Drei freundliche Sätze
Die Übung stammte aus dem Internet, und sie klang harmlos: sich morgens vor den Spiegel stellen, den eigenen Körper ansehen und ihm drei freundliche Sätze sagen. Katrin* hat das wochenlang durchgehalten. Sie ist gewissenhaft, sie hat nichts ausgelassen, nichts abgekürzt. Sie stand jeden Morgen da und sagte ihre Sätze. In der Beratung beschrieb sie das Ergebnis so: „Ich kam mir vor wie eine Lügnerin. Ich habe Dinge gesagt, die ich nicht meine – zu jemandem, der es gemerkt hat.“
Und dann sagte sie den Satz, um den es in diesem Beitrag geht: „Früher habe ich es nicht geschafft, dünn zu sein. Jetzt schaffe ich es nicht einmal, mich schön zu finden. Irgendetwas schaffe ich immer nicht.“
Vielleicht muss man diesen Satz zweimal lesen, um zu bemerken, was in ihm geschehen ist. Ein Gefühl – die Zuneigung zum eigenen Körper – ist zu etwas geworden, das man schaffen kann oder eben nicht: eine Aufgabe, eine Prüfung, ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, an denen man scheitert. Katrin hat eine lange Diätgeschichte hinter sich. Sie hat die Diätkultur irgendwann durchschaut und verlassen – und ist dabei, ohne es zu bemerken, in einer zweiten Kultur angekommen, die ihr nicht mehr das Essen vorschreibt, sondern das Fühlen.
Wie es dazu kommen konnte, erzählt man am besten als die Geschichte dreier Parolen.
Drei Parolen, ein Satzbau
Die erste Parole war, als sie entstand, keine Parole, sondern eine Forderung – und sie richtete sich nicht an Einzelne, sondern an die Gesellschaft. Die Body-Positivity-Bewegung kommt aus dem Aktivismus dicker Frauen, die sich ab Ende der Sechzigerjahre in den USA gegen sehr reale Benachteiligung wehrten: gegen Spott, gegen schlechtere medizinische Versorgung, gegen Diskriminierung bei Arbeit und Wohnung. Ihre Botschaft war politisch, nicht therapeutisch: Kein Körper ist eine Zumutung – ändern sollen sich die Verhältnisse, nicht die Körper. In den Instagram-Jahren wurde daraus eine der sichtbarsten Bewegungen des Jahrzehnts; Körper, die es in keine Werbung geschafft hatten, wurden plötzlich gezeigt, und für viele Menschen war das keine Ästhetikfrage, sondern eine Erleichterung, die an Rehabilitation grenzte – die erste ernsthafte Gegenstimme zur Diätkultur, die dieser Blog seit Jahren beschreibt.
Dann geschah, was mit erfolgreichen Bewegungen geschieht: Der Markt übersetzte sie. Aus „Kein Körper ist eine Zumutung“ wurde in der Sprache der Werbung „Liebe deinen Körper!“ – ein Satz, der sich auf Duschgel drucken lässt. Man beachte, was bei dieser Übersetzung verrutscht ist: die Adresse. Aus einer Forderung an die Welt wurde eine Anforderung an dich. Die Verhältnisse durften bleiben, wie sie waren, zuständig für das Wohlbefinden war jetzt dein Gefühlshaushalt. Das ist keine Anklage gegen die Bewegung – ihre politische Hälfte hatte recht und hat es noch. Es ist eine Beobachtung darüber, was Märkte mit Forderungen machen: Sie verkaufen sie als Aufgabe an genau die Menschen zurück, die sie gestellt haben.
Melodie Michelberger, Autorin von „Body Politics“ und eine der prägenden Stimmen der deutschen Bewegung, hat dazu eine Bilanz gezogen, die man nicht freundlicher zusammenfassen kann, als sie selbst es tut: „Rückblickend wirkt Body Positivity wie ein kurzes Spektakel.“ Was ein Jahrzehnt Aktivismus aufgebaut hatte, machte am Ende ausgerechnet ein Diabetes-Medikament binnen weniger Jahre obsolet – wie die extreme Schlankheit als Aspiration zurückkehrte, habe ich im Beitrag über die Spritze der Sehnsucht beschrieben. Hier genügt Michelbergers Beobachtung: Etliche Galionsfiguren von einst wurden schlank, sprachen aber nicht über die Mittel, sondern verpackten die Verwandlung als Wellness und Self-Care.
Die zweite Parole trat als Reparatur der ersten an. Body Neutrality – als Begriff um 2015 von der amerikanischen Beraterin Anne Poirier geprägt – hatte einen ehrlichen Kern: Wenn die verordnete Liebe nicht gelingt, dann wenigstens Waffenruhe. Hör auf, deinen Körper zu bewerten. Dein Körper ist das Uninteressanteste an dir, wie ein kursierender Slogan es formuliert. Wende dich dem zu, was er kann, statt dem, wie er aussieht. Als Entlastung von der Dauerbewertung ist das klug, und manchen Menschen hilft es spürbar. Aber die Parole trägt zwei Fehler in sich – einen eigenen und einen geerbten. Der eigene steckt im „was er kann“: Damit ist die Bewertung nicht abgeschafft, sie hat nur die Währung gewechselt, von der Schönheit zur Leistung. Der Körper muss nichts mehr hermachen, aber er muss liefern – und durch diese Prüfung fallen ausgerechnet jene, deren Körper gerade wenig kann, weil er krank ist, schmerzt oder alt wird. Der geerbte Fehler ist der des Vorgängers, nur mit gesenkter Zielmarke: Auch Gleichgültigkeit ist ein Gefühlszustand, den man nicht anordnen kann. Wer je versucht hat, einen Menschen „einfach egal“ zu finden, der ihm nicht egal ist, kennt das Ergebnis – man denkt an ihn beim Versuch, nicht an ihn zu denken. Dem eigenen Körper gegenüber ist dieser Ausweg endgültig versperrt: Er kommt mit ins Bad, an den Tisch, in jedes Foto.
Die dritte Parole verzichtete auf alle Freundlichkeit. Unter dem Hashtag #SkinnyTok sammelten sich Videos, die Dünnsein als Glücksversprechen und Hungern als Disziplin inszenierten – ich werde ihre Ratschläge hier nicht wiedergeben, sie sind darauf gebaut, hängen zu bleiben. Diese Parole braucht keine Übersetzung durch den Markt; sie arbeitet direkt mit der ältesten Währung der Körperbewertung, mit der Scham, von der ich beschrieben habe, warum sie niemals motiviert, aber zuverlässig bindet. Im Juni 2025 sperrte TikTok den Hashtag weltweit, nachdem vor allem die französische Regierung Druck gemacht hatte; die Digitalministerin nannte es einen „ersten kollektiven Sieg“. Wer den Begriff heute eingibt, wird zu Hilfsangeboten weitergeleitet. Verschwunden sind die Inhalte nicht – sie schreiben sich anders und finden ihre Wege. Und sie haben kulturellen Rückenwind: Seit dem Winter läuft im Netz ein nostalgisches Spiel unter dem Motto „2026 is the new 2016“, Mode und Ästhetik von damals werden wieder hervorgeholt. Im Paket steckt auch das Körperideal jener Jahre.
Drei Parolen also, binnen eines Jahrzehnts, jede die Antwort auf das Scheitern der vorigen. Sie widersprechen einander in allem – bis auf eines:
Liebe ihn! Lass ihn dir egal sein! Verkleinere ihn! – Drei Parolen, die einander bekämpfen und denselben Satzbau teilen: Imperativ, zweite Person. Und dieselbe stille Annahme: dass sich das Verhältnis zum eigenen Körper befehlen lasse.
Ein Gefühl lässt sich nicht anweisen
Genau diese Annahme ist falsch, und zwar nicht ein bisschen, sondern grundsätzlich. Gefühle gehorchen nicht. Jeder Mensch weiß das aus dem Umgang mit anderen: „Freu dich doch!“ hat noch nie Freude erzeugt, „Du musst ihn doch lieben“ noch nie Liebe – wohl aber, beide Male, Schuld. Anweisen lässt sich Verhalten: hingehen, anrufen, den Tisch decken (ob das funktioniert oder Reaktanz hervorruft, steht auf einem anderen Blatt Papier). Welches Gefühl sich beim Tun einstellt, untersteht erst recht keinem Befehl. Mehr noch: Der Befehl verhindert, was er verlangt. Denn er verwandelt das Fühlen in eine Prüfungssituation, und in Prüfungen fühlt man vor allem eines – die Prüfung. Wer sich vor dem Spiegel beobachtet, ob es denn schon Liebe ist, hat keine Chance, welche zu empfinden. Er ist mit Kontrollieren beschäftigt. Katrins Spiegelübung ist daran nicht zufällig gescheitert, sondern zwangsläufig.
Die Reihe über die vier großen Gesundheitsversprechen lief in diesem Blog auf einen einzigen Befund zu: Unsere Kultur versucht unablässig, verfügbar zu machen, was nur unverfügbar zu haben ist – zuletzt entfaltet am Genuss, der sich nicht bestellen lässt. Die Zuneigung zum eigenen Körper gehört auf dieselbe Liste, ziemlich weit oben. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird, herstellen kann man sie so wenig wie Vertrauen oder Schlaf. Eine Kultur, die sie trotzdem zum Ziel ausruft, hat aus einem Geschenk ein Soll gemacht – und ein Soll produziert verlässlich das, was Katrin in die Beratung mitbrachte: Menschen, die sich für ihr Innenleben eine Note geben.
Darin liegt die eigentliche Verschärfung und sie wird selten benannt. Die Diätkultur bewertete das Verhalten und den Körper: was du isst, was du wiegst. Das war schlimm genug, aber es ließ dem Inneren einen Rest von Frieden – gescheitert war der Wille, nicht die Person. Die Selbstliebe-Kultur verlegt die Prüfung nach innen: Jetzt kann auch das Gefühl durchfallen. Erst vergangene Woche habe ich beschrieben, wie der Protein-Hype das Essen zur Leistung macht. Hier geschieht dasselbe eine Etage tiefer – das Fühlen wird zur Leistung. Die Prüfung ist nicht abgeschafft worden. Sie hat nur eine zweite Etage bezogen, und die liegt näher an dem, was wir für unser Selbst halten. Deshalb beschämt das Scheitern an der Selbstliebe tiefer als das Scheitern an der Diät: Wer die Regel bricht, hat etwas falsch gemacht. Wem das verordnete Gefühl nicht kommt, an dem scheint etwas falsch zu sein.
Der Leib, der ich bin, und der Körper, den ich habe
Warum aber ist ausgerechnet dieses Verhältnis so vertrackt? Warum kann ein Mensch nicht einfach in seinem Körper leben wie eine Katze im ihren – fraglos, urteilslos, ohne Verhältnis? Die genaueste Antwort, die ich kenne, ist fast hundert Jahre alt und stammt von einem Denker, der in diesem Blog noch nie aufgetreten ist: Helmuth Plessner, Arzt-Sohn, Philosoph und Soziologe, veröffentlichte 1928 sein Hauptwerk über die Stellung des Menschen in der Natur. Seine Überlegung beginnt mit einer Unterscheidung, für die das Deutsche zwei Wörter bereithält, um die uns andere Sprachen beneiden: Leib und Körper.
Der Leib ist der, der ich bin: der von innen gelebte, spürende – der müde wird, Hunger hat, friert, genießt. Der Körper ist der, den ich habe: der von außen gesehene, den ich im Spiegel treffe, fotografiere, vermesse, vergleiche – ein Ding unter Dingen. Die Unterscheidung stammt aus der Phänomenologie. Plessner aber hat ihr die Pointe gegeben, auf die es hier ankommt. Ein Tier, sagt er, lebt aus seiner Mitte heraus und ist sein Leib – restlos, es kann gar nicht anders. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das zusätzlich neben sich treten kann: Er ist sein Leib und hat seinen Körper, beides zugleich, unaufhörlich. Plessner nannte diese Doppelstellung die exzentrische Positionalität – der Mensch steht ein Stück außerhalb seiner selbst und bekommt diesen Abstand nie wieder los.
Das klingt abstrakt, beschreibt aber etwas sehr Alltägliches: den Moment, in dem man sich auf einem Foto sieht und erschrickt, weil der gelebte Leib und der gesehene Körper nicht zusammenfallen wollen. Genau in diesem Abstand wohnt alles, was uns am eigenen Körper zu schaffen macht – die Scham, die Eitelkeit, das Vergleichen. Aber eben auch alles andere Menschliche: Nur ein Wesen, das sich von außen sehen kann, kann sich kleiden und schmücken, sich schonen, sich verzeihen, über sich lachen. Dem Lachen und dem Weinen, den beiden Momenten, in denen diese Doppelstellung an ihre Grenze kommt, hat Plessner später ein eigenes Buch gewidmet.
Von hier aus sieht man, was die drei Parolen gemeinsam versuchen – und warum sie scheitern müssen. Alle drei versprechen, den Abstand stillzulegen. Die Body Positivity will ihn in Dauerliebe auflösen: Fusion. Die Neutralität will ihn kündigen, als wäre das Verhältnis ein Vertrag, aus dem man aussteigen kann. SkinnyTok will ihn in Herrschaft verwandeln: der Körper als Objekt, das zu gehorchen hat. Aber der Abstand ist keine Störung, die eine bessere Methode beseitigen könnte. Er ist die menschliche Grundausstattung. Ein Verhältnis zum eigenen Körper zu haben ist nicht das Problem – es ist die Bedingung dafür, dass da überhaupt jemand ist, der lieben, hadern und sich versöhnen kann. Die Frage ist nie, ob wir in diesem Abstand leben. Die Frage ist, was in ihm wohnt: eine Waage, ein Feed, ein Urteil – oder so etwas wie Milde und Selbstmitgefühl.
Eine Beziehung mit Geschichte
Wenn das Verhältnis zum Körper unkündbar ist, dann ist es das, was unkündbare Verhältnisse nun einmal sind: eine Beziehung. Und Beziehungen haben, das war der Kern des Beitrags über die drei Ebenen der Veränderung, eine Geschichte – auch diese. Der Blick, mit dem ich meinen Körper ansehe, ist nie nur meiner. Er hat sich zusammengesetzt aus den Blicken und Sätzen von Jahrzehnten: die Umkleidekabine im Sportunterricht, die Bemerkung beim Familienessen, das Lob nach der ersten Diät – das vielleicht wirksamste Gift, weil es so freundlich schmeckt –, das Schweigen danach. Wer heute vor dem Spiegel steht, steht dort selten allein. Es schauen immer einige mit, auch wenn sie längst nicht mehr im Raum sind.
Und es schaut, das darf in keiner ehrlichen Fassung fehlen, eine Kultur mit. Wer in einem dicken Körper lebt, hat es nicht mit einem privaten Gefühlsfehler zu tun, sondern mit realer Abwertung – im Wartezimmer, im Bewerbungsgespräch, im Zugabteit. Ich habe über dieses Unbehagen im dicken Körper vor Jahren geschrieben. Die Ambivalenz dieser Menschen ist keine verzerrte Wahrnehmung, die man ihnen wegtrainieren müsste. Sie ist zu einem guten Teil die zutreffende Wahrnehmung einer diskriminierenden Umwelt. Genau das unterschlägt der Selbstliebe-Imperativ: Er privatisiert ein gesellschaftliches Problem und schiebt die Zuständigkeit dorthin, wo sie am wenigsten hingehört – in das Gefühlsleben derer, die die Abwertung tragen. Die alte, politische Body Positivity wusste das noch.
Was folgt daraus für die Einzelne? Etwas, das nüchterner klingt, als es sich anfühlt: In einer Beziehung ist nicht das Gefühl der Hebel, sondern der Umgang. Gefühle kann man nicht wählen, Handlungen schon. Man kann einen Körper nähren, wärmen, schlafen legen, bewegen, zum Arzt bringen – auch in Wochen, in denen man ihn im Spiegel lieber nicht trifft. Das ist keine Selbstliebe, es ist etwas Robusteres: Fürsorge, die nicht nach dem Gefühlsstand fragt. Man muss einen Menschen nicht wunderbar finden, um gut zu ihm zu sein - beim eigenen Körper gilt dasselbe. In meiner Arbeit hat sich die Reihenfolge deshalb umgekehrt. Wir arbeiten nicht auf ein Gefühl hin, sondern an zwei anderen Dingen: an der Geschichte, die den Blick geprägt hat – und am Umgang, der von diesem Blick unabhängig werden darf. Was sich dabei mit dem Gefühl tut, ist bemerkenswert oft freundlich. Aber ich verspreche es nicht, und zwar aus Prinzip: Ein Gefühl, das als Lohn eingeplant wird, kommt schon deshalb nicht.
Das Recht auf Ambivalenz
Bei Katrin begann die Veränderung mit einer Streichung. Die Spiegelübung fiel weg, ersatzlos, und mit ihr der Satz, sie müsse „an ihrer Selbstliebe arbeiten“. Was an die Stelle trat, war zunächst nur eine Auskunft, aber sie hatte Gewicht: dass ihr Verhältnis zu ihrem Körper eine jahrzehntelange Beziehung ist, mit allem, was zu langen Beziehungen gehört – guten Zeiten, Kränkungen, die nachwirken und einer Gegenwart, die nicht so tun kann, als wäre nichts gewesen. Von einer langen Beziehung verlangt niemand Verliebtheit auf Kommando. Man verlangt nicht einmal Harmonie. Ambivalenz ist dort keine Störung, sondern das Kennzeichen der echten: Dankbarkeit und Hadern, Vertrautheit und Fremdeln, oft in derselben Woche, manchmal in derselben Stunde – der Körper, der eine Krankheit durchgestanden hat und im Spiegel trotzdem fremd aussieht, der Körper, der zwei Kinder getragen hat und dessen Spuren man trotzdem nicht mag. Beides gleichzeitig. Das ist kein Widerspruch, der aufzulösen wäre. Das ist eine Beziehung.
Nur eines wäre jetzt ein Missverständnis: aus alldem ein neues Gebot zu machen. „Du musst deine Ambivalenz annehmen!“ wäre die vierte Parole mit demselben Satzbau und dieser Text hätte sich damit selbst widerlegt. Deshalb ist die Formulierung wichtig: ein Recht auf Ambivalenz, keine Pflicht zu ihr. Ein Recht ist keine Aufgabe mit freundlicherem Gesicht. Es verlangt nichts, es schützt nur. Man kann es in Anspruch nehmen, wenn man es braucht, und ungenutzt lassen, wenn nicht. Wer seinen Körper schlicht liebt oder mag – es gibt diese Menschen –, dem ist nichts abzusprechen. Wer ihn an den meisten Tagen vergisst: auch gut. Das Recht auf Ambivalenz ist für die anderen da. Für all diejenigen, die zwischen den Parolen stehen und glaubten, dieses Dazwischen sei ihr persönliches Versagen. Es sagt nur: Es gibt keinen Sollzustand des Körpergefühls, den Sie erreichen müssten, um in Ordnung zu sein.
Sie müssen Ihren Körper also nicht lieben. Sie dürfen es. Sie dürfen ihn an manchen Tagen erstaunlich finden und an anderen kaum ansehen mögen. Sie dürfen dankbar sein und hadern, ohne dass eines das andere entwertet. Sie dürfen die drei freundlichen Sätze sagen, wenn sie stimmen, und schweigen, wenn nicht. Und Sie dürfen aufhören, Ihr Gefühl zum eigenen Körper für eine Aufgabe zu halten, die dieses Jahr noch fertig wird. Es ist keine Aufgabe. Es ist eine lange Beziehung, und die kennt nur eine Richtung, in der sie sich erholt: nicht über das Gefühl, sondern über den Umgang.
Katrin war übrigens schwimmen, vor ein paar Wochen, zum ersten Mal seit Jahren – das Schwimmbad war einer der Orte gewesen, die sie gemieden hatte. Sie hat es vorher niemandem angekündigt und hinterher nicht als Durchbruch gefeiert. Sie hat es nicht geschafft, sich schön zu finden, an jenem Tag so wenig wie heute und an manchen anderen. Sie hat nur aufgehört, das für die Eintrittskarte zu halten. Das Wasser hat nicht gefragt, wie sie zu ihrem Körper steht. Es hat getragen.
* Die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.
Über den Autor
Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.
Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de
Quellen und Literatur
- Plessner, H. (1928). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin/Leipzig: de Gruyter. — Exzentrische Positionalität; Leibsein und Körperhaben.
- Plessner, H. (1941). Lachen und Weinen. — Die Grenzlagen der menschlichen Doppelstellung.
- Merleau-Ponty, M. (1966 [1945]). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: de Gruyter. — Zur phänomenologischen Unterscheidung von Leib und Körper.
- Michelberger, M. (2021). Body Politics. Hamburg: Rowohlt.
- editionF. Melodie Michelberger: „Rückblickend wirkt Body Positivity wie ein kurzes Spektakel“. Interview (abgerufen im August 2026).
- Euronews (2025). France forces TikTok to ban #SkinnyTok but harmful content still persists. 4. Juni 2025. — Weltweite Sperrung des Hashtags, Rolle der französischen Regierung.
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