VerumVita - Wahres Leben

Die Spritze der Sehnsucht: Was es über uns sagt, dass wir chemisch lösen, was wir kulturell nicht aushalten

Titelbild für Die Spritze der Sehnsucht: Was es über uns sagt, dass wir chemisch lösen, was wir kulturell nicht aushalten

Ein Seitenblick innerhalb der Reihe „Besser leben: Vier Versprechen und ein Hunger“. Der erste Teil handelte von Jonas, der sich vermisst, um nicht zu sterben. Dieser Beitrag handelt von einem zweiten, sehr verbreiteten Reflex unserer Zeit: nicht das Unverfügbare zu vermessen, sondern es chemisch stillzulegen. Es geht um die sogenannte Abnehmspritze – nicht um ihre Medizin, sondern um das, was sie über uns verrät.


„Zum ersten Mal ist der Lärm weg“

„Zum ersten Mal ist der Lärm weg“, sagte Bettina*, „und ich frage mich, ob ich mir das alles nur eingebildet habe.“ Sie ist Mitte fünfzig, sie hat – ihre eigene Schätzung – zwanzig Jahre ihres Lebens auf Diäten verbracht. WeightWatchers, Low Carb, Intervallfasten, eine App, die jeden Bissen zählte, drei verschiedene Ernährungsberaterinnen. Seit vier Monaten spritzt sie sich einmal pro Woche ein Medikament aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten, und das, was sie beschreibt, kenne ich aus vielen solchen Gesprächen: nicht in erster Linie Triumph über die verlorenen Kilos, sondern eine fast erschrockene Stille.

„Der Lärm“ – so nennt sie es; im englischen Sprachraum heißt es inzwischen food noise – ist dieses unablässige Kreisen der Gedanken ums Essen. Was esse ich als Nächstes? Darf ich das? Warum habe ich schon wieder? Ein Hintergrundrauschen, das, wie sie sagt, so lange zu ihr gehörte, dass sie es für ihren Charakter hielt. Und jetzt ist es einfach weg. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch eine weitere Einsicht. Durch ein Hormon.

Ich will gar nicht erst so tun, als wäre das ein Verlust. Für Bettina ist es eine Befreiung, und sie hat jedes Recht darauf. Aber sie hat an diesem Vormittag etwas Zweites mitgebracht, das schwerer wiegt als das erste, und es kam als Frage: „Wenn eine Spritze das in einer Woche beendet, woran habe ich dann eigentlich die ganze Zeit gearbeitet?“

Das ist keine medizinische Frage mehr. Es ist eine, die weit über Bettina hinausreicht – auf eine ganze Kultur, die gerade lernt, mit dieser Spritze umzugehen. Sie lautet, zugespitzt: Was sagt es über uns, dass wir ein Mittel gefunden haben, chemisch zu lösen, was wir kulturell nie auszuhalten gelernt haben?


Eine Vorbemerkung, und eine rote Linie

Bevor ich weitergehe, zwei Klarstellungen, die ich nicht oft genug machen kann.

Erstens: Über die Medizin der GLP-1-Rezeptor-Agonisten – ihre beeindruckende Wirkung, die große Metaanalyse, die ihnen ein weitgehend unauffälliges psychiatrisches Profil bescheinigt, die Kostenfrage, den Jojo-Effekt nach dem Absetzen, die Sorge um die Muskulatur – habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben, in meinem Beitrag über die Abnehmspritze. Dort steht auch der Satz, der für mich die Haltung der Praxis zusammenfasst und den dieser Essay an keiner Stelle aufweichen will: Medizinische Werkzeuge zu nutzen ist kein Versagen. Es ist vernünftig. Wer dieses Mittel nimmt, trifft, wenn die Indikation stimmt, eine kluge und oft lebensverändernde Entscheidung. Hier geht es um etwas anderes – nicht um das Werkzeug, sondern um die Kultur, die es so dringend gebraucht hat.

Zweitens, und das ist die rote Linie dieses Textes: Meine Kritik richtet sich gegen diese Kultur, niemals gegen die Menschen, die zur Spritze greifen. Bettina hat zwanzig Jahre lang gekämpft. Dass sie aufhört zu kämpfen, ist kein Thema, über das irgendjemand den Kopf zu schütteln hätte. Wenn ich im Folgenden frage, was die Spritze betäubt, dann frage ich nicht, ob Bettina sich vor etwas drückt. Ich frage, warum eine Gesellschaft so viel Lärm produziert, dass ihre Mitglieder ein Medikament brauchen, um endlich Ruhe zu finden.


Die Verschiebung der Moral: Wenn die Tugend überflüssig wird

Beginnen wir bei Bettinas Frage, denn sie enthält schon den ganzen kulturellen Sprengstoff.

Jahrzehntelang lief unsere Kultur über eine einfache Gleichung, die ich an anderer Stelle als Diätkultur beschrieben habe: Schlankheit als Beweis von Disziplin und Charakter, der dicke Körper als sichtbarer Beleg des Gegenteils. Ihre Theoretiker:innen, von Christy Harrison bis Christoph Klotter, haben gezeigt, wie aus Körperkontrolle eine moralische Kategorie des Spätkapitalismus wurde; ich muss das hier nicht noch einmal entfalten. Wichtig ist nur die Logik: In dieser Gleichung war Abnehmen eine Leistung, und wer sie nicht erbrachte, hatte es an Charakter fehlen lassen.

Und nun kommt ein Hormon und zerschneidet die Gleichung mit einem einzigen Schnitt.

Denn die Spritze entkoppelt die Schlankheit von der Disziplin. Sie liefert, oft mühelos, was zwanzig Jahre Selbstbeherrschung nicht liefern konnten. Und damit beweist sie etwas, das die Anti-Diät-Bewegung immer behauptet hat und das ich in der Praxis täglich sehe: Es war nie eine Frage der Willenskraft. Was Bettina als ihren Mangel an Charakter erlebte, war in Wahrheit eine Biologie, die sich nicht überreden lässt – jener Set-Point, den ich im Beitrag über die Spritze beschrieben habe. Das ist kein Versagen der Klient:innen, das ist Biologie, habe ich dort geschrieben. Die Pharmakologie macht diesen Satz nun für alle sichtbar. Wenn ein Wirkstoff in Tagen erledigt, was ein Leben voller Vorsätze nicht erzwingen konnte, dann war die Moral, die daraus eine Charakterprüfung machte, von Anfang an eine Lüge. Die Spritze ist, so gesehen, der unfreiwillige Wahrheitsbeweis der Anti-Diät-These. Sie spricht Millionen Menschen von einer Schuld frei, die nie ihre war.

Das ist die eine Hälfte der Wahrheit, und sie ist gut. Aber es gibt eine zweite, und diese ist unbequem.

Die Spritze widerlegt zwar die Moral der Diätkultur – sie demontiert aber nicht ihr Ideal. Sie sagt nicht: Dein Körper ist in Ordnung, wie er ist. Sie sagt: Dein Körper muss noch immer schlank sein – wir haben nur endlich einen zuverlässigeren Weg dorthin gefunden als deinen schwachen Willen. Das Ziel bleibt unangetastet; effizienter geworden ist nur sein Erreichen. Und so ist die Spritze, in derselben Bewegung, in der sie die Anti-Diät-These bestätigt, auch deren stille Kapitulation: Die Kultur hat aufgehört, von uns Tugend zu verlangen, weil sie einen besseren Lieferanten für dasselbe alte Bild gefunden hat. Wir haben den Krieg gegen den eigenen Stoffwechsel, den ich im VerumVita-Manifest beklagt habe, nicht beendet. Wir haben ihn an die Chemie ausgelagert und nennen den Waffenstillstand Fortschritt.

Bettinas Schwindel rührt genau daher. Sie ist freigesprochen und überrumpelt zugleich. Der Freispruch lautet: Du hast nie versagt. Die Überrumpelung lautet: Und trotzdem stimmte nie etwas mit dir, was sich nicht hätte korrigieren lassen müssen. Ich löse diese Spannung an dieser Stelle bewusst nicht auf. Sie auszuhalten, ist genau die Arbeit.


Die Sehnsucht unter dem Hunger

Bleiben wir bei dem „Lärm“, den die Spritze zum Schweigen bringt. Es lohnt sich zu fragen, was da eigentlich verstummt.

Im Beitrag über das emotionale Essen habe ich ein Bild benutzt: Unsere Gefühle sitzen beim Essen mit am Tisch und haben oft das letzte Wort. Fragt man Menschen, warum sie essen, ist „Hunger“ eine erstaunlich seltene Antwort. Häufiger sind Frust, Langeweile, Einsamkeit, Erschöpfung, ein diffuses Verlangen, das sich an den nächstbesten Teller heftet, weil es keine andere Sprache hat. Der „Lärm“ ums Essen ist selten nur Lärm ums Essen. Er ist, sehr oft, eine Sehnsucht, die sich verkleidet hat – nach Trost, nach Pause, nach Zugehörigkeit, nach jemandem, der das aushält, was man selbst nicht aushalten kann.

Hier hilft ein Gedanke des Psychoanalytikers Wilfred Bion, über den ich kürzlich ausführlich geschrieben habe – ich wende ihn nur an, ich entfalte ihn nicht noch einmal. Ein roher Affekt wird erst dann denkbar, wenn ihn jemand für uns verdaut und gehalten zurückgibt; fehlt dieses Halten, wandert er stattdessen in den Mund. Genau das geschieht, wenn Essen die Funktion eines fehlenden inneren Halts übernimmt.

Übertragen wir das von der einzelnen Psyche auf die Kultur. Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder hält – was die Psychoanalyse mit Winnicott holding nennt –, gibt ihnen Orte, an denen Sehnsucht, Erschöpfung und Einsamkeit aufgehoben sind: einen Tisch, an dem man ohne Zweck zusammensitzt; Zeit, die nicht produktiv sein muss; Beziehungen, die einen tragen. Unsere Kultur aber ist, gemessen daran, weithin haltlos geworden. Sie hat die Tische abgeräumt und die Pausen wegrationalisiert, und das Verlangen, das nirgends mehr gehalten wird, wandert in den Körper und wird dort zu Lärm.

Wenn man es so betrachtet, ist die Spritze etwas Verblüffendes: ein chemisch nachgebauter Container. Sie leistet, was eine haltende Kultur leisten würde – sie bringt das unverdaute Verlangen zur Ruhe –, nur dass sie es nicht verdaut, sondern stilllegt. Sie gibt die Sehnsucht nicht gedeutet zurück; sie schaltet den Hunger ab, der sie getragen hat. Sie beantwortet die Frage nicht, sie bringt sie zum Verstummen, noch bevor sie gestellt werden konnte. Das ist kein Vorwurf an Bettina – für sie ist diese Ruhe ein realer Gewinn nach zwanzig Jahren Lärm, und niemand muss sein Leiden behalten, nur damit es ehrlicher wäre. Es ist ein Befund über uns: dass der zuverlässigste Container, den wir einem leidenden Menschen im Jahr 2026 anbieten können, ein wöchentlich injiziertes Hormon ist und kein Mensch, kein Tisch, keine Zeit.

Die Spritze macht satt, wo wir verlernt haben, einander satt zu machen.


Müdigkeit und Biomacht: zwei Lesarten einer Spritze

An dieser Stelle erwartet man die große Verurteilung. Ich werde sie nicht liefern, weil die Sache ehrlicherweise zweideutig ist – und die Zweideutigkeit ist interessanter als jedes Urteil. Zwei Denker helfen, sie zu fassen.

Der erste ist Michel Foucault. Foucault hat beschrieben, dass moderne Macht nicht mehr in erster Linie damit droht, Leben zu nehmen, sondern damit arbeitet, Leben zu verwalten, zu optimieren, in Form zu halten – er nannte das Biomacht. Nicht der Henker ist ihre Figur, sondern der Statistiker, der Arzt, der Ernährungsplan. Diese Macht braucht keine Befehle; sie wirkt über Normen, die wir freiwillig zu unseren eigenen machen. Lange lief sie über Disziplin: Wir haben den prüfenden Blick der Gesellschaft verinnerlicht und uns selbst überwacht – das ist die Maschinerie, die ich im Beitrag über die Scham beschrieben habe, der Blick des Anderen, der zum eigenen wird. Die Spritze ist die nächste, fast vollendete Stufe dieser Biomacht. Sie braucht die Disziplin nicht mehr und die Scham nicht mehr; sie greift direkt am Appetit an, an der Schaltstelle zwischen Hunger und Sättigung im Gehirn. Der normierte Körper – jener Körper, von dem die Norm immer schon mehr verlangte, als sie zugab, wie ich es mit Canguilhem im Beitrag über das Messbare gezeigt habe – lässt sich nun verschreiben. Was die Kultur als richtig definiert hat, wird pharmakologisch durchsetzbar. Das ist eine ungeheure Verschiebung, und sie ist nicht harmlos: Der Maßstab, an dem wir gemessen werden, ist derselbe geblieben, nur dass wir ihn jetzt nicht mehr erstreben, sondern einnehmen.

Der zweite Denker ist Byung-Chul Han, und mit ihm wird es vollends doppeldeutig. Han beschreibt das spätmoderne Subjekt in seiner Müdigkeitsgesellschaft als ein Leistungssubjekt, das keinen äußeren Antreiber mehr braucht, weil es sich selbst antreibt – freiwillig, grenzenlos, bis zur Erschöpfung. Niemand zwingt uns; wir optimieren uns von ganz allein, und wir nennen das Freiheit. Liest man die Spritze von hier aus, ergeben sich zwei Lesarten, die beide stimmen.

Die erste: Die Spritze ist die ultimative Selbstausbeutung. Der Körper soll funktionieren, schlank, leistungsfähig, ohne dass auch nur die Reibung eines Verlangens den Betrieb stört; jetzt wird selbst der Appetit – die letzte widerspenstige Stimme des Leibes – stillgestellt, damit das Leistungssubjekt noch reibungsloser läuft. Der Hunger wird abgeschaltet wie eine störende Benachrichtigung.

Die zweite, gegenläufige Lesart: Die Spritze ist eine Selbstschonung. Das erschöpfte Subjekt, das jahrzehntelang die Peitsche der Selbstkontrolle geschwungen hat, legt sie endlich nieder. Es delegiert den zermürbenden Kampf an ein Molekül und darf, vielleicht zum ersten Mal, ruhen. Han hat in einer späteren Schrift von einer Palliativgesellschaft gesprochen, die jeden Schmerz, jede Negativität sofort betäubt, weil sie sie nicht mehr erträgt. Die Spritze betäubt nicht nur den Hunger; sie betäubt eine Form von Leiden, die anzusehen unsere Kultur müde geworden ist. Ob das nun die feinste Grausamkeit oder die überfälligste Gnade ist – ich weiß es nicht, und ich misstraue jedem, der es zu wissen vorgibt. Beides ist wahr. Bettina beutet sich aus und schont sich – beides mit demselben Stich.


Die Ozempic-Ära: Wie die Schlankheit zurückkam

Bis hierher war es ein Gespräch in einem Praxiszimmer. Aber es findet vor einer kulturellen Kulisse statt, die sich in wenigen Jahren dramatisch verändert hat – und an dieser Kulisse wird sichtbar, dass es eben nicht nur um einzelne Patient:innen geht.

Die Zahlen sind, vor allem in den USA, wo die Welle am weitesten fortgeschritten ist, atemberaubend. Nach Erhebungen der Kaiser Family Foundation gibt dort inzwischen etwa jede:r achte Erwachsene an, ein GLP-1-Medikament zu nehmen – aus welchem Grund auch immer; und nach Zahlen des Gallup-Instituts hat sich allein der Anteil derer, die gezielt zum Abnehmen dazu greifen, zwischen Anfang 2024 und Ende 2025 ungefähr verdoppelt. „Semaglutid“ war 2023 ein Anwärter auf das Wort des Jahres des Collins-Wörterbuchs. Bei den Golden Globes 2025 eröffnete die Moderatorin Nikki Glaser den Abend mit den Worten, dies sei „Ozempics größte Nacht“ – und das ganze Publikum verstand den Witz. Oprah Winfrey, die selbst ein solches Mittel nimmt, hatte dem Thema 2024 eine Prime-Time-Sendung gewidmet und dabei den Begriff food noise in den allgemeinen Sprachgebrauch gehoben. Deutschland folgt dieser Entwicklung mit Verzögerung, aber es folgt.

Und mit den Zahlen kam eine Ästhetik zurück, die viele für überwunden hielten. Ein New Yorker Dermatologe prägte den Begriff Ozempic face für die eingefallenen Wangen nach rascher Gewichtsabnahme; bald sprach man vom Ozempic body als der neuen Idealfigur und nannte sie, halb spöttisch, halb präzise, den Nachfolger des „Heroin chic“ der späten Neunziger. Die extreme Schlankheit ist als Aspiration zurück. Die Modebranche zeichnet das mit kalter Deutlichkeit nach: Nach Auswertungen von Vogue Business trugen Plus-Size-Modelle in der Saison Frühjahr/Sommer 2025 weniger als ein Prozent der Laufsteg-Looks; die Branche selbst nannte es den „Ozempic-Effekt“. Es ist, wie die Kulturkritikerin Cassidy George in einem vielbeachteten Essay schrieb, ein „großes Verschwinden“ – das Verschwinden der Körper, die das vergangene Jahrzehnt mühsam sichtbar gemacht hatte. „Ist die Ära der Body Positivity vorbei?“, fragten 2024 die Schlagzeilen. Sie war es, oder beinahe. Der Journalist Johann Hari, der das Mittel selbst nimmt, prophezeit in seinem Buch Magic Pill, GLP-1 werde ein prägendes Medikament unserer Zeit, „auf einer Stufe mit der Antibabypille und Prozac“. Das ist keine Übertreibung. Es ist eine kulturelle Zäsur.

Und hier, an der gefährlichsten Stelle dieses Textes, muss ich die rote Linie zweimal ziehen.

Zum ersten Mal: Der Druck, der hier wirkt, kommt von der Kultur – von den Laufstegen, den roten Teppichen, dem Algorithmus und einem sehr alten, nie ganz begrabenen Bild –, niemals von den Menschen, die spritzen. Dieses Bild ist älter als jede Diät und jeder Kapitalismus. Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter, den ich oben schon erwähnt habe, hat es bis zu Platon zurückverfolgt: zu der Vorstellung, die Seele habe über den Körper zu herrschen und die Vernunft über die Begierden – wer sie beherrsche, beweise eine edle, wohlgeordnete Seele, wer ihnen erliege, eine geringe. Überträgt man diesen uralten Maßstab auf den Esstisch, wird daraus ein stilles, absurdes Urteil: Wer dick ist, hat seine Begierden nicht im Griff, also keine edle Seele, also ist er nicht bloß unförmig, sondern moralisch im Unrecht. Es ist ein Fehlschluss von der Körperform auf den Charakter, über zwei Jahrtausende so tief eingeschliffen, dass ihn kaum noch jemand als bloße Behauptung erkennt. Eine Frau, die nach zwanzig Jahren der Demütigung endlich den Körper bekommt, in dem die Welt sie freundlicher behandelt, tut nichts Falsches. Sie trifft eine vernünftige Entscheidung in einer unvernünftigen Kultur – einer, die ihren Maßstab aus einem über zweitausend Jahre alten Vorurteil bezieht und ihn für Wahrheit hält.

Zum zweiten Mal: Wer diese Kultur kritisiert, darf niemals bei der Einzelnen landen, die ihr nachgibt. Scham motiviert nicht, sie lähmt – das gilt in beide Richtungen. Es wäre die billigste und grausamste Pointe, der Frau mit der Spritze nun auch noch vorzuwerfen, sie sei dem Schlankheitsideal „auf den Leim gegangen“. Nein. Das Ideal ist das Problem. Nicht, wer unter ihm gelitten und sich einen Ausweg genommen hat.

Was bleibt, ist die soziale Schärfe – und sie schließt einen Kreis zum ersten Teil dieser Reihe. Dort hatte sich gezeigt: Der Longevity-Apparat verkauft als teures Statusprojekt, was die Forschung längst als gratis-und-für-alle kennt. Die Spritze macht dasselbe noch buchstäblicher. In den USA kostet sie ohne Versicherung um die tausend Dollar im Monat, mit Versicherung manchmal nur fünfundzwanzig Dollar; in Deutschland trägt die Kasse sie bei reiner Adipositas nicht – die Rechnung, nicht die Nadel, ist die eigentliche Hürde, wie ich im Basisbeitrag beschrieben habe. So entsteht eine bittere Zweiteilung, die Kommentator:innen auf die Formel gebracht haben: Ozempic für die Reichen, Body Positivity für die Armen. Das ist zugespitzt, aber es trifft einen wahren Kern. Adipositas und Typ-2-Diabetes treffen die unteren Einkommensgruppen am härtesten – und ausgerechnet das Mittel, das hilft, wird zum Statussymbol der Wohlhabenden, die es am wenigsten nötig hätten.

In Deutschland ist die Logik sogar noch verquerer: Die Magenverkleinerung – ein irreversibler Eingriff – trägt die gesetzliche Kasse unter Auflagen sehr wohl; die ungleich sanftere, umkehrbare Spritze bei reiner Adipositas, wie gesagt, nicht. Das System bezahlt eher das Skalpell als die Injektion, die man wieder absetzen könnte. Die Schlankheit, gestern noch der Beweis von Tugend, wird zum Beweis von Kaufkraft. Geblieben ist, dass der Körper etwas beweisen muss.


Schlussgedanke

Bettina hat mich am Ende der Stunde gefragt, ob sie etwas falsch mache. Ich habe ihr gesagt, was ich auch hier sage: nein. Sie hat sich nichts eingebildet – der Lärm war real, und sie hat ein wirksames Werkzeug genommen, um ihn zu beenden, ohne ihn je verschuldet zu haben. Die Frage, die mir nachgeht, ist nicht ihre Frage. Es ist meine, es ist unsere.

Die Spritze tut, was sie verspricht. Sie löst ein reales Leiden. Und gerade weil sie es so zuverlässig tut, legt sie etwas bloß, das wir lieber nicht ansehen: dass wir als Gesellschaft besser darin geworden sind, den Hunger abzustellen, als ihn zu verstehen. Wir haben ein Hormon, das die Sehnsucht verstummen lässt – aber wir haben verlernt, die Tische zu decken, an denen sie gehalten würde. Die ganze Kunstfertigkeit liegt im Stilllegen, kaum noch im Sättigen.

Vielleicht ist das die unbequemste aller Fragen, und ich stelle sie offen, weil ich keine fertige Antwort habe:

Was sagt es über eine Gesellschaft, dass sie ihren Mitgliedern eher ein Hormon reicht, das den Hunger verstummen lässt, als einen Tisch, an dem sie (emotional) satt werden dürfen?

Ich habe darauf keine Antwort, die sich verschreiben ließe. Nur die Vermutung, dass sie nicht im Hormon liegt, sondern am Tisch – und dass wir verlernt haben, ihn zu decken.


* Name geändert. Bettina ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Bion, W. R. (1962). Learning from Experience. London: Heinemann.
  • Foucault, M. (1977 [1976]). Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Gallup (2025). GLP-1 Drug Usage Among U.S. Adults. Washington, D.C.: Gallup.
  • George, C. (2025). Skinny Legend: Ozempic, Body Politics and Unwellness as Aspiration. 032c, 28. Juli 2025.
  • Han, B.-C. (2010). Müdigkeitsgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.
  • Han, B.-C. (2020). Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Berlin: Matthes & Seitz.
  • Hari, J. (2024). Magic Pill. The Extraordinary Benefits and Disturbing Risks of the New Weight-Loss Drugs. London: Bloomsbury.
  • Harrison, C. (2019). Anti-Diet. Reclaim Your Time, Money, Well-Being, and Happiness Through Intuitive Eating. New York: Little, Brown Spark.
  • Kaiser Family Foundation (2025). KFF Health Tracking Poll: The Public’s Use and Views of GLP-1 Drugs. San Francisco: KFF.
  • Klotter, C. (2016). Identitätsbildung über Essen. Ein Essay über „normale“ und alternative Esser. Wiesbaden: Springer VS.
  • Pierret, A. C. S. et al. (2025). Glucagon-Like Peptide 1 Receptor Agonists and Mental Health: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Psychiatry, 82(7), 643–653.
  • Platon (2017 [ca. 375 v. Chr.]). Der Staat (Politeia). Stuttgart: Reclam.
  • Vogue Business (2025). Size Inclusivity Report, Spring/Summer 2025.
  • Winnicott, D. W. (1965). The Maturational Processes and the Facilitating Environment. London: Hogarth Press.

Weiterführende Artikel:

Hat dieser Artikel Ihr Interesse geweckt?

Ob für Sie persönlich oder für Ihr Unternehmen – wir finden den passenden Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch.

Jetzt Kontakt aufnehmen
Anfrage stellen