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Warum Scham niemals motiviert: Über die Verwechslung von Schuld und Scham in der Ernährungstherapie

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Ein Satz, der alles verändert

Sabine* saß mir gegenüber und schwieg. Nicht aus Trotz, nicht aus Desinteresse – sondern weil sie nach den richtigen Worten suchte für etwas, das sie vermutlich noch nie ausgesprochen hatte.

Zwanzig Jahre Diäterfahrung. Weight Watchers, Intervallfasten, Low Carb, eine Phase mit Mahlzeitenersatz-Shakes, zwei Versuche mit einer Kalorienzähl-App. In unserer ersten Sitzung hatte ich sie gebeten, mir nicht von ihren Diäten zu erzählen – sondern von dem, was zwischen den Diäten passiert war.

Und dann sagte sie einen Satz, der mich nicht mehr losgelassen hat:

„Ich schäme mich. Nicht für das, was ich esse. Für das, was ich bin."

In diesem Satz steckt eine Unterscheidung, die in der Ernährungstherapie fast nie explizit gemacht wird – obwohl sie über Gelingen oder Scheitern jeder Intervention entscheidet. Es ist die Unterscheidung zwischen Schuld und Scham. Zwischen ich habe etwas Falsches getan und ich bin falsch. Zwischen einem Gefühl, das verändern kann – und einem, das lähmt.

Dieser Essay handelt von dieser Unterscheidung. Er handelt davon, warum Scham der schlechteste Motivator ist, den es gibt – und warum das keine Meinung ist, sondern Psychologie, Neurobiologie und Philosophie. Er handelt von dem, was ich in früheren Beiträgen über das Unbehagen im dicken Körper und das Dicksein in der Postmoderne begonnen habe – und heute an einem entscheidenden Punkt vertiefen möchte: an der Frage, was genau Gewichtsstigmatisierung psychologisch mit einem Menschen macht. Und was die Alternative wäre.


I. Die Grammatik der Scham: Zwei Buchstaben, zwei Welten

Beginnen wir mit einer Beobachtung, die einfach klingt, aber weitreichende Konsequenzen hat.

Wenn Sabine* nach einem Abend mit Chips und Schokolade sagt: „Ich habe Mist gebaut" – dann spricht sie über ein Verhalten. Ein konkretes Ereignis an einem konkreten Abend. Etwas, das sie beim nächsten Mal anders machen kann. Das Gefühl, das sie dabei empfindet, nennen Psychologen Schuld: die Bewertung einer Handlung als falsch.

Wenn sie hingegen sagt: „Ich bin ein hoffnungsloser Fall" – dann spricht sie nicht mehr über ein Verhalten, sondern über sich selbst. Über ihre Identität. Über das, was sie im Kern zu sein glaubt. Das Gefühl, das sie dabei empfindet, ist Scham: die Bewertung der eigenen Person als falsch, defizitär, unwürdig.

Schuld sagt: Ich habe etwas Schlechtes getan. Scham sagt: Ich bin schlecht.

Diese Unterscheidung ist keine semantische Spitzfindigkeit. Sie ist, wie die amerikanische Schamforscherin Brené Brown in über zwanzig Jahren qualitativer Forschung gezeigt hat, eine der folgenreichsten psychologischen Differenzierungen überhaupt. Browns Ergebnisse sind eindeutig und wurden vielfach repliziert: Schuld korreliert invers mit Sucht, Depression, Aggression und Essstörungen – wer Schuld empfinden kann, hat die Fähigkeit zur Verhaltenskorrektur. Scham hingegen korreliert positiv mit genau diesen Phänomenen (Brown, 2006; Tangney & Dearing, 2002). Wer Scham empfindet, zieht sich zurück, isoliert sich, betäubt den Schmerz – häufig mit genau dem Verhalten, das die Scham ausgelöst hat.

Die Verwechslung in der Praxis

In der alltäglichen Sprache werden Schuld und Scham ständig vermischt. „Ich fühle mich schuldig, wenn ich Schokolade esse" kann beides meinen – und meint in der therapeutischen Arbeit erschreckend oft das Zweite. Denn die Schokolade ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist die Überzeugung, die hinter dem Griff zur Schokolade steht: Ich bin jemand, der es nicht schafft. Ich bin undiszipliniert. Ich bin zu schwach.

In meinem Beitrag über Essgeschichten und Identität habe ich beschrieben, wie unsere Erzählungen über das Essen immer auch Erzählungen über uns selbst sind. Sabines* Essgeschichte war keine Geschichte über Kalorien. Es war eine Geschichte über Versagen, über Minderwertigkeit, über ein Selbst, das den eigenen Ansprüchen seit Jahrzehnten nicht genügte. Jede gescheiterte Diät hatte diese Geschichte nicht widerlegt – sondern bestätigt.

Und an genau dieser Stelle wird klar, warum der gut gemeinte Satz „Sie müssen sich einfach mehr zusammenreißen" nicht nur wirkungslos ist, sondern toxisch: Er adressiert ein Verhalten, aber er trifft eine Identität. Er meint Schuld, aber er erzeugt Scham. Denn in den Ohren eines Menschen, dessen Identitätsnarrativ seit zwei Jahrzehnten „Ich bin jemand, der scheitert" lautet, heißt „Reißen Sie sich zusammen" nichts anderes als: Hören Sie auf, so zu sein, wie Sie sind.

Schuld sagt: „Sie haben gestern Abend ungünstig gegessen." Scham sagt: „Sie sind jemand, der so etwas tut." Der eine Satz öffnet eine Tür. Der andere schließt sie.


II. Der Blick des Anderen: Sartres Phänomenologie der Scham

Um zu verstehen, warum Scham so zerstörerisch wirkt, lohnt sich ein Blick in die Philosophie – und zwar auf einen Denker, den man nicht sofort mit Ernährungstherapie assoziieren würde: Jean-Paul Sartre.

In seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943) entwickelt Sartre eine Phänomenologie der Scham, die bis heute zu den präzisesten Analysen dieses Gefühls gehört. Sein berühmtes Gedankenexperiment geht so: Ich stehe vor einem Schlüsselloch und schaue hindurch. In diesem Moment bin ich ganz bei mir, ganz in meinem Tun aufgehend, ein reines Subjekt. Dann höre ich Schritte hinter mir. Jemand sieht mich. Und in diesem Augenblick verwandle ich mich: Ich bin nicht mehr nur Subjekt – ich werde zum Objekt im Blick eines Anderen. Ich sehe mich plötzlich so, wie der Andere mich sehen könnte: als Spanner, als Eindringling, als jemanden, der etwas tut, das er nicht tun sollte.

Das Gefühl, das in diesem Moment entsteht, ist Scham. Und Sartres entscheidende Einsicht lautet: Scham ist immer Scham vor jemandem. Sie ist kein rein innerer Zustand, sondern ein relationales Phänomen – sie entsteht im Blick des Anderen, real oder imaginiert (Sartre, 1943).

Der permanente Blick auf den dicken Körper

Was bedeutet das für Menschen, die in einem Körper leben, der gesellschaftlich als „zu dick" markiert ist?

Es bedeutet, dass sie dem Blick des Anderen nicht entkommen können. Denn ihr Körper ist, anders als ein Verhalten, permanent sichtbar. Man kann aufhören, vor einem Schlüsselloch zu stehen. Man kann nicht aufhören, einen Körper zu haben. Der dicke Körper ist – in Sartres Sprache – ein permanentes Objekt im Blick der Welt: im Wartezimmer der Ärztin, im Schwimmbad, am Arbeitsplatz, im Supermarkt, auf dem Spielplatz. Und dieser Blick ist nicht neutral. Er ist getränkt mit den Stereotypen einer Gesellschaft, die Dicksein mit Faulheit, Maßlosigkeit und mangelnder Selbstdisziplin gleichsetzt.

Sabine* beschrieb es so: „Ich betrete einen Raum, und bevor ich ein Wort sage, hat mich jeder schon beurteilt. Nicht für das, was ich sage oder tue. Für das, was ich bin."

Der amerikanische Soziologe Erving Goffman hat dieses Phänomen in seinem bahnbrechenden Werk Stigma (1963) systematisiert. Goffman definiert Stigma als ein Merkmal, das so dominant wird, dass es die gesamte Identität einer Person „verdirbt" – spoiled identity. Der Mensch wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern als Repräsentant seiner Abweichung. Nicht Sabine, die Architektin, die Mutter, die leidenschaftliche Leserin – sondern die Dicke. Ihr Körper wird zur Totalität ihrer Identität (Goffman, 1963).

In meinem Beitrag über Dicksein in der Postmoderne habe ich mit Michel Foucault gezeigt, wie der BMI als normalisierendes Disziplinarinstrument fungiert – eine Zahl, die den individuellen Körper einer statistischen Norm unterwirft. Sartre und Goffman ergänzen diese Analyse um die subjektive Dimension: Es geht nicht nur um äußere Kontrolle, sondern um das innere Erleben der Kontrollierten. Um die Scham, die entsteht, wenn man sich permanent als Objekt im bewertenden Blick einer Gesellschaft erlebt, die den eigenen Körper für ein moralisches Versagen hält.

Foucault zeigt, wie Körper diszipliniert werden. Sartre zeigt, was es mit dem Disziplinierten macht: Es macht ihn zum Objekt. Und Goffman zeigt, was passiert, wenn dieses Objektsein zur Identität wird: Stigma.


III. Die drei Ebenen der Gewichtsstigmatisierung

Was Sabine* erlebt, hat einen Namen, der in der Forschung zunehmend Gewicht bekommt: Gewichtsstigmatisierung – oder, im angloamerikanischen Diskurs, weight stigma. Sie vollzieht sich auf drei Ebenen, die einander verstärken wie Wellen, die von verschiedenen Seiten auf denselben Strand treffen.

Die strukturelle Ebene

Die erste Ebene ist die der Institutionen. Hier geht es nicht um individuelle Vorurteile, sondern um systemische Benachteiligung. Rebecca Puhl und Kelly Brownell, die zu den profiliertesten Forscherinnen auf diesem Gebiet gehören, haben in umfassenden Reviews dokumentiert, dass Menschen mit höherem Körpergewicht im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt und im Gesundheitswesen systematisch benachteiligt werden (Puhl & Heuer, 2009). Sie erhalten bei gleicher Qualifikation niedrigere Gehaltsangebote, werden seltener befördert und – besonders perfide – erhalten eine nachweislich schlechtere medizinische Versorgung.

Die Ironie: Genau die Institution, die Gesundheit fördern soll, wird zum Ort der Stigmatisierung. Zu kleine Blutdruckmanschetten, Stühle mit einengenden Armlehnen, ärztliche Empfehlungen, die reflexhaft auf „Abnehmen" lauten – unabhängig vom eigentlichen Beschwerdebild. In meinem Beitrag über Körperfett als unterschätztes Organ habe ich die Frage gestellt, wie zukünftige Generationen wohl über die offen zur Schau getragene Stigmatisierung und Diskriminierung dicker Menschen denken werden. Diese Frage hat nichts an Dringlichkeit verloren.

Die interpersonelle Ebene

Die zweite Ebene ist die der alltäglichen Interaktion. Ungefragte Ratschläge beim Familienessen. Kommentare von Kollegen am Buffet. Der wohlmeinende Hinweis der Freundin: „Du siehst aber gut aus – hast du abgenommen?" (Was impliziert: Vorher sahst du nicht gut aus.) Oder Sabines* Erfahrung beim Arzt: „Frau S., wenn Sie einfach weniger essen und mehr Sport machen würden…" – ein Satz, der die gesamte Komplexität der Gewichtsregulation auf eine triviale Formel reduziert, die seit Jahrzehnten widerlegt ist.

Diese Interaktionen sind selten bösartig gemeint. Aber ihre kumulative Wirkung ist verheerend. Denn sie senden eine einzige, konsistente Botschaft: Dein Körper ist ein Problem, das du lösen musst. Nicht dein Wohlbefinden. Nicht deine Gesundheit. Dein Körper.

Die internalisierte Ebene

Die dritte und zerstörerischste Ebene ist die Verinnerlichung. Internalisierte Gewichtsstigmatisierung – von der Forscherin Janet Tomiyama und ihrem Team als eigenständiger Risikofaktor identifiziert – bedeutet: Der bewertende Blick der Gesellschaft wird zum eigenen Blick. Die Stereotypen werden zur Selbstbeschreibung. Die anderen haben recht. Ich bin undiszipliniert. Ich bin maßlos. Ich habe es nicht anders verdient.

Hier schließt sich der Kreis zu Sartres Analyse: Der Blick des Anderen wird zum inneren Blick. Der Mensch wird sich selbst zum Objekt – und empfindet Scham nicht mehr nur vor anderen, sondern vor sich selbst. Die Politikphilosophin Martha Nussbaum hat in Hiding from Humanity (2004) überzeugend argumentiert, dass Scham als gesellschaftliches Instrument der Kontrolle fungiert: Eine Gesellschaft, die bestimmte Körperformen beschämt, kontrolliert nicht nur Verhalten, sondern Identität. Scham, so Nussbaum, ist die Waffe der Konformität (Nussbaum, 2004).

In meinem Beitrag über das Unbehagen im dicken Körper habe ich beschrieben, wie die Gesellschaft ihre eigenen unbewussten Anteile – Maßlosigkeit, Gier, animalische Lust – auf dicke Menschen projiziert. Nussbaums Analyse ergänzt diese Perspektive: Scham ist das Werkzeug, mit dem diese Projektion wirkt. Sie sorgt dafür, dass die Betroffenen den externen Blick übernehmen und sich selbst verurteilen. Die Disziplinarmacht, die Foucault beschreibt, wird durch Scham internalisiert – und damit unsichtbar.


IV. Der toxische Kreislauf: Warum Scham das Gegenteil bewirkt

Nun könnte man argumentieren: Ist ein gewisses Maß an Unbehagen nicht nötig, um Veränderung zu motivieren? Braucht es nicht den Stich des schlechten Gewissens, um sich vom Sofa zu erheben?

Die Antwort ist: Für Schuld stimmt das. Für Scham nicht.

Schuld – das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben – kann tatsächlich motivieren, weil sie einen Ausweg impliziert: Ich kann es beim nächsten Mal anders machen. Sie ist handlungsorientiert und bezieht sich auf ein konkretes, veränderbares Verhalten.

Scham hingegen bietet keinen Ausweg. Wenn das Problem nicht mein Verhalten ist, sondern mein Sein, dann gibt es nichts zu korrigieren – nur etwas zu verbergen. Und genau das zeigen die Daten.

Die Biologie der Scham

Neurobiologisch aktiviert Scham das Bedrohungssystem des Gehirns – dieselben Schaltkreise, die bei physischer Gefahr feuern. Die Amygdala, jene mandelförmige Struktur im Temporallappen, die für die Verarbeitung von Bedrohungsreizen zuständig ist, reagiert auf Scham ähnlich wie auf einen Raubtierangriff: mit einer Kaskade aus Cortisol und Adrenalin, die den Organismus in den Modus von Kampf, Flucht oder Erstarrung versetzt (Dickerson & Kemeny, 2004).

In der Ernährungstherapie sehen wir fast ausschließlich die dritte Reaktion: Erstarrung. Rückzug. Vermeidung. Sabine* hörte auf, ins Schwimmbad zu gehen – aus Angst vor Blicken. Sie mied den Arzt – aus Angst vor dem Wiegen. Sie zog sich von sozialen Anlässen zurück, bei denen Essen im Mittelpunkt stand – aus Angst vor Kommentaren. Die Scham, die sie motivieren sollte, sich mehr zu bewegen und besser zu essen, führte dazu, dass sie sich weniger bewegte und schlechter aß.

Und hier wird es biologisch besonders bitter: Janet Tomiyama und ihre Kollegen haben in einer vielbeachteten Studie gezeigt, dass die durch Stigmatisierung ausgelöste chronische Cortisolerhöhung direkt mit vermehrter viszeraler Fetteinlagerung korreliert (Tomiyama et al., 2014). Der Mechanismus ist so einfach wie grausam: Stigmatisierung → chronischer Stress → Cortisol → Bauchfett → mehr Stigmatisierung → mehr Stress → mehr Cortisol → mehr Bauchfett.

Gewichtsstigmatisierung produziert, biologisch messbar, genau das Phänomen, das sie zu bekämpfen vorgibt.

In meinem Beitrag über emotionales Essen habe ich beschrieben, dass Essen die älteste und zuverlässigste Form der Stressregulation ist, über die der Mensch verfügt. Wenn Scham chronischen Stress erzeugt, dann überrascht es nicht, dass die Betroffenen zur ältesten verfügbaren Bewältigungsstrategie greifen: Essen. In meinem Beitrag über Essen als Sucht habe ich mit Gabor Maté argumentiert, dass suchtartiges Verhalten fast immer eine Antwort auf Schmerz ist – ein Versuch, ein Loch zu füllen, das nicht durch den Stoff, sondern durch Mangel an Bindung und Anerkennung entstanden ist. Scham reißt genau dieses Loch auf.

Scham erzeugt den Stress, der das emotionale Essen auslöst, das die Scham verstärkt. Es ist kein Kreislauf – es ist eine Spirale nach unten.

Das Paradoxon der Vermeidung

Das Tragische an der Scham-Spirale ist ihr paradoxes Wesen. Die Stigmatisierung, die vorgibt, Menschen zur Gewichtsabnahme zu „motivieren", bewirkt exakt das Gegenteil:

  • Vermeidung medizinischer Versorgung: Studien zeigen, dass Menschen mit internalisierter Gewichtsstigmatisierung Arztbesuche systematisch vermeiden oder hinauszögern (Phelan et al., 2015). Sie erhalten dadurch später Diagnosen und schlechtere Behandlungsergebnisse – nicht wegen ihres Gewichts, sondern wegen der Scham, die mit dem Gewicht verbunden ist.

  • Vermeidung von Bewegung: Die Angst vor negativen Bewertungen in Schwimmbädern, Fitnessstudios oder auf Joggingstrecken führt zu einem Vermeidungsverhalten, das die körperliche Aktivität massiv reduziert (Vartanian & Novak, 2011). Die Scham, die „motivieren" soll, eliminiert genau die Verhaltensweisen, die sie angeblich fördern will.

  • Abbruch therapeutischer Beziehungen: Sabine* hatte drei Ernährungsberaterinnen aufgesucht, bevor sie zu uns kam. Jede einzelne hatte mit Essprotokollen, Kalorienzielen und Wiegeterminen gearbeitet. Jede einzelne hatte – ohne böse Absicht – Scham erzeugt. Und Sabine* hatte jede einzelne nach wenigen Wochen verlassen. Nicht aus mangelndem Willen. Aus Selbstschutz.

Die Parallele zu meinem Beitrag über die Psychologie des Jojo-Effekts ist offensichtlich: Dort habe ich gezeigt, dass Diäten nicht am Essen scheitern, sondern an der Belohnung, die versiegt. Hier zeigt sich ein verwandtes Muster: Therapeutische Interventionen scheitern nicht am fehlenden Wissen der Betroffenen, sondern an der Scham, die den Zugang zu diesem Wissen blockiert. Man kann den klügsten Rat der Welt geben – wenn er bei einem Menschen ankommt, dessen Identitätsnarrativ „Ich bin falsch" lautet, wird er nicht als Hilfe erlebt, sondern als Bestätigung des Urteils.


V. Die politische Dimension: Scham als Instrument der Kontrolle

Wer an dieser Stelle glaubt, Gewichtsstigmatisierung sei ein rein individuelles Problem – ein bedauerliches Missverständnis zwischen Therapeut und Klient –, der unterschätzt die Reichweite des Phänomens.

Martha Nussbaum argumentiert in Hiding from Humanity, dass Scham historisch als Instrument sozialer Kontrolle eingesetzt wurde und wird: zur Disziplinierung von Abweichung, zur Stabilisierung von Hierarchien, zur Markierung von Zugehörigkeit und Ausschluss. Wer beschämt wird, wird nicht nur individuell verletzt – er wird sozial positioniert. Scham weist Plätze zu: oben oder unten, drinnen oder draußen, normal oder abweichend (Nussbaum, 2004).

Christoph Klotter, dessen Arbeiten zur Ernährungspsychologie ich in meinem Beitrag über den Methodenmix in der Ernährungspsychologie ausführlich vorgestellt habe, hat diesen Zusammenhang auf die Ernährungskultur angewendet: Die Kontrolle über den Körper ist, in der spätkapitalistischen Gesellschaft, zu einer moralischen Kategorie geworden. Wer seinen Körper „im Griff" hat, demonstriert Tugend. Wer ihn nicht im Griff hat, demonstriert moralisches Versagen. Der dicke Körper wird zum sichtbaren Beweis mangelnder Selbstbeherrschung – und damit zum legitimen Ziel öffentlicher Beschämung.

Diese Diskriminierung hat einen Namen, der sich zunehmend durchsetzt: Sizeismus (sizeism) – die systematische Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Körpergröße, in Analogie zu Rassismus und Sexismus. Und wie bei anderen Formen der Diskriminierung gilt: Sie wirkt nicht nur über offene Feindseligkeit, sondern über die stille Internalisierung ihrer Prämissen. Die wirksamste Diskriminierung ist diejenige, die der Diskriminierte für berechtigt hält.

In meinem Beitrag über Disziplin beim Abnehmen habe ich gezeigt, dass die Erzählung von der „fehlenden Disziplin" wissenschaftlich nicht haltbar ist – dass Willenskraft eine erschöpfliche Ressource ist und dass die Umgebung einen weitaus größeren Einfluss auf unser Essverhalten hat als die individuelle Selbstkontrolle. In meinem Beitrag über den goldenen dritten Weg der Selbstdisziplin habe ich argumentiert, dass nachhaltige Veränderung nicht durch Gehorsam oder Willenskraft entsteht, sondern durch Identitätsarbeit. Doch Identitätsarbeit setzt voraus, dass die bestehende Identität nicht unter dem Gewicht der Scham begraben liegt.

Man kann einem Menschen nicht gleichzeitig sagen, er solle sich ändern, und ihm das Gefühl geben, er sei unveränderlich falsch. Das eine schließt das andere aus.


VI. Der gewichtsinklusive Ansatz: Von der Waage zur Würde

In unserer dritten Sitzung stellte ich Sabine* eine ungewöhnliche Frage: „Was wäre, wenn wir Ihr Gewicht aus dem Gespräch nehmen? Wenn wir nicht über Abnehmen sprechen, sondern über Leben?"

Sie schaute mich an, als hätte ich etwas Unerhörtes gesagt. Und in gewisser Weise hatte ich das. Denn in zwanzig Jahren hatte noch niemand ihr dieses Angebot gemacht.

Was ich Sabine* vorschlug, war keine neue Diätmethode und kein alternativer Ernährungsplan. Es war ein Paradigmenwechsel – eine grundlegend andere Art, über Körper, Gesundheit und Wohlbefinden nachzudenken. In der Forschung wird dieser Ansatz als gewichtsinklusive Gesundheitsversorgung bezeichnet, eng verwandt mit dem Health at Every Size-Rahmenwerk, das von Linda Bacon und Lucy Aphramor (2011) wissenschaftlich fundiert wurde.

Was gewichtsinklusiv bedeutet – und was nicht

Gewichtsinklusiv bedeutet nicht: „Gewicht spielt keine Rolle." Es bedeutet: Gewicht ist nicht der primäre Maßstab für Gesundheit. Der Fokus verschiebt sich radikal – von der Zahl auf der Waage zu den Verhaltensweisen, die Gesundheit fördern. Nicht: Wie viel wiegen Sie? Sondern: Wie geht es Ihnen? Was bewegt Sie? Was nährt Sie – im umfassenden Sinn des Wortes?

In meinem Beitrag über Salutogenese habe ich Aaron Antonovskys revolutionäres Modell vorgestellt: Statt zu fragen, was Menschen krank macht (Pathogenese), fragt die Salutogenese, was Menschen gesund hält. Was sind ihre Ressourcen? Was gibt ihrem Leben Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinn? Die gewichtsinklusive Gesundheitsversorgung ist, in diesem Sinne, angewandte Salutogenese: Sie fragt nicht nach dem Defizit (dem „Übergewicht"), sondern nach den Ressourcen, die ein Mensch mitbringt und ausbauen kann.

In meinem Beitrag über Adipositas habe ich beschrieben, wie wir diesen Ansatz in unserer Praxis konkret umsetzen. Aber hier möchte ich nicht über Methoden sprechen, sondern über die Erfahrung – Sabines* Erfahrung.

Sabines* Weg

Das Erste, was sich veränderte, war nicht ihr Verhalten. Es war der Raum, in dem sie sich befand. Kein Wiegen beim Betreten der Praxis. Keine Essprotokollpflicht. Keine Zielvorgabe in Kilogramm. Stattdessen eine Frage, die sie überraschte: „Was macht Ihnen Freude?"

Sabine* überlegte lange. Dann sagte sie: „Ich weiß es nicht mehr."

Das war kein dramatisches Geständnis – es war die nüchterne Bilanz von zwanzig Jahren Diätkultur. Zwanzig Jahre, in denen Essen kein Genuss mehr war, sondern ein Minenfeld. In denen Bewegung keine Freude war, sondern eine Strafe für Gegessenes. In denen der eigene Körper kein Zuhause war, sondern ein Projekt, das ständig repariert werden musste.

Die Arbeit, die folgte, war keine Ernährungsberatung im klassischen Sinn. Sie war das, was Carl Rogers – Gründer der humanistischen Psychologie, deren Prinzipien ich in meinem Beitrag über den Methodenmix beschrieben habe – als bedingungslose positive Wertschätzung bezeichnet hätte: eine therapeutische Haltung, die den Menschen nicht an einer Norm misst, sondern ihn in seiner gegenwärtigen Realität annimmt. Nicht: Sie sollten weniger wiegen. Sondern: Sie sind hier, und das ist mutig.

Es dauerte Monate. Es gab Rückschläge. Aber langsam, fast unmerklich, began sich etwas zu verschieben. Sabine* fing an, spazieren zu gehen – nicht um Kalorien zu verbrennen, sondern weil sie den Park in ihrer Nachbarschaft mochte. Sie begann, Mahlzeiten zu kochen, die ihr schmeckten – nicht weil sie „erlaubt" waren, sondern weil sie Lust darauf hatte. Sie hörte auf, morgens auf die Waage zu steigen – und stellte überrascht fest, dass der Tag ohne diese Zahl nicht schlechter begann, sondern besser.

In meinem Beitrag über intuitives Essen habe ich den Versuch beschrieben, jenseits von Diätregeln wieder Zugang zu den eigenen körperlichen Signalen zu finden – zu Hunger und Sättigung, zu Appetit und Abneigung. Bei Sabine* ging es zunächst um etwas noch Grundlegenderes: um die Erlaubnis, den eigenen Körper nicht mehr als Feind zu betrachten.

Jenseits der Zahl

Was sich bei Sabine* veränderte, lässt sich nicht in Kilogramm messen. Die Waage hätte möglicherweise über weite Strecken kaum eine Veränderung angezeigt – und ein gewichtszentrierter Ansatz hätte dies als Misserfolg verbucht. Aber in Sabines* Leben hatte sich Entscheidendes verändert: Sie ging wieder zur Ärztin. Sie schwamm wieder, zum ersten Mal seit sieben Jahren. Sie sprach beim Familienessen über Politik statt über Diäten. Sie antwortete auf den Satz „Du siehst gut aus – hast du abgenommen?" zum ersten Mal mit: „Ich weiß es nicht. Und es ist mir auch egal."

Die Daten stützen diese Erfahrung. Eine wachsende Zahl von Studien zeigt, dass gewichtsinklusive Interventionen zu signifikanten Verbesserungen bei Blutdruck, Blutfettwerten, körperlicher Aktivität, Essverhalten und psychischem Wohlbefinden führen – unabhängig davon, ob sich das Gewicht verändert (Bacon et al., 2005; Ulian et al., 2018; Tylka et al., 2014). Der Wirkmechanismus ist, bei näherer Betrachtung, wenig überraschend: Wenn der chronische Stress der Stigmatisierung nachlässt, normalisiert sich das Cortisol, verbessert sich die Schlafqualität, steigt die Bereitschaft zu Bewegung – und der Körper findet, wie ich in meinem Beitrag über Gewichtsregulation beschrieben habe, sein individuelles Gleichgewicht.

Die Frage ist nicht: „Wie bringe ich diesen Menschen dazu, weniger zu wiegen?" Die Frage ist: „Wie schaffe ich einen Raum, in dem dieser Mensch aufhören kann, sich zu schämen – und anfangen kann, sich zu kümmern?"


VII. Von der Scham zur Würde: Ein philosophischer Schluss

An dieser Stelle möchte ich auf einen Denker zurückkommen, der am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Philosophie der Scham entwickelt hat, die überraschend aktuell ist: den Phänomenologen Max Scheler.

Scheler verstand Scham nicht nur als zerstörerisches Gefühl, sondern auch als Schutzaffekt: eine psychische Grenze, die das Innerste vor dem Zugriff der Welt bewahrt. Scham, so Scheler, markiert die Schwelle zwischen dem, was wir nach außen zeigen, und dem, was wir als verletzlich und kostbar in uns tragen. In diesem Sinne ist Scham kein Defizit – sie ist ein Zeichen dafür, dass es etwas zu schützen gibt (Scheler, 1913).

Das Problem ist nicht die Scham selbst. Das Problem ist eine Gesellschaft, die die Scham instrumentalisiert – die den Schutzaffekt in ein Instrument der Kontrolle verwandelt. Die den Menschen nicht schützt, sondern exponiert. Die das Verletzliche nicht bewahrt, sondern beschämt.

Sabines* therapeutischer Weg war, in Schelers Sprache, eine Rückkehr von der instrumentalisierten zur schützenden Scham. Sie lernte nicht, sich nicht mehr zu schämen – das wäre weder möglich noch wünschenswert. Sie lernte, dass ihre Scham ihr etwas Wichtiges mitteilte: dass sie einen Kern in sich trug, der Würde verdiente. Nicht weil sie abgenommen hatte. Nicht weil sie sich „zusammengerissen" hatte. Sondern weil sie ein Mensch war.

In meinem Beitrag über Frieden mit dem Essen habe ich geschrieben, dass Frieden mit dem Essen immer auch Frieden mit sich selbst bedeutet. Und in meinem Essay über Dankbarkeit und Wertschätzung habe ich über die Möglichkeit nachgedacht, dem eigenen Dasein mit Dankbarkeit statt mit Optimierung zu begegnen. Sabines* Weg war ein Weg in genau diese Richtung: von der Optimierung zur Akzeptanz. Von der Scham zur Würde. Von der Frage „Was stimmt nicht mit mir?" zur Frage „Was brauche ich?"

Dieser Weg ist kein Luxus. Er ist keine Verwöhnhaltung für Menschen, die „nicht abnehmen wollen". Er ist eine therapeutische Notwendigkeit – denn Scham, wie wir gesehen haben, motiviert nicht. Sie lähmt, sie isoliert, sie macht krank. Eine Gesellschaft, die Gesundheit ernst meint, muss aufhören, Scham als Werkzeug zu verwenden. Denn Gesundheit lässt sich nicht erschämen. Sie kann nur in einem Raum wachsen, in dem Würde nicht von einer Zahl auf der Waage abhängt.

In diesem Raum sitzt Sabine* heute. Nicht geheilt – das wäre ein Wort aus dem alten Paradigma. Aber freier. Beweglicher. Lebendiger.

Und das ist, wie ich in meinem Beitrag über den Preis der Freiheit argumentiert habe, am Ende vielleicht das Entscheidende: nicht die Abwesenheit von Kampf, sondern die Freiheit, sich die eigenen Kämpfe auszusuchen. Sabine* kämpft nicht mehr gegen ihren Körper. Nicht weil der Kampf vorbei ist – sondern weil sie verstanden hat, dass es nie ihr Körper war, gegen den sie hätte kämpfen müssen.


* Name geändert


Literatur:

Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight Science: Evaluating the Evidence for a Paradigm Shift. Nutrition Journal, 10(9).

Bacon, L., Stern, J. S., Van Loan, M. D., & Keim, N. L. (2005). Size acceptance and intuitive eating improve health for obese, female chronic dieters. Journal of the American Dietetic Association, 105(6), 929–936.

Brown, B. (2006). Shame Resilience Theory: A Grounded Theory Study on Women and Shame. Families in Society, 87(1), 43–52.

Dickerson, S. S., & Kemeny, M. E. (2004). Acute stressors and cortisol responses: A theoretical integration and synthesis of laboratory research. Psychological Bulletin, 130(3), 355–391.

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Sartre, J.-P. (1943). L'Être et le Néant. Gallimard. [Dt.: Das Sein und das Nichts, 1952].

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Tangney, J. P., & Dearing, R. L. (2002). Shame and Guilt. Guilford Press.

Tomiyama, A. J., Epel, E. S., McClatchey, T. M., DeLuca, G., Hunger, J. M., Dallman, M. F., & Lustig, R. H. (2014). Associations of Weight Stigma with Cortisol and Oxidative Stress Independent of Adiposity. Health Psychology, 33(8), 862–867.

Tylka, T. L., Annunziato, R. A., Burgard, D., Daníelsdóttir, S., Shuman, E., Davis, C., & Calogero, R. M. (2014). The Weight-Inclusive versus Weight-Normative Approach to Health: Evaluating the Evidence for Prioritizing Well-Being over Weight Loss. Journal of Obesity, 2014, Article 983495.

Ulian, M. D., Aburad, L., da Silva Oliveira, M. S., Poppe, A. C. M., Sabatini, F., Perez, I., ... & Baeza Scagliusi, F. (2018). Effects of Health at Every Size® interventions on health‐related outcomes of people with overweight and obesity: a systematic review. Obesity Reviews, 19(12), 1659–1666.

Vartanian, L. R., & Novak, S. A. (2011). Internalized societal attitudes moderate the impact of weight stigma on avoidance of exercise. Obesity, 19(4), 757–762.

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