„Nur zwei Stücke“
Es ist kurz nach vier. Der Nachmittag hängt durch, die Konzentration ist längst weg, und in der Schublade liegt die angebrochene Tafel Schokolade. Nur zwei Stücke, denkt man, und meint es ernst. Zwei Stücke später ist der Vorsatz nicht etwa gebrochen – er ist einfach nicht mehr da, als hätte ihn nie jemand gefasst. Die halbe Tafel ist weg, und mit ihr die kurze, klare Absicht, es diesmal anders zu machen.
Es gibt kaum eine einfachere Handlung, als das dritte Stück liegen zu lassen. Kein Werkzeug nötig, keine Vorbereitung, keine besondere Fähigkeit. Und doch gehört genau das für viele Menschen zu den schwersten Dingen überhaupt. Diese Diskrepanz ist kein Kuriosum, sondern ein Fenster. Sie zeigt, dass Verhalten nicht auf einer einzigen Ebene stattfindet, sondern auf mindestens dreien – und dass Veränderung scheitert, wenn wir sie auf der falschen Ebene versuchen.
Ich möchte diese drei Ebenen an einem ganz alltäglichen Beispiel entfalten – dem Stück Schokolade – und, weil ich mich nicht ausnehmen will, an einem eigenen, das mit Essen nichts zu tun hat: meinem Ruhebedürfnis, für das einzustehen mir bis heute schwerfällt. Der Umweg über ein fremdes Verhalten hat oft einen Vorteil: Man sieht an ihm klarer, was am eigenen im Nebel liegt.
Die erste Ebene: das Verhalten
Auf der Verhaltensebene ist das Problem trivial. Man isst zu viel Schokolade, also isst man weniger; man kauft sie gar nicht erst; man greift zum Apfel. Das ist die Ebene der Ratgeber, der Gewohnheitstricks, der Wenn-dann-Pläne. Sie ist nicht wertlos; im Gegenteil, sie ist der Ort, an dem Veränderung am Ende sichtbar werden muss. Wer nie anders handelt, hat sich nicht verändert, egal wie tief seine Einsichten reichen. Am Ende zählt, ob das dritte Stück liegen bleibt.
Aber die Verhaltensebene hat eine charakteristische Schwäche: Sie behandelt den Menschen, als wäre er sein eigener Angestellter. Man gibt sich selbst eine Anweisung und wundert sich, dass sie nicht ausgeführt wird. „Iss doch einfach weniger“ – der Satz ist so gut gemeint wie hilflos. Denn die Anweisung erreicht ein System, das längst anders programmiert ist. Wenn das schlichte Anders-Handeln funktionieren würde, hätte es längst funktioniert. Dass es das nicht tut, ist kein Beweis für Willensschwäche – die mit Scham zu bekämpfen ohnehin nur alles schlimmer machte –, sondern ein Hinweis darauf, dass unter dem Verhalten etwas arbeitet. Die geliehene Disziplin, von der ich im Beitrag über den goldenen dritten Weg geschrieben habe, reicht genau so weit wie die Aufmerksamkeit, die sie trägt – und keinen Millimeter weiter.
Die zweite Ebene: der Modus Operandi
Eine Schicht tiefer liegt das, was man die vorbewusste oder halbbewusste Ebene nennen könnte – tiefenpsychologisch wenn man so will, noch diesseits der Psychoanalyse. Hier wohnen nicht einzelne Handlungen, sondern Betriebsmodi: eingeschliffene Antwortmuster, die schneller sind als jede Entscheidung.
Bei der Schokolade sieht dieser Modus so aus: Es ist nicht der Hunger, der zur Schublade führt. Es ist der Griff selbst, der schon geschehen ist, ehe eine Entscheidung fiel – am Tiefpunkt des Nachmittags, nach dem anstrengenden Telefonat, in der ersten Minute vor dem Fernseher. Die Hand ist an der Tafel, bevor der Kopf mitbekommt, dass etwas begonnen hat. Mein eigener Modus Operandi liegt in einem ganz anderen Feld und hat dieselbe Bauart. Bei Müdigkeit ist er seit jeher: wegschieben. Die Müdigkeit registrieren und im selben Moment übergehen, über die Grenze hinausarbeiten, als wäre das Signal ein Störgeräusch und kein Hinweis. Zwei völlig verschiedene Verhaltensweisen – der automatische Griff und das automatische Übergehen –, aber derselbe Mechanismus: ein Muster, das nicht überzeugen muss, weil es nur schneller sein muss als meine Aufmerksamkeit.
Das Entscheidende an dieser Ebene ist, dass sie nicht unbewusst im strengen Sinn ist. Sie ist zugänglich – aber nur, wenn ich hinschaue. Und darum heißt Veränderung hier nicht „anders handeln“, sondern zunächst: anders wahrnehmen. Es ist eine Übung in Feinfühligkeit gegenüber sich selbst – die eigenen Signale wieder spüren, hören, sehen lernen, bevor der Automatismus sie überrollt. Erst wer den Impuls im Moment seines Auftauchens bemerkt – das leise Ziehen zur Schublade, die aufsteigende Müdigkeit –, statt drei Stücke oder drei Stunden später an seinen Folgen, hat überhaupt einen Handlungsspielraum. Genau das ist die Arbeit, die ich an anderer Stelle beschrieben habe: das Wiedererlernen der Sprache von Hunger und Sättigung, das Bemerken, dass beim Essen fast immer auch Gefühle mit am Tisch sitzen – Frust, Langeweile, Erschöpfung, Einsamkeit, die sich an den nächstbesten Riegel heften, weil sie keine andere Sprache haben. Und es ist die Kette, die ich die reflexive Freiheit beim Essen genannt habe: beobachten, verstehen, bewerten, umgestalten. Achtsamkeit ist hier kein Wellness-Vokabular, sondern schlicht die Voraussetzung dafür, dass die erste Ebene überhaupt erreichbar wird.
Aber auch diese Ebene hat einen blinden Fleck. Sie kann beschreiben, dass ich zur Schokolade greife, und sie kann trainieren, es seltener zu tun. Was sie nicht beantworten kann, ist die Frage: Warum eigentlich? Warum hat sich ausgerechnet dieses Muster eingeschliffen – und warum wehrt es sich so zäh gegen jede Korrektur?
Die dritte Ebene: die Beziehungsgeschichte
Hier beginnt die psychoanalytische Ebene, und mit ihr ändert sich der Erkenntnismodus. Die ersten beiden Ebenen kann ich erleben – die eine im Handeln, die andere im Spüren. Die dritte kann ich, weil sie im Unbewussten wurzelt, vermutlich nie vollständig erfühlen. Ich kann sie nur analytisch erschließen, über Logik und Rekonstruktion, wie ein Archäologe, der aus Scherben auf ein Gefäß schließt, das er nie intakt gesehen hat. Und meist gelingt das nicht allein: Diese Ebene öffnet sich am ehesten in einer Beziehung, im Gegenüber – aus einem Grund, den ich im Beitrag über die unsichtbare Beziehung ausgeführt habe.
Bleiben wir bei der Schokolade. In einer möglichen Rekonstruktion – und bei erstaunlich vielen Menschen sieht sie ähnlich aus – ist die Schokolade nämlich alles andere als ein neutrales Lebensmittel mit ungünstiger Makronährstoffzusammensetzung. Süßes war oft der früheste verlässliche Trost: das Stück, das nach dem Sturz vom Rad oder der verhauenen Klassenarbeit wortlos über den Küchentisch geschoben wurde, die Belohnung, die eine unerträgliche Situation erträglich machte, die eine Zuwendung, auf die Verlass war, als anderer Verlass fehlte. Wenn das stimmt, dann ist das Stück Schokolade am durchhängenden Nachmittag keine bloße Kalorienzufuhr. Es ist, in der Logik des Unbewussten, ein kleiner Beziehungsakt: Ich reiche mir selbst den Trost, der einmal auf diesem Weg kam – oder auf keinem anderen. Es ist genau das, was ich mit Wilfred Bion im Essay über das Containing beschrieben habe: Ein Gefühl, das niemand für mich aufnimmt und verdaut, wandert stattdessen in den Mund. Damit wird verständlich, warum die Verhaltensebene so hilflos bleibt. Wer sich vornimmt, „weniger Schokolade“ zu essen, kämpft nicht gegen Zucker. Er kämpft gegen einen Ersatz für etwas Beziehungshaftes – und gegen diesen Ersatz richtet kein Wenn-dann-Plan etwas aus, solange das, wofür er einsteht, keinen anderen Ort hat.
Wie das konkret aussieht, zeigt sich am schärfsten am eigenen Material, und darum erzähle ich jetzt meines – aus einem Feld, das mit Essen nichts zu tun hat und gerade deshalb dieselbe Struktur so klar zeigt. Warum das Innehalten überhaupt so schwer geworden ist, habe ich neulich von der kulturellen Seite beschrieben, in der Folge über die Muße. Hier ist die andere, die private Seite desselben. An ihr zeigt sich sofort eine Eigenheit dieser dritten Ebene: Was dort liegt, ist Beziehungsgeschichte – und Beziehungsgeschichten gehören nie einem allein. An meiner sind Menschen beteiligt, deren Seite nicht ich öffentlich zu erzählen habe; also erzähle ich nicht das Woher, sondern das Ergebnis. Mehr braucht das Argument ohnehin nicht. Das Ergebnis ist eine Gleichung, in einer frühen Beziehungserfahrung entstanden, nie ausgesprochen, aber tief eingetragen: Pause machen = mangelnde Integrität. Ruhe war nicht neutral. Ruhe war das, was Zusagen bricht, was andere im Stich lässt, was enttäuscht. Gefunden habe ich diese Gleichung übrigens nicht allein am Schreibtisch, sondern dort, wo sich diese Ebene am ehesten öffnet: im Gespräch mit einem aufmerksamen, mitfühlenden Gegenüber.
Dadurch wurde mir plötzlich verständlich, warum die Verhaltensebene auch bei mir so hilflos ist. Wenn ich eine Pause mache, führe ich ja nicht einfach eine Handlung aus – ich vollziehe, in der Logik meines Unbewussten, einen moralischen Akt. Ich werde zu dem, was ich früh ablehnen gelernt habe. Mein Fleiß, mein Über-die-Grenzen-Gehen ist keine Tugend, die zufällig übertrieben wurde; er ist eine Gegenidentifikation: So werde ich niemals sein. Und Gegenidentifikation ist keine Freiheit. Sie ist eine Bindung mit umgekehrtem Vorzeichen – das alte Bild bestimmt mein Verhalten weiterhin, nur eben als Negativ.
Man halte die beiden Beispiele nebeneinander, denn ihr Kontrast ist die eigentliche Pointe. Ein Stück Schokolade und eine verweigerte Pause – zwei Verhaltensweisen, die verschiedener kaum sein könnten. Und auf der dritten Ebene stellt sich beide Male dasselbe heraus: eine Gleichung aus der eigenen Geschichte, in der ein banales Tun heimlich zu einem Beziehungsakt geworden ist. Beim einen heißt sie Süßes = ich darf gehalten werden, beim anderen Ruhe = ich breche mein Wort. Das ist kein Zufall zweier Einzelfälle. Es ist die Regel, nach der diese Ebene arbeitet.
Auf dieser Ebene verlangt Veränderung deshalb etwas anderes als Technik und etwas anderes als Achtsamkeit. Sie verlangt ein Eingeständnis, und zwar das unangenehmste von allen: dass ich Anteile in mir trage, die mit meiner Geschichte, mit den Menschen meiner Kindheit zu tun haben – Anteile, in denen ich ihnen ähnlich bin. Solange Ruhe für mich verkörpert, wogegen ich mich einmal entschieden habe, muss ich sie bekämpfen, um mich abzugrenzen. Erst wenn ich zulassen kann, dass Ähnlichkeit kein Urteil ist – dass ich müde sein und Pausen machen darf, ohne dadurch integritätslos zu werden –, verliert die alte Gleichung ihre Kraft. Die Pause muss gewissermaßen umgeschrieben werden: von einem Symbol des Wortbruchs zu dem, was sie sachlich ist – der Bedingung dafür, dass ich meine Zusagen überhaupt halten kann. Es ist eine hübsche Ironie, dass ausgerechnet die Verweigerung der Pause langfristig genau das produziert, wovor die Gleichung schützen sollte: dass ich ausbrenne und Zusagen nicht mehr halten kann. Für die Schokolade gilt Wort für Wort dasselbe. Nicht das Stück ist das Problem, sondern die stumme Gleichung darunter – und lösen lässt sie sich nicht durch Verzicht, sondern nur dadurch, dass der Trost, für den die Schokolade einsprang, endlich einen wirklichen Ort bekommt.
Kein Stufenmodell, sondern ein Kreislauf
Man könnte die drei Ebenen als Hierarchie missverstehen: unten das oberflächliche Verhalten, oben die tiefe Wahrheit der Kindheit. Ich glaube, das führt in die Irre – in beide Richtungen. Wer nur auf der Verhaltensebene arbeitet, kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner. Wer nur analysiert, verwechselt Einsicht mit Veränderung und kann jahrelang brillant über seine Kindheit sprechen, ohne je eine Pause zu machen – oder klug über emotionales Essen, ohne je ein Stück Schokolade frei zu genießen. Denn worum es am Ende geht, ist keine Einsicht, sondern eine gelebte Fähigkeit: lieben, arbeiten und genießen zu können – die drei Säulen für ein erfülltes Leben, die ich an anderer Stelle beschrieben habe. Dieser Beitrag hier beantwortet die andere Hälfte der Frage: warum es so schwer ist, sich diesen Fähigkeiten zu nähern, wenn man sie sich nur vornimmt.
Die drei Ebenen brauchen einander. Die psychoanalytische Rekonstruktion entlastet: Sie verwandelt „Ich bin zu schwach, um das dritte Stück liegen zu lassen“ in „Ich habe einen guten Grund gehabt, danach zu greifen – er gilt nur nicht mehr.“ Diese Entlastung schafft den Raum, in dem die zweite Ebene arbeiten kann: das feine Wahrnehmen des Impulses im Moment seines Auftauchens. Und dieses Wahrnehmen öffnet das kleine Fenster, in dem die erste Ebene endlich möglich wird: Ich bin müde – ich mache eine Pause. Ich habe Lust auf Schokolade – ich esse ein Stück, bewusst, oder ich lasse es, aber frei, und nicht als bestandene Prüfung.
Der Satz am Ende ist derselbe wie am Anfang. Aber er ist nicht mehr dieselbe Handlung. Vorher war das Stück Schokolade ein heimlicher Trostakt gegen einen alten Mangel, und die Pause ein Verrat; jetzt darf das eine schlicht ein Genuss sein und das andere schlicht eine Ruhe. Nicht Kontrolle ist das Ziel dieser Arbeit, sondern die Freiheit, um die es im intuitiven Essen geht: dass ich weder gegen die Schokolade noch gegen die Müdigkeit ankämpfen muss, weil beide aufgehört haben, etwas anderes zu bedeuten als sich selbst. Vielleicht ist das die genaueste Definition dessen, was Veränderung auf allen drei Ebenen bedeutet: Nicht, dass man etwas anderes tut. Sondern, dass dasselbe Tun etwas anderes geworden ist.
Über den Autor
Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.
Weiterführende Artikel:
- Die drei Säulen für ein erfülltes Leben – lieben, arbeiten, genießen
- Emotionales Essen – was steckt dahinter?
- Hunger und Sättigung – die vergessene Sprache des Körpers
- Reflexive Freiheit beim Essen – jenseits von Willenskraft und Determinismus
- Containing – wie unaushaltbare Gefühle gehalten werden
- Intuitives Essen – wieder auf den Körper hören lernen
- Muße – die Zeit, die zu nichts gut ist
