Teil 2 der Reihe „Besser leben: Vier Versprechen und ein Hunger". Im ersten Teil hatte Jonas* verstanden, dass er den Tod nicht aufhalten kann – und daraus den Schluss gezogen, dann wenigstens lückenlos wissen zu wollen, wie es ihm geht. Dieser Beitrag handelt von diesem zweiten, viel intimeren Versprechen: der vollkommenen Selbstkenntnis durch Vermessung. Und von der Frage, die am Ende des ersten Teils offen blieb: Ist lückenloses Wissen über mich noch ein Wissen, das ich habe – oder schon eines, das mich hat?
„Erholung: 41"
Die Uhr lag wieder zwischen uns auf dem Tisch, an derselben Stelle, an der beim ersten Mal das Handy mit dem Dashboard gelegen hatte. Aber sie lag anders da. Vor ein paar Wochen hatte Jonas* sie vorgelegt wie ein Beweisstück – eine Trophäe, biologisches Alter 36, ein Mann, der gewinnt. Heute hatte er sie abgenommen wie etwas, das ihn beobachtet.
„Ich bin neulich richtig gut aufgewacht", sagte er. „Ausgeschlafen. Klar im Kopf. Ich habe mich auf den Tag gefreut – das passiert mir nicht oft." Er machte eine Pause, in der man das Aber schon hören konnte. „Dann habe ich auf die Uhr geschaut. Erholungswert: 41 von 100. Unruhiger Schlaf, wenig Tiefschlaf, hohe Belastung. Und es war –" er suchte nach einem Wort und fand ein erstaunlich genaues – „es war, als würde mir jemand die Erlaubnis entziehen. Ich habe das Training abgesagt. Ich habe in der ersten Besprechung gesagt, ich sei heute nicht ganz auf der Höhe. Gegen Mittag war ich es dann wirklich nicht mehr."
Ich fragte ihn, wie die Nacht denn gewesen sei. Nicht laut der Uhr – für ihn.
Die Pause, die folgte, war länger als die erste. Dann sagte Jonas den Satz, der über diesem Beitrag steht, und er sagte ihn ohne jede Ironie:
„Die Uhr weiß, wie ich geschlafen habe. Aber ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, was sie sagt."
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu erfassen, was in ihm geschehen ist. Ein erwachsener, kluger, körperlich kerngesunder Mann hatte die Hoheit darüber, wie es ihm geht, an ein Gerät abgegeben. Nicht ergänzt – abgegeben. Die Uhr, die im ersten Teil dieser Reihe noch Trophäe war, ist zum Richter geworden: Sie stellt nicht mehr aus, was Jonas erreicht hat, sie urteilt jeden Morgen darüber, wer er heute sein darf. Dieser Beitrag handelt davon, wie es dazu kommt – und warum das Versprechen, das dahintersteht, so viel klüger klingt, als es ist.
I. Selbsterkenntnis durch Zahlen: eine kleine Landkarte der Selbstvermessung
Das Versprechen hat ein Gründungsdatum und ein Motto. 2007 prägten die beiden Wired-Redakteure Gary Wolf und Kevin Kelly in San Francisco den Begriff „Quantified Self"; 2008 trafen sich rund dreißig Menschen in Kellys Wohnzimmer zum ersten „Show & Tell", bei dem jede:r die eigenen Daten vorstellte. Das Motto der Bewegung lautet bis heute: Self Knowledge Through Numbers – Selbsterkenntnis durch Zahlen. Wolf hat die Logik dahinter 2010 im New York Times Magazine so ehrlich formuliert, dass man ihn ausführlich zitieren muss: Wir benutzen Zahlen, um Autos zu tunen, chemische Reaktionen zu analysieren, Wahlausgänge vorherzusagen, Fließbänder zu optimieren – „warum also nicht Zahlen auf uns selbst anwenden?" Und, noch aufschlussreicher: Viele Selbstvermesser:innen, schreibt Wolf, tracken über ihre ursprüngliche Frage hinaus einfach weiter, weil sie glauben, ihre Zahlen bärgen Geheimnisse – „auch Antworten auf Fragen, die sie sich noch gar nicht gestellt haben".
Man sollte bei diesem Motto einen Moment verweilen, denn es ist kühner, als es klingt. Self Knowledge Through Numbers eignet sich – ob mit Absicht oder ohne – die älteste Selbstaufforderung des Abendlandes an. Am Apollontempel von Delphi stand γνῶθι σεαυτόν, Erkenne dich selbst; Sokrates machte daraus den Anfang der Philosophie und erklärte das ungeprüfte Leben für nicht lebenswert. Doch die delphische Weisung meinte nie ein Anhäufen von Daten über sich. Sie meinte beinahe das Gegenteil: ein lebenslanges Sich-Befragen und das Wissen um das eigene Maß – auch darum, ein sterblicher Mensch zu sein und kein Gott. Sie war, wie ihr Schwesterwort nichts im Übermaß, eine Warnung vor der Selbstüberhebung. Und genau hier vollzieht das Gründungsmotto seine leise Umkehrung: Wo das Orakel verlangte, dass ich mich frage, liefert der Tracker die Antwort, ehe ich die Frage überhaupt gestellt habe. Aus dem Erkenne dich selbst ist ein Vermesse dich selbst geworden – und das deutsche Wort hört noch mit, wovor die Griechen warnten: Sich zu vermessen heißt zweierlei – sich zu messen und sich zu überheben.
Was damals eine Nische für Ingenieure war – „allgegenwärtiges Self-Tracking ist ein Traum von Ingenieuren", räumte Wolf selbst ein –, ist heute der Normalfall. Nach einer Erhebung der American Academy of Sleep Medicine haben 2025 fast die Hälfte der US-Amerikaner:innen (48 Prozent) im zurückliegenden Jahr ein Gerät zur Schlafüberwachung genutzt; zwei Jahre zuvor waren es noch 35 Prozent. In Deutschland trägt laut Bitkom mehr als ein Drittel der Bevölkerung eine Smartwatch, bei den 16- bis 29-Jährigen fast zwei Drittel – und 72 Prozent der Deutschen halten detaillierte Körperdaten für sinnvoll, um Krankheiten vorzubeugen. Die Vermessung ist keine Subkultur mehr. Sie ist die Voreinstellung.
Und die Industrie liefert. Der finnische Oura-Ring, dessen vierte Generation im Oktober 2024 erschien, hat sich inzwischen über fünfeinhalb Millionen Mal verkauft – mehr als die Hälfte davon allein seit 2024 – und wurde zuletzt mit rund elf Milliarden Dollar bewertet; sein Aushängeschild ist der „Readiness Score", eine einzige Zahl zwischen 0 und 100, die jeden Morgen aus Herzratenvariabilität, Ruhepuls, Körpertemperatur und Schlafarchitektur errechnet, wie bereit man für den Tag ist. Der Konkurrent WHOOP stellte im Mai 2025 seine fünfte Generation vor, ausdrücklich positioniert für „health and longevity" – mit einem neuen Feature namens „Healthspan", das aus neun Kennzahlen ein „physiologisches Alter" („WHOOP Age") und ein „Alterungstempo" („Pace of Aging") berechnet. Wer den ersten Teil dieser Reihe gelesen hat, erkennt die Pointe: Die Verschiebung von der Lebensspanne zur Healthspan, die dort das große Versprechen rettete, ist binnen eines Jahres zum Produktfeature geronnen. Das Altern hat jetzt eine Wochenzahl am Handgelenk.
Die vielleicht bemerkenswerteste Front aber ist die des Blutzuckers. Im März 2024 gab die amerikanische Zulassungsbehörde FDA mit dem Dexcom Stelo erstmals in ihrer Geschichte einen Glukose-Biosensor für den rezeptfreien Verkauf frei – ausdrücklich auch für Menschen ohne Diabetes; im Sommer folgte Abbott mit dem „Lingo", einem reinen Lifestyle-Sensor auf Basis der bewährten Diabetestechnik. In Deutschland brauchte es diesen Dammbruch gar nicht: Hier konnten Stoffwechselgesunde die Sensoren immer schon als Selbstzahler tragen, und Anbieter vermarkten sie seit Jahren als Fenster in den eigenen Stoffwechsel. Der Sensor an Jonas' Oberarm, der bei unauffälligen Nüchternwerten Tag und Nacht seine Glukosekurve zeichnet, ist also kein exotisches Einzelstück. Er ist die Speerspitze eines Marktes, der ein Organsystem nach dem anderen in Echtzeitdaten übersetzt.
So weit die Landkarte. Sie zeigt eine Industrie, die exakt das verkauft, was ihr Gründungsmotto verspricht: Selbsterkenntnis durch Zahlen. Die Frage dieses Beitrags ist nicht, ob die Geräte beeindruckend sind. Das sind sie. Die Frage ist, ob sie liefern, was auf dem Etikett steht – und was sie stattdessen liefern, wenn nicht.
II. Orthosomnie: wenn die Zahl den Schlaf verdirbt
Beginnen wir mit dem am besten dokumentierten Fall, in dem das Versprechen kippt: dem Schlaf.
2017 beschrieben die Schlafforscherin Kelly Baron und ihre Kolleginnen im Journal of Clinical Sleep Medicine eine neue Sorte von Patient:innen: Menschen, die eine Schlafstörung bei sich diagnostiziert hatten – nicht, weil sie sich unausgeschlafen fühlten, sondern weil ihr Tracker ihnen leichte, unruhige oder zu kurze Schlafphasen anzeigte. Die Autorinnen prägten dafür einen Begriff, der es seither in die Lehrbücher geschafft hat: Orthosomnie, das perfektionistische Streben nach dem richtigen, dem idealen Schlaf – analog zur Orthorexie, dem zwanghaften Streben nach dem richtigen Essen.
Ein Fall aus dieser Studie ist so aufschlussreich, dass ich ihn ausführlich erzähle. Eine Patientin – im Papier heißt sie „Ms. B" – kam wegen ihrer schlechten Tracker-Werte ins Schlaflabor. Die Polysomnographie, der Goldstandard der Schlafmedizin mit Hirnstrom-, Augen- und Muskelmessung, ergab: unauffälliger Befund, sogar reichlich Tiefschlaf. Man teilte ihr das mit. Ihre Antwort ist der vielleicht dichteste Satz, der je über unser Thema gesagt wurde: „Warum sagt mein Fitbit dann, dass ich schlecht schlafe?"
Hören wir, was hier geschieht. Eine Frau liegt verkabelt in einem Labor, umgeben von der genauesten Messtechnik, die die Medizin für den Schlaf besitzt, und ihr eigenes gelebtes Empfinden hat in diesem Streit gar keine Stimme mehr – es stehen nur noch zwei externe Autoritäten gegeneinander, das Labor und das Armband. Und das Armband gewinnt. Die Forscherinnen notierten trocken, dass die Überzeugungen ihrer Patient:innen selbst durch objektive Messungen nicht zu erschüttern waren. Inzwischen gibt es zu dem Phänomen erste Prävalenzschätzungen – je nach Strenge der Kriterien zwischen drei und vierzehn Prozent – und seit 2025 sogar ein validiertes Messinstrument, die Bergen-Orthosomnie-Skala, die übrigens unter anderem mit Perfektionismus und Gesundheitsangst korreliert. Die Vermessung des Schlafs hat eine eigene Störung des Schlafs hervorgebracht.
Wie mächtig die Zahl über das Befinden ist, zeigt ein Experiment, das älter ist als die Tracker-Welle. 2014 erzählten die Psychologinnen Draganich und Erdal ihren Versuchspersonen nach einer Nacht, man habe ihre Schlafqualität gemessen – und teilte ihnen per Zufall mit, sie hätten überdurchschnittlich oder unterdurchschnittlich geschlafen. Das Ergebnis: Nicht der selbstberichtete Schlaf, sondern die zugewiesene Schlafqualität sagte die kognitive Leistung in den anschließenden Tests vorher. Wer hörte, er habe schlecht geschlafen, dachte schlechter – unabhängig davon, wie er geschlafen hatte. 2018 wiederholte ein Team um Gavriloff das Prinzip mit gefälschtem Tracker-Feedback bei Menschen mit Schlafstörungen: Wer morgens eine erfundene schlechte Schlafeffizienz aufs Display bekam, war den Tag über messbar weniger wach und deutlich erschöpfter. Jonas' abgesagter Tag ist also kein Anekdötchen. Er ist ein replizierter Befund: Der Score beschreibt den Tag nicht nur. Er stellt ihn her.
An dieser Stelle erwartet man nun die Abrechnung mit der Messgenauigkeit, und ich will sie der Vollständigkeit halber in einem Absatz erledigen – nicht mehr. Ja, die Genauigkeit ist ernüchternder als die Werbung: In der bekanntesten Validierungsstudie aus Stanford erreichte beim Kalorienverbrauch kein einziges getestetes Armband einen Fehler unter zwanzig Prozent, die Spanne reichte von 27 bis 93 Prozent. Consumer-Schlaftracker erkennen zwar zuverlässig, dass jemand schläft, aber Wachphasen und Schlafstadien nur unbeständig – just die Tiefschlaf-Minuten, über die Jonas' Uhr so selbstbewusst urteilt, gehören zum Unsichersten, was sie ausgibt. Eine sportmedizinische Untersuchung der GOTS fand 2025 bei zehn gängigen Smartwatches Distanzabweichungen von bis zu 17 Prozent und Herzfrequenzmessungen, die bei einzelnen Sportler:innen schlicht versagten. Und die Glukosesensoren an gesunden Armen überschätzen die Blutzuckerwerte systematisch – eine randomisierte Studie der Universität Bath bezifferte die Überschätzung der „Zeit über dem Schwellenwert" auf bis zu 400 Prozent und sah zu, wie ganze Früchte als glykämisch bedenklich eingestuft wurden. Aber – und das ist mir wichtiger als jede dieser Zahlen – ich mache die Ungenauigkeit ausdrücklich nicht zu meinem Hauptargument. Denn die Genauigkeitskritik enthält ein gefährliches Zugeständnis: dass alles in Ordnung wäre, wenn die Geräte nur präzise genug mäßen. Das Gegenteil wird sich zeigen. Je genauer die Uhr misst, desto vollständiger wird das Problem, um das es hier geht.
III. Die zwei Umkehrungen – und ein Name für das, was da geschieht
Um dieses Problem scharf zu stellen, hilft ein Vergleich mit zwei älteren Werkzeugen der Selbstbeobachtung – beide aus meiner eigenen Praxis, beide auf den ersten Blick Verwandte der Smartwatch. Der Unterschied liegt nicht in der Technik. Er liegt in der Richtung.
Das erste Werkzeug ist das Ernährungstagebuch. Wir arbeiten damit seit Jahren, und zwar ausdrücklich nicht als Messinstrument, sondern als Aufschlag zur Selbstreflexion: Es fragt neben dem „Was" vor allem nach dem „Wie" und „Warum" des Essens – und selbst dort, wo es so etwas wie Messwerte erhebt, etwa den Sättigungsgrad, ist das Messinstrument der eigene Leib. Entscheidend ist die Grammatik des Tagebuchs: Es stellt Fragen, auf die ich antworte, und liefert Aufzeichnungen, die ich deute. Die schreibende Person bleibt Autorin ihres Essverhaltens. Die Smartwatch dreht diese Grammatik exakt um. Sie fragt nichts; sie protokolliert lückenlos und deutet selbst. Beim Tagebuch deute ich meine Aufzeichnungen – beim Gerät deuten die Aufzeichnungen mich.
Das zweite Werkzeug ist die Arbeit an Hunger und Sättigung, wie sie das intuitive Essen ins Zentrum stellt. Deren Kern ist das Vertrauen auf die intrinsischen Signale des Körpers – die Interozeption, dieses leise Gespräch zwischen Magen, Darm und Gehirn, das bei vielen Menschen von Diätregeln, Uhrzeiten und Werbung längst übertönt worden ist. In der Therapie brauchen Menschen oft Monate, um diese verschütteten Signale wieder zu hören. Der Glukosesensor am Arm eines Gesunden ist, strukturell betrachtet, das genaue Gegenteil dieser Arbeit: ein Anti-intuitives-Essen-Gerät. Er ersetzt das Signal von innen durch eine Kurve von außen. Man isst nicht mehr, wie es sich anfühlt – man isst so, dass die Kurve flach bleibt. Dabei ist der Anstieg des Blutzuckers nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit keine Störung, sondern schlicht Physiologie; Fachleute wie die Oxforder Diabetesforscherin Nicola Guess warnen inzwischen ausdrücklich davor, dass die Dauerbeobachtung bei Gesunden Ängste ums Essen und restriktive Muster fördert. Und die Präzisions-Erzählung, die das alles rechtfertigen soll – sie beruft sich auf den realen Befund, dass verschiedene Menschen auf dieselbe Mahlzeit erstaunlich verschieden reagieren (Zeevi et al. 2015) –, wankt an ihrer entscheidenden Stelle: Eine Studie mit dem schönen Titel „Imprecision nutrition?" fand 2025, dass die Glukoseantwort desselben Menschen auf die identische, wiederholte Mahlzeit ungefähr so stark schwankt wie seine Antworten auf völlig verschiedene Mahlzeiten. Der Sensor liefert also keine verlässliche persönliche Wahrheit. Er liefert ein Rauschen mit Autoritätsanspruch – und erzeugt das Problem, das zu lösen er vorgibt: Er zeigt einem gesunden Menschen dessen normale Physiologie als Befund an.
Beide Umkehrungen haben dieselbe Struktur, und ich möchte ihr einen Namen geben, weil sie der Kern dieses Beitrags ist: die Delegation der Körperautorität. Ich meine damit den schleichenden Vorgang, durch den die letzte Instanz in der Frage, wie es mir geht, vom eigenen Empfinden auf ein Gerät übergeht. Am Anfang ergänzt die Zahl das Gefühl. Dann kalibriert sie es. Dann ersetzt sie es. Am Ende steht ein Mensch, der sein Befinden nicht mehr wahrnimmt, sondern abfragt – Jonas an seinem guten Morgen, der auf das Display schaut wie auf einen Bescheid. In meinem Beitrag über den goldenen dritten Weg habe ich beschrieben, wie der Kalorienzähler zum Aufseher und das Wiegen zum täglichen Appell wird, und von der Disziplin gesagt: Sie war nie meine, sie war geliehen. Die Smartwatch treibt das eine Stufe weiter. Geliehen ist jetzt nicht mehr nur die Disziplin. Geliehen ist die Wahrnehmung selbst.
IV. Der Richter am Handgelenk: eine Grenzziehung in vier Schritten
Nun könnte man einwenden: Na und? Menschen haben schon immer Instanzen befragt, um sich zu verstehen – Priester, Ärztinnen, Horoskope, Waagen. Was genau ist an dieser Delegation eigentlich falsch? Die Frage verdient eine sorgfältige Antwort, und ich gehe sie in vier Schritten – einem psychologischen, einem soziologischen, einem politischen und einem philosophischen.
Der psychologische Schritt. Ich habe in meinem Essay über das Containing beschrieben, was Menschen füreinander tun, wenn es gelingt: Sie nehmen ein rohes, unaushaltbares Gefühl auf, verdauen es und geben es in denkbarer Form zurück. Ich habe dort auch einen Satz über die Arbeitswelt geschrieben, der sich nun als Satz über Jonas erweist: Ein Schrittzähler verdaut keine namenlose Angst. Denn genau das ist die psychische Funktion, die Jonas' Uhr übernommen hat. Was sie für ihn hält, ist die leise, nie ganz zum Schweigen zu bringende Ungewissheit des Leibes und des Lebens – bin ich gesund? war die Nacht gut? stimmt etwas nicht mit mir? muss ich bald sterben –, jene Grundangst, die früher Mütter, Freunde, Hausärztinne und Therapeutinnen gehalten haben. Die Uhr nimmt diese Ungewissheit jede Sekunde entgegen. Aber sie verdaut sie nicht und gibt nichts Gedeutetes zurück; sie gibt ein Urteil zurück, eine Zahl, an der morgen wieder gezweifelt werden darf. Mit Freuds Strukturmodell ließe sich genauer sagen, wessen Stimme da jeden Morgen spricht: die des Über-Ich, jener inneren Instanz, die darüber richtet, ob ich heute genügt habe. Nur sitzt dieser Richter nicht mehr innen; er ist nach außen gewandert, auf ein Display gezogen, gekauft und angeschnallt – ein Über-Ich zum Anlegen. Von hier aus versteht man auch, was in jenem Satz der Patientin im Schlaflabor geschah: „Warum sagt mein Fitbit dann, dass ich schlecht schlafe?" Da traut ein Ich der eigenen Wahrnehmung nicht mehr, weil ein äußeres Über-Ich lauter urteilt als der eigene Leib. Und hier liegt der entscheidende Unterschied zum menschlichen Container: Der will sich überflüssig machen – die gute Therapeutin, die gute Mutter leihen ihre Deutungskraft, damit sie internalisiert wird. Das Gerät hat das entgegengesetzte Geschäftsmodell. Der geliehene Container will zurückgegeben werden; das Gerät will abonniert bleiben – beim marktführenden Smart-Ring übrigens wortwörtlich: Die volle Auswertung gibt es nur im Monatsabo. Was ich im ersten Teil das vollkommene Abomodell genannt habe – ein Versprechen, das die Abhängigkeit, die es bedient, selbst erzeugt –, hat hier seine intimste Form gefunden: Je länger die Uhr die Körperungewissheit hält, desto weniger kann Jonas sie selbst halten. Eine Fähigkeit, die man dauerhaft delegiert, verkümmert wie ein ruhiggestellter Muskel.
Der soziologische Schritt. Der Soziologe Anthony Giddens hat das moderne Selbst als „reflexives Projekt" beschrieben: Wer wir sind, ist uns nicht mehr durch Herkunft und Tradition vorgegeben, sondern muss fortlaufend selbst entworfen, erzählt und revidiert werden. Von Giddens habe ich mir den Begriff geliehen, der in meinem Beitrag über die reflexive Freiheit beim Essen die Hauptrolle spielt: die Fähigkeit, die eigenen Muster zu beobachten, zu verstehen, zu bewerten und schrittweise umzugestalten. Man beachte, wo in dieser Kette das Subjekt sitzt: an jeder einzelnen Stelle. Selbstbeobachtung ist eine Tätigkeit – Selbstvermessung ist ein Empfang. Daraus ergibt sich das Kriterium, an dem sich jedes dieser Geräte messen lassen muss, und es ist das vielleicht praktischste Ergebnis dieses Beitrags: Erweitert die Zahl das deutende Subjekt – oder ersetzt sie es? Ein Werkzeug erweitert: Es liefert Material für eine Deutung, die meine bleibt. Eine Autorität ersetzt: Sie liefert die Deutung gleich mit und lässt mir nur noch die Wahl, zu gehorchen oder zu zweifeln. Dieselbe Uhr kann, je nach Gebrauch, beides sein. Jonas' Uhr war lange das eine und ist unbemerkt das andere geworden.
Der politische Schritt. Warum unterwerfen wir uns dem so bereitwillig? Michel Foucault hat die klassische Antwort gegeben, an die ich im Beitrag über den goldenen dritten Weg schon angeknüpft habe: Die Disziplinarmacht der Moderne funktioniert über Sichtbarkeit. Im Panoptikum, Benthams ringförmigem Gefängnis mit dem Wachturm in der Mitte, muss der Wärter gar nicht hinsehen – es genügt, dass der Gefangene nie weiß, ob er gesehen wird. Wer sich beobachtet weiß, schrieb Foucault, „übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; […] er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung." Der Philosoph Byung-Chul Han hat diese Analyse ins Digitale verlängert und dabei entscheidend verschärft: Das digitale Panoptikum braucht keinen Turm mehr, weil wir uns dem Blick freiwillig ausliefern – „der Insasse des digitalen Panoptikums", schreibt Han, „ist Opfer und Täter zugleich." In seiner Psychopolitik beschreibt er die zeitgenössische Macht als „smarte Macht": Sie „schmiegt sich der Psyche an, statt sie zu disziplinieren", sie verbietet nichts, sie fordert uns auf, mitzuteilen, zu teilen, zu kommunizieren – und wir empfinden genau das als Freiheit. Man muss diese Analyse nur einmal neben Jonas' Morgen legen: Kein Arzt hat ihm den Sensor verordnet, kein Arbeitgeber die Uhr. Er hat seinen Aufseher selbst gekauft, trägt ihn mit Stolz am Handgelenk und zahlt monatlich dafür, benotet zu werden. Die Überwachung ist nicht verschwunden. Sie ist nur so tief nach innen gewandert, dass sie sich fast wie Selbstfürsorge anfühlt.
Und Han hat, als hätte er diesen Essay bestellt, das Motto der Quantified-Self-Bewegung direkt beantwortet. Daten, schreibt er, sind „additiv und nicht narrativ. Sinn beruht dagegen auf der Narration." Und weiter: „Zählung ist nicht Erzählung. Das Selbst verdankt sich aber einer Erzählung. Nicht Zählen, sondern Erzählen führt zur Selbstfindung oder zur Selbsterkenntnis." Sein Fazit über die Weltanschauung hinter dem Ganzen ist von brutaler Kürze: „Dataismus ist Nihilismus. Er verzichtet ganz auf Sinn." Das ist keine Polemik, sondern eine präzise Beschreibung von Jonas' Lage. Jonas besitzt Jahre an lückenlosen Daten über sich – Millionen Herzschläge, tausend Nächte, jede Mahlzeit verbucht. Es ist die vollständigste Selbstauskunft, die je ein Mensch über sich besessen hat. Und sie addiert sich zu nichts. Kein einziger dieser Datenpunkte kann ihm die Frage beantworten, die ihn zu mir geführt hat: wofür? Selbsterkenntnis war immer eine erzählende Leistung – mein schlechter Schlaf, weil der Umzug ansteht; mein Herzrasen, weil das Gespräch mit dem Vater bevorsteht. Die Zahl kennt kein Weil. Sie kennt nur ein Mehr und ein Weniger.
Der philosophische Schritt – und hier komme ich zu dem Denker, dem dieser Beitrag am meisten verdankt. In meinem Essay über das Messbare habe ich Georges Canguilhem mit seiner Grundeinsicht zitiert, dass jedes „Normal" der Medizin immer schon eine Wertung enthält. Dort blieb es beim Verdacht gegen die Norm. Was ich dort nicht entfaltet habe, ist Canguilhems positive Lehre – sein eigener, erstaunlich schöner Begriff von Gesundheit, und er ist wie gemacht für das Zeitalter der Scores.
Gesundheit ist für Canguilhem nämlich gerade nicht die Übereinstimmung mit einer Norm. Sie ist die Fähigkeit, Normen zu setzen – und zu brechen. „Gesund sein heißt nicht bloß, in einer gegebenen Situation normal, sondern auch – in dieser oder in anderen möglichen Situationen – normativ sein", schreibt er in Das Normale und das Pathologische. Der gesunde Organismus ist nicht der, der immer im grünen Bereich liegt; es ist der, der sich eine durchfeierte Nacht, eine Erkältung, eine Krise leisten kann und danach neue Gleichgewichte findet: „Gesundheit ist eine Marge an Toleranz gegenüber der Unverlässlichkeit der Umwelt", eine „Sicherheitsreserve an Reaktionsmöglichkeiten". Sein vielleicht schönster Satz: „Bei guter Gesundheit sein heißt: krank werden können und davon genesen; die Gesundheit ist ein biologischer Luxus." Und die Krankheit? Sie ist für Canguilhem nicht die Abweichung von der Norm, sondern der Verlust dieser Spielräume: „Der Kranke ist krank, weil er nur eine Norm zulassen kann."
Man lese diesen letzten Satz zweimal und schaue dann auf Jonas' Handgelenk. Der Readiness-Score tut exakt das, was Canguilhem als Signatur der Krankheit beschreibt: Er reduziert einen lebendigen Organismus auf eine einzige Norm – die des Algorithmus, gelernt an Millionen fremder Körper und an Jonas' eigener Vergangenheit – und erklärt jede Abweichung nach unten zum Defizit. Eine schlechte Nacht ist in Canguilhems Logik kein Krankheitszeichen, sondern im Gegenteil ein Beweis der Gesundheit: dass dieser Körper sich das leisten kann, dass er wegsteckt, schwankt, zurückfedert. Der Score kennt diese Freiheit nicht. Er verkauft eine Wertung als Messung – die Zahl tut, als beschreibe sie, und in Wahrheit schreibt sie vor – und macht damit die Schwankung selbst, also das Leben, zum Befund. Ein Mensch, der sich Tag für Tag an einer Norm misst, die er nicht gesetzt hat und nicht verhandeln kann, wird im strengen canguilhemschen Sinn behandelt wie ein Kranker: auf eine einzige Norm verpflichtet. Die Uhr macht Jonas nicht krank im Sinne der Medizin. Sie macht ihn krank im Sinne Canguilhems – sie verengt seinen Spielraum, jeden Morgen um 7 Uhr 10.
Gesund ist nicht, wer perfekte Werte hat. Gesund ist, wer eine schlechte Nacht haben darf.
Hier verläuft also die Grenze, und ich möchte sie so genau ziehen, wie sie verdient: Sie verläuft nicht zwischen Messen und Nicht-Messen. Messen ist eine Kulturleistung, das habe ich im Essay über das Messbare ausdrücklich gewürdigt, und diese Geräte können Sinnvolles tun – Vorhofflimmern entdecken, Trainingslast steuern, Muster sichtbar machen, die kein Gedächtnis hält. Die Grenze verläuft zwischen dem Instrument und der Instanz: zwischen einer Zahl, die meiner Deutung Material gibt, und einer Zahl, die an meiner Stelle deutet. Sie ist überschritten, wenn das Gerät nicht mehr beantwortet, was ich es frage, sondern definiert, wie es mir geht. Und das Tückische ist: Dieser Übertritt geschieht nicht durch einen Entschluss. Er geschieht durch zehntausend Morgen, an denen der Blick aufs Display eine Sekunde früher kommt als der Blick nach innen – bis dieser irgendwann ganz verkümmert. Das ist die eigentliche Gefahr des Maschinenzeitalters: kein Terminator, keine wildgewordene KI, sondern die stille Delegation der Körperautorität.
V. Die reflexive Wende: die Arbeit mit Jonas
Was heißt das für die Praxis – für den Mann, der mir gegenübersitzt, mit einer Uhr, die er nicht mehr lesen kann, ohne sich von ihr lesen zu lassen?
Die naheliegende Intervention wäre die Amputation: Nehmen Sie das Ding ab. Ich halte davon wenig, aus zwei Gründen. Erstens wäre das Verbot nur die nächste fremde Norm – ich würde die Autorität der Uhr durch die Autorität des Therapeuten ersetzen, und Jonas' Deutungshoheit wäre so geliehen wie zuvor, nur mit freundlicherem Absender. Zweitens unterschätzt das Verbot, was die Uhr für Jonas hält. Man nimmt einem Menschen keinen Container weg, ohne dass das Ungehaltene wiederkehrt – wer je erlebt hat, wie unruhig frisch „entwöhnte" Selbstvermesser:innen auf ihre nackten Handgelenke schauen, weiß, wovon ich rede. Der Weg ist nicht die trotzige Verweigerung der Messung.
Trotz ist keine Autorität, er ist nur ihr Spiegelbild.
Stattdessen arbeiten wir an etwas, das ich die reflexive Wende nenne, und sie ist beinahe beschämend einfach: Wir drehen die Reihenfolge um. Erst spüren, dann messen. Jonas' Aufgabe seit einigen Wochen: Vor dem ersten Blick auf die Uhr – der Vorsatz allein deckt auf, wie automatisiert dieser Blick geworden ist – notiert er morgens drei Dinge. Wie er geschlafen hat, in einer Zahl von eins bis zehn, aus dem Bauch. Ein Wort für die Stimmung, mit der er aufgewacht ist. Und eine Vermutung, was die Uhr gleich sagen wird. Dann darf er natürlich nachsehen - solange er es selbst will oder meint zu brauchen.
Was diese kleine Übung verändert, ist nicht die Datenlage. Es ist die Sitzordnung. Die Zahl der Uhr ist nicht mehr das erste Wort über den Morgen, sondern das zweite; sie antwortet auf eine Selbsteinschätzung, statt sie zu ersetzen. Und der interessante Arbeitsstoff ist von nun an die Differenz: Wo er und die Uhr auseinanderliegen, beginnt das Nachdenken – nicht die Unterwerfung. Manchmal hat die Uhr etwas gesehen, was er übergangen hätte; das darf sie, dafür ist sie da. Manchmal aber hat sie schlicht keinen Zugriff auf das, was die Nacht gut gemacht hat. Aus dem Richter wird, im besten Fall, ein Gesprächspartner mit begrenztem Horizont – so wie das Ernährungstagebuch nie Richter war, sondern Werkzeug.
Vor zwei Wochen kam Jonas mit einem Satz in die Stunde, den er selbst komisch fand, und der doch der erste wirkliche Fortschritt seit unserem Kennenlernen war. „Die Uhr sagt, es war eine schlechte Nacht", sagte er. „Ich glaube, sie irrt sich. Es war der Geburtstag meines Bruders, es ist spät geworden, und es geht mir gut." Man kann diesen Satz leicht überhören. Man sollte es nicht. Ein Mann, der vor Wochen einen guten Morgen abgesagt hat, weil eine Zahl ihn nicht genehmigte, widerspricht seiner Uhr. Und das Feinste daran: Die Uhr hatte ja nicht einmal unrecht – es waren fünf Stunden Schlaf, und fünf Stunden sind fünf Stunden. Aber „kurz" und „schlecht" sind zwei verschiedene Urteile, und das zweite steht der Uhr nicht zu. Es gibt Nächte, die kurz sind und trotzdem richtig. Kein Score hat eine Spalte für „es hat sich gelohnt".
Ich will an dieser Stelle mit offenen Karten spielen, weil dieser Beitrag sonst unehrlich wäre. Ich schreibe diese Kritik nicht aus sicherer Distanz zur Technik: Ich habe 2024 selbst KI-Anwendungen für die Gesundheitsförderung vorgestellt, und ich baue derzeit mit VerumVita Digital selbst einen digitalen Begleiter. Gerade deshalb ist mir die Leitlinie, die aus alldem folgt, so wichtig: Ein digitales Werkzeug darf die Begegnung mit sich selbst und mit anderen vorbereiten – ersetzen sollte es sie aber nicht (schon wieder eine Norm – kommen wir da je raus?). Was das konkret bedeutet, welche Kriterien eine Gesundheitstechnik erfüllen müsste, die dem Menschen die Deutung zurückgibt statt sie zu übernehmen – dem gehe ich im nächsten Beitrag eigens nach.
Und Jonas? Jonas ist nicht geheilt, das wäre zu schön und zu schnell. Er trägt die Uhr weiter, der Sensor sitzt noch am Oberarm, und an manchen Morgen gewinnt das Display den Wettlauf gegen den Bauch. Aber die Reihenfolge seiner Fragen hat begonnen, sich zu ändern. Das ist kein Durchbruch. Es ist der zweite Riss in einer sehr glatten Oberfläche.
VI. Cliffhanger: „Damit endlich Ruhe ist"
Der Satz, der die nächste Etappe dieser Reihe vorgibt, fiel wieder ganz am Ende einer Stunde, im Aufstehen, wie die wichtigen Sätze das an sich haben.
Jonas erwähnte, beiläufig im Ton und alles andere als beiläufig in der Sache, seinen letzten Termin in der Privatpraxis, die seine Longevity-Werte betreut. Man habe über seine Daten gesprochen, und die Ärztin habe gefragt, ob er einmal Tirzepatid ausprobieren wolle – eines der neuen Medikamente aus der Familie der „Abnehmspritzen". Er habe abgelehnt, fürs Erste. Was ihn aber nicht loslasse, sei die Begründung, die er sich selbst dabei ertappt habe zu denken. Nicht das Gewicht; sein Gewicht ist unauffällig, und das weiß er auf zwei Nachkommastellen.
„Ich denke ständig ans Essen", sagte er. „Was optimal wäre. Was der Sensor dazu sagen wird. Was ich wann und in welcher Reihenfolge essen sollte. Ein Kollege nimmt das Zeug seit ein paar Monaten, und er sagt, das Beste sei gar nicht das Abnehmen. Das Beste sei, dass es im Kopf still wird." Er stand schon in der Tür, die Uhr wieder am Handgelenk. „Ich will gar nicht abnehmen. Ich will nur, dass da mal Ruhe ist."
Über die Medizin dieser Medikamente habe ich an anderer Stelle geschrieben, über ihre Wirkung, ihre Kosten und ihre Grenzen – und darüber, was ihr Siegeszug über unsere Kultur verrät, erst vergangene Woche. Beides braucht hier nicht wiederholt zu werden. Was neu ist und mir seither nachgeht, ist Jonas' Begründung. Der Mann, der angetreten war, den Tod zu vermessen, und dann das Leben, wünscht sich am Ende weder Länge noch Präzision. Er wünscht sich Stille. Und der Apparat, der ihm zwei Versprechen bereits verkauft hat, hält prompt das dritte bereit – diesmal als wöchentliche Injektion.
Aber lässt sich Ruhe verabreichen? Kann irgendein Mittel – ein Molekül, eine Methode, eine Morgenroutine – die Stille herstellen, nach der Jonas sich sehnt? Oder gehört Ruhe zu den Dingen, die genau dadurch verschwinden, dass man sie zum Projekt macht?
Dieser Frage werden wir in dieser Reihe noch nachgehen. Sie führt zu einem Wort, das aus unserem Wortschatz fast verschwunden ist – und das früher einmal das Gegenteil von Arbeit bezeichnete, nicht ihre Erholungsphase.
Schlussgedanke
Jonas ist mit seiner Uhr nach Hause gegangen, wie beim ersten Mal. Niemand hat sie ihm ausgeredet, und das war auch nicht das Ziel. Verändert hat sich etwas Kleineres und vielleicht Größeres: die Reihenfolge. Erst der Bauch, dann das Display. Erst die eigene Deutung, dann die Zahl als Ergänzung, die kritisch willkommen geheißen werden darf und nicht mehr regiert.
Das erste Versprechen dieser Reihe wollte den Tod verfügbar machen und scheiterte an der Endlichkeit. Das zweite will die Selbsterkenntnis verfügbar machen – und scheitert, leiser, an derselben Stelle: Es gibt Dinge am eigenen Leben, die sich nicht abfragen lassen, weil sie nur im Deuten entstehen. Wie es mir geht, ist keine Information, die in mir lagert und auf einen besseren Sensor wartet. Es ist eine Antwort, die ich jeden Tag neu geben muss – mit allem Irrtumsrisiko, das dazugehört. Ein Gerät kann mir viel abnehmen. Nur das Antworten nicht. Wer auch das noch delegiert, weiß am Ende alles über sich – außer, wie es ihm wirklich geht, von innen.
Im nächsten Beitrag ziehe ich die Konsequenz aus dieser Kritik und frage, wie ein digitales Gesundheitswerkzeug aussehen müsste, das die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen – der ehrlichste Text, den ich über mein eigenes Produkt schreiben kann. Danach kehren wir zu Jonas zurück, zu seiner Sehnsucht nach Stille – und zu der Zeit, die zu nichts gut ist.
* Name geändert. Jonas ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.
In dieser Serie
- Teil 1: Don't Die: Wer den Tod bekämpft, verpasst das Leben
- Seitenblick: Die Spritze der Sehnsucht – GLP-1 als Kulturphänomen
- Teil 2: Die Uhr weiß, wie ich geschlafen habe – aber weiß ich es auch? (Sie sind hier)
- Seitenblick 2: Kompass statt Landkarte – was eine KI in der Gesundheit darf (erscheint als Nächstes)
- Teil 3: Muße – die Zeit, die zu nichts gut ist (in Vorbereitung)
- Teil 4: Resonanz lässt sich nicht bestellen (in Vorbereitung)
Über den Autor
Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover" (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.
Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de
Literatur
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Weiterführende Artikel:
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