „Das ist ein schwerer Moment. Du hattest eine erschöpfende Woche. So etwas erleben viele. Was brauchst du jetzt?"

Katrin beschimpft sich nicht mehr stundenlang. Sie macht sich einen Tee. Sie denkt nach, was in den Tagen vor dem Samstagabend los war. Sie schreibt sich eine Notiz für die nächste Sitzung. Und um 7 Uhr morgens, als die erste Stimme wieder versucht, das Ruder zu übernehmen, erinnert die zweite Stimme sie sanft: „Nicht heute. Nicht mehr so."

Das ist keine Erleuchtung. Das ist kein „Klick-Moment" im Sinne des Mythos vom plötzlichen Wandel. Das ist eine langsame, unspektakuläre Umschulung einer inneren Beziehung, die Jahrzehnte gebraucht hat, um so zu werden, wie sie ist. Sie wird Jahre brauchen, um anders zu werden.

Aber sie wird anders. Nicht weil Katrin strenger geworden ist. Sondern weil sie endlich aufhört, die einzige Person zu sein, der sie ihr Mitgefühl verweigert.

Die härteste Stimme in unserem Kopf ist nicht die Wahrheit. Sie ist eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich verändern – nicht durch mehr Strenge, sondern durch mehr Wärme.


Dieser Essay stützt sich auf die Forschung von Kristin Neff (Self-Compassion, 2011), Paul Gilbert (The Compassionate Mind, 2009) sowie auf die Arbeiten von Breines & Chen (2012), Adams & Leary (2007) und Kelly, Vimalakanthan & Carter (2014). Er ist der dritte Teil einer Trilogie über die therapeutische Haltung, die mit „Die unsichtbare Beziehung" begann und mit „Vom Verstehen zum Mitgefühl" fortgeführt wurde.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am "Bauch von Hannover" (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.


Literatur

  • Adams, C. E. & Leary, M. R. (2007). Promoting self-compassionate attitudes toward eating among restrictive and guilty eaters. Journal of Social and Clinical Psychology, 26(10), 1120–1144.
  • Breines, J. G. & Chen, S. (2012). Self-compassion increases self-improvement motivation. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(9), 1133–1143.
  • Finlay-Jones, A. L., Rees, C. S. & Kane, R. T. (2015). Self-compassion, emotion regulation and stress among Australian psychologists. PLOS ONE, 10(7), e0133481.
  • Gilbert, P. (2009). The Compassionate Mind. Constable Robinson.
  • Kelly, A. C., Vimalakanthan, K. & Carter, J. C. (2014). Understanding the roles of self-identified shame, self-compassion, and perfectionism in binge eating. Eating Behaviors, 15(3), 388–391.
  • Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101.
  • Neff, K. D. & Germer, C. K. (2013). A pilot study and randomized controlled trial of the mindful self-compassion program. Journal of Clinical Psychology, 69(1), 28–44.
  • Rogers, C. R. (1957). The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95–103.
  • Sirois, F. M., Kitner, R. & Hirsch, J. K. (2015). Self-compassion, affect, and health-promoting behaviors. Health Psychology, 34(6), 661–669.

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