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Resonanz lässt sich nicht bestellen

Titelbild für Resonanz lässt sich nicht bestellen

Teil 4 und Schlussstein der Reihe „Besser leben: Vier Versprechen und ein Hunger“. Am Ende des dritten Teils stand eine Frage offen, und sie trägt diesen letzten Beitrag: Sehnt Jonas* sich in Wahrheit gar nicht nach Stille – die ihm eine Spritze verschaffen könnte –, sondern nach Antwort? Nach einer Weise, in der Welt zu sein, die man nicht herstellt, sondern geschehen lässt? Es gibt für diese Weise einen Namen. Ich habe ihn die ganze Reihe hindurch vermieden, weil er hierher gehört: an den Schluss.


„Die Uhr liegt in der Schublade“

Ein Jahr ist vergangen. Ein Jahr, in dem Jonas* und ich uns alle zwei Wochen gegenübersaßen, den Beistelltisch zwischen uns, der anfangs wie ein Verhandlungstisch wirkte und irgendwann keiner mehr war. Gut zwei Dutzend Stunden – und die wenigsten davon handelten von Ernährung. Wir sprachen über seinen Vater, über die Angst, im Job ersetzbar zu sein, über die Frage, was von ihm bliebe, wenn er einmal aufhörte zu leisten. Das ist kein Abschweifen vom Thema; das ist das Thema. Mein Professor und Freund, der Ernährungspsychologe Christoph Klotter, hat dafür einen Satz geprägt, den ich an anderer Stelle ausführlich entfaltet habe: „Ernährungsberatung ist niedrigschwellige Psychotherapie.“ Wer über sein Essen spricht, spricht über sein Leben. Der Teller ist nur die Tür.

In unserer letzten gemeinsamen Stunde erzählt Jonas mir von seinem Küchentisch – nicht als Erfolgsmeldung, eher beiläufig, so wie man von etwas erzählt, das man selbst noch nicht ganz fassen kann. Abends stünden dort jetzt oft Brot, ein Stück Käse, ein paar Tomaten aus dem Garten der Nachbarin. An der Kühlschranktür hänge, mit einem Magneten schief befestigt, die Zeichnung seiner siebenjährigen Tochter – drei Strichmenschen, ein zu großer Hund, eine Sonne mit Gesicht. Sie hänge schief, sagt er, und er richte sie nicht mehr gerade. „Früher hätte mich das wahnsinnig gemacht.“

Und die Uhr? Die Uhr, die zu Beginn des letzten Jahres durch unsere Gespräche gegeistert war – erst als Trophäe, dann als Richter, dann als Taktgeber –, „liegt in der Schublade“, sagt er, und es klingt, als überrasche ihn das selbst. „Ich messe noch manches. Den Schlaf, wenn ich neugierig bin. Die Läufe. Aber ich frage jetzt zuerst: wofür. Und wenn ich keine Antwort finde, dann lasse ich es.“ Er esse abends, ohne die Kurve zu beobachten – nicht diszipliniert achtsam, nicht als Übung, sondern einfach, weil das Handy in einem anderen Zimmer liege.

Was Jonas da aufzählt, sind lauter Dinge, die er nicht hergestellt hat: die Tomaten aus dem Nachbargarten, die schiefe Kinderzeichnung, ein Abend, der einfach geschieht. Sein Leben, höre ich heraus, dreht sich um andere Achsen als vor einem Jahr – weniger um Kontrolle, mehr um eine Verbundenheit mit Menschen, mit Dingen, mit dem Leben als Ganzem, die man, wenn man so will, spirituell nennen darf.

Es ist kein großer Durchbruch, kein Heureka-Moment von dem er da erzählt. Es ist nur ein Abendbrot. Aber genau das ist der Punkt.

Vor einem Jahr hatte derselbe Mann in genau diesem Raum sein Handy mit dem Dashboard auf meinen Schreibtisch gelegt und gesagt, sein biologisches Alter sei 36, aber er fühle sich wie achtzig. Wir sind seither drei großen Versprechen begegnet. Das erste wollte den Tod besiegen und scheiterte an der Endlichkeit. Das zweite wollte den Körper lückenlos durchschauen und enteignete ihn der Fähigkeit, sich selbst zu spüren. Das dritte wollte den Lärm im Kopf stillstellen und stieß darauf, dass Ruhe sich nicht herstellen lässt. Dieser letzte Beitrag handelt vom vierten Versprechen – dem ältesten, harmlosesten und, wie sich zeigen wird, tückischsten von allen. Es lautet nicht länger, nicht genauer, nicht ruhiger, sondern: bewusster. Es verspricht, dass wir endlich wieder wirklich genießen lernen. Und es ist der vollkommene Ort, um zu verstehen, was all diese Versprechen die ganze Zeit gemeinsam hatten.


I. Das harmloseste Versprechen

Man muss dem vierten Versprechen zugutehalten, dass es das Richtige will. Wo Longevity den Körper zum Bauprojekt macht, die Selbstvermessung ihn in Daten zerlegt und die Spritze den Hunger stilllegt, sagt der bewusste Genuss das scheinbar Gegenteilige: Halte inne. Schmecke. Sei da. Es klingt wie die Umkehr der ganzen Optimierungslogik, wie die Rückkehr zu dem, was Jonas am Anfang verloren hatte – zu dem Abendessen, das er im Stehen an der Küchenzeile hinunterschlang, das Handy in der Hand, um die Glukosekurve zu beobachten, und von dem er auf die Frage, wie es geschmeckt habe, nur sagen konnte: „Gut, glaube ich. Darauf habe ich nicht geachtet.“

Und doch ist gerade dieses Versprechen das gefährlichste, weil es sich am leichtesten verkleidet. Ein Longevity-Protokoll erkennt man an seinem Pillenturm. Eine Achtsamkeits-App, die dir sagt, du sollst „präsenter genießen“, sieht aus wie die Erlösung – und ist doch oft nur die letzte, raffinierteste Windung derselben Schraube. Ich habe im Beitrag über die Muße beschrieben, wie „achtsam genießen auf Knopfdruck“ zur nächsten Disziplin gerinnt, an der man scheitern und in der man besser werden kann. Hier will ich die Kehrseite dieser Kritik entfalten: nicht mehr, was der bewusste Genuss nicht ist, sondern was an seiner Stelle steht, wenn er gelingt. Denn es gibt ihn ja, den Moment, in dem ein Essen wirklich schmeckt, in dem einen etwas erreicht, das man nicht bestellt hat. Nur ist er kein Zustand, den man kontrollieren kann. Er ist ein Verhältnis. Und der beste Begriff, den die Gegenwart für dieses Verhältnis hat, stammt von einem Soziologen, der die ganze Reihe über im Hintergrund gewartet hat.

Doch bevor wir zu ihm kommen, lohnt ein Blick darauf, wie zuverlässig unsere Kultur genau dieses Verhältnis in ein Produkt verwandelt.


II. Wie der Genuss vereinnahmt wurde

Die Geschichte des bewussten Genießens ist, ironischerweise, eine Geschichte seiner fortschreitenden Verwertung. Sie beginnt als Widerstand. 1986 protestierte der italienische Journalist Carlo Petrini gegen die Eröffnung einer McDonald’s-Filiale an der Spanischen Treppe in Rom; drei Jahre später wurde daraus in Paris die internationale Slow-Food-Bewegung, mit einem Manifest, das dem Fast das Slow entgegenhielt: Zeit, Regionalität, Geschmack, das gemeinsame Mahl als kulturelle und politische Form. Das war, in seinem Kern, eine Absage an die totale Verwertung – ein Plädoyer dafür, dass Essen mehr ist als Betriebsstoff.

Man kann nachzeichnen, was aus diesem Impuls geworden ist. Aus der Bewegung wurde ein Lebensstil, aus dem Lebensstil ein Markt. „Achtsames Essen“, einst eine kontemplative Praxis, wurde zur App mit Erinnerungsfunktion und Fortschrittsbalken. Es entstanden „Genuss-Coachings“, die versprechen, das Genießen in acht Wochen zu erlernen, Retreats, auf denen man das langsame Kauen trainiert, Programme, die „bewussten Genuss“ als Baustein betrieblicher Gesundheitsförderung anbieten – damit die Belegschaft entspannter und also produktiver isst. Der amerikanische Managementforscher Ronald Purser hat diese Bewegung, in der die Achtsamkeit ihre subversive Spitze verliert und zum Werkzeug der Selbstoptimierung wird, auf einen treffenden Begriff gebracht: McMindfulness. Der Genuss, der eine Absage an die Verwertung sein sollte, wurde selbst verwertet. Er ist heute ein Kurs, den man belegt, eine Fähigkeit, die man sich aneignet, eine weitere Zeile auf der Liste dessen, was man an sich verbessern soll.

Und damit ist er, ganz leise, in genau die Logik zurückgekippt, aus der er befreien wollte. „Genieße bewusster“ ist, sobald es zur Anweisung wird, kein Ausweg aus der Optimierung, sondern ihre subtilste Form: die Aufforderung, sich hinzugeben – aber richtig, messbar, nachweisbar. Man kann jetzt beim Genießen versagen. Wer beim Essen prüft, ob er auch achtsam genug ist, schmeckt nicht das Essen, sondern die eigene Leistung. Es ist dieselbe Bewegung wie bei Jonas’ Schlaf-Score: Die Zahl, die den Zustand beschreiben sollte, stellt ihn her – und verdirbt ihn dabei.

Was also ist der gelingende Genuss, wenn er weder ein Zustand noch eine Fähigkeit ist? Hier hilft ein Begriff, den ich mir für diesen Schlussstein aufgehoben habe.

Resonanz – ein Antwortverhältnis, kein Zustand

Der Soziologe Hartmut Rosa ist uns in dieser Reihe schon mehrfach begegnet, aber immer nur als Diagnostiker der Beschleunigung – als der Denker, der beschrieben hat, warum wir alle immer weniger Zeit haben, obwohl wir immer schnellere Geräte besitzen. Das war seine kritische Seite. Doch Rosa hat der Beschleunigung einen positiven Gegenbegriff entgegengestellt, und diesem Begriff verdankt der ganze Schlussstein sein Fundament: die Resonanz.

Resonanz ist bei Rosa kein Gefühl und kein Zustand. Sie ist eine Weise, in Beziehung zur Welt zu stehen – ein „Antwortverhältnis“. In der Resonanz erreicht mich etwas (ein Mensch, eine Landschaft, ein Musikstück, ein Essen), es berührt mich, und ich antworte darauf, indem ich mich meinerseits berühren lasse und zurückwirke. Zwei Seiten sprechen, jede mit eigener Stimme. Genau deshalb, betont Rosa, ist Resonanz kein Echo: Im Echo höre ich nur mich selbst zurück, die Welt bleibt stumm. In der Resonanz antwortet mir ein Gegenüber, das ich nicht kontrolliere und dessen Antwort ich nicht kenne, bevor sie kommt.

Der Gegenbegriff zur Resonanz heißt bei Rosa Entfremdung: ein Verhältnis der Beziehungslosigkeit, eine Welt, die mir nichts mehr sagt, die kalt, stumm und zurückweisend geworden ist. Man muss diesen Begriff nur neben Jonas’ Ausgangslage legen, um zu erkennen, dass die ganze Reihe von einer einzigen Diagnose handelte. Ein Mann, der seinen Körper bis auf zwei Nachkommastellen kennt und nicht mehr weiß, wie sein eigenes Abendbrot schmeckt, lebt in einer entfremdeten Welt. Sein Dashboard zeigte ihm alles und ließ nichts mehr von der Welt an ihn heran. Die Uhr war das perfekte Instrument der Entfremdung: Sie schob sich zwischen ihn und jede Erfahrung und übersetzte sie in eine Kennzahl, ehe sie ihn erreichen konnte.

Ein Wort, zwei Bedeutungen: Rosa und Singer

Ich muss an dieser Stelle einem Missverständnis vorbeugen, das mir wichtig ist, weil es zwei Beiträge dieses Blogs berührt. Das Wort „Resonanz“ ist in der Psychologie besetzt – und dort meint es fast das Gegenteil dessen, was Rosa im Sinn hat. In meinem Beitrag Vom Verstehen zum Mitgefühl habe ich die Neurowissenschaftlerin Tania Singer zitiert, für die „Resonanz“ die Schmerzresonanz der Empathie bezeichnet: das ansteckende Mitschwingen mit dem Leid eines anderen, das, wenn ihm die Grenze fehlt, in empathischen Stress kippt und den Helfenden überflutet. Diese Schmerzresonanz treibt zur Entgrenzung – zum Verschwimmen der Grenze zwischen mir und dem anderen, bis ich nicht mehr weiß, wessen Gefühl ich fühle.

Rosas Resonanz ist strukturell das Gegenteil. Sie setzt die Grenze voraus. Zwei Pole, die verschmelzen, können nicht mehr aufeinander antworten; ein Ton, der im anderen aufgeht, erzeugt keine Resonanz, sondern Stille. Resonanz braucht, wie jeder Physiker weiß, zwei schwingungsfähige Körper, die getrennt bleiben und einander gerade darin bewegen. Was Singer als Gefahr beschreibt – das Auflösen der Grenze –, ist bei Rosa das Ende der Resonanz. Beide benutzen dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Dinge, und für diesen Beitrag gilt ausschließlich Rosas Bedeutung: nicht das Verschmelzen, sondern das Antworten über eine gewahrte Distanz hinweg. Rosa beschreibt das bildlich mit einem vibrierenden Draht zwischen Subjekt und Welt.


III. Die vier Bedingungen des Gelingens – am Esstisch

Wenn Resonanz ein Antwortverhältnis ist, dann lässt sich genau angeben, was geschehen muss, damit ein Essen mehr wird als Nahrungsaufnahme. In Rosas Analyse lassen sich vier Momente unterscheiden, an denen sich ein gelingendes von einem stummen Verhältnis zur Welt scheidet. Ich buchstabiere sie an der kleinsten Einheit durch, die uns allen noch täglich zur Verfügung steht: an der Mahlzeit.

Das erste ist die Affizierung. Etwas muss mich erreichen – der Duft, der aus der Pfanne aufsteigt, der erste Bissen, der schärfer, süßer, fremder ist, als ich erwartet hatte, die Wärme der Schale in den Händen. Affizierung heißt: Ich lasse mich anrühren, ich stelle mich der Erfahrung aus, statt sie im Vorhinein zu kennen. Genau das war Jonas verwehrt. Wer schon vor dem ersten Bissen weiß, wie viele Kohlenhydrate die Portion hat und was der Sensor gleich sagen wird, hat sich gegen jede Überraschung immunisiert. Die abgewogene Portion kann nichts mehr sagen; sie ist längst gedeutet, bevor sie den Mund erreicht. Affizierung ist das Gegenteil dieser Vorwegnahme – die Bereitschaft, berührt zu werden von etwas, dessen Wirkung nicht schon im Datenblatt steht.

Das zweite ist die selbstwirksame Antwort. Resonanz ist keine Einbahnstraße. Ich empfange nicht nur, ich antworte – ich koche, ich würze nach, ich reiche jemandem den Teller, ich sage, dass es schmeckt. Das Essen wirkt auf mich, und ich wirke zurück. Auch hier zeigt sich der Unterschied zur entfremdeten Haltung mit Schärfe: Der Vermesser reagiert zwar unablässig – er passt die nächste Mahlzeit an die Kurve an, er korrigiert die Makros –, aber er antwortet nicht, er steuert. Die Kurve gibt vor, er führt aus. In der Resonanz dagegen ist offen, was die Antwort auslöst; sie ist ein Spiel zwischen zwei Seiten, kein Regelkreis mit einem Sollwert.

Das dritte ist die Anverwandlung – und hier muss ich einen Gedanken vertiefen, den ich vor Jahren in meinem Beitrag über den Frieden nur angerissen habe. Dort beschrieb ich, mit Rosa, das Essen als eine Tätigkeit, in der wir uns „Welt einverleiben“, und unterschied den Weltentdecker, der sich die Welt anverwandelt, vom Welteroberer, der sie sich unterwirft. Was ich damals nur benannte, verdient jetzt seine ganze Tiefe. Anverwandlung meint mehr als Aneignung. Wer sich etwas bloß aneignet, macht die Welt zu seinem Besitz und bleibt dabei selbst unverändert – so wie Jonas sich seinen Körper als Datensatz aneignete, ohne dass ihn ein einziger dieser Datenpunkte je berührt hätte. In der Anverwandlung dagegen wird nicht nur die Welt zu mir, sondern ich mich zugleich zu ihr: Ich nehme etwas auf und komme dabei selbst verändert heraus. Das Essen wird buchstäblich zu meinem Körper – aber im gelingenden Fall verwandelt es auch mich, meine Stimmung, meine Erinnerung, mein Verhältnis zu dem, der mit mir am Tisch sitzt. Der Optimierer verschlingt die Welt, ohne sich von ihr rühren zu lassen. Der Resonierende lässt sich verwandeln. Das ist der ganze Unterschied zwischen Konsum und Resonanz, und er entscheidet sich nicht daran, was, sondern wie und warum gegessen wird.

Das vierte ist die Unverfügbarkeit – und mit ihr komme ich zur Pointe nicht nur dieses Beitrags, sondern der gesamten Reihe. Denn dies ist der Punkt, an dem Rosa selbst über die Resonanz hinausdenkt. In seinem schmalen, dichten Buch Unverfügbarkeit hat er gezeigt, dass Resonanz sich ihrem Wesen nach nicht herstellen lässt. Sie ist konstitutiv unverfügbar: Ich kann sie nicht erzwingen, nicht garantieren, nicht bestellen. Ich kann alles dafür tun – den Tisch decken, die Kerze anzünden, die richtige Musik auflegen, das Lieblingsgericht kochen – und es kann trotzdem sein, dass mich nichts erreicht, dass der Abend stumm bleibt. Und umgekehrt kann mich an einem grauen Dienstag ein Butterbrot so anrühren, dass mir die Tränen kommen, ohne dass ich wüsste, warum. Das ist keine Störung des Genusses. Das ist der Genuss. Etwas, das sich verfügbar machen ließe, wäre keine Resonanz mehr, sondern ein Mechanismus. Rosas schärfste Formel lautet: Gerade der Versuch, die Welt vollständig verfügbar zu machen – sie zu vermessen, zu beherrschen, zu optimieren –, lässt sie verstummen. Die totale Verfügbarkeit erzeugt die totale Entfremdung. Wer die Resonanz erzwingen will, vertreibt sie.

Resonanz lässt sich nicht bestellen. Man kann nur den Tisch decken und hoffen, dass etwas antwortet.

Der Kreis schließt sich

Und hier, an diesem vierten Moment, fällt das Licht rückwärts auf die ganze Reihe. Denn nun lässt sich sagen, was die vier Versprechen die ganze Zeit gemeinsam hatten. Länger leben, genauer leben, ruhiger leben, bewusster leben – das sahen aus wie vier verschiedene Wege. Sie sind vier Masken eines Mechanismus. Jedes dieser Versprechen wollte etwas verfügbar machen, das seinem Wesen nach unverfügbar ist. Longevity wollte den Tod verfügbar machen – die letzte Unverfügbarkeit überhaupt. Die Selbstvermessung wollte das Selbst verfügbar machen – wie es mir geht, sollte abfragbar werden statt gedeutet. Die Spritze wollte die Ruhe verfügbar machen – die Stille als wöchentliche Injektion. Und der bewusste Genuss will nun das Berührtwerden selbst verfügbar machen – die Resonanz als App, als Kurs, als Kompetenz.

Alle vier begehen denselben Fehler, und es ist kein moralischer, sondern ein logischer: einen Kategorienfehler. Sie behandeln das Unverfügbare, als wäre es verfügbar; sie wollen bestellen, was sich seinem Begriff nach nicht bestellen lässt. Man kann eine schlaflose Nacht so wenig zur guten Nacht machen, wie man das Berührtwerden zur Leistung, die Liebe zum Verdienst oder den Tod zur überwindbaren Krankheit machen kann. Das ist die serientragende Einsicht, auf die alles zulief: „Besser leben“ heißt nicht, eines dieser Versprechen endlich einzulösen. Es heißt, aufzuhören, das Leben für ein Projekt zu halten, das sich verfügbar machen ließe, wenn man es nur richtig anginge.

Diese Einsicht ist unbequem, weil sie nichts zu verkaufen hat. Aber sie ist kein Kulturpessimismus, und sie mündet nicht in Resignation. Denn dass das Wichtigste sich nicht herstellen lässt, ist zugleich die befreiendste Nachricht der ganzen Reihe. Sie nimmt uns eine Last ab, die niemand tragen kann: die Last, das Gelingen des eigenen Lebens produzieren zu müssen.

Was die Forschung dazu weiß – und die soziale Schärfe

Man könnte all das für philosophische Poesie halten, wäre da nicht eine erstaunlich handfeste Entsprechung in der Gesundheitsforschung. Ich habe in meinem Beitrag über die Salutogenese Aaron Antonovskys Begriff des Kohärenzgefühls beschrieben – die Grunderfahrung, dass die Welt verstehbar, handhabbar und vor allem bedeutsam ist. Von seinen drei Komponenten hielt Antonovsky die letzte, die Bedeutsamkeit, für die entscheidende: Ein Mensch kann viel Ungewissheit und Belastung tragen, solange sein Leben ihm als sinnvoll erscheint, als eines, in dem sich das Sich-Einlassen lohnt. Nichts anderes beschreibt Rosa mit der Resonanz: eine Welt, die antwortet, ist eine Welt, in der es sich zu leben lohnt. Die entfremdete Welt dagegen ist die stumme, sinnlose, in der man alles im Griff hat und nichts mehr etwas bedeutet – exakt Jonas’ Ausgangspunkt.

Und weil Resonanz kein rein privates Glück ist, hat sie eine soziale Schärfe, die ich nicht verschweigen will. Ein Antwortverhältnis braucht Voraussetzungen: Zeit, Sicherheit, ein Gegenüber. Wer drei Jobs hat, um die Miete zu zahlen, wird schwerer zur Resonanz finden als der, dem der Abend gehört. Ich habe schon im ersten Teil gezeigt, dass das, was Leben verlängert – Bindung und soziale Lage –, gratis und doch höchst ungleich verteilt ist. Für die Resonanz gilt dasselbe. Die gemeinsame, in Ruhe eingenommene Mahlzeit ist keine bloß private Empfehlung, sondern eine strukturelle Frage: Welche Tische decken wir als Gesellschaft, und für wen bleibt der Tisch leer? Ich habe darüber, was am gemeinsamen Essen jenseits der Nährwerte geschieht, an anderer Stelle geschrieben – über die Esskultur und die Tischgespräche, in denen ein Mahl zum Ort der Begegnung wird. Hier genügt der Hinweis, dass eine Kultur, die ihren Mitgliedern eher eine wöchentliche Spritze reicht als einen Tisch, an dem sie satt werden dürfen, ein Resonanzproblem hat, das keine App löst.

Zwei Streiflichter: Buber und Frankl

Zwei Denker, die lange vor Rosa dasselbe wussten, seien nur gestreift, weil sie den Gedanken beglaubigen. Der Religionsphilosoph Martin Buber – dem ich im Beitrag über den Frieden das „echte Vertrauen“ verdanke – hat 1923 die vielleicht dichteste Formel für das Antwortverhältnis geprägt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Buber unterschied das Ich-Es vom Ich-Du: Im Ich-Es behandle ich die Welt als Gegenstand, den ich erkenne, benutze, vermesse; im Ich-Du trete ich einem Gegenüber entgegen, das ich nicht habe, sondern dem ich begegne. Das Du, sagt Buber, lässt sich nicht besitzen; sobald ich es festhalte, benutze, durchschaue, ist es schon zum Es geworden. Jonas hatte seinen Körper, seine Nächte, sein Essen – lauter Es. Was ihm fehlte, war das Du: die Welt als etwas, dem man begegnet, nicht als etwas, das man abfragt.

Und Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat für das Verfügbarkeits-Paradox eine Denkfigur gefunden, die Rosas Pointe vorwegnimmt: Dem Glück, so Frankl, könne man ebenso wenig nachjagen wie dem Erfolg – es müsse sich vielmehr einstellen, als unbeabsichtigte Nebenwirkung eines Lebens, das sich an eine Aufgabe jenseits seiner selbst hingibt. Sinn lasse sich nicht geben und nicht machen, nur finden. Wer das Glück direkt anvisiert, verfehlt es; wer die Resonanz erzwingen will, vertreibt sie. Es ist derselbe Gedanke in zwei Sprachen.


IV. Ein Jahr, ein Kipp-Moment – die Arbeit mit Jonas

Wie kommt ein Mensch wie Jonas von der Entfremdung zur Resonanz? Ich möchte diese Frage ehrlich beantworten, und das heißt zuerst: Ich kann sie nicht vollständig beantworten. Denn das Entscheidende habe ich nicht getan.

Die Versuchung, der ich das ganze Jahr über widerstehen musste, war, Jonas die Resonanz zu verschreiben. Eine Übung, ein Ritual, ein „Genuss-Protokoll“. Aber das wäre der Widerspruch in sich gewesen, vor dem dieser ganze Beitrag warnt: Resonanz auf Rezept ist keine Resonanz. Meine Arbeit konnte nicht darin bestehen, den Funken zu erzeugen. Sie konnte nur darin bestehen, den Raum zu halten, in dem er vielleicht überspringt – so wie ich es im Beitrag über das Containing beschrieben habe: nicht füllen, sondern halten. Ich habe, im Bild dieses Beitrags, den Tisch gedeckt. Ob jemand kommt und ob etwas antwortet, lag nie in meiner Hand. Das ist die demütigende und zugleich entlastende Wahrheit meines Berufs: Ich stelle die Bedingungen her, unter denen Resonanz möglich wird. Herstellen kann ich sie nicht.

Und doch ist im Lauf dieses Jahres etwas geschehen, und ich will es nicht ins Ungefähre eines „irgendwann wurde es besser“ verschwinden lassen. Es gab einen Moment. Jonas hat ihn mir Wochen später erzählt, fast beiläufig, so wie die wichtigen Dinge erzählt werden. Es war der Geburtstag seiner Tochter. Er hatte, natürlich, den Kuchen geplant – Proteingehalt optimiert, Zuckeralternative recherchiert, die zu erwartende Glukoseantwort im Kopf. Er stand mit dem Handy in der Hand am Tresen, als seine Tochter ihm ein Bild hinhielt, das sie gemalt hatte: die Familie am Tisch. Sie hatte ihn gemalt, wie er dasteht – mit einem schwarzen Rechteck vor dem Gesicht. „Das ist dein Handy“, sagte sie, ohne Vorwurf, einfach erklärend, „damit du uns sehen kannst.“

Er hat mir gesagt, dass er in diesem Moment nicht wusste, wo er hinschauen sollte. Nicht, weil es ein Vorwurf war – es war keiner. Sondern weil ein siebenjähriger Mensch ihm gerade, in einem Satz, die Diagnose gestellt hatte, für die ich ein Jahr und drei Fachbegriffe gebraucht hatte. Er legte das Handy weg. Er aß ein Stück Kuchen, zu süß, zu klebrig, „völlig unoptimiert“, wie er sagte, und er konnte mir hinterher nicht sagen, was der Sensor an diesem Nachmittag angezeigt hatte. Aber er konnte mir das Gesicht seiner Tochter beschreiben, als er das Handy weglegte. Das ist Resonanz. Sie kam nicht, weil er sie herstellte. Sie kam, als er aufhörte, etwas anderes herzustellen.

Ich erzähle das durchaus als Heilungsgeschichte – nur nicht als eine, die in vollständiger Gesundung endet. Jonas ist nicht geheilt, wenn man darunter einen erreichten Endzustand versteht; so gebraucht, wäre das Wort eine Beleidigung der Wahrheit. Er misst weiter. Der Sensor sitzt an manchen Wochen wieder am Arm, die Uhr wandert aus der Schublade und zurück. Aber Heilung, wie Antonovsky sie verstand, ist ohnehin kein Zustand, den man erreicht, sondern eine Richtung, in die man sich bewegt. Gesundheit und Krankheit sind bei ihm keine Gegensätze, sondern die Pole eines Kontinuums, auf dem wir uns ein Leben lang hin- und herbewegen – niemand steht je ganz auf der einen Seite. Auf diesem Kontinuum hat Jonas sich ein Stück verschoben, spürbar in Richtung Gesundheit: nicht durch bessere Werte, sondern durch einen Zuwachs an dem, was Antonovsky Bedeutsamkeit nannte – die Erfahrung, dass das eigene Leben ein sinnvolles ist. Was sich geändert hat, ist deshalb kein Verhalten, sondern eine Reihenfolge: Vor der Zahl kommt jetzt die Frage, wofür sie gut sein soll – und wenn keine Antwort kommt, darf die Messung wegfallen. Das ist alles. Es ist unspektakulär, es ist widerruflich, und es ist der ganze Fortschritt. Geändert hat sich die Reihenfolge der Fragen, nicht das Gerät.

In diesem Licht kippt sogar ein Urteil, das in meinem Beruf sonst festzustehen scheint. Der Kuchen auf dem Geburtstag seiner Tochter – zu süß, zu klebrig, „völlig unoptimiert“ – wäre auf jedem Nährwert-Dashboard ein roter Balken, ein Schritt zum kranken Pol. Salutogenetisch gelesen ist er das Gegenteil. Denn dieser Kuchen wurde nicht gegessen, um etwas zu erreichen, sondern um dabei zu sein: bei seiner Tochter, am Tisch, in einem Moment, der keiner Kurve gehörte. Ein Stück Kuchen, das schmeckt, weil es bedeutsam ist, bewegt einen Menschen weiter in Richtung Gesundheit als jedes perfekt dosierte Protein, das ihn nicht erreicht. Der „viel zu süße Kuchen“ ist in dieser Geschichte kein Symbol der Krankheit, sondern – so paradox es klingt – eines der Gesundheit.

An diesem Punkt schließt sich für mich auch der Kreis zu dem, was ich für die Berufsmaxime meiner Arbeit halte. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, dass im Wort Lebensmittel das Mittel zum Leben steckt – ein Werkzeug, das einen Zweck braucht, und der Zweck heißt: Leben. Ein Mittel, dessen Zweck unklar geworden ist, wird sinnlos, so präzise es auch dosiert sein mag. Genau das war Jonas’ ganze Not, vom ersten Satz an: „Ich optimiere alles, damit ich länger lebe. Ich habe nur vergessen, wofür.“ Die Wendung dieses Jahres bestand nicht darin, dass er besser misst. Sie bestand darin, dass die Frage nach dem Wofür ihren Platz zurückbekommen hat – vor allem anderen.


V. Offene Synthese: Was sich nicht bestellen lässt

Ich beende diese Reihe ohne Cliffhänger, weil es nichts mehr aufzuschieben gibt. Aber ich beende sie auch ohne Rezept, ohne die fünf Schritte zum resonanten Leben, ohne den Trost, dass jetzt alles gut wird. Das wäre der letzte, subtilste Verrat an allem, was hier gesagt wurde. Wer Ihnen am Ende eines solchen Textes eine Methode verkauft, hat den Text nicht verstanden.

Was bleibt, ist keine Anleitung, sondern eine Umkehrung. Am Anfang stand Jonas’ Satz: „Ich optimiere alles, damit ich länger lebe – ich habe nur vergessen, wofür.“ Am Ende steht seine leise Wendung: Erst das Warum, dann das Wie; erst die Frage, dann die Zahl; und wo keine Antwort kommt, darf das Messen ruhen. Länger, genauer, ruhiger, bewusster – vier Versprechen, die alle dasselbe wollten: das Unverfügbare verfügbar machen. Und ein Leben, das aufhört, sich an diesem Wollen abzuarbeiten, wird nicht ärmer, sondern zum ersten Mal wieder ansprechbar. Denn das Unverfügbare ist nicht das, was uns fehlt. Es ist das, was uns überhaupt etwas bedeuten kann. Nur was ich nicht herstellen kann, kann mich wirklich erreichen.

Deshalb schließe ich nicht mit einer Aufgabe, sondern mit einer Frage, und ich meine sie ernst, nicht rhetorisch:

Wann haben Sie zuletzt zugelassen, dass Sie etwas berührt, das Sie nicht hergestellt, nicht optimiert, nicht verdient hatten?

Vielleicht war es ein Essen. Vielleicht ein Gespräch, das sich nicht planen ließ. Vielleicht ein Licht am Nachmittag, das durchs Fenster fiel, als Sie gerade an nichts dachten. Was immer es war – Sie haben es nicht bestellt. Es ist Ihnen geschehen. Und die einzige Vorbereitung, die es dafür gibt, ist, den Tisch zu decken und die Hände frei zu haben, wenn es kommt.

Das gilt für den Einzelnen, und es gilt für uns alle. Denn am Ende ist die Frage nach der Resonanz auch eine gesellschaftliche: Welche Tische decken wir füreinander? Wie viel Zeit, wie viel Sicherheit, wie viele gemeinsame Mahlzeiten lassen wir zu – und wem gestehen wir sie zu? Eine Kultur, die ihren Mitgliedern immer neue Mittel verkauft, das Leben verfügbar zu machen, und ihnen dabei die Tische wegnimmt, an denen es geschehen könnte, verkauft ihnen die Krankheit als Heilmittel. Vielleicht beginnt „besser leben“ – für den Einzelnen wie für die Gesellschaft – nicht mit einem weiteren Mittel, sondern mit der Einsicht, dass das Beste kostenlos, unverfügbar und für alle da ist. Man muss ihm nur den Platz lassen, an den es kommen kann.


Schlussgedanke

Die Uhr liegt in der Schublade. Nicht im Müll – Jonas ist kein Bekehrter, und diese Reihe erzählt keine Bekehrung. Sie liegt einfach dort, wo Werkzeuge liegen, wenn man sie gerade nicht braucht: griffbereit, aber nicht am Handgelenk. Zwischen ihm und der Welt liegt kein Display mehr, das jede Erfahrung übersetzt, ehe sie ihn erreicht. Es ist nur ein Brot auf dem Tisch, ein Stück Käse, ein paar Tomaten, die Zeichnung eines Kindes an der Kühlschranktür.

Vier Versprechen haben wir durchschritten, und keines hat gehalten, was es versprach – weil keines halten konnte, was es versprach. Der Tod ist nicht zu besiegen, das Selbst nicht zu vermessen, die Ruhe nicht herzustellen, die Resonanz nicht zu bestellen. Das klingt nach vier Niederlagen. Es ist der Anfang einer Befreiung. Denn ein Mensch, der aufhört, das Unverfügbare verfügbar machen zu wollen, hat die Hände frei – für das, was ihm ohnehin nur geschehen kann. Es ist kein Durchbruch, was da an Jonas’ Küchentisch geschieht. Es ist nur ein Abendbrot.

Aber genau das ist der Punkt.


* Name geändert. Jonas ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


In dieser Serie


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Antonovsky, A. (1997 [1987]). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag.
  • Buber, M. (2021 [1923]). Ich und Du. Ditzingen: Reclam.
  • Frankl, V. E. (2018 [1946]). … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel.
  • Petrini, C. (2003). Slow Food. The Case for Taste. New York: Columbia University Press.
  • Purser, R. (2019). McMindfulness. How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality. London: Repeater Books.
  • Rosa, H. (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Rosa, H. (2018). Unverfügbarkeit. Wien/Salzburg: Residenz Verlag.
  • Singer, T. & Bolz, M. (Hrsg.) (2013). Mitgefühl in Alltag und Forschung. Leipzig: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

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