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Kompass statt Landkarte: Was eine KI in der Gesundheit darf – und was nicht

Titelbild für Kompass statt Landkarte: Was eine KI in der Gesundheit darf – und was nicht

Der zweite Seitenblick der Reihe „Besser leben: Vier Versprechen und ein Hunger“. Der vorige Teil endete mit einem Versprechen an Sie: dass ich die Konsequenz aus der Kritik ziehen und fragen würde, wie ein digitales Gesundheitswerkzeug aussehen müsste, das dem Menschen die Deutung zurückgibt, statt sie ihm abzunehmen. Dies ist dieser Text. Er ist zugleich der heikelste der Reihe, denn ich baue selbst an einem solchen Werkzeug – und muss es nun an den eigenen Maßstäben messen lassen. Ich beginne deshalb nicht mit Jonas, sondern mit mir.


„Ich glaubte der App mehr als mir”

Ich muss mit einem Geständnis anfangen, sonst hat dieser Beitrag kein Recht, geschrieben zu werden. Ich habe im letzten Teil dieser Reihe seitenlang beschrieben, wie ein Gerät einem Menschen die Hoheit darüber entwendet, wie es ihm geht. Ich habe dabei so getan, als führte ich diese Kritik aus sicherer Entfernung. Das tue ich nicht. Ich trage zwar keine Uhr am Handgelenk, die mir jeden Morgen den Schlaf benotet – aber ich bin dem Sog, den ich beschreibe, selbst schon auf den Leim gegangen, und ausgerechnet dort, wo ich ihn am wenigsten erwartet hätte: beim Laufen.

Ich bin früher fast immer mit Strava gelaufen, einer Lauf-App auf dem Handy, die Strecke, Zeit und Tempo aufzeichnet. An einem Tag unterlief ihr ein Messfehler. Ich lief eine Strecke, die ich auswendig kannte – zehn Kilometer, ich wusste es genau, ich war sie hundertmal gelaufen –, doch die App zeigte hinterher nur sieben an, und weil sie den Weg kürzer gerechnet hatte, natürlich auch ein langsameres Durchschnittstempo. Und dann geschah etwas, das ich mich noch im selben Moment die Alarmglocken klingen ließ: Der Lauf fühlte sich mit einem Schlag wertlos an, als hätte ich die letzte Stunde verschwendet. Meine Beine wussten, was sie geleistet hatten, meine Lunge wusste es, die vertraute Strecke unter meinen Sohlen wusste es – und trotzdem glaubte ich für einen Wimpernschlag der Zahl mehr als all dem. So schnell geht das: dass die Ziffer wichtiger wird als das eigene körperliche Empfinden. Ich glaubte der App mehr als mir.

Es ist fast auf den Buchstaben der Satz, den ich bei Jonas so klar zu durchschauen glaubte – ich vertraue der Uhr mehr als mir –, nur dass bei mir ein anderes Gerät sprach. In Jonas' Mund war er mir eine Diagnose. In meinem eigenen war es eine entfremdende Erfahrung – und ein besserer Lehrmeister als jede Studie. Denn er stellt die Frage, um die es in diesem ganzen Text geht, und sie ist einfacher, als sie klingt: Wem gehört die Deutung? Wem gehört das letzte Wort darüber, wie es mir geht und was ich geleistet habe – mir, oder der App, auf dem omnipräsenten Werkzeug in meiner Tasche?

Aus jenem Schreck ist etwas geworden. Er saß tief genug, dass ich anfing, das Handy zu Hause zu lassen, wenn ich laufe – heute tue ich es fast nie mehr. Und das Merkwürdige ist: Das Laufen ist dadurch nicht ärmer geworden, sondern hat sich verwandelt. Aus etwas Leistungsorientiertem, das nach jeder Runde ein Urteil einforderte, ist etwas beinahe Meditatives geworden. Allein mit meinem Körper, meiner Atmung, meinen Gefühlen und meinen Gedanken, durch die Eilenriede oder am Mittellandkanal entlang – das ist ein vollkommen anderes Erlebnis als das Sammeln von Kilometern für eine Kurve. Ich komme dort mit mir in Kontakt, nicht mit angeblich objektiven Zahlen über mich.

Für das Laufen war das Weglegen die richtige Antwort. Aber als allgemeine Lehre wäre der bequeme Schluss – also weg mit den Geräten, zurück zur reinen Innerlichkeit, weg mit jeder App – zu billig, und ich ziehe ihn ausdrücklich nicht, aus einem Grund, der diesen ganzen Beitrag trägt: Er wäre feige. Ich baue selbst an einer digitalen Anwendung für die Gesundheit; ich habe schon 2024 auf einer Fachkonferenz KI-Anwendungen für die Gesundheitsförderung vorgestellt. Ich kann die Technik nicht verteufeln und zugleich an ihr arbeiten, ohne mich lächerlich zu machen. Also bleibt nur der schwerere Weg: nicht zu fragen, ob eine Technik erlaubt ist, sondern welche. Nicht Technikverzicht, sondern Technikkritik im Wortsinn – die Kunst, zu unterscheiden.

Und die gute Nachricht ist: Die Kritik aus dem letzten Teil war nicht nur eine Klage. Sie war, ohne dass es dort schon sichtbar wurde, ein Bauplan. Wenn man genau weiß, wie ein Gerät einem Menschen die Deutung entwendet, dann weiß man auch, was ein Gerät tun müsste, das sie ihm zurückgibt. Man muss die Kritik nur umdrehen.


I. Vier Grammatiken der Delegation

Halten wir kurz fest, worin die Kritik bestand – kurz, weil sie im vorigen Teil vollständig ausgeführt ist und ich sie hier nicht ein zweites Mal entfalten will. Ich hatte dort einen Namen für den Kern des Problems geprägt: die Delegation der Körperautorität, jenen schleichenden Vorgang, durch den die letzte Instanz in der Frage, wie es mir geht, vom eigenen Empfinden auf ein Gerät übergeht. Wenn man genau hinsieht, geschieht diese Delegation nicht auf eine, sondern auf vier Weisen. Ich nenne sie die vier Grammatiken der Selbstvermessung, denn es sind vier Arten, in denen ein Gerät über mich spricht.

Die erste ist reaktiv. Das Gerät fragt nichts; es protokolliert. Ununterbrochen, ungefragt, im Hintergrund. Ein Ernährungstagebuch, wie wir es in der Praxis benutzen, stellt Fragen, auf die ich antworte – der Sensor am Arm nimmt einfach auf, während ich lebe. Wo das Tagebuch mich zum Autor macht, macht mich der Sensor zum Gegenstand.

Die zweite ist maximierend. Der Score will steigen, die Kurve will flacher werden, der Ring will sich schließen. Es gibt in dieser Grammatik kein Genug; es gibt nur ein Mehr und ein Weniger. Ruhe, Sattheit, das schlichte Gut-so kommen darin nicht vor, weil sie sich nicht steigern lassen.

Die dritte ist orakelnd. Das Gerät liefert die Deutung gleich mit – meist bevor ich überhaupt eine Frage gestellt habe. Der Erholungswert steht schon fest, ehe ich in mich hineingehört habe, wie ich mich fühle. Das Orakel von Delphi verlangte, dass ich mich frage; der Tracker gibt die Antwort aus, bevor die Frage entstehen kann.

Die vierte ist normierend. Das Gerät misst mich an einer Norm, die ich nicht gesetzt habe und nicht verhandeln kann – und verkauft, wie ich es mit Georges Canguilhem im Beitrag über das Messbare gezeigt habe, seine Wertung als bloße Messung. Es tut, als beschriebe es, und schreibt in Wahrheit vor.

Reaktiv, maximierend, orakelnd, normierend – das ist die Anatomie der Delegation. Und hier kommt der Dreh, um den es in diesem Beitrag geht: Kehrt man diese vier Grammatiken um, hat man das Pflichtenheft einer humanen Gesundheitstechnik in der Hand. Ein Werkzeug, das nicht enteignet, müsste fragen statt protokollieren, ein Genug kennen statt nur ein Mehr, mir die Deutung zurückgeben statt sie mir abzunehmen, und mich an mein eigenes Maß erinnern statt an ein fremdes. Diese Umkehrung will ich jetzt sauber ausbuchstabieren. Aber bevor ich Kriterien aufstelle, brauche ich einen Halt – zwei Denker, an denen ich mich festhalten kann, damit die Kriterien nicht bloß mein Geschmack sind.


II. Zwei alte (weiße) Männer, die alles vorweggenommen haben

Der erste ist Ivan Illich, katholischer Priester, Sozialkritiker, einer der unbequemsten Köpfe des 20. Jahrhunderts. 1973 schrieb er ein schmales Buch mit dem Titel Tools for Conviviality – auf Deutsch, etwas unglücklich, Selbstbegrenzung. Illich unterscheidet darin zwei Arten von Werkzeugen. Die einen erweitern die Reichweite und Freiheit dessen, der sie benutzt – ein Fahrrad, eine Bibliothek, ein Telefon. Sie stehen bereit, wenn man sie braucht, und treten zurück, wenn man sie nicht braucht. Illich nennt sie konvivial, von convivium, dem gemeinsamen Mahl: Werkzeuge, mit denen man leben kann, ohne von ihnen gelebt zu werden. Die anderen Werkzeuge kehren das Verhältnis um. Sie machen den Menschen zu ihrem Anhängsel, schreiben ihm vor, wie er zu leben hat, und – das ist Illichs schärfster Begriff – errichten ein radikales Monopol: Sie verdrängen die Fähigkeit, eine Sache selbst zu tun, so gründlich, dass am Ende niemand mehr ohne sie kann. Das Auto macht das Zufußgehen nicht bloß unnötig, sondern nach und nach unmöglich, weil es die Städte umbaut. Und die Medizin, so Illichs berühmteste und provokanteste These aus Die Nemesis der Medizin, kann die Gesundheit selbst zerstören, wenn sie den Menschen die Fähigkeit nimmt, mit dem eigenen Leiden, Altern und Sterben umzugehen. Gesundheit war für Illich nie ein Messwert. Sie war „die Fähigkeit, sich anzupassen“ – an veränderte Umwelten, ans Wachsen und Altern, ans Heilen und Leiden. Also genau die Autonomie, die ein normierendes Gerät abschafft.

Man muss diesen Mann nur einmal an ein Handgelenk des Jahres 2026 halten, um zu erschrecken, wie genau er es sah. Der Readiness-Score ist ein radikales Monopol im Miniformat: Er verdrängt die Fähigkeit, den eigenen Morgen selbst zu deuten, bis sie verkümmert. Illichs Prüffrage an jede Technik lautet: Vergrößert sie die autonome Handlungsfähigkeit des Menschen – oder ersetzt sie sie? Das ist, wortgleich, die Frage aus dem letzten Teil, nur hundert Jahre älter gedacht.

Der zweite alte Mann ist Immanuel Kant, und er liefert das schärfste Wort für das, was auf dem Spiel steht. 1784 beantwortet er die Frage „Was ist Aufklärung?“ mit dem berühmten Satz: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Selbstverschuldet ist sie dann, wenn der Grund nicht im fehlenden Verstand liegt, sondern im fehlenden Mut, ihn zu gebrauchen. Sapere aude – wage es, weise zu sein.

Und nun kommt die Stelle, bei der ich, als ich sie wiederlas, laut lachen musste, weil Kant mir über zweihundert Jahre hinweg meinen eigenen Beruf vor die Füße wirft. Kant zählt auf, wie bequem die Unmündigkeit ist, und wählt als eines seiner Beispiele – ausgerechnet: „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u. s. w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“ Der Arzt, der für mich meine Ernährung beurteilt, damit ich es nicht selbst tun muss: Kant hat, ohne es ahnen zu können, die Gesundheits-App beschrieben. Das Gerät am Arm ist der perfekte kantische Vormund. Es hat Verstand für mich, es urteilt für mich, es beurteilt buchstäblich meine Diät für mich – und ich brauche mich nicht selbst zu bemühen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Damit habe ich meine beiden Pfeiler: Illichs konviviales Werkzeug, das die Autonomie vergrößert, und Kants Mündigkeit, die sie voraussetzt. An ihnen entlang lassen sich jetzt vier Kriterien ziehen.


III. Vier Kriterien einer humanen Gesundheits-KI

Kriterium A: Sie muss das Subjekt zurückgeben

Dies ist das oberste Kriterium, dem sich alle anderen unterordnen. Eine humane Gesundheitstechnik gibt dem Menschen die Deutung zurück, statt sie zu übernehmen. Sie liefert Material für ein Urteil, das meines bleibt – nicht das Urteil selbst.

Ich hatte im letzten Teil erzählt, wie das Motto der Quantified-Self-Bewegung, Self Knowledge Through Numbers, sich die älteste Aufforderung des Abendlandes aneignet und zugleich verkehrt: Am Tempel von Delphi stand γνῶθι σεαυτόν, Erkenne dich selbst – und aus dieser Selbstbefragung machten die Tracker ein bloßes Selbst-Vermessen, ein Anhäufen von Daten über sich. Was ich dort nur andeuten konnte, lässt sich jetzt zu Ende denken, und dafür brauche ich noch einmal Michel Foucault – aber einen ganz anderen als im letzten Teil. Dort war es der junge Foucault des Panoptikums, der Denker der Überwachung. Hier ist es der späte, der in seinen letzten Lebensjahren am Collège de France eine ganz andere Spur verfolgte: die Hermeneutik des Subjekts und die „Technologien des Selbst“. (Es lohnt, die beiden auseinanderzuhalten – es sind zwei Gesichter desselben Denkers, und das zweite ist das mildere.)

Der späte Foucault machte eine verblüffende Entdeckung. Wir halten Erkenne dich selbst für das Herzstück der antiken Lebenskunst. Aber das war es gar nicht. Bei Sokrates und den Stoikern war das gnōthi seauton nur die Unterabteilung eines viel größeren Prinzips, das wir fast vergessen haben: der epimeleia heautou, lateinisch cura sui – der Sorge um sich selbst. Selbsterkenntnis war nur eine unter vielen Praktiken der Selbstsorge, ihr Werkzeug, nicht ihr Ziel. Erst die Neuzeit, so Foucault, hat das Verhältnis umgekippt und die Erkenntnis verabsolutiert, bis das Sich-Kümmern zur bloßen Selbstbespiegelung verkam.

Genau hier liegt der Bogen, der diese beiden Beiträge zusammenhält, und ich kann ihn in einer Zeile sagen:

Die Geräte überoptimieren das Erkenne dich selbst – und lassen das Sorge dich um dich selbst verhungern.

Sie liefern lückenloses Wissen über mich, Millionen Datenpunkte, die vollständigste Selbstauskunft der Menschheitsgeschichte – und nicht ein Gramm Selbstsorge. Denn Sorge ist eine Tätigkeit, eine Praxis, ein Verhältnis, das ich zu mir unterhalte; sie lässt sich nicht empfangen wie ein Score. Eine Technik, die das Subjekt zurückgibt, müsste also nicht mein Wissen über mich mehren – davon habe ich längst zu viel –, sondern meine Sorge um mich stützen. Sie dürfte mir die Deutung nicht abnehmen, weil das Deuten selbst die Sorge ist. Das ist der antike Name für Kriterium A: Erkenne dich selbst – aber sorge dich um dich, und verwechsle das eine nicht mit dem anderen.

Kriterium B: Reflexion statt Tracking

Aus dem obersten Kriterium folgt das erste konkrete. Wenn das Deuten die Sorge ist, dann darf ein gutes Werkzeug mir das Deuten nicht abnehmen, sondern muss es anstoßen. Es sammelt nicht in erster Linie Daten, es stellt Fragen. Es kehrt die reaktive Grammatik um: Statt zu protokollieren, während ich lebe, fragt es mich, was ich erlebt habe.

Das ist keine neue Idee, es ist die älteste Idee meiner Praxis. Im Beitrag über die reflexive Freiheit beim Essen habe ich die Kette beschrieben, in der Veränderung wirklich geschieht: beobachten, verstehen, bewerten, umgestalten. An jeder einzelnen Stelle dieser Kette sitzt das Subjekt. Ein Tracker unterbricht sie gleich am Anfang – er beobachtet für mich, und ich empfange das Ergebnis. Ein Reflexionswerkzeug hält die Kette geschlossen: Es fragt mich, wie ich geschlafen habe, bevor es mir eine Zahl zeigt – falls es überhaupt eine zeigt. Es fragt, warum ich gegessen habe, nicht nur, was. Es behandelt mich als jemanden, der Auskunft geben kann, nicht als Datenquelle, die ausgelesen wird. Die Faustregel dahinter ist beinahe kindlich einfach und trennt trotzdem die Geister: Ein gutes Werkzeug erzeugt mehr Nachdenken, als es Zahlen erzeugt.

Kriterium C: Sie muss „das weiß ich nicht“ sagen können

Das dritte Kriterium richtet sich gegen die maximierende und die orakelnde Grammatik zugleich, und es ist das, an dem heute die meisten Gesundheits-Apps und beinahe alle KI-Systeme scheitern. Eine humane Technik muss die Grenzen ihres Wissens kennen und benennen. Sie muss sagen können: das weiß ich nicht.

Das klingt trivial und ist es überhaupt nicht. Die ganze Ökonomie der Selbstvermessung lebt davon, dass das Gerät immer eine Antwort hat – jeden Morgen einen Wert, für jede Frage eine Kurve, für jedes Gefühl eine Zahl. Ein Orakel, das zugäbe, dass es diesmal nichts weiß, wäre kein gutes Orakel. Genau deshalb ist die Fähigkeit zum Eingeständnis das schärfste Unterscheidungsmerkmal. Bei künstlicher Intelligenz hat das sogar einen technischen Namen: Ein System ist grounded, wenn es seine Aussagen an belastbares Wissen bindet und die Lücke offen ausweist, statt sie mit einer plausibel klingenden Erfindung zu füllen – dem, was man bei Sprachmodellen „Halluzination“ nennt. Ein Gesundheitssystem, das halluziniert, ist nicht bloß ungenau; es ist gefährlich, weil es mit der Autorität der Maschine spricht und dabei rät. Die ehrlichste und zugleich schwerste Funktion, die man einer solchen KI einbauen kann, ist deshalb die Enthaltung: die Erlaubnis, an der richtigen Stelle zu schweigen. „Das lässt sich aus deinen Angaben nicht sagen – frag das bitte einen Menschen“ ist ein besserer Satz als jede erfundene Gewissheit. Eine Technik, die ihre Grenzen kennt, behandelt mich als mündig. Eine, die für jede Frage ein Urteil parat hat, macht mich zum kantischen Kind.

Kriterium D: Sie ersetzt keine Beziehung

Das vierte Kriterium ist das, dem die Geräte am wenigsten entgegenzusetzen haben, weil sie es nie auch nur versucht haben. Es zieht die äußerste Grenze: Ein digitales Werkzeug darf die Begegnung – mit mir selbst wie mit anderen Menschen – begleiten, aber es darf sie niemals ersetzen.

Warum diese Grenze unüberschreitbar ist, habe ich an zwei Stellen ausführlich beschrieben. Im Essay über das Containing ging es darum, was Menschen füreinander tun, wenn sie ein rohes, unaushaltbares Gefühl aufnehmen, es verdauen und in denkbarer Form zurückgeben – und dass ein Gerät das nicht kann, weil es nichts verdaut, sondern nur ein Urteil ausgibt. Und im Beitrag über die unsichtbare Beziehung habe ich gezeigt, dass es die Beziehung selbst ist – die Übertragung, das Halten, das Gegenüber –, in der Veränderung geschieht. Das lässt sich nicht in Software gießen. Eine KI kann die Sprache des Mitgefühls erstaunlich gut nachahmen, aber, wie ich im Beitrag vom Verstehen zum Mitgefühl mit Tania Singer gezeigt habe, ist Mitgefühl kein Textmuster, sondern ein Geschehen zwischen zwei Menschen. Eine Maschine kann Anteilnahme formulieren; sie kann keine haben.

Woran erkennt man, ob ein Werkzeug diese Grenze achtet? Nicht daran, ob es mich zu jemandem schickt – ein gutes Werkzeug muss mich nirgendwohin lotsen, es darf ein stiller Begleiter im Alltag sein, der nie einen Termin einfordert. Sondern daran, ob es mir den Weg zu anderen Menschen offenhält oder ihn verstellt. Das schlechte Werkzeug stellt sich an die Stelle des Gegenübers und flüstert mir zu, es allein genüge – es ummauert mich freundlich. Das gute tut das Gegenteil: Es lässt meine Beziehungen unangetastet und erreichbar, und dort, wo ich an einen Punkt komme, an dem nur ein Mensch weiterhilft – ein:e Berater:in, ein:e Therapeut:in, ein Arzt, eine Freundin –, macht es diesen Schritt leichter statt schwerer. Wer es in eine Ernährungsberatung oder -therapie mitbringt, dem kann es die gemeinsame Arbeit vertiefen; wer es allein für sich nutzt, dem soll es ebenso dienen. Es ist ein Begleiter, kein Trichter.


IV. Der ehrlichste Absatz: mein eigenes Werkzeug an diesen Kriterien gemessen

Jetzt kommt der Teil, vor dem ich mich beim Schreiben am längsten gedrückt habe, weil er nur auf eine Weise redlich ist – wenn ich mein eigenes Produkt denselben vier Kriterien aussetze, an denen ich gerade die ganze Branche gemessen habe. Alles andere wäre eine Werbeanzeige mit philosophischem Vorbau, und die hätten weder dieser Essay noch das Produkt verdient.

Ich baue an einer Anwendung namens VerumVita Digital. Sie ist im Aufbau, sie ist nicht fertig, und sie ist – das gehört an den Anfang, nicht ans kleingedruckte Ende – ein fehlbarer Versuch, nicht die Erfüllung eines Versprechens. Wir haben uns für sie zwei Sätze zum Leitbild gemacht, und ich zitiere sie hier ausdrücklich als das, was sie sind: als Anspruch, an dem man uns messen soll, nicht als Behauptung, dass wir ihn schon einlösen. Der erste: „Ein Kompass statt einer Landkarte, die ein Fremder für dich gezeichnet hat.“ Der zweite, trotziger: „Gesundheit ist kein Käfig. Es ist dein Spiel.“ Der Kompass ist das ganze Programm im Bild. Eine Landkarte sagt mir, wo ich bin und wohin ich zu gehen habe; sie hat, wie der Readiness-Score, das erste und das letzte Wort. Ein Kompass sagt mir nur, wo Norden ist. Gehen muss ich selbst, und wohin, entscheide ich.

Halte ich das Werkzeug gegen die vier Kriterien, sieht die ehrliche Bilanz so aus.

Zu A und B – Subjekt zurückgeben, Reflexion statt Tracking. Der Kern der Anwendung ist kein Zahlen-Dashboard, sondern ein Kreislauf, den wir Plane → Lebe → Reflektiere → Wachse nennen – und dessen Schwergewicht bewusst auf dem Reflektieren liegt, nicht auf dem Messen. Sie fragt mehr, als sie misst. Und weil ich weiß, wie hypnotisch Zahlen wirken, lässt sich die Zahlenanzeige abschalten: Man kann mit dem Werkzeug arbeiten, ohne je einen Score zu sehen. Bewusst trägt es außerdem kein Wearable im Herzen – es liest nicht rund um die Uhr meinen Körper aus, es wartet, bis ich etwas beitrage. Das ist die reaktive Grammatik, umgedreht: Es protokolliert nicht, es fragt.

Zu C – „das weiß ich nicht“. Die KI ist darauf angelegt, ihre Aussagen an gesichertes Wissen zu binden und sich zu enthalten, wo die Angaben nicht tragen, statt eine glatte Antwort zu erfinden. Ich sage bewusst „angelegt“, weil das die schwerste und am wenigsten fertige Baustelle ist – ein KI-System dazu zu bringen, ehrlich zu schweigen, ist ungleich mühsamer, als es reden zu lassen.

Zu D – keine Beziehung ersetzen. VerumVita Digital ist als Begleiter gedacht, den man für sich allein nutzen kann – und der sich, wenn jemand das möchte, in eine Ernährungsberatung oder -therapie einbringen lässt: Es kann festhalten, was zwischen zwei Terminen geschah, und es so ordnen, dass die gemeinsame Stunde mit einem echten Gegenüber tiefer wird. Was es ausdrücklich nicht sein will, ist ein Trichter – es soll niemanden in einen Termin drängen und keinen Menschen ersetzen, sondern nur den Weg zu ihm offenhalten, für den, der ihn gehen will.

Dazu kommt, was man nüchtern die Hygiene nennt: verschlüsselte Journale, die mir gehören und die ich mit einem Klick löschen oder exportieren kann; Zwei-Faktor-Schutz; die Trennung meiner Daten von allem, was mich identifiziert. Ein Werkzeug, das mir die Deutung zurückgeben will, aber meine intimsten Aufzeichnungen nicht loslässt, wäre ein Widerspruch in sich.

Und jetzt die ehrlichen Grenzen, denn ohne sie wäre alles Vorige unglaubwürdig – und sie stehen bewusst vor der Einladung, nicht als Kleingedrucktes danach.

Erstens: Kein digitales Werkzeug ersetzt eine Beziehung. Keines. Wenn VerumVita Digital je den Eindruck erweckt, es genüge allein, hat es Kriterium D verraten, und dann gehört es korrigiert. Zweitens, und das ist die Gefahr, die mir bei meinem eigenen Produkt den meisten Respekt abnötigt: Auch ein Reflexionswerkzeug kann zwanghaft werden. Nichts hindert eine App, die zur Selbstsorge einlädt, im Stillen zum nächsten Richter zu werden – die tägliche Reflexion wird zur Pflichtübung, das „Wachse“ zur Punktejagd, die Achtsamkeit zur Strähne, die man nicht reißen lassen darf. Genau das habe ich im letzten Teil an den Geräten kritisiert, und es wäre die bitterste Ironie, es beim eigenen Werkzeug nicht zu bemerken. Die Arbeit an einem konvivialen Werkzeug ist darum in weiten Teilen eine subtraktive: Jede Mechanik, die aus der Sorge um sich wieder eine Vermessung seiner selbst macht, muss raus. Das ist keine Funktion, die man einmal einbaut. Das ist eine Wachsamkeit, die nie aufhört – und die ich hier öffentlich mache, damit Sie mich daran erinnern können.


V. Das Werkzeug, das gibt, ohne zu nehmen

Damit sind wir zurück bei Illich, und bei ihm endet dieser Text auch, weil er den einzigen Maßstab liefert, der alle vier Kriterien in einem Satz bündelt.

Ich hatte im Beitrag über das Containing geschrieben, dass die gute Therapeutin und die gute Mutter dasselbe seltsame Ziel verfolgen: Sie leihen ihre Deutungskraft, damit sie überflüssig werden. Ihr Erfolg misst sich nicht daran, wie unentbehrlich sie bleiben, sondern daran, wie gut der andere am Ende ohne sie zurechtkommt. Das Gerät, das ich im letzten Teil kritisiert habe, verfolgt das umgekehrte Ziel: Es will unentbehrlich bleiben. Sein Gewinn ist nicht der Wert, den es liefert, sondern die Abhängigkeit, die es erzeugt – es verdient daran, dass ich mir selbst weniger traue.

Ein konviviales Werkzeug im Sinne Illichs kehrt dieses Ziel um – aber anders, als man zuerst denkt. Denn ein Werkzeug muss nicht verschwinden, um gut zu sein. Ein Mensch, der einen anderen hält, zielt darauf, sich überflüssig zu machen; ein Werkzeug darf bleiben. Eine Brille, ein gutes Messer, ein Fahrrad – Illichs eigenes Lieblingsbeispiel – begleiten einen ein Leben lang, und keines davon macht klein: Das Fahrrad nimmt mir nicht die Kraft zu gehen, es gibt mir Reichweite, ohne mir die Beine zu nehmen. Darin liegt der Maßstab, und er ist einfacher als jede Feature-Liste: Ein gutes Werkzeug gibt einem etwas, ohne einem etwas anderes zu nehmen. Die Frage ist nie, ob ich ein Werkzeug noch benutze, sondern ob sein Gebrauch mich vergrößert oder verkleinert. Der Readiness-Score gibt mir eine Zahl und nimmt mir dafür das eigene Gespür – ein schlechter Tausch. Ein Werkzeug, das der Sorge um mich dient, gäbe mir etwas und nähme mir nichts: nicht das Gespür, nicht die Beziehung, nicht die Mündigkeit. Das ist der härteste, ehrlichste Prüfstein, den ich für mein eigenes Produkt kenne, und ich stelle ihn bewusst an den Schluss, wo man ihn nicht überliest:

Macht ein Werkzeug Sie abhängiger von sich – oder gibt es Sie sich selbst zurück?

Alles hängt an dieser einen Frage. Ein Kompass gibt mich mir zurück und erweitert meine Möglichkeiten; eine fremde Landkarte behält mich bei sich. Das Erkenne dich selbst ohne die Sorge um dich endet in einem Menschen, der alles Objektive über sich weiß und subjektiv nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Und der Satz, den ich an jenem Tag auf der vertrauten Strecke über mich selbst dachte – ich glaubte der App mehr als mir –, ist keine technische Panne, auch wenn eine technische Panne ihn ausgelöst hat. Er ist die Kapitulation der Mündigkeit vor der Bequemlichkeit – vor genau jener, vor der Kant gewarnt hat, nur in ihrer äußersten Form: Kants Vormund war ein Buch, ein Seelsorger, ein Arzt; meiner ist eine Maschine, die niemals müde wird, für mich zu urteilen.

Eine Technik, die diesen Satz zurücknimmt statt ihn zu vertiefen, ist möglich. Sie zu bauen ist schwerer, langsamer und weniger lukrativ als das Gegenteil – aber sie ist möglich. Sie fragt mehr, als sie misst; sie sagt „das weiß ich nicht“; sie verstellt mir den Weg zu anderen Menschen nicht, sondern hält ihn offen; und sie gibt mir etwas, ohne mir dafür etwas anderes zu nehmen.

Gesundheit ist kein Käfig. Sie ist Ihr Spiel.


Wenn Sie das ausprobieren möchten: VerumVita Digital ist im Aufbau. Tragen Sie sich für den Frühzugang ein – ich schreibe Ihnen, sobald es so weit ist. → www.verumvita-digital.de


* Jonas ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht. Der Lauf, den die App auf sieben Kilometer verkürzte, ist mir dagegen wirklich passiert.


In dieser Serie


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Canguilhem, G. (2013 [1943/1966]). Das Normale und das Pathologische. Berlin: August Verlag.
  • Foucault, M. (2004 [1981/82]). Hermeneutik des Subjekts. Vorlesung am Collège de France 1981/82. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Foucault, M. (1993 [1988]). Technologien des Selbst. In: L. H. Martin, H. Gutman & P. H. Hutton (Hg.), Technologien des Selbst (S. 24–62). Frankfurt a. M.: S. Fischer.
  • Illich, I. (1975 [1973]). Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik (Tools for Conviviality). Reinbek: Rowohlt.
  • Illich, I. (1977 [1975]). Die Nemesis der Medizin. Von den Grenzen des Gesundheitswesens. Reinbek: Rowohlt.
  • Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, 481–494.

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