„Nicht mehr so weich“
Tobias*, Ende zwanzig, saß sehr aufrecht auf dem Sofa, auf dem sonst Menschen sitzen, die sich für ihr Essen schämen. Er schämte sich nicht. Er hatte eine App mit seiner Makronährstoffverteilung offen, als wir uns das erste Mal trafen.
Gekommen war er, wie er es nannte, zur „Optimierung“. Er trainierte fünfmal die Woche, seit sieben Jahren, davon vier mit Ernährungsprotokoll: nahezu jede Mahlzeit gewogen, jedes Gramm Eiweiß gewissenhaft verbucht, die Woche in Trainings- und Ruhetage zerlegt, das Jahr in Aufbau- und Definitionsphasen. Er kocht sonntags für fünf Tage vor. Wenn Kollegen spontan essen gehen, sagt er ab oder hat die vorbereitete Dose mit Reis, Brokkoli und Hähnchen dabei. Sein Wissen über Makronährstoffe, Energiebilanzen und Trainingsperiodisierung war tadellos; ich habe in dem Gespräch ernährungswissenschaftlich nichts hinzuzufügen gehabt. Ein Problem, sagte er, habe er eigentlich nicht. Nur komme er seit einiger Zeit nicht mehr voran, und das mache etwas mit ihm, das er sich nicht erklären könne: Er schlafe schlecht, sei gereizt, und der Blick in den Spiegel sei „irgendwie nie okay“, egal, was die Waage und der Messschieber sagten.
Und dann fiel der Satz, wegen dem es diesen Beitrag gibt. Als ich fragte, was er sich von alldem eigentlich erhoffe, brauchte er nicht zu überlegen und sagte: „Ich will einfach nicht mehr so weich sein.“
Er meinte seinen Bauch. Natürlich meinte er seinen Bauch – die Handbreit unterhalb des Nabels, die trotz allem bleibt, das allerletzte Depot, das der Körper hergibt, wenn überhaupt und sich bei jeder Gelegenheit wieder holt. Aber der Satz stand im Raum und trug schwerer, als er gemeint war. Ich fragte ihn, woran er merken würde, dass er hart genug ist.
Es wurde still. Es war die erste Frage des Nachmittags, auf die er keine im Voraus abgewogene Antwort hatte.
Die übersehene Diätkultur
Vor einigen Wochen stand an dieser Stelle ein Beitrag über den Protein-Hype, und er endete mit einem Versprechen: Dass dieser Panzer historisch vor allem einem Geschlecht angeboten wurde und wie sich dessen Diätkultur bis heute als etwas Anderes als eine „klassische“ Diät tarnt – davon ein anderes Mal. Das andere Mal ist jetzt.
Denn es gibt eine zweite Diätkultur in diesem Land, und sie wird deutlich seltener thematisiert, weil sie durch das Raster fällt. Man erkennt sie an ihrer Sprache. Frauen „machen Diät“ – Männer „sind im Cut“. Frauen zählen Kalorien – Männer „tracken ihre Makros“. Frauen hungern – Männer „sind in der Definitionsphase“. Frauen haben verbotene Lebensmittel – Männer haben „Cheat Days“, ein Wort, das den Regelbruch gleich mitliefert: Wer schummelt, erkennt das Gesetz an. Die Vokabeln klingen nach Ingenieurwesen, nach Steuerung und Handwerk, und genau das ist ihre Funktion. Sie übersetzen ein Verhalten, das als weiblich gilt – sich ums Essen sorgen, den Körper beobachten, dem Spiegel Rechenschaft ablegen –, in ein Vokabular, das als männlich durchgeht: Projekt, Plan, Leistung.
Die Grammatik darunter ist dieselbe, und Leser:innen dieses Blogs kennen sie längst: Essen als Leistung, Körper als Projekt, das Gefühl ersetzt durch ein Etikett – die Diätkultur, nur unter neuem Namen und mit umgekehrtem Vorzeichen. Nicht kleiner werden, sondern stärker und definierter. Nicht unbedingt weniger essen, sondern exakt das Richtige – optimalerweise perfekt.
Eine Randerscheinung scheint das nicht zu sein. In einer kanadischen Online-Befragung junger Menschen, die über soziale Medien gewonnen wurden, hatte knapp die Hälfte der Männer zwischen 16 und 30 im zurückliegenden Jahr „gebulkt und gecuttet“, also gezielte Aufbau- und Definitionsphasen durchlaufen; wer das tat, berichtete häufiger Symptome von Muskeldysmorphie und Essstörungen. Und wo das Richtige selbst zum Zwang wird, beginnt, was man Orthorexie nennt – eine Essstörung, die als eigene Diagnose noch umstritten ist und von der dieser Blog vor einigen Jahren in der Geschichte von Mark erzählt hat. Tobias ist nicht Mark. Aber er bewegt sich im selben Rahmen, irgendwo zwischen Disziplin und Zwang.
Wie gründlich diese Tarnung funktioniert, sieht man an einem einfachen Gedankenexperiment. Man nehme Tobias’ Alltag – jede Mahlzeit gewogen, Essenszeiten, die über soziale Verabredungen entscheiden, wachsendes Unbehagen bei jeder ungeplanten Mahlzeit, ein Spiegelbild, das nie genügt – und setze eine junge Frau hinein. Auch sie bekäme anfangs Komplimente – für ihre Willensstärke, womöglich für ihre Figur – und im Netz Bewunderung von Mädchen, die mit demselben ringen. Wer mit Essstörungen arbeitet, weiß, wie sehr dieser frühe Beifall eine Magersucht bestärken kann.
Aber irgendwann würde aller Wahrscheinlichkeit nach jemand stutzig werden, denn für dieses Muster gibt es bei Frauen einen Namen, den alle kennen. Die Londoner Psychiaterinnen Ulrike Schmidt und Janet Treasure haben die Magersucht in einem viel zitierten Modell als „valued and visible“ beschrieben: von den Betroffenen geschätzt und zugleich so sichtbar, dass sie Angehörige alarmiert. Ihre Mutter würde vorsichtig ein Gespräch suchen, ihre Freundinnen würden Blicke tauschen, und eine Hausärztin würde wahrscheinlich die richtigen Fragen stellen. Bei Tobias stellt kaum jemand Fragen. Gemerkt wird es durchaus – wer einmal spontan mit ihm essen gehen wollte, spürt, dass da einer nicht mehr frei ist. Nur gibt es für ihn, als Angehörigen des angeblich starken Geschlechts, statt Sorge eine Mischung aus Bewunderung und Spott: Die Kollegen ziehen ihn mit seiner Dose auf und nennen ihn trotzdem „eisern“, halb im Scherz und halb voller Ehrfurcht, „weil sie das nie könnten“. Bei Tobias heißt dasselbe durch Leid erzeugtes Verhalten Disziplin und die Algorithmen seines Handys „belohnen“ ihn mit einer Endlosschleife von Männern, die noch eiserner aussehen.
Bewundert werden beide, zumindest am Anfang. Doch nur bei ihr kennen wir den Punkt, an dem aus Bewunderung Sorge wird. Das ist keine Auskunft über Frauen und Männer. Es ist eine über unsere gesellschaftlichen Maßstäbe.
Dass kaum jemand fragt, hat mehrere Gründe; zwei davon sind gut beschrieben. Der erste liegt bei den Männern selbst: Ihnen fehlt für dieses Leiden oft das Vokabular. In einer kleinen britischen Interviewstudie erzählten zehn junge Männer mit Essstörungen, dass sie ihre Symptome lange nicht als solche erkannt hatten, weil Essstörungen doch Frauensache seien – und manche erlebten, dass auch Fachleute die Zeichen spät erkannten. Der zweite liegt vermutlich bei uns allen: Männern wird die Rolle des Leidenden weniger bereitwillig zugestanden. In Experimenten halten Menschen Geschädigte eher für weiblich und Täter eher für männlich. Außerdem erscheint Schaden, der einem Mann zugemutet wird, ihnen eher hinnehmbar. Eine der Studien dazu trägt einen Titel, der wie ein Spruch aus der Umkleide klingt: „Man up and take it.“
Die Folgen lassen sich beziffern, und man muss dabei genau sein: Frauen erkranken deutlich häufiger an Essstörungen, im Mittel knapp viermal so oft wie Männer. Aber in Bevölkerungsstudien ist etwa jede vierte bis fünfte betroffene Person ein Mann – in Behandlung oft nur jede zehnte, und von den Essstörungsfällen, die 2024 in deutschen Krankenhäusern stationär behandelt wurden, entfielen fast 93 Prozent auf Frauen und Mädchen – wobei im Krankenhaus vor allem Magersucht behandelt wird, die Mädchen besonders häufig trifft. Ein Beweis ist die Lücke zwischen Bevölkerung und Behandlung nicht, aber ein Hinweis. Männliche Essstörungen gelten als unterdiagnostiziert, und ein Grund dafür ist, dass die Diagnostik am weiblichen Erscheinungsbild geeicht wurde. Der Fragebogen, mit dem das Robert Koch-Institut Jugendliche zuletzt auf Anzeichen von Essstörungen untersucht hat, fragt etwa, ob man sich zu dick findet – nicht, ob man sich zu schmächtig findet. Wer abnimmt und sich zu dick fühlt, fällt ins Raster. Wer aufbaut und sich zu klein fühlt, fällt hindurch. Das Leiden trägt ein Kostüm, das wie Gesundheit aussieht – und wird darin nicht gefunden.
Ein Komplex bekommt seinen Namen
Dass dieses Leiden einen Namen hat, verdankt sich einer Beobachtung, die vor gut dreißig Jahren in amerikanischen Krafträumen gemacht wurde. Der Psychiater Harrison Pope untersuchte Anfang der Neunziger 108 Bodybuilder und stieß bei einem Teil von ihnen auf etwas, das er zunächst „reverse anorexia“ nannte, umgekehrte Magersucht: Männer mit außergewöhnlich muskulösen Körpern, die felsenfest davon überzeugt waren, schmächtig zu sein. Männer, die im Sommer Pullover trugen, weil sie sich ihrer Arme schämten – nicht, weil die zu dick gewesen wären, sondern weil sie sie als zu dünn erlebten. Die Wahrnehmungsverzerrung der Magersucht, nur spiegelverkehrt: Dort sieht ein untergewichtiger Mensch im Spiegel einen dicken, hier sieht ein muskulöser einen schwachen.
Im Jahr 2000 veröffentlichte Pope zusammen mit Katharine Phillips und Roberto Olivardia das Buch, das dem Phänomen seinen bleibenden Namen gab: „The Adonis Complex“. Es erschien ein Jahr später auch auf Deutsch und ist seit 26 Jahren nicht mehr aus der Fachdiskussion verschwunden – aus einem einfachen Grund: Es hat sich nicht erledigt. Die extremste Form heißt heute Muskeldysmorphie, im Volksmund „Bigorexie“, und steht mittlerweile im Diagnosehandbuch DSM-5 als Unterform der körperdysmorphen Störung. Aber das Buch handelt gar nicht in erster Linie von dieser klinischen Spitze. Es handelt von der Breite darunter: von ganz normalen Männern und einem Ideal, das sich unbemerkt so weit vom Erreichbaren entfernt hat, dass das Scheitern an ihm zur Grundausstattung geworden ist.
Zwei Untersuchungen aus Popes Arbeitsgruppe muss man kennen, weil sie das Ausmaß dieser Verschiebung messbar machen.
Die erste handelt von Spielzeug. Pope und Kollegen vermaßen die G.I.-Joe-Actionfiguren mehrerer Jahrzehnte und rechneten ihre Proportionen auf einen Mann von 1,78 Metern hoch. Die Figur von 1964 hätte danach einen Bizeps von gut dreißig Zentimetern gehabt – ein normaler, sportlicher Arm. Die Version aus den späten Neunzigern käme auf fast siebzig Zentimeter: ein Umfang, den kein Mensch je erreicht hat, mit keiner Trainingslehre und keiner Pharmakologie der Welt. Was Barbie für Mädchen ist, wurde damals gern gefragt – hier war die Antwort: Die Jungen hatten längst ihre eigene, und niemand hatte hingesehen. Eine Generation, die mit diesen Figuren gespielt hat, füllt heute die Fitnessstudios.
Die zweite Untersuchung handelt von der Lücke zwischen Körper und Bild. Pope ließ junge Männer, Studenten in Österreich, Frankreich und den USA, an einem Computer den eigenen Körper einstellen, dann den Wunschkörper, dann den Körper, von dem sie glaubten, Frauen fänden ihn am attraktivsten. Das Ergebnis war in allen drei Ländern dasselbe: Der Wunschkörper trug im Schnitt rund dreizehn Kilogramm mehr Muskelmasse als der eigene. Der vermeintliche Frauenwunsch lag noch einmal darüber. In einer kleinen Vorstudie wählten Frauen dagegen einen ganz gewöhnlichen Männerkörper. Spätere Studien sind weniger eindeutig: Frauen finden kräftige, sportliche Männer durchaus attraktiv, am ehesten aber mäßig muskulöse. Stabil ist ein anderer Befund: Männer überschätzen deutlich, wie viel Muskel Frauen sich wünschen.
Man muss diesen Befund einen Moment stehen lassen, denn er enthält die vielleicht traurigste Pointe des ganzen Feldes: Das Wettrüsten hat das Publikum, für das es angeblich stattfindet, gründlich missverstanden. Es richtet sich weniger an Frauen, als Männer glauben. Es richtet sich an ein Bild – und an die anderen Männer, von denen viele demselben Bild hinterhertrainieren.
Seit das Buch erschien, hat sich nur eines geändert: die Verbreitungsgeschwindigkeit. Was im Jahr 2000 auf Zeitschriftencover und Actionfiguren angewiesen war, wohnt heute in der Hosentasche. Unter Schlagworten wie „Gymtok“ und „Looksmaxxing“ optimiert eine sehr junge, sehr männliche Öffentlichkeit Kiefer, Schultern, Prozentwerte – ein Spiegelbild jener Verkleinerungs-Communitys, über die im Beitrag über Body Positivity und SkinnyTok zu lesen war, nur mit umgekehrtem Vorzeichen und deutlich geringerer öffentlicher Alarmbereitschaft.
Für die Mädchen gibt es inzwischen Verbote und Warnhinweise. Für die Jungen gibt es Rabattcodes.
Die letzte Bastion
Warum ausgerechnet Muskeln? Und warum ausgerechnet jetzt, in einer Epoche, in der kaum ein Beruf mehr Körperkraft verlangt und die Maschine jede Last besser hebt als der stärkste Mensch?
Pope und seine Koautoren hatten darauf eine soziologische Antwort, die man ernst nehmen sollte, gerade weil sie unbequem ist. Muskelmasse ist, im statistischen Mittel, eine der letzten Eigenschaften, in denen sich Männer von Frauen deutlich unterscheiden. In fast allem anderen – Bildung, Beruf, Einkommen, Führung – haben Frauen in zwei Generationen deutlich aufgeholt, in der Bildung sogar überholt, und das ist eine zivilisatorische Erfolgsgeschichte. Aber für ein Männlichkeitsbild, das sich über Jahrhunderte aus Versorgung, Schutz und Stärke gespeist hat, blieb wenig übrig, woran sich Differenz noch festmachen ließ. Der Muskel wurde zur letzten Bastion: das eine Feld, auf dem der Vorsprung biologisch garantiert scheint. Dass der Körperkult genau in den Jahrzehnten explodierte, in denen die alten Männerrollen erodierten, ist in dieser Lesart kein Zufall, sondern eine Fluchtbewegung – je unsicherer die Rolle, desto härter soll der Körper sein.
Die Soziologin Raewyn Connell hat für den Maßstab, der dahintersteht, einen Begriff geprägt, der in die Alltagssprache eingewandert ist: hegemoniale Männlichkeit – das jeweils herrschende Ideal des „richtigen“ Mannes, das kaum ein realer Mann je verkörpert, zu dem sich aber jeder positionieren muss. Genau so funktioniert das Körperideal: Es ist keine Beschreibung von Männern, sondern eine Rangordnung über ihnen. Und Rangordnungen werden, das hat Martha Nussbaum in ihrer Analyse der Scham herausgearbeitet, nicht mit Argumenten durchgesetzt, sondern mit Beschämung: Scham weist Plätze zu. In der Umkleide, auf dem Schulhof, in den Kommentarspalten heißt sie nur nicht Scham. Sie heißt „ist doch nur Spaß“. Wie wenig Scham je verändert hat – außer der Richtung, in die Menschen sich verstecken –, steht in diesem Blog an anderer Stelle ausführlich. Woher diese Rangordnung unter Jungen kommt und warum sie so zäh ist, davon im nächsten Beitrag.
Wie weit dieser Druck reicht, lässt sich zumindest andeuten. Eine große Metaanalyse schätzt, bei sehr großen Unterschieden zwischen Ländern und Studien, dass weltweit 6,4 Prozent der Männer irgendwann in ihrem Leben anabole Steroide genommen haben – gegenüber 1,6 Prozent der Frauen. Der typische Konsument ist dabei längst kein Wettkampfathlet mehr, sondern ein Freizeitsportler, der für keinen Pokal dopt, für kein Preisgeld und keine Bühne. Er riskiert Herz, Leber und Hormonsystem für ein Publikum, das es, siehe oben, so nie gegeben hat: für das Bild.
Und damit hier keine falsche Anschuldigung entsteht, sage ich es so deutlich wie im Sommer beim Protein: Dieser Text hat nichts gegen den Mann an der Hantelbank. Krafttraining gehört zum Bestbelegten, was ein Mensch für seine Gesundheit tun kann – für Knochen, Stoffwechsel, Stimmung, für ein langes selbstständiges Leben. Wer trainiert, plant und sich steigert, betreibt Handwerk an sich selbst, und Handwerk verdient Respekt. Die Kritik gilt nicht dem Training. Sie gilt einer Kultur, die aus einem Handwerk eine Währung gemacht hat – und einem Ideal, das so kalibriert ist, dass niemand je genug davon besitzt.
Außerdem stehe ich nicht über diesem Trend, sondern bin seit zwei Jahrzehnten dabei, mich davon innerlich zu emanzipieren.
Was der Körper sagen muss
Bis hierher war das die halbe Wahrheit. Die soziologische Erklärung – bedrohte Männlichkeit, letzte Bastion – beantwortet, warum das Ideal so mächtig ist. Sie beantwortet nicht, warum es ausgerechnet am Körper vollstreckt wird. Dafür muss man eine Schicht tiefer, dorthin, wo dieser Blog zu Hause ist.
Der amerikanische Psychologe Ronald Levant hat für das, was nach seiner Beobachtung vielen Jungen im Aufwachsen widerfährt, einen präzisen Begriff gefunden: normative männliche Alexithymie – die ganz normale, flächendeckend anerzogene Schwierigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Nicht als Krankheit, sondern als Lernergebnis. In Studien fällt der Unterschied zwischen den Geschlechtern kleiner aus, als das Klischee vermuten lässt, aber er ist da. Nach Levants Lesart lernen Jungen früh eine Übersetzungsregel, die niemand ausspricht und viele befolgen: Aus Angst wird Ärger, denn Ärger darf man zeigen. Aus Traurigkeit wird Rückzug, denn Tränen kosten den Platz in der Gruppe. Aus Bedürftigkeit wird Leistung, denn wer etwas kann, muss nicht darum bitten, gemocht zu werden.
Die weichen Gefühle verschwinden nicht – Gefühle verschwinden nie, das ist vielleicht der wichtigste Satz dieses Blogs. Sie suchen sich eine Ausdrucksfläche, die erlaubt ist.
Die erlaubteste Ausdrucksfläche des Mannes ist sein Körper. Man kann die Vokabeln des Kraftraums daraufhin noch einmal lesen, und sie werden durchsichtig wie Pergament. Da will einer „Masse aufbauen“ – Gewicht bekommen in einer Welt, in der er sich übergangen fühlt. Da will einer „stabil“ werden, „breit“, „nicht mehr zu übersehen“. Da will einer „Panzer aufbauen“, und im Beitrag über den gepanzerten Teller stand bereits, was die Psychoanalyse über Panzer weiß: Niemand legt ihn an, weil er stark ist. Man legt ihn an, weil man einmal ungeschützt war. Der Satz von Tobias gehört in dieselbe Reihe, und deshalb trug er so schwer: „Nicht mehr so weich sein“ ist, wörtlich genommen, ein Trainingsziel. Als Lebensziel ist es eine Tragödie – denn weich ist genau das, was ein Mensch an den Stellen ist, an denen er berührbar ist.
Hier schließt sich der Kreis zur Nabe dieses Blogherbstes. Dort war von den stummen Gleichungen die Rede, die unter unserem Verhalten arbeiten: Süßes = ich darf gehalten werden hieß die eine, Ruhe = ich breche mein Wort die andere. Die Gleichung, die im Kraftraum trainiert wird, ist die dritte in dieser Reihe, und sie ist die männlich codierteste von allen: Weich = angreifbar. Wer sie einmal gelernt hat – in einer Umkleide, auf einem Schulhof, von einem Vater, der Zuneigung nur in der Währung Anerkennung auszahlte, und Anerkennung nur gegen Leistung –, für den ist der Bauch nie nur ein Bauch. Er ist die sichtbar gewordene Stelle, an der man verwundbar ist. Und dann trainiert man nicht gegen Fettgewebe.
Man(n) trainiert gegen die eigene Verletzlichkeit und schaltet dabei die andere Seite der Medaille, die Berührbarkeit, mit aus.
Das Perfide daran: Es funktioniert. Kurzfristig funktioniert es sogar ausgezeichnet, und das sollte man nicht geringschätzen, wenn man verstehen will, warum Männer daran festhalten. Das Training nimmt das diffuse, namenlose Gefühl des Tages auf – die Kränkung im Meeting, die Einsamkeit am Sonntag, die Angst, nicht zu genügen – und gibt etwas sehr Konkretes zurück: Erschöpfung, Zahlen, Fortschritt. Das ist eine echte Erleichterung. Es ist nur keine Antwort. Denn das Gefühl wollte nicht verbrannt werden; es wollte verstanden werden. Im Beitrag über den wirklichen Ort des Trostes stand, dass die Schokolade ihre Macht erst verliert, wenn der Trost, für den sie einspringt, einen wirklichen Ort bekommt. Für viele Männer ist nicht einmal die Schokolade erlaubt – Gefühle mit Süßem zu kompensieren gilt als weiblich, Trost sowieso. Ihnen bleibt das Eisen. Es ist derselbe Stellvertreter, nur schwerer, und er hat denselben blinden Fleck: Man kann seine Sehnsucht nicht stemmen.
Und noch etwas kann man nicht: Man kann sich Berührbarkeit nicht erarbeiten – man kann sie nur riskieren. Härte ist herstellbar; es gibt Pläne dafür, Splits, Progressionen, sie gehorcht dem Protokoll. Gehalten werden, gemocht werden, trauern dürfen gehorcht keinem Protokoll. Es ist, mit dem Wort, das diesen Blog seit geraumer Zeit begleitet, unverfügbar. Der Körperkult ist die Entscheidung für das Machbare, getroffen von Männern, denen niemand beigebracht hat, das Unverfügbare auszuhalten. Das ist keine Schwäche der Männer. Es ist die Rechnung für eine Erziehung, die ihnen von beidem nur eines gezeigt hat.
Die Frage von 2021
Dieser Blog hat das alles übrigens schon einmal geahnt, vor fünf Jahren, in einem seiner ältesten Grundsatztexte. Im Beitrag über den essenden Menschen stand 2021, mit Martha Nussbaum, dass die „weichen“ Gefühle – Liebe, Mitgefühl, Empathie – traditionell den Frauen zugeschrieben werden, und dann kam eine Frage, die damals rhetorisch gemeint war: Sollten 75 Jahre Frieden in Europa nicht langsam reichen, um auch in uns Männern wieder Platz für weiche Gefühle zu schaffen?
Rhetorisch ist diese Frage nicht geblieben. Seit 2022 führt Russland einen umfassenden Angriffskrieg gegen die Ukraine, und seit Januar bekommen 18-jährige deutsche Männer wieder Post von der Bundeswehr, mit einem Fragebogen, den sie ausfüllen müssen. Erledigt ist die Frage damit nicht. Sie ist dringlicher geworden.
Fünf Jahre später lässt sich protokollieren, wie die Kultur geantwortet hat. Nicht mit Platz, sondern mit Produkten. Die Sehnsucht der Männer wurde durchaus gehört – und ihr wurde, das ist die Pointe dieses Herbstes, ein Sortiment gebaut: 39 Prozent Marktwachstum bei High Protein, Regale voller Härte zum Aufpreis, Apps, die aus jedem Tag eine Abrechnung machen, und ein Strom von Bildern, gegen die kein realer Körper besteht. Auf die Frage „Wohin mit den weichen Gefühlen?“ hat der Markt geantwortet: in den Shaker. Man kann einer Kultur beim Ausweichen zusehen, wenn man ihre Regale liest – und ihre Feeds. Ein irisches Forschungsteam hat für eine 2024 veröffentlichte Studie in einem kleinen Experiment zehn Testkonten für 16- und 18-jährige Jungen angelegt. Die Konten, die nach typischen Jungenthemen wie Fußball, Gaming und Fitness suchten, bekamen auf TikTok binnen einer Viertelstunde Inhalte aus der sogenannten Manosphere ausgespielt, einem losen Netz frauenfeindlicher Männerrechtsgruppen und ihrer Influencer, deren Rezept die Forschenden so zusammenfassen: Training, Diät und das Unterdrücken von Gefühlen. Wer dort landet, bekommt nicht nur Produkte angeboten, sondern auch Feindbilder.
Dabei wusste der alte Beitrag auch schon, wo der Platz gewesen wäre. Der essende Mensch, hieß es dort, ist ein Gefühlswesen: Am Tisch geht es um Zugehörigkeit, um Erinnerung, um den Genuss, der geteilt größer wird – der Mann, der beim Fußball sein Bier trinkt, will im Grunde nichts anderes, als Nähe zu seinen Freunden zu fühlen, in der einzigen Form, die das Drehbuch ihm lässt. Die Mahlzeit war immer schon der Ort, an dem Männer weich sein durften, ohne dass es jemand so nennen musste. Genau diesen Ort räumt die zweite Diätkultur ab. Tobias isst präzise, aus- bzw. abgewogen, optimal – und allein. Sechs Mahlzeiten am Tag, keine einzige davon geteilt; die Dose isoliert zuverlässiger als jede Überzeugung. Es ist der vielleicht stillste Kollateralschaden des Adonis-Komplexes: Er nimmt Männern nicht nur die Zufriedenheit mit dem Spiegelbild. Er nimmt ihnen den Tisch.
Drei Ebenen für die Härte
Was tun? Die Antwort dieses Blogs auf diese Frage hat seit August eine Struktur, und selten passt sie so genau wie hier.
Auf der ersten Ebene, dem Verhalten, gibt es bei einem Mann wie Tobias fast nichts zu holen – das muss man so klar sagen, weil es das Scheitern der üblichen Ratschläge erklärt. Sein Verhalten basiert ja nicht auf Unwissenheit, er ist hochkompetent. Ernährungspläne, Trainingslehre, Regeneration: alles auf Lehrbuchniveau. Wer ihm auf dieser Ebene begegnet, kann ihm nur Feinheiten anbieten – und übersieht, dass das Problem nicht im Plan liegt, sondern in dem, was der Plan erledigen soll.
Auf der zweiten Ebene, dem Modus Operandi, wird es interessant. Denn dort sitzt bei Tobias ein Automatismus, der schneller ist als jede Entscheidung: Jedes aufsteigende ungute Gefühl wird in Aktivität übersetzt. Unruhe? Training. Kränkung? Training. Leere am Sonntag? Ein Blick auf den Wochenplan. Das Spüren selbst ist an das Protokoll delegiert worden, so wie es im Beitrag über die Selbstvermessung beschrieben ist – Tobias weiß jederzeit, was er gegessen hat, und fast nie, wie es ihm geht. Die Arbeit auf dieser Ebene ist unspektakulär und für Männer oft ungewohnt schwer: bemerken, was da eigentlich hochkommt, bevor die Hand zur Sporttasche greift. Nicht, um das Training zu unterlassen – sondern um zu wissen, wofür es gerade einspringt.
Und auf der dritten Ebene, der Beziehungsgeschichte, liegt die Gleichung selbst: Weich = angreifbar. Sie wurde irgendwann eingetragen, von jemandem, in einer Zeit, in der sie vermutlich sogar stimmte – Schulhöfe sind keine milden Orte, und manche Elternhäuser auch nicht. Die Arbeit dieser Ebene besteht nicht darin, die Gleichung zu widerlegen; gegen Sätze aus der Kindheit richtet keine Einsicht etwas aus, so brillant sie sei. Sie besteht darin, gelebte Gegenerfahrungen zu machen: einmal weich gewesen zu sein – vor einem Menschen, nicht vor einem Spiegel – und nicht angegriffen worden zu sein. Das ist der Grund, warum diese Ebene sich am ehesten in einer Beziehung öffnet, im Gespräch mit einem Gegenüber, das hält, statt zu bewerten. Und es ist der Grund, warum Männer dort so selten ankommen: Hilfe suchen steht im alten Drehbuch unter derselben Rubrik wie Weichheit. Die Zahlen passen dazu, auch wenn sie nichts beweisen: Etwa sieben von zehn Erwachsenen, die in Deutschland eine ambulante Psychotherapie beginnen, sind Frauen; etwa sieben von zehn Menschen, die sich hierzulande das Leben nehmen, sind Männer. Suizide haben viele Ursachen, und Frauen erhalten tatsächlich häufiger die Diagnose Depression. Als eine große amerikanische Studie aber auch nach Gereiztheit, Wutausbrüchen, Alkohol und Risikoverhalten fragte, war der Unterschied bei der Depression verschwunden. Das spricht für eine andere Vermutung: nicht unbedingt weniger Leid, sondern weniger Erlaubnis, es als Leid zu zeigen.
Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass in unserer Praxis inzwischen zwei Stühle stehen, und für die Leser dieses Beitrags sind beide gedacht. Wer am Handwerk arbeiten will – Sporternährung, Muskelaufbau, Struktur im Alltag –, findet bei Moritz genau das: sachlich, evidenzbasiert, ohne dass jemand sein Trainingsziel pathologisiert. Und wer beim Lesen gemerkt hat, dass seine Härte eine Geschichte hat – dass es beim Training längst nicht mehr ums Training geht –, für den ist der andere Stuhl da: die Arbeit am Warum. Zwischen beiden liegt keine Rangordnung – wir respektieren die Lösungen, die man(n) in seinem Leben gefunden hat, denn sie haben immer gute Gründe, da zu sein.
Was aus Tobias wurde
Falls Sie an dieser Stelle eine Verwandlungsgeschichte erwarten – der eiserne Mann entdeckt seine Tränen –, muss ich Sie enttäuschen, und das gern. Solche Geschichten sind das Ratgeber-Gegenstück zur Transformation vom Vorher- zum Nachher-Foto, und sie sind auf ihre Art genauso unwahr.
Tobias trainiert weiter, fünfmal die Woche, und daran ist nichts zu heilen, weil daran nichts krank ist. Was sich verändert hat, ist kleiner und größer zugleich. Er hat wieder angefangen, donnerstags mit den Kollegen essen zu gehen, ohne Dose; das erste Mal, erzählte er, habe er am Tisch verstohlen Nährwerte geschätzt, das dritte Mal nicht mehr. Aus den sechs Mahlzeiten sind meistens fünf geworden und manchmal vier, nicht als Beschluss, sondern weil der Sonntag nicht mehr ganz dem Vorkochen gehört. Und irgendwann, viele Gespräche später, hat er den Satz vom Anfang selbst noch einmal in die Hand genommen. Er hat erzählt, wovor die Härte ihn hatte schützen sollen – das ist seine Geschichte, nicht meine, und sie bleibt bei ihm. Ich kann nur sagen, was er hinterher sagte: dass dieser eine Satz ihn mehr Überwindung gekostet habe als jeder Maximalversuch seines Lebens. Es war das erste Mal, dass er Kraft für etwas gebraucht hatte, das man nicht sehen kann.
Das wünsche ich den Männern, die diesen Text gelesen haben, und es ist keine Aufforderung, das Eisenheben zu lassen. Sie dürfen trainieren. Sie dürfen Ziele haben, Pläne, Ehrgeiz; Sie dürfen den Pump mögen und stolz auf Ihre Arbeit sein – das alles ist Handwerk, und Handwerk ist eine Form von Würde. Die Frage, um die es geht, ist eine andere, und sie ist dieselbe, die in meinem Sprechzimmer die Stille ausgelöst hat: Woran würden Sie merken, dass es genug ist?
Wenn es darauf eine Antwort gibt, ist alles gut. Wenn es keine gibt, dann trainiert da etwas mit, das kein Muskel ist – und das Stärkste, was ein Mann dann tun kann, ist das, was am wenigsten danach aussieht: es einmal auszusprechen. Weich zu sein ist keine Niederlage des Körpers.
Es ist die Stelle, an der er lebt.
* Die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.
Wenn Sie gerade selbst in einer Krise sind: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym erreichbar – unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Über den Autor
Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.
Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de
Literatur
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