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Warum Einsicht nicht reicht: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten

Titelbild für Warum Einsicht nicht reicht: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten

„Ich verstehe mich ziemlich gut – und es ändert nichts“

Judith* kann ihre Geschichte erzählen wie ein Kapitel aus einem Fachbuch. Abends gegen halb zehn, sagt sie, beginnt es: das Sofa, die Müdigkeit nach einem durchgetakteten Tag, der Gang zur Schublade. Sie weiß, dass es kein Hunger ist. Sie weiß auch, was es stattdessen ist – sie hat die Bücher gelesen, die Podcasts gehört, sie kann emotionales Essen so sauber definieren wie manche Kollegin. Sie weiß, dass Süßes in ihrer Kindheit die verlässlichste Form von Zuwendung war. Sie hat, was man eine Einsicht nennt. Eigentlich hat sie mehrere.

„Ich verstehe mich inzwischen ziemlich gut“, sagt sie, und es klingt nicht stolz, sondern erschöpft. „Aber es ändert nichts. Warum mache ich es trotzdem?“

Es ist eine der ehrlichsten Fragen, die man in einem Beratungsraum hören kann, und sie wird fast immer mit gesenktem Blick gestellt – als Geständnis eines doppelten Versagens: erst am Essen, jetzt auch noch am Verstehen. Im Frühjahr habe ich von Thomas erzählt, der vor seinem Kühlschrank stand und sagte: „Ich wusste ja, was ich tun sollte. Aber das Wissen hat einfach nichts mehr genützt.“ Thomas wusste, was zu tun war. Judith weiß mehr: Sie weiß, warum sie tut, was sie tut. Sie ist dem Rat, den unsere Zeit an jeder Ecke erteilt – verstehe deine Muster! –, so gewissenhaft gefolgt, wie man einem Rat nur folgen kann. Und steht nun an derselben Stelle wie er.

Dieser Beitrag handelt von der Lücke zwischen Verstehen und Verändern – und von dem Text, der diese Lücke vor hundertzwölf Jahren präziser vermessen hat als das meiste, was seither über Veränderung geschrieben wurde: Sigmund Freuds „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ von 1914. Gut zehn Seiten, die erklären, warum Einsicht nicht das Ergebnis der Arbeit ist, sondern ihr Anfang.


Die Erwartung, dass Verstehen erledigt

Judiths Enttäuschung ist nämlich nicht aus der Luft gegriffen. Sie ist die logische Folge eines Versprechens, das ihr niemand ausdrücklich gegeben hat und das trotzdem überall steht: dass Selbsterkenntnis funktioniert wie eine Reparatur. Fehler gefunden, Fehler behoben. Wir leben in einer Hochkonjunktur der Selbsterkenntnis – Bindungsstile, innere Kinder, Glaubenssätze, das Vokabular war nie so verfügbar wie heute. Ich sage das ohne Spott: Dass Menschen Worte für ihr Inneres suchen, ist ein Fortschritt, kein Symptom, und die Sehnsucht dahinter – sich endlich verstehen, im eigenen Verhalten endlich einen Sinn finden – ist so legitim wie alt. Aber das Format, in dem dieses Vokabular gereicht wird, transportiert eine stille Mechanik: Mit dem richtigen Begriff sei die Sache erledigt. Die Erkenntnis als Quittung, auf der steht: bearbeitet.

Es ist, eine Nummer kleiner, dieselbe Bewegung, die ich in dieser Reihe an den Geräten beschrieben habe – die Vermessung des Selbst, nur dass das Werkzeug diesmal kein Sensor am Handgelenk ist, sondern ein Wort. Die perfekte Selbstdiagnose ist die letzte Ausbaustufe der Selbstvermessung: Statt der Schritte zählen wir die Einsichten. Und wieder soll etwas verfügbar werden, das sich so nicht verfügbar machen lässt – diesmal die eigene Veränderung.

Über die eine Hälfte dieser Illusion habe ich früher schon geschrieben: über den Mythos vom „Klick“ – die Vorstellung, Veränderung geschehe in einem einzigen hellen Moment. Damals ging es um das, was dem vermeintlichen Durchbruch vorausgeht: die lange, unsichtbare Reifung. Heute geht es um die andere Hälfte, das Spiegelbild: um das, was der Einsicht folgen muss, damit sie mehr wird als ein guter Satz über sich selbst. Der Klick-Mythos unterschlägt die Vorbereitung. Der Einsichts-Mythos unterschlägt die Fortsetzung. Beide erzählen vom hellen Moment, als wäre er die ganze Geschichte – dabei ist er nur ihre Mitte.


Wiederholen statt erinnern

Der Text, der diese Fortsetzung beschreibt, ist äußerlich unscheinbar. 1914 veröffentlicht Freud eine kleine behandlungstechnische Schrift – kein Theoriegebäude, eher ein Werkstattbericht, aufgeschrieben von einem, dem die Praxis etwas aufgezwungen hat, das er so nicht gesucht hatte. Die Beobachtung: Seine Patienten erinnerten das Entscheidende nicht. Sie führten es auf.

„Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt.“ — Sigmund Freud, 1914

Der Patient erzählt nicht, dass er als Kind trotzig gegen die Autorität der Eltern war – er benimmt sich so gegenüber dem Arzt. Er berichtet nicht von seiner alten, ratlosen Scham – er schämt sich jetzt, in der Behandlung, und verheimlicht sie vor allen. Die Vergangenheit liegt nicht hinter uns wie ein abgeschlossenes Archiv, in dem man nur gründlich genug lesen müsste. Sie führt sich auf, mitten in der Gegenwart, mit aktuellem Personal in den alten Rollen.

Was das mit einer Tafel Schokolade zu tun hat? Alles. Im letzten Beitrag habe ich die dritte Ebene des Verhaltens beschrieben: die Beziehungsgeschichte, in der ein banales Tun heimlich zu einem Beziehungsakt geworden ist – Gleichungen wie Süßes = ich darf gehalten werden. Von Freud her wird nun deutlich, in welcher Form solche Gleichungen existieren. Nicht als Wissen, das irgendwo abgelegt wäre und das man nachschlagen könnte. Sondern als Aufführung. Die Gleichung wird nicht erinnert – sie wird gespielt, jeden Abend um halb zehn, auf der immer gleichen Bühne aus Sofa, Müdigkeit und Schubladengriff. Der Griff ist das Gedächtnis, nur eben in der einzigen Sprache, die dieser Schicht zur Verfügung steht: als Tat. Man könnte sagen: Das Symptom ist eine Erinnerung, die sich für Gegenwart hält.


Eine aktuelle Macht, keine historische Angelegenheit

Freud zog daraus eine Konsequenz, die auf den ersten Blick technisch klingt und auf den zweiten die Antwort auf Judiths Frage enthält: dass wir die Krankheit „nicht als eine historische Angelegenheit, sondern als eine aktuelle Macht zu behandeln haben“.

Judiths Einsicht behandelt ihr Muster als historische Angelegenheit – als etwas, das in der Kindheit entstanden ist und von dort her erklärt werden kann. Die Erklärung stimmt. Aber das Muster ist nicht in der Kindheit; dort liegt nur seine Herkunft. Das Muster selbst ist von heute Abend, halb zehn, Sofa. Es ist keine Geschichte, die man zu Ende erzählen könnte, sondern eine Macht, die gerade regiert. Und gegen eine gegenwärtige Macht richtet die beste historische Erklärung ungefähr so viel aus wie ein Wetterbericht gegen den Regen: Er kann vollkommen zutreffen und macht doch niemanden trocken.

Freud fügt noch eine zweite Ernüchterung hinzu, nüchtern wie ein Laborprotokoll: auch das Benennen hilft zunächst nicht. Er habe lernen müssen, schreibt er, dass „das Benennen des Widerstandes nicht das unmittelbare Aufhören desselben zur Folge haben kann“. Man kann den Namen seines Musters kennen und es am selben Abend aufführen – nicht aus Dummheit und nicht aus Schwäche, sondern weil das Muster nicht dort wohnt, wo die Namen wohnen.

Einsicht ist kein Gegenzauber. Ein Muster hört nicht auf zu wirken, weil es erkannt worden ist.

Wenn das stimmt, dann ist „Ich weiß es doch – warum tue ich es trotzdem?“ keine Charakterfrage mehr. Der Satz, der sich wie ein Schuldspruch anfühlt – und der, mit Scham unterlegt, ohnehin nur alles zäher macht –, beruht auf einem Kategorienfehler: Man wirft sich vor, eine Sprache nicht zu sprechen, von der man bisher die Grammatik gelesen hat.


Durcharbeiten: die Arbeit nach der Einsicht

Nichts an alledem macht die Einsicht klein – das wäre das nächste Missverständnis, und es wäre so falsch wie das erste. Ohne Einsicht gibt es nichts durchzuarbeiten: Freud selbst setzt sie beiläufig voraus, wenn er vom „nun bekannten“ Widerstand spricht – bekannt muss er sein, sonst vertieft man sich in Nebel. Und die Einsicht leistet mehr, als nur den Gegner zu benennen. Sie entlastet: Sie verwandelt, wie im letzten Beitrag beschrieben, das „Ich bin zu schwach“ in ein „Ich habe einen guten Grund gehabt“ – und erst auf diesem Boden lässt sich dem eigenen Muster ohne Selbstverachtung begegnen. Wenn Veränderung ein Berg ist, dann ist die Einsicht sein Gipfel: der höchste Punkt der ganzen Tour, hart erarbeitet – der lange Aufstieg dorthin ist jene unsichtbare Reifung, von der der Beitrag über den „Klick“ erzählte –, und mit einer Aussicht, die es weiter unten nicht gibt: Zum ersten Mal liegt die eigene Geschichte im Zusammenhang da. Nur wohnen kann man auf dem Gipfel nicht. Zur Tour gehört der Abstieg – der unglamouröse, kniebelastende Teil, von dem es keine Fotos gibt und auf dem, jeder Bergsteiger weiß es, die meisten Unfälle passieren. Erst der Abstieg bringt das Gesehene dorthin zurück, wo gelebt wird: ins Tal, in den Alltag, an den Küchentisch und auf das Sofa um halb zehn.

Für diesen Abstieg hat Freud das dritte und unscheinbarste seiner drei Verben reserviert: durcharbeiten. „Man muß dem Kranken die Zeit lassen“, schreibt er, „sich in den ihm nun bekannten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten.“ Man beachte, was in diesem Satz steckt: Der Widerstand ist bekannt – die Einsicht ist da, der Gipfel erreicht –, und die eigentliche Arbeit beginnt erst.

Was heißt Durcharbeiten, wenn man nicht auf einer Couch liegt, sondern abends vor einer Schublade steht? Es heißt: die eine Einsicht an hundert Stellen des Alltags wiederfinden. Zuerst bemerkt man das Muster im Rückblick, Stunden später, die Tafel längst leer – und schon das ist keine Kleinigkeit, denn bisher gab es nicht einmal den Rückblick. Dann rückt das Bemerken näher an den Moment heran: beim dritten Stück, beim ersten, irgendwann im Griff selbst. Bis zum ersten Mal ein Spalt entsteht zwischen Impuls und Handlung, kaum breiter als ein Atemzug, aber breit genug für eine Frage: Was brauche ich eigentlich gerade? Manchmal lautet die Antwort: Trost. Manchmal: eine Pause. Und manchmal, das ist keine Niederlage: Schokolade. – Und dann kommt ein Abend, an dem alles wieder ist wie immer. Der Rückfall. In der Logik der Reparatur ist er die Widerlegung: Hat doch nicht funktioniert. In der Logik des Durcharbeitens ist er Material: die nächste Gelegenheit, das Muster in Aktion zu sehen, diesmal ein wenig früher. Man beginnt nicht bei null. Man ist eine Wiederholung weiter.

Ich kann das von mir selbst nicht anders berichten. Die Gleichung, von der ich im letzten Beitrag erzählt habe – Pause machen = mangelnde Integrität –, hat sich nicht dadurch aufgelöst, dass ich sie gefunden habe. Sie meldet sich weiter, zuverlässig, an jedem vollen Tag. Verändert hat sich etwas Unscheinbareres: Ich erkenne sie inzwischen meistens, während sie spricht, nicht erst hinterher. Und jedes Mal, wenn ich ihr nicht folge – jedes Mal, wenn ich müde bin und trotzdem aufhöre –, trägt das eine kleine Gegenerfahrung in die alte Gleichung ein: Ich habe eine Pause gemacht, und nichts ist zerbrochen. Kein einzelner dieser Momente hat Beweiskraft. Ihre Summe hat sie.

Freud hat aus dieser Langsamkeit nie ein Geheimnis gemacht. Das Durcharbeiten, räumt er ein, könne zur „Geduldsprobe“ werden – für beide Seiten. Aber im selben Atemzug nennt er es den Teil der Arbeit mit der „größten verändernden Einwirkung“ – das, was eine analytische Behandlung „von jeder Suggestionsbeeinflussung unterscheidet“. Übersetzt aus dem Behandlungszimmer: Alles, was schnell wirkt – der gute Zuspruch, die strenge Regel, der mitreißende Vortrag –, wirkt geliehen und hält, solange die Aufmerksamkeit hält; es ist die geliehene Disziplin, von der ich im Beitrag über den goldenen dritten Weg geschrieben habe. Was bleibt, entsteht in der langsamen Schicht: dort, wo eine Erfahrung die andere korrigiert.

Wie dieses langsame Korrigieren arbeitet, dafür kenne ich kein besseres Bild als eines, das der Philosoph Peter Godfrey-Smith in seinem Buch Metazoa erzählt – dort geht es um die Evolution des Geistes, nicht um Schokolade, und er hat es sich selbst geborgt; ich borge es also weiter. Man stelle sich das alte Muster als ein Stück Land vor – und jede Gegenerfahrung als Wasser, das steigt. Lange ist das Land Festland: fest mit dem übrigen Leben verwachsen, der Weg dorthin steht jederzeit offen, man geht ihn, ohne ihn zu bemerken. Dann beginnt das Wasser zu steigen, und das Land verliert Stück für Stück seinen Anschluss: Erst wird eine Halbinsel daraus, dann eine Insel – das Muster ist noch da, aber man gerät nicht mehr von selbst hinein; es liegt schon Wasser dazwischen. An manchen Abenden fällt der Pegel – Erschöpfung reicht, Kummer, ein alter Auslöser –, und die Insel taucht wieder auf: der Rückfall von eben. Er beweist nicht, dass nichts geschehen ist. Er zeigt nur den Wasserstand. Und irgendwann, nach genug Wiederholungen, liegt das Land dauerhaft unter dem Spiegel: immer noch vorhanden, ein Relikt der eigenen Geschichte, aber nicht mehr bewohnt. So vergehen alte Gleichungen – nicht durch Sprengung, nicht an einem Tag, sondern mit jedem Zentimeter, den die Erfahrung steigt.


Das Zwischenreich

Bleibt die Frage, warum das so selten allein gelingt – warum gerade die klügsten Selbstbeobachter oft am längsten auf der Stelle treten. Freuds Antwort darauf ist der schönste Gedanke des kleinen Textes. Die alte Szene bleibt nämlich nicht zu Hause, wenn man sich Hilfe holt. Sie kommt mit: Der Patient wiederholt sein Muster auch dort, an der Therapeutin, am Arzt – das ist die Übertragung, über die ich ausführlich geschrieben habe. Und statt das zu beklagen, macht Freud daraus die eigentliche Bühne der Veränderung: Er eröffnet dem Wiederholungszwang die Übertragung als „Tummelplatz“, auf dem er sich „in fast völliger Freiheit“ entfalten darf. Die Übertragung, schreibt er, schaffe „ein Zwischenreich zwischen der Krankheit und dem Leben“.

Ein Zwischenreich: ein Ort, an dem das alte Muster auftreten darf wie im Leben – aber beantwortet wird wie sonst nirgends. Die Strenge, die man erwartet, bleibt aus. Das Gefühl, das sonst in den Mund wandert, findet ein Gegenüber, das es aufnimmt, aushält und verdaut zurückgibt – das Containing, das ich mit Bion beschrieben habe. Dieselbe alte Szene, zum ersten Mal mit einem anderen Ausgang: Das ist es, was der geschützte Raum der bloßen Selbstbeobachtung voraushat. Er ist kein Ort, an dem über Veränderung gesprochen wird. Er ist ein Ort, an dem sie probeweise stattfindet.

Damit beantwortet Freuds kleiner Text nebenbei eine Frage, die mir oft gestellt wird, fast immer mit schlechtem Gewissen: „Warum dauert das so lange? Müsste es nicht längst besser sein?“ Die Antwort: Therapie dauert nicht, weil die Einsicht so schwer zu finden wäre. Die kommt manchmal früh; es gibt Erstgespräche, in denen der entscheidende Satz schon fällt. Sie dauert, weil das Durcharbeiten im Takt des Lebens geschieht und nicht im Takt des Verstehens. Die Abende, an denen sich die alte Gleichung zeigt, lassen sich nicht vorziehen; die Gegenerfahrungen, die sie überschreiben, lassen sich nicht auf Vorrat machen. Ein Muster, das sich über Jahrzehnte eingeschliffen hat, wird nicht in drei Gesprächen überschrieben – nicht, weil die Gespräche zu schwach wären, sondern weil zwischen ihnen das Leben liegen muss, in dem sich das Neue bewähren kann. Ich schreibe das nicht, um lange Behandlungen zu verkaufen. Ich schreibe es, um drei oder auch 30 gute Gespräche zu verteidigen, nach denen sich „noch nichts verändert“ hat: Sie sind kein Misserfolg. Sie sind der Anfang von etwas, das grundsätzlich nicht schneller geht – bei niemandem.


Dasselbe Tun, ein anderes Tun

Der letzte Beitrag endete mit einem Satz, der manchen vielleicht zu schön vorgekommen ist: dass Veränderung am Ende nicht heißt, etwas anderes zu tun – sondern dass dasselbe Tun etwas anderes geworden ist. Von Freud her lässt sich jetzt sagen, wie das zugeht. Es ist keine Poesie. Es ist Mechanik.

Kierkegaard, der in diesem Blog schon einmal zu Wort kam, nannte die Wiederholung eine Erinnerung „nach vorwärts“ – dieselbe Bewegung wie das Erinnern, nur in die Zukunft gerichtet. Genau dahin führt das Durcharbeiten: Es verwandelt die blinde Wiederholung in eine sehende. Die Szene bleibt dieselbe – der Abend, das Sofa, die Schublade. Aber aus dem Wiederholungszwang, der nicht weiß, dass er wiederholt, wird allmählich eine Wiederholung, die es weiß. Und die darum, zum ersten Mal, anders ausgehen kann.

Jede anders ausgegangene Wiederholung ist gelebte Gegenevidenz: Ich habe eine Pause gemacht, und nichts ist zerbrochen. Ich habe Schokolade gegessen, und es folgte keine Beichte. Ich habe den Trost bei einem Menschen gesucht, und er kam. Die alte Gleichung ist nie durch ein Argument entstanden – darum kann kein Argument sie löschen. Aber Erfahrungen lassen das Wasser um sie steigen, Wiederholung für Wiederholung, bis dasselbe Tun tatsächlich ein anderes geworden ist: Die Schokolade ist wieder Schokolade, die Pause wieder eine Pause. Nicht, weil man ihre Bedeutung wegtrainiert hätte, sondern weil die Gleichung, hundertfach anders beantwortet, aufgehört hat zu gelten. Das Ziel dieser Arbeit ist eben keine gewusste Wahrheit über sich – so wertvoll sie ist. Das Ziel ist eine gelebte Fähigkeit: lieben, arbeiten und genießen können.

Judiths Frage – „Warum mache ich es trotzdem?“ – hat darum eine bessere Antwort verdient, als sie befürchtet hatte. Die Antwort lautet nicht: Weil Sie es nicht ernst genug meinen. Sie lautet: Weil Sie an der Stelle stehen, an der die Einsicht ihren Teil getan hat – und das Durcharbeiten seinen noch vor sich hat. Ihre Frage war keine Bankrotterklärung ihres Verstehens. Sie war die Grenzmarke, hinter der die zweite Hälfte der Arbeit liegt: die unscheinbare, wiederholende, wirksame.


Wenn Sie alles verstanden haben

Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die viel verstanden haben. Vielleicht können Sie Ihre Muster so klar erklären wie Judith – und schämen sich, dass sich „trotzdem nichts ändert“. Dann ist dies der wichtigste Satz dieses Beitrags: Ihre Einsicht ist nicht gescheitert. Sie hat Sie auf den Gipfel getragen, und das ist nicht wenig – von dort oben stammt der Überblick, ohne den kein Abstieg seinen Weg fände. Was sich wie Stillstand anfühlt, ist kein Stehenbleiben. Es ist die Stelle, an der die Tour die Richtung wechselt: bergab, in den Alltag – in den Teil, den nur das Leben übernehmen kann, in seinem Takt, nicht in dem des Kopfes.

Sie müssen dafür nicht noch klüger über sich werden, nicht noch ein Stück höher steigen. Es reicht, langsamer mit sich zu sein: das Muster bemerken, wieder bemerken, ein drittes Mal bemerken – und auch die Male gelten lassen, die zu spät kommen. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten: Das Erste haben Sie vielleicht längst getan. Das Zweite tut das Leben ohnehin. Das Dritte ist das unscheinbarste der drei Verben – und das einzige, das verändert.


* Name geändert; die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Freud, S. (1914). „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse II)“. In: Gesammelte Werke, Bd. X. Frankfurt a. M.: S. Fischer.
  • Godfrey-Smith, P. (2020). Metazoa: Animal Life and the Birth of the Mind. New York: Farrar, Straus and Giroux.
  • Kierkegaard, S. (2000 [1843]). Die Wiederholung. Hamburg: Meiner.

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