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Don't Die: Wer den Tod bekämpft, verpasst das Leben

Titelbild für Don't Die: Wer den Tod bekämpft, verpasst das Leben

Auftakt einer neuen Reihe über die großen Heilsversprechen unserer Zeit – länger, genauer, ruhiger und bewusster zu leben. Sie führt eine Figur ein, die uns durch die folgenden Beiträge begleiten wird: Jonas*, 41, der alles an sich vermisst – und nicht mehr weiß, wofür.


„Mein biologisches Alter ist 36"

„Mein biologisches Alter ist 36", sagte er und legte das Handy mit dem Dashboard zwischen uns auf den Tisch, „aber ich fühle mich wie achtzig." Dann nahm er die Uhr vom Handgelenk – eine schmale Smartwatch, die jeden seiner Schritte, jeden Schlaf, jeden Herzschlag vermisst – und legte sie daneben, sorgfältig, mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der ein Beweisstück vorlegt. Jonas*, 41, IT-Projektleiter aus der Region Hannover, war nicht wegen eines Symptoms gekommen. Er war wegen eines Reports gekommen.

Auf seinem Display stapelten sich die Kurven eines durchgemessenen Lebens. Schritte, Schlafphasen, Herzfrequenzvariabilität; jede Mahlzeit fotografiert und gewogen; ein Dutzend Nahrungsergänzungsmittel am Tag, morgens und abends sortiert in einer Wochenbox. Und seit drei Monaten ein Sensor am Oberarm, ein kontinuierlicher Glukosemesser, obwohl sein Nüchternblutzucker so unauffällig ist wie der eines Studenten. Er hatte sich, das war der eigentliche Befund, in einen Datensatz verwandelt – und den Datensatz mochte er. Die Uhr auf dem Tisch war kein medizinisches Instrument. Sie war eine Trophäe. Ein Beleg dafür, dass Jonas gewinnt, in einem Spiel, dessen Regeln er nie ganz ausgesprochen hatte.

„Ich optimiere alles, damit ich länger lebe", sagte er nach einer Weile. „Ich habe nur vergessen, wofür."

Zwischen uns lag, leise leuchtend, das genaue Gegenteil einer Antwort: ein Gerät, das ihm jede Sekunde sagen konnte, wie es ihm ging – und ihm nicht einen einzigen Satz darüber sagte, wozu. Dieser Beitrag, und die Reihe, die er eröffnet, handelt von dem Apparat, der Jonas dorthin gebracht hat. Vom größten Gesundheitsversprechen unserer Zeit: dem Versprechen, den Tod zu besiegen. Und davon, warum gerade dieses Versprechen so zuverlässig am Leben vorbeiführt.


I. Der Longevity-Apparat: eine kleine Typologie des Nicht-Sterbens

„Longevity" ist 2025 kein Nischenwort mehr. Es ist eine Industrie, eine Ästhetik und, bei manchen, eine Religion. Um zu verstehen, was es mit einem Menschen wie Jonas macht, muss man es zuerst sortieren – denn der Apparat spricht nicht mit einer Stimme. Er hat, vereinfacht, drei Gesichter: den Asketen, den Arzt und den Übersetzer.

Der Asket: Bryan Johnson und „Don't Die"

Die Reinform liefert Bryan Johnson. Der amerikanische Tech-Unternehmer hatte 2013 seine Zahlungsfirma Braintree (samt der App Venmo) für rund 800 Millionen Dollar an PayPal verkauft und sich danach ein neues Lebensprojekt gegeben. Seit Oktober 2021 betreibt er „Project Blueprint", ein bis ins Mikrogramm durchgeplantes Anti-Aging-Protokoll, für das er nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Dollar im Jahr und ein Team von über dreißig Spezialist:innen aufwendet. Zur Zeit der Netflix-Dokumentation Don't Die: The Man Who Wants to Live Forever (Regie: Chris Smith, 2025) schluckte er über hundert Pillen täglich, aß streng vegan, nahm seine letzte Mahlzeit um elf Uhr vormittags und ging ausnahmslos um halb neun ins Bett. Er misst das biologische Alter einzelner Organe und behauptet, seine epigenetische Uhr um gut fünf Jahre zurückgedreht zu haben.

Das ließe sich als exzentrisches Hobby eines reichen Mannes abtun, wäre da nicht die Wendung, die Johnson seinem Projekt selbst gibt. „Don't Die" ist für ihn keine Diät, sondern eine Weltanschauung. Im Mai 2025 erklärte er Jessica Hamzelou vom MIT Technology Review, er spiele „mit der Idee, dass der Körper Gott ist", er halte „Don't Die" für „die Religion der Menschheit" und arbeite daran, sie „innerhalb der nächsten 18 Monate zur einflussreichsten Ideologie der Welt" zu machen. Er gründet wöchentliche Gruppen nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker, mit Mantra und Entschuldigung an den eigenen Körper. Der Tod, einst die Grenze, an der alle Religionen ansetzten, soll nun selbst zur überwindbaren Krankheit werden. Das ist die Longevity-Bewegung in ihrer ehrlichsten, weil grellsten Gestalt: Sie ist eine Heilslehre ohne Jenseits, die das ewige Leben nicht verspricht, sondern terminiert – auf das nächste Quartal, die nächste Messung, das nächste Supplement. Dass Johnson sein Projekt eine Religion nennt, ist dabei kein Zufall, sondern die Struktur selbst – aber dazu später.

Der Arzt: Peter Attia und die saubere Trennung

Sehr viel seriöser, sehr viel einflussreicher und gerade deshalb sehr viel interessanter ist die zweite Gestalt: der Mediziner Peter Attia, dessen Buch Outlive. The Science and Art of Longevity (mit Bill Gifford, 2023) als Nr.-1-Bestseller der New York Times zum einflussreichsten Longevity-Buch der Gegenwart wurde. Attia ist kein Scharlatan. Er ist evidenzvorsichtig bis zur Kühle – über die Ernährungsepidemiologie sagt er, ihre Fähigkeit, Ursachen nachzuweisen, liege „irgendwo zwischen null und Epsilon" – wobei Epsilon, fügt er hinzu, eine sehr, sehr kleine Zahl sei. Und ausgerechnet er liefert dem ganzen Feld seine sauberste, ehrlichste Unterscheidung.

Attia trennt Lifespan – die Lebensspanne, die schiere Dauer, „die Zeit, in der man am Leben ist: man atmet" – von Healthspan, dem Teil des Lebens, der frei von Krankheit und Gebrechen ist, der „Qualität der Jahre". Seine Kritik an der herkömmlichen Medizin ist, dass sie Lifespan auf Kosten der Healthspan verlängere: Sie hält Menschen am Leben, ohne dass diese Jahre lebenswert wären. Dem setzt er „Medicine 3.0" entgegen – eine vorausschauende, präventive Medizin, die nicht erst beim Symptom eingreift, sondern Jahrzehnte vorher. Sein Befund ist nüchtern und stimmt: Über achtzig Prozent der Todesfälle bei Nichtraucher:innen jenseits der fünfzig gehen auf vier chronische Krankheitsgruppen zurück, die er die Four Horsemen nennt – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, neurodegenerative Erkrankungen und den Typ-2-Diabetes mit seinem metabolischen Umfeld. Wer diese vier hinauszögert, gewinnt nicht nur Jahre, sondern gute Jahre.

Man kann Attia kaum widersprechen. Und genau das macht ihn so wirkungsvoll: Er gibt dem Apparat sein bestes Argument. „Es geht doch gar nicht ums längere Leben", sagt der seriöse Flügel der Bewegung, „es geht ums bessere." Auf diese Verschiebung kommen wir zurück – sie ist der heimliche Drehpunkt dieses Essays.

Der Übersetzer: Andrew Huberman und die Protokolle

Zwischen dem Asketen und dem Arzt steht die Figur, die das Ganze massentauglich macht: der Übersetzer. Andrew Huberman, außerordentlicher Professor für Neurobiologie und Augenheilkunde an der Stanford University, betreibt seit 2021 mit „Huberman Lab" einen der erfolgreichsten Gesundheitspodcasts der Welt. Er übersetzt Laborbefunde in alltagstaugliche „Protokolle": Morgenlicht in die Augen, Kälteexposition, Atemtechniken, eine lange Liste von Supplementen. Seine eigene neurowissenschaftliche Forschung ist in der Fachwelt anerkannt; ein Kollege nannte den Podcast „einen fabelhaften Dienst an der Welt".

Doch genau an der Schnittstelle vom Labor zum Protokoll setzt eine ernste Kritik an. Der Krebsbiologe Joseph Zundell warf Huberman im Porträt des Time-Magazins (Ducharme 2023) vor, er extrapoliere Tierforschung ohne angemessene wissenschaftliche Rechtfertigung auf den Menschen und verlasse dabei sein eigenes Fachgebiet: „Er überträgt das auf Dinge, die wir als Menschen tun können", so Zundell, „aber diese Dinge sind für den Menschen gar nicht stark belegt." Die Biomedizinerin Andrea Love legte 2024 in Slate nach: Huberman „extrapoliert Daten von Nicht-Menschen auf Menschen", er „pickt sich schwache oder irrelevante Studien heraus, während er größere und robustere verwirft". Und das New York Magazine hielt ihm im selben Jahr vor, er behaupte Gewissheit, wo Mehrdeutigkeit herrsche.

Der Vorwurf richtet sich, das ist wichtig, nicht gegen Hubermans Reputation als Forscher, sondern gegen einen Mechanismus: gegen den Sprung von der vorläufigen Studie zur selbstsicheren Anweisung. Es ist derselbe Sprung, den ich in meinem Beitrag über Nahrungsergänzungsmittel als die Grammatik der ganzen Supplement-Industrie beschrieben habe: Aus einem plausiblen Mechanismus wird ein Verkaufsargument, lange bevor aus dem Mechanismus ein Beweis geworden ist. Die Frage cui bono – wem nützt es? – beantwortet sich bei einem Dutzend Kapseln am Tag meist von selbst.

Der Markt

Denn dahinter steht, und das sollte man nicht vergessen, eine der größten Industrien der Welt. Die globale Wellness-Ökonomie erreichte 2024 nach Zahlen des Global Wellness Institute einen Rekordwert von 6,8 Billionen US-Dollar – mehr als das Doppelte von 2013, mit Kurs auf 9,8 Billionen bis 2029. Allein der Markt für Nahrungsergänzungsmittel soll bis 2033 auf über 400 Milliarden Dollar wachsen. Longevity ist kein Lebensstil. Es ist ein Wirtschaftszweig, der schneller wächst als die Weltwirtschaft – und der ein Interesse daran hat, dass Jonas seine Uhr nie wieder abnimmt.


II. Die Grenze der Verheißung: was Longevity nicht einlösen kann

Halten wir kurz inne und stellen die einfachste, unbequemste Frage: Funktioniert es? Lässt sich der Tod, wenn schon nicht besiegen, so doch radikal aufschieben?

Die ehrlichste verfügbare Antwort kommt nicht aus der Marketingabteilung, sondern aus der Demografie. Im Oktober 2024 veröffentlichte ein Team um den Altersforscher S. Jay Olshansky in der Fachzeitschrift Nature Aging eine Studie mit einem Titel, der keine Zweideutigkeit zulässt: „Implausibility of radical life extension in humans in the twenty-first century" – die Unplausibilität einer radikalen Lebensverlängerung beim Menschen im 21. Jahrhundert. Die Forscher untersuchten die Sterbestatistiken der zehn langlebigsten Bevölkerungen der Welt von 1990 bis 2019. Ihr Befund: Die Zuwächse an Lebenserwartung haben sich seit 1990 deutlich verlangsamt. Über das gesamte zwanzigste Jahrhundert war die Lebenserwartung in den reichen Ländern um rund dreißig Jahre gestiegen – seit 1990 kamen nur noch durchschnittlich sechseinhalb hinzu. Und die Aussicht, hundert Jahre alt zu werden, wird, so die Studie, voraussichtlich fünfzehn Prozent bei den Frauen und fünf Prozent bei den Männern nicht übersteigen. Das Fazit ist trocken und vernichtend: Solange sich die biologischen Alterungsprozesse nicht grundlegend verlangsamen lassen, ist eine radikale Lebensverlängerung in diesem Jahrhundert unplausibel.

Olshansky selbst fand das Bild, das alles zusammenfasst: „Das ist eine gläserne Decke, keine Ziegelmauer." Wir stoßen nicht an eine Wand, durch die man sich vielleicht hindurcharbeiten könnte – wir stoßen an eine Grenze, die mit jeder weiteren Anstrengung mehr kostet und weniger bringt. „Die meisten heute alten Menschen", sagte er, „leben auf Zeit, die von der Medizin hergestellt wurde." Diese hergestellte Zeit war ein gewaltiges Geschenk des zwanzigsten Jahrhunderts – sauberes Wasser, Antibiotika, Impfungen, Säuglingssterblichkeit nahe null. Aber es ist ein Geschenk, das sich nicht beliebig wiederholen lässt. Und Olshanskys eigene Schlussfolgerung weist genau dorthin, wo dieser Essay landen wird: Wir sollten, sagt er, „unseren Fokus nun auf Bemühungen verlagern, das Altern zu verlangsamen und die Healthspan zu verlängern."

Nun wird der Longevity-Apparat an dieser Stelle einwenden: Aber wir stehen doch kurz davor. Und es stimmt, es gibt eine Handvoll Ansätze, die in der Alternsforschung mit gutem Grund für Aufregung sorgen. Senolytika sollen alternde „Zombiezellen" gezielt aus dem Gewebe räumen. Der Wirkstoff Rapamycin drosselt einen zentralen Stoffwechselweg der Zelle und verlängert in mehreren Tiermodellen die Lebensspanne. Die partielle epigenetische Reprogrammierung mit den sogenannten Yamanaka-Faktoren kann gealterte Zellen biologisch verjüngen. In der Maus sind manche dieser Ergebnisse spektakulär. Nur: Von der verjüngten Maus zum verlängerten, gesunden Menschenleben ist es ein weiter und unsicherer Weg, gepflastert mit gescheiterten Übertragungen – genau jenem Sprung von der Tierstudie zur menschlichen Anwendung, vor dem schon die Kritik an Huberman warnte. Die Geschichte der Medizin ist voll von Substanzen, die Mäuse heilten und Menschen enttäuschten. Selbst Attia, der diese Verfahren kennt und in Teilen nutzt, behandelt sie als das, was sie sind: vielversprechende Spekulation, nicht Beweis. Die ehrlichste Auskunft des Feldes bleibt: Wir wissen es noch nicht. Und „noch nicht" ist kein Geschäftsmodell, das die Kapseln auf Jonas' Frühstückstisch rechtfertigt.

Bemerkenswerterweise sagen das die nüchternsten Stimmen innerhalb des Feldes selbst. Die deutsche Wissenschaftsjournalistin und Longevity-Autorin Nina Ruge, die seit Jahren über gesundes Altern schreibt, versteht sich ausdrücklich als „Bullshit-Filter" gegen den Biohacking-Hype. Ihre Botschaft ist die denkbar unspektakulärste: Rund achtzig Prozent dessen, wie wir altern, hänge am Lebensstil, nicht an teuren Interventionen; die Zukunft der Langlebigkeit liege nicht im Labor, sondern im Alltag. „Alles wird gut", sagt sie, „aber nicht von allein." Es ist eine fast schon antiklimaktische Auskunft. Bewegung, Schlaf, Essen, Beziehungen, weniger Stress. Nichts davon lässt sich für zwei Millionen Dollar im Jahr kaufen. Nichts davon braucht einen Sensor.

Hier könnte der Apparat eigentlich kapitulieren. Er tut das Gegenteil. Er macht aus seiner eigenen Niederlage sein bestes Geschäft.


III. Der stille Wechsel: von der Lebensspanne zur Healthspan

Es lohnt sich, genau hinzusehen, was in dem Moment geschieht, in dem die Evidenz das große Versprechen kassiert. Denn was dann passiert, ist kein Rückzug, sondern eine Verschiebung – so leise, dass man sie kaum bemerkt.

Das ursprüngliche Versprechen – „besiege den Tod" – hat eine unangenehme Eigenschaft: Es ist widerlegbar. Man stirbt oder man stirbt nicht. Olshanskys gläserne Decke macht klar, auf welcher Seite die Wette steht. Ein widerlegbares Versprechen aber ist als Geschäftsmodell heikel, denn irgendwann wird die Rechnung präsentiert. Also gleitet der Apparat, fast unmerklich, von der Lebensspanne zur Healthspan. Aus „länger leben" wird „besser leben". Und das ist genial, denn „besser" lässt sich nie widerlegen. Es gibt keinen Tag, an dem man fertig optimiert wäre. Es gibt immer eine Kurve, die noch glatter, einen Score, der noch höher, ein Supplement, das noch nicht probiert ist. Die Healthspan, sobald sie zum Produkt wird, ist das vollkommene Abomodell – und zwar nicht, weil man dafür zahlt, sondern weil sie die Abhängigkeit, die sie bedient, selbst erzeugt: ein Versprechen, das man niemals einlösen und niemals kündigen kann, weil es kein Ziel mehr nennt, sondern nur noch eine Richtung.

Das ist die eigentliche List. Attias Unterscheidung von Lifespan und Healthspan ist klug und richtig. Aber in der Hand des Marktes wird aus einer medizinischen Einsicht ein unendlicher Korridor. Was als „Hör auf, blind Jahre zu sammeln, sorge für gute Jahre" gemeint war, kehrt zurück als „Es gibt keine guten Jahre, es gibt nur noch bessere – und die nächste Stufe musst du dir kaufen". Der Tod wird nicht mehr bekämpft. Er wird durch ein lebenslanges, lückenloses Selbst-Management ersetzt.

Man hört auf zu leben, um sich auf das Leben vorzubereiten.

Aber warum nimmt die Sorge um den eigenen Körper ausgerechnet diese Form an – methodisch, lückenlos, nie genug? Eine Antwort, die älter ist als jeder Tracker, hat Max Weber vor über hundert Jahren gegeben. In Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus beschreibt er, wie aus der calvinistischen Lehre von der Prädestination eine eigentümliche Unruhe entsteht: Niemand kann wissen, ob er zu den Erwählten gehört, und diese unerträgliche Ungewissheit über das eigene Heil treibt eine rastlose, methodische Lebensführung. Wer sein Heil nicht wissen kann, sucht Zeichen dafür. Beruflicher Erfolg, eiserne Disziplin, die lückenlose Buchführung über das eigene Tun werden zur Grundlage göttlicher Gnade - ohne jemals Gewissheit finden zu können. Webers berühmtestes Beispiel ist Benjamin Franklins Tugendliste – dreizehn Tugenden, die Franklin in einer Tabelle führte und Tag für Tag abhakte, ein Punkt für jeden Verstoß. Es ist, mit etwas Abstand betrachtet, das erste Dashboard der Geschichte.

Heute ist der Himmel aus der Rechnung verschwunden. Was Weber das „stahlharte Gehäuse" nannte, ist geblieben: die Form der methodischen Selbstüberwachung, nur ohne das Jenseits, das sie einst trug. Jonas' Erholungswert ist Franklins Tugendtabelle, an die Stelle der Grundlegung von Heilsgewissheit ist die der Gesundheitsgewissheit getreten. Und es bleibt, genau wie bei den Puritanern, ein Werk ohne Sabbat: ein Optimieren, das nie genug getan haben kann, weil ihm die einzige Instanz fehlt, die je „es ist vollbracht" sagen könnte. Wenn Bryan Johnson „Don't Die" eine Religion nennt, ist das deshalb keine Koketterie – es ist eine Rechtfertigung durch Werke, der man die Gnade und das Jenseits genommen und nur die Anstrengung gelassen hat.

Das erklärt auch, warum der Apparat zwei so verschiedene Gesichter trägt. Das eine ist laut, männlich, technikverliebt: der Biohacker mit seinem Blueprint-Protokoll und seinem Pillenturm. Das andere ist still und sitzt mir, ehrlich gesagt, weit häufiger gegenüber – meist sind es Frauen, die seit Jahren ihre Schritte zählen, jede Mahlzeit verbuchen, sich morgens auf die Waage stellen und das Ganze „Disziplin" nennen. Es sieht harmloser aus als Johnsons Protokoll, ist aber dieselbe Maschine: dieselbe innerweltliche Askese, dasselbe „gut" und „böse" beim Essen, dasselbe Gefühl, sich eine Mahlzeit erst verdienen zu müssen. Die Diätkultur ist, von Weber her gelesen, nichts anderes als die protestantische Ethik am Esstisch – ein Erbe, das ich an anderer Stelle als Disziplin beim Abnehmen beschrieben habe.

An dieser Stelle erwartet man von einem philosophisch grundierten Blog vielleicht den großen Auftritt der Endlichkeit – Heidegger, das Sein zum Tode. Ich habe darüber in meinem Beitrag über das Lebbare geschrieben und entfalte die philosophische Seite hier bewusst nicht neu; dort zeige ich, warum die Endlichkeit dem Leben seine Bedeutung gibt, statt sie ihm zu nehmen. Aber die Endlichkeit hat eine zweite, psychologische Seite, und die gehört hierher. Denn Weber erklärt die Form des Apparats – die methodische, nie endende Selbstüberwachung. Er erklärt nicht, wogegen sie sich eigentlich richtet.

Dafür lohnt der Blick in die existenzielle Psychotherapie des amerikanischen Psychiaters Irvin Yalom. Für Yalom ist die Angst vor dem eigenen Tod eine der Grundgegebenheiten menschlicher Existenz – eine Angst, die so bodenlos und so groß ist, dass ein erheblicher Teil dessen, was wir den ganzen Tag tun, im Kern Abwehr gegen sie ist. Longevity ist die wörtlichste Abwehr, die sich überhaupt denken lässt; sie trägt ihr Programm im Namen: Don't Die. Der Kulturanthropologe Ernest Becker hat solche Konstruktionen einmal „Unsterblichkeitsprojekte" genannt – und Jonas' Dashboard ist genau das: ein Projekt, das den Tod nicht aufhält, aber den Gedanken an ihn betäubt, indem es ihn in eine Kurve übersetzt, an der man heute noch etwas verbessern kann.

Yaloms eigentliche Einsicht aber ist eine Umkehrung, und sie ist der Kern dieses ganzen Beitrags. Die Verleugnung des Todes, sagt Yalom, verleugnet auch das Leben. „Die Körperlichkeit des Todes zerstört uns", schreibt er, „aber die Idee des Todes rettet uns." Wer die eigene Endlichkeit – die letzte Ohnmacht, die sich durch keine Messung und kein Supplement aufheben lässt – nicht verdrängt, sondern aushält, gewinnt erst das, worauf es ankommt: Gegenwart, Geschmack, die Fähigkeit, sich von etwas berühren zu lassen, das man nicht hergestellt hat. Genau das, was kein Sensor erfassen kann. Der Tod ist nicht der Feind, gegen den ein gutes Leben sich verteidigen müsste – er ist die Bedingung dafür, dass es überhaupt auf etwas ankommt. Wohin das führt – zu einer Ruhe, die sich nicht herstellen lässt, und zu einer Verbundenheit, die sich nicht erzwingen lässt –, davon handeln die nächsten Beiträge dieser Reihe. Hier genügt der erste Schritt: einzusehen, dass das, was wir am hartnäckigsten verfügbar machen wollen, gerade das Unverfügbare ist.

Und diese existenzielle Einsicht hat eine fast schon spöttische empirische Entsprechung. Denn die Frage, was ein langes, gesundes Leben tatsächlich verlängert, ist erstaunlich gut beantwortet – und die Antwort steht in keinem Supplement-Katalog. Sie lautet: Gute Beziehungen und soziale Lage. Dass gelingende Bindungen und die eigene Stellung im sozialen Gefüge zu den robustesten bekannten Schutzfaktoren überhaupt gehören – in ihrer Wirkung den großen körperlichen Risikofaktoren ebenbürtig –, habe ich an anderer Stelle ausführlich gezeigt, in meinem Beitrag über das Beziehungsgebundene (Holt-Lunstad, Marmot). Hier genügt das Ergebnis: Bindung und soziale Lage verlängern das Leben, evidenzbasiert und seit Jahrzehnten belegt. Es ist genau das, was Yalom meint, nur in Zahlen – die Antwort heißt beide Male Beziehung, nicht Kontrolle.

Und das hat eine bittere Kehrseite. Denn was das Leben verlängert, ist nicht nur gratis – es ist ungleich verteilt. Armut, Einsamkeit und ein niedriger Platz auf der sozialen Leiter verkürzen das Leben so verlässlich, wie gute Bindungen es schützen. Soziale Gerechtigkeit ist darum keine bloß finanzielle Frage, sondern eine, die buchstäblich über die Länge von Leben mitentscheidet – hier läge ein Hebel für die Gesundheit einer ganzen Gesellschaft, der größer ist als jedes Supplement und jeder Verjüngungsplan einzelner.

Hier schließt sich der Kreis dieses Beitrags. Der Longevity-Apparat verkauft als teures Statusprojekt, was die Forschung längst als gratis-und-für-alle kennt. Zwei Millionen Dollar im Jahr für epigenetische Verjüngung – und der größte nachgewiesene Hebel wäre ein gemeinsames Abendessen, ein Freund, der anruft, eine Arbeit, die nicht demütigt. Die Uhr an Jonas' Handgelenk misst alles, was sich messen lässt, und übersieht genau das, was zählt. Sie ist die perfekte Verkörperung einer Kultur, die das, was umsonst und für jeden zu haben wäre, in ein individuelles Kaufprojekt verwandelt – und es damit ausgerechnet jenen vorenthält, die es am nötigsten hätten.


IV. Adding statt Optimieren: die Arbeit mit Jonas

Was heißt das alles für die Praxis – für den Mann, der mir gegenübersitzt, mit dem Dashboard und der Uhr zwischen uns?

Die Versuchung, der ich widerstehen muss, ist groß und naheliegend: Jonas nimmt ein Dutzend Supplements, ich könnte ihm erklären, welche zehn davon Unsinn sind. Er hat einen Glukosesensor, ich könnte ihm vorrechnen, warum er ihn nicht braucht. Ich könnte, mit anderen Worten, sein Spiel mitspielen – nur als der bessere, evidenzbasiertere Optimierer. Es wäre fachlich korrekt und therapeutisch wertlos. Denn ich würde dem Mann, der zu viel misst, nur eine genauere Messung anbieten. Ich würde die Frage „wie?" beantworten, während seine eigentliche Not in der Frage „wofür?" steckt.

Stattdessen arbeite ich mit einer Bewegung, die ich für mich "Hinzufügen statt Optimieren" nenne. Optimieren heißt: am selben Leben feilen, bis die Kurven stimmen. Etwas hinzuzufügen meint etwas, das in keiner Kurve vorkommt. Ich habe Jonas nicht gefragt, wie sein Schlaf-Score war. Ich habe ihn gefragt, wann er das letzte Mal ein Essen mit jemandem geteilt hat, ohne nebenbei seine Werte zu prüfen. Es entstand eine lange Pause. Dann sagte er: „Ich weiß es nicht."

Ich fragte konkreter, nach dem letzten Abendessen. Jonas beschrieb es genau: eine abgewogene Portion, im Stehen an der Küchenzeile gegessen, das Handy in der anderen Hand, weil er sehen wollte, wie die Glukosekurve auf die Mahlzeit reagierte. Er konnte mir die Kohlenhydrate nennen, die Proteinmenge, den Ausschlag des Sensors auf zwei Nachkommastellen genau. Auf die Frage, wie es geschmeckt habe, kam nach kurzem Zögern nur: „Gut, glaube ich. Darauf habe ich nicht geachtet." Hier hätte ich, als Ernährungstherapeut, mühelos ansetzen können – an den Makros, am Timing, am Sensor; es ist das Handwerk, für das die Gesellschaft meint, mich zu bezahlen. Ich tat es nicht. Denn das Bild, das Jonas mir gerade gezeichnet hatte, war von erschütternder Genauigkeit: ein Mann, der seinen Körper bis auf zwei Nachkommastellen kennt und nicht mehr weiß, wie sein eigenes Abendbrot schmeckt. Das ist keine Ernährungsfrage mehr. Es ist dieselbe Frage wie am Anfang, nur näher an den Teller gerückt – die Frage nach dem Wofür. Ein Mensch, der isst, ohne zu schmecken, misst ein Leben, das er gerade nicht lebt.

Diese Pause ist die eigentliche Arbeit. Sie ist nicht angenehm, aber ich beeile mich nicht, sie zu füllen – das wäre der Fehler, den ich in meinem Beitrag über das Containing beschrieben habe: ein unaushaltbares Gefühl rasch wieder wegzuräumen, statt es zu halten. Meine Aufgabe ist nicht, Jonas eine neue Methode zu geben, mit der er die Leere wegoptimiert. Meine Aufgabe ist, die Frage „wofür?" mit ihm auszuhalten, lange genug, dass sie nicht sofort in das nächste Projekt umschlägt. Ein Mensch, der jahrelang gelernt hat, jede Ungewissheit in eine Zahl zu übersetzen, muss erst wieder ertragen lernen, dass die wichtigsten Fragen keine Zahl haben.

Jonas ist am Ende dieser ersten Sitzung nicht geheilt. Er hat die Uhr wieder angelegt, bevor er ging und ich habe es icht kommentiert. Er misst weiter. Aber etwas hat sich verschoben, kaum merklich: Zum ersten Mal stand zwischen seinem Körper und seinen Geräten eine Frage, die kein Gerät beantworten kann. Das ist kein Durchbruch. Es ist ein Riss in einer sehr glatten Oberfläche. Mehr braucht es, am Anfang, nicht.


V. Cliffhanger: das Versprechen der lückenlosen Selbstvermessung

Am Ende der Stunde sagte Jonas einen Satz, der mir seitdem nachgeht und der diese ganze Reihe vorantreibt. Er hatte verstanden – widerwillig –, dass er den Tod nicht aufhalten kann, dass keine Zahl ihn unsterblich macht. Aber statt daraus zu schließen, dass er weniger messen sollte, schloss er das Gegenteil.

„Wenn ich den Tod schon nicht aufhalten kann", sagte er und sah auf die Uhr an seinem Handgelenk, „dann will ich wenigstens lückenlos wissen, wie es mir geht."

Es war als Trost gemeint. Aber als ich ihn so reden hörte, dämmerte mir, dass das Versprechen der Lebensspanne nur abgedankt hatte, um einem zweiten, viel intimeren Platz zu machen: dem Versprechen der vollkommenen Selbstkenntnis durch Vermessung. Nicht mehr „lebe ewig", sondern „durchschaue dich vollständig". Genau dieser Verschiebung – vom Kampf gegen den Tod zum Kult der lückenlosen Selbstmessung – gehe ich im nächsten Beitrag nach.

Denn eine Frage hatte Jonas mit seinem Satz aufgeworfen, ohne sie zu hören. Ich habe sie an dem Abend für mich aufgeschrieben, und sie ist der Faden, an dem es weitergeht: Ist lückenloses Wissen über mich selbst noch ein Wissen, das ich habe – oder schon eines, das mich hat?


Schlussgedanke

Jonas ist mit seiner Uhr nach Hause gegangen, an dem Tag, an dem wir uns kennenlernten. Wir hatten kein Protokoll, keinen Plan, keine optimierte Routine. Wir hatten nur seinen eigenen Satz, der zwischen uns liegen blieb wie das Handy auf dem Tisch: Ich optimiere alles, damit ich länger lebe – ich habe nur vergessen, wofür.

Vielleicht ist „besser leben" am Ende gar nicht die Kunst, ein Versprechen besser zu erfüllen. Vielleicht beginnt es da, wo ein Mensch aufhört, sein Leben für ein Projekt zu halten, das sich abschließen ließe, wenn er nur genau genug misst. Der Tod ist nicht der Feind, gegen den sich ein gutes Leben verteidigen müsste. Er ist die Linie, vor der es sich überhaupt erst lohnt, eine Antwort auf das Wofür zu finden. Wer den Tod bekämpft, hat den Blick schon abgewandt – von dem einen Leben, das gerade vergeht, während er es vermisst.

Im nächsten Beitrag sehen wir Jonas wieder. Die Uhr wird wieder zwischen uns auf dem Tisch liegen. Aber diesmal wird sie nicht von der Lebensspanne erzählen, sondern von etwas viel Näherem: davon, wer eigentlich weiß, wie es Jonas geht – er oder das Gerät.


* Name geändert. Jonas ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover" (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Attia, P. & Gifford, B. (2023). Outlive. The Science and Art of Longevity. New York: Harmony Books.
  • Attia, P. (2023). Peter Attia on Lifespan, Healthspan, and Outlive. Interview, EconTalk, 2023.
  • Becker, E. (1973). The Denial of Death. New York: The Free Press.
  • Ducharme, J. (2023). How Andrew Huberman Got America to Care About Science. Time, 28. Juni 2023.
  • Hamzelou, J. (2025). Bryan Johnson wants to start a new religion in which „the body is God". MIT Technology Review, 5. Mai 2025.
  • Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T. & Stephenson, D. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227–237.
  • Marmot, M. (2005). Status Syndrome: How Your Social Standing Directly Affects Your Health. London: Bloomsbury.
  • Olshansky, S. J., Willcox, B. J., Demetrius, L. & Beltrán-Sánchez, H. (2024). Implausibility of radical life extension in humans in the twenty-first century. Nature Aging, 4(11), 1635–1642.
  • Ruge, N. & Duscher, D. (2020). Altern wird heilbar. Jung bleiben mit der Kraft der drei Zellkompetenzen. München: Gräfe und Unzer.
  • Smith, C. (Regie) (2025). Don't Die: The Man Who Wants to Live Forever. Netflix / Library Films.
  • Weber, M. (2016 [1904/05]). Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vollständige Ausgabe. München: C. H. Beck.
  • Yalom, I. D. (2000). Existenzielle Psychotherapie. Köln: Edition Humanistische Psychologie.
  • Yalom, I. D. (2008). In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. München: btb.
  • Global Wellness Institute (2025). Global Wellness Economy Monitor 2025. Miami: GWI.

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