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Der gepanzerte Teller: Warum ausgerechnet Eiweiß die Diätkultur überlebt hat

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Die Lücke im Regal

Wer in diesem Sommer in einer deutschen Drogerie am Regal mit der Sportlernahrung stand, hat vielleicht dasselbe gesehen wie ich: eine Lücke. Bei dm und Müller stehen die bekannten Marken seit dem Frühsommer nicht mehr verlässlich im Regal; was verlässlich steht, sind die Eigenmarken der Händler. Die Kategorie Proteinpulver war 2025 im deutschen Einzelhandel um 60 Prozent auf 229 Millionen Euro gewachsen, und von Januar bis Mai 2026 stiegen Umsatz wie Absatz noch einmal um jeweils rund 85 Prozent. Der Grund für die Lücken ist so unglamourös, dass er fast komisch wirkt: Molkenprotein ist ein Nebenprodukt der Käseherstellung. Man kann es nicht auf Zuruf herstellen. Die europäische Milchwirtschaft hatte ihre Kapazitäten auf ein Käsewachstum von ein bis zwei Prozent im Jahr ausgelegt, nicht auf einen Proteinboom. Bis neue Anlagen spürbar liefern, dürften zwei bis drei Jahre vergehen. Bis dahin ist der Rohstoff der Fitnesswelt schlicht knapp.

Zwei Regalreihen weiter, in der Kühltheke, herrscht dafür Überfluss. Dort steht inzwischen eine High-Protein-Leberwurst – ernsthaft, ein traditionsreiches deutsches Wursthaus hat sie im Frühjahr auf den Markt gebracht. Sie enthält 17 Gramm Eiweiß je 100 Gramm. Die klassische Gutsleberwurst desselben Hauses enthält 14. Für die drei Gramm Differenz bekommt das Produkt eine neue Farbwelt, ein neues Versprechen und einen neuen Platz im Regal.

Der Markt für Lebensmittel mit Protein-Auslobung wuchs laut YouGov zuletzt um 39,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Knapp die Hälfte der Deutschen greift inzwischen zu solchen Produkten. Selbst Instantkaffee mit Eiweiß-Hinweis legte binnen zwölf Monaten um 427 Prozent zu. Es gibt Protein-Pudding, Protein-Brot, Protein-Chips, Protein-Eis, Protein-Wasser.

Das ist, für sich genommen, eine Marketinggeschichte. Interessant wird sie erst durch eine Beobachtung, die in keiner Marktanalyse steht: Eiweiß ist der einzige Nährstoff, der vierzig Jahre Ernährungsmoral ohne einen einzigen Kratzer überstanden hat.


Der Nährstoff mit der weißen Weste

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen. Fett war in den Achtzigern der Angeklagte - eine ganze Generation hat Margarine gegessen und Eigelb weggeworfen. Dann kamen die Kohlenhydrate an die Reihe: Low Carb, Atkins, Keto, das Brot als Feind. Zucker ist bis heute der zuverlässigste Bösewicht jeder Ernährungsdebatte – kaum ein Lebensmittel wird so moralisch verhandelt. Über Verzicht, Sünde und Reue habe ich in diesem Blog wiederholt geschrieben; die Diätkultur arbeitet seit Jahrzehnten nach demselben Muster: Ein Nährstoff wird zum Schuldigen erklärt, das Essen in erlaubt und verboten sortiert, und der Mensch, der scheitert, hält sich für den Fehler.

Eiweiß ist von dieser Anklagebank nie besetzt worden. Vor neun Jahren habe ich in diesem Blog gefragt: „Warum eigentlich kein low-Protein?“ – und die Antwort war damals rein physiologisch. Es gibt keine Low-Protein-Diät, weil Eiweiß essenziell ist: Bausubstanz für Enzyme, Hormone, Muskulatur, ohne echten Speicher im Körper. Wer zu wenig bekommt, baut Muskeln ab. Daran hat sich nichts geändert, und der Beitrag ist bis heute korrekt.

Was sich geändert hat, ist etwas anderes. Aus der physiologischen Unangreifbarkeit ist eine moralische geworden. Und die ist von ganz anderer Art.

Denn ein Nährstoff, den niemand anklagen kann, ist der ideale Kandidat für das, was die Diätkultur nach Jahrzehnten der Verbote am dringendsten brauchte: ein Gebot. Etwas, das man tun darf, statt immer nur zu lassen. Eiweiß bietet sich dafür geradezu an, denn es ist in unserer Vorstellung der Nährstoff des Aufbauens – nicht des Genießens, nicht der Fülle, nicht der Lust, sondern der Substanz. Es klingt nach Arbeit am eigenen Material. Man isst es nicht, weil es schmeckt. Man isst es, weil es hilft.

Genau darin liegt die weiße Weste. Und genau darin liegt das Problem.


Ein Mehr, das sich anfühlt wie eine Befreiung

Anke* macht seit über zwanzig Jahren keine Diät mehr. Sie sagt das mit einigem Stolz, und sie hat allen Grund dazu: Die Jahre davor waren eine lange Reihe von Punkten, Kalorien, Wiegetagen und Montagsvorsätzen, und sie hat sich daraus mühsam befreit. Als sie vor einigen Monaten zu mir kam, ging es um etwas anderes, um Erschöpfung, um das Essen am Abend. In einem Gespräch fiel beiläufig ein Satz, der mich seither nicht loslässt.

Es war nachmittags, sie sprach über ihr Mittagessen, und dann sagte sie: „Ich habe heute noch nicht genug Eiweiß.“

Ich fragte, woran sie das merke. Sie stutzte. Sie merkte es nicht. Sie wusste es – aus einer App, in der eine Zahl unter einem Sollwert stand. Und dann, nach einer Pause, kam der Satz, um den es hier geht: „Das ist doch aber was anderes. Ich zähle ja nicht, um weniger zu essen. Ich zähle, um mehr zu essen.“

Ich glaube ihr jedes Wort. Und ich verstehe die Erleichterung, die darin steckt – sie ist echt. Nach Jahrzehnten des „Weniger“ ist ein Ernährungstrend, der „mehr“ sagt, eine Wohltat. Das ist kein Zufall, sondern vermutlich ein Hauptgrund für den Erfolg des Hypes: Der Protein-Trend ist die erste Ernährungsbewegung seit Langem, die sich nicht wie Strafe anfühlt. Man darf zugreifen. Man darf satt werden. Man darf sogar Quark essen und dabei das Gefühl haben, etwas richtig gemacht zu haben.

Nur: Das Vorzeichen hat gewechselt, die Rechenoperation nicht.

Es wird weiter gezählt. Es wird weiter ein Soll erfüllt. Es gibt weiter gute und schlechte Lebensmittel – nur heißen die guten jetzt nicht mehr „kalorienarm“, sondern „proteinreich“, und die schlechten sind die, die „nichts bringen“. Es gibt weiter ein Tagesziel, dessen Nichterreichen ein kleines Unbehagen hinterlässt. Und es gibt weiter die stille Gleichung, die unter der ganzen Diätkultur liegt: dass Essen keine Verrichtung des Lebens ist, sondern eine Leistung, deren Ergebnis am Körper abgelesen wird.

Das ist es, was ich an anderer Stelle den Kern des Problems genannt habe: Nicht die Richtung der Regel ist das Entscheidende, sondern dass überhaupt eine Regel an die Stelle des Empfindens tritt. Wer von „nie wieder Kohlenhydrate“ zu „jeden Tag 130 Gramm Eiweiß“ wechselt, hat nicht die Diätkultur verlassen. Er hat in ihr die Abteilung gewechselt.


Der Satz, der nicht vom Körper kommt

Bleiben wir bei Ankes Satz, denn er hat eine Eigenschaft, die man leicht überliest. „Ich habe heute noch nicht genug Eiweiß“ ist grammatisch eine Aussage über den eigenen Körper. Tatsächlich ist es die Wiedergabe einer fremden Auskunft.

Der Körper meldet Hunger, Sattheit, Appetit, Schwere, Leichtigkeit, Lust auf etwas Bestimmtes – ein grobes, aber erstaunlich zuverlässiges Instrumentarium, über das ich hier ausführlich geschrieben habe. Was er nicht meldet, sind Gramm. Kein Mensch spürt seinen Aminosäurenstatus. Wer also weiß, dass er „noch nicht genug“ hat, weiß es von außen – aus einer App, einem Etikett, einer Empfehlung, die irgendwo im Internet einmal gehört wurde.

Das ist die Bewegung, die ich in der Reihe über die vier Gesundheitsversprechen an den Geräten beschrieben habe: die Vermessung des Selbst. Eine Zahl übernimmt eine Aufgabe, die eigentlich dem Empfinden zusteht – und je zuverlässiger sie das tut, desto weniger wird das Empfinden gebraucht. Nicht ergänzt: abgegeben. Das Etikett auf der Packung ist die kleinste Bauform dieses Vorgangs. Es ist, um ein Bild aus dem Beitrag über KI in der Gesundheit aufzugreifen, eine Landkarte, die ein Fremder für uns gezeichnet hat – und die wir für die Landschaft halten.

An dieser Stelle liegt ein Einwand nahe, und er verdient eine ehrliche Antwort: Wenn der Körper nun einmal keine Gramm meldet – ist die Zahl dann nicht genau das richtige Werkzeug? Wo das Gefühl blind ist, hilft schließlich die Messung. Niemand spürt seinen Blutdruck, und trotzdem ist es vernünftig, ihn zu kennen. Der Einwand übersieht einen Unterschied. Der Blutdruck ist eine stumme Größe: Der Körper regelt ihn nicht über ein Verhalten, das wir spüren könnten. Beim Eiweiß ist es umgekehrt. Der Körper zeigt die Zahl nicht an, aber er verrechnet sie längst – Eiweiß sättigt stärker als jeder andere Nährstoff, eine eiweißarme Mahlzeit lässt einen früher wieder hungrig werden, und die „Lust auf etwas Bestimmtes“ von eben, auf Eier, auf Quark, auf das Herzhafte, ist zu einem guten Teil nichts anderes als Eiweißhunger. Man spürt seinen Aminosäurenstatus nicht, so wie man den Sauerstoffgehalt seines Blutes nicht spürt – und trotzdem atmet niemand nach Tabelle. Der Körper ist kein Messgerät, dem die Anzeige fehlt. Er ist ein Regler, der keine braucht.

Ein Wort zur Physiologie, damit hier kein Missverständnis entsteht. Die offizielle Zufuhrempfehlung liegt bei 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, ab 65 Jahren bei etwa 1,0. In einer Gewichtsabnahme, im Alter, bei ernsthaftem Krafttraining ist mehr sinnvoll – das ist unstrittig, und wer aus guten Gründen auf seine Zufuhr achtet, macht nichts falsch. Die allermeisten Menschen in Deutschland erreichen die Empfehlung ohnehin, ohne je darüber nachgedacht zu haben. Es geht hier also nicht um die Frage, ob Eiweiß gut ist. Es geht darum, was ein Nährstoff mit einem Menschen macht, wenn er zur Währung wird.

Denn eine Währung hat eine unangenehme Eigenschaft: Von ihr kann man nie genug haben. Empfehlungen sind Zahlen mit einer Obergrenze. Ein Ziel, das Zugehörigkeit verspricht, hat keine. Die Frage „Habe ich heute genug?“ ist im Diät-Modus dieselbe wie im Protein-Modus – sie kennt nur einen Zustand, in dem sie sich auflöst, und der heißt: mehr - mehr Kontrolle, mehr Selbstvermessung, mehr Perfektion.


Warum ausgerechnet ein Panzer?

Es lohnt sich, auf die Sprache zu hören, in der dieser Trend über den Körper spricht. Sie ist auffällig militärisch. Es geht um Schutz, um Härte, um Substanz, die einem niemand nehmen kann. Um Muskeln, die „gehalten“ werden müssen, um Verlust, gegen den man „arbeitet“. Der Wortschatz der Verteidigung liegt über einem Nährstoff, der eigentlich nur ein Baustein ist.

Wogegen wird da verteidigt?

Zuerst gegen etwas sehr Reales: gegen den Abbau. Muskelmasse schwindet mit den Jahren, das ist keine Erfindung der Industrie, und der Wunsch, mit achtzig noch alleine aufstehen zu können, ist einer der vernünftigsten überhaupt. Aber der Hype greift tiefer, und das erklärt seine Wucht. Er verspricht das Gegenteil von Vergänglichkeit. Wo die Longevity-Bewegung die Lebenszeit verlängern will, verspricht das Protein die Festigkeit des Materials: einen Körper, der nicht weicher wird, nicht nachgibt, nicht verfällt. Es ist die Nährstoff gewordene Antwort auf die Unverfügbarkeit des eigenen Alterns und Sterbens.

In der Psychoanalyse ist der Panzer ein altes Bild: die Härtung, mit der ein Mensch sich gegen etwas schützt, das ihn sonst berühren würde. Das Entscheidende an diesem Bild ist, dass niemand einen Panzer anlegt, weil er stark ist. Man legt ihn an, weil man einmal ungeschützt war. Und Panzer haben, ob aus Stahl oder aus Haltung, immer denselben Preis: Sie halten nicht nur das Bedrohliche draußen, sondern auch alles andere - sie machen unberührbar.

Man kann die Frage aber auch größer stellen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet eine Zeit, die sich so unsicher anfühlt wie lange keine – weltweite Kriege, die wieder in unsere westliche Reichweite gelangen, Preise, die sich nicht mehr von selbst verstehen, eine Arbeitswelt, die niemandem mehr verspricht, dass es seinen Beruf in zehn Jahren noch gibt –, den Nährstoff des Aufbauens zur Tugend erklärt. Wo die Welt unverfügbar wird, bleibt der Körper das letzte Gelände, das sich noch bestellen lässt: Man kann den Lauf der Dinge nicht kontrollieren, aber ein Tagesziel erfüllen. Man kann die Rente nicht sichern, aber die Muskelmasse. Der gepanzerte Teller wäre dann nicht nur eine private Antwort auf das eigene Altern, sondern der sehr individuelle Versuch, eine sehr kollektive Verunsicherung zu beantworten – Vorsorge im kleinsten Maßstab, ein Bunker aus Eiweißriegeln. Beweisen lässt sich das nicht; Trends haben viele Väter. Aber es würde erklären, warum die Sprache dieses Trends so militärisch klingt – und warum er ausgerechnet jetzt so laut geworden ist.

Wie eng dieser Trend mit der Angst vor dem Weichwerden verwandt ist, zeigt eine Randnotiz der Rohstoffknappheit, die man kaum erfinden könnte. Ein Grund für den weltweiten Molkenprotein-Mangel ist, dass die USA weniger exportieren – weil der Eigenbedarf gestiegen ist, unter anderem, weil zu den Abnehmspritzen eine proteinreiche Ernährung empfohlen wird. Eine Kultur, die dem Körper mit dem einen Präparat den Appetit nimmt, kauft mit dem nächsten Produkt die Substanz zurück, die dabei verloren geht. Erst wird das Verlangen stillgelegt, dann der Verlust behandelt. Zwei Märkte, ein Mechanismus – und beide leben davon, dass etwas am eigenen Körper nicht ausgehalten werden muss.

Dass dieser Panzer, historisch gesehen, vor allem einem Geschlecht angeboten wurde und wie sich dessen Diätkultur bis heute als Gegenteil einer Diät tarnt, ist ein eigenes Thema. Davon ein andermal.


Die Rüstung gibt es nur zum Aufpreis

Und hier kommt die Zahl, an der sich der Charakter dieses Trends am ehrlichsten zeigt.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat vierzehn Protein-Produkte mit ihren konventionellen Entsprechungen verglichen. Ergebnis: Sie kosten im Schnitt 88 Prozent mehr. Ein bekannter High-Protein-Joghurtdrink kostet über das Dreifache eines normalen. Nebenbei fand die Untersuchung, dass die Produkte im Mittel fünf Zusatzstoffe enthielten, etwa doppelt so viele wie die Vergleichsprodukte – und dass ein Proteinriegel zehn Gramm Eiweiß mit achtzehn Gramm Zucker kombinierte.

Die Rüstung gibt es nur gegen Geld. Das Eiweiß selbst gibt es fast umsonst.

Denn das ist die Pointe des ganzen Hypes: Protein ist kein knappes Gut auf dem Teller. Es ist knapp im Regal der Sportlernahrung, aber nicht im Leben. Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Eier, Quark, Haferflocken, Milch, Hüttenkäse, Nüsse – die eiweißreichsten Lebensmittel der deutschen Küche gehören zu den billigsten, die es gibt. Ein Kilogramm Linsen kostet weniger als ein einziger Protein-Riegel.

Was die 88 Prozent Aufpreis kaufen, ist also nicht der Nährstoff. Es ist das Etikett – und damit die Zugehörigkeit zu den Menschen, "die etwas für sich tun". Die Industrie hat gelernt, dass sich Härte verkaufen lässt: eine Rezepturänderung von drei Gramm, ein neues Farbschema, und ein Alltagsprodukt wandert ins Premiumsegment. Man kauft nicht Eiweiß. Man kauft die Bescheinigung, auf der eigenen Seite zu stehen.

Diese Bescheinigung ist ungleich verteilt, und darin liegt der eigentliche Skandal des Trends. Wer den Wocheneinkauf auf den Cent planen muss, kauft die günstige Variante – und wird von derselben Kultur, die den Aufpreis erfunden hat, dafür moralisch abgewertet: als jemand, der sich weniger kümmert, weniger diszipliniert ist, sich weniger wert ist. Die Gesundheitsmoral unserer Zeit rechnet Kaufkraft in Charakter um. Ich habe an dieser Stelle schon oft geschrieben, dass Scham niemals motiviert. Hier kommt hinzu, dass sie an eine Preisliste gekoppelt ist. Wer den Faden weiterdenken will: Wie tief Klassenlage und Essen zusammenhängen, wird im Herbst ein eigener Beitrag ausführen – die Frage, wer den Tisch deckt und für wen er leer bleibt, ist die unbequemste dieses Blogs.


Was bleibt, wenn man das Etikett abzieht

Es gibt einen einfachen Test dafür, in welchem Modus man isst, und er hat nichts mit Gramm zu tun. Er lautet: Wie fühlt sich der Tag an, an dem das Ziel nicht erreicht wird?

Wenn dann nichts passiert – gut. Dann ist Eiweiß ein Nährstoff, so wie Wasser eine Flüssigkeit ist, und alles ist in Ordnung. Wenn sich aber etwas zusammenzieht, ein leises Ungenügen, der Impuls, es morgen wiedergutzumachen, dann hat man es nicht mit Ernährung zu tun, sondern mit einer Buchführung, deren Saldo nie aufgeht. Bei Anke war es das Zweite. Sie hatte, ohne es zu bemerken, nach zwanzig Jahren wieder ein Konto eröffnet, nur unter neuem Namen.

Was wir daran verändert haben, war unspektakulär und hatte mit Protein wenig zu tun. Es ging um die Frage, was am Nachmittag eigentlich fehlt, wenn ein Sollwert es nicht beantworten kann. Um die Frage, wann sie zuletzt gegessen hat, weil es schmeckte. Das dauert, es ist keine Umstellung, sondern Arbeit an einer Gewohnheit, die sich nicht nur durch Einsicht auflöst – aber es ist die einzige Richtung, in der das Essen wieder etwas wird, das man tut, statt etwas, das man erfüllt.

Sie dürfen Eiweiß essen. Sie dürfen Quark mögen, Linsensuppe kochen, nach dem Sport einen Shake trinken. Nichts davon ist ein Problem und wer wäre ich, hier das nächste Verbot aufzustellen?! Er ist eine Einladung, sich eine andere Frage zu stellen als die, die auf der Packung steht. Nicht: Habe ich heute genug? Sondern: Woran merke ich es eigentlich?

Und vielleicht ist die Lücke im Drogerieregal am Ende das ehrlichste Bild dieses Sommers. Was dort fehlt, ist keine Nahrung – an Eiweiß herrscht in diesem Land kein Mangel, es liegt zwei Gänge weiter in Dosen und Bechern und kostet fast nichts. Was fehlt, ist ein Versprechen: dass sich der eigene Körper aufrüsten lässt gegen alles, was mit ihm passieren wird. Dieses Versprechen war noch nie lieferbar. Es ist nur, seit diesem Jahr, deutlich teurer geworden.


* Die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Quellen und Literatur

  • Verbraucherzentrale Hamburg (2025). Marktcheck: Protein-Produkte unter der Lupe. Hamburg, 10. April 2025. — 14 Produkte im Vergleich, durchschnittlich 88 % Aufpreis, im Mittel fünf Zusatzstoffe.
  • t-online (2026). Proteinpulver im Supermarkt: More und ESN fehlen in den Regalen. Stand: 21. Juni 2026. — Umsatzentwicklung im Einzelhandel, Molkenprotein-Knappheit, Zusammenhang mit GLP-1-Präparaten.
  • YouGov (2026). „High Protein" ist vom Fitness- zum Massenmarkt geworden. — Marktwachstum von 39,1 % (Stand Mai 2026), Käuferanteil in Deutschland.
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Protein. — 0,8 g/kg Körpergewicht für Erwachsene bis 65 Jahre, 1,0 g/kg ab 65 Jahren.

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