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Existenzielle Gesundheit als Raum: Im Frieden mit dem Leben – und seinem Ende

Titelbild für Existenzielle Gesundheit als Raum: Im Frieden mit dem Leben – und seinem Ende

Teil 4 von 4 der Serie „Die vier Ebenen der Gesundheit". Der Schlussbeitrag. Marlene* aus den vorherigen Folgen kehrt zurück – und ein alter Mann, der nie gefragt wurde, ob er gesund ist.


Zwei Sterbearten

Mein Großvater ist zwei Tage nach seinem 95. Geburtstag gestorben, in seinem eigenen Bett, so wie er es sich gewünscht hatte. Ich denke noch oft an das letzte halbe Jahr davor.

Bis kurz vorher war er ein tätiger Mann geblieben. Er bestellte seinen Garten selbst und überschüttete uns mit dem, was darauf wuchs – saisonalem Obst, Gemüse, selbst gepresstem Apfelsaft. Geben war seine Form, da zu sein. Dann, ein halbes Jahr vor seinem Tod, stürzte er. Kurz darauf ein zweites Mal. Nach dem zweiten Sturz fuhr ich aus Kiel, wo ich damals studierte, zu ihm und blieb eine Nacht bei ihm, passte auf ihn auf, bis eine Pflegekraft eingestellt werden konnte. In dieser Nacht – und in den Tagen vor seinem Tod – kamen wir einander noch einmal sehr nahe. Der Mann, der jahrzehntelang gegeben hatte, ließ sich nun, ohne Aufhebens, etwas geben. Es war kein heroisches Sterben. Es war ein selbstverständliches.

Diese Selbstverständlichkeit hatte einen Namen: Er war mit seinem Leben im Reinen. Nicht, weil ihm nichts misslungen oder alles rund gelaufen wäre – sondern weil er gegeben hatte, solange er geben konnte, und angenommen hatte, als er nicht mehr geben konnte. Er klammerte nicht. Er haderte nicht mit dem Körper, der ihn zuletzt zweimal hatte fallen lassen. Er hatte nichts verklärt – er hatte nur, irgendwann, gut genug aufgehört, gegen die eigene Endlichkeit zu kämpfen.

Wer Jahre in Beratungs- und Therapiekontexten verbracht hat, kennt auch eine andere Art zu leben und zu sterben. Ich klammere Unfälle und plötzliches Sterben hier bewusst aus. Aber es gibt Menschen, die im Sterben kämpfen, nicht weil ihr Körper es noch könnte, sondern weil ihre Seele nicht bereit ist. Die jeden Atemzug verteidigen, weil sie das Gefühl haben, ihr Leben sei noch nicht gelebt. Die zu spät erkennen, dass sie etwas vermisst haben, von dem sie nicht wussten, wie sie es hätten finden können.

Diese Differenz – zwischen dem Sterben meines Großvaters und dem Sterben dieser anderen Menschen – hat, soweit ich sehen kann, wenig mit Blutwerten zu tun und überraschend wenig mit psychiatrischen Diagnosen. Sie hat mit etwas Drittem zu tun. Etwas, das die ersten drei Ebenen unserer Serie nicht erreichen.

Heute, im Schlussbeitrag, versuchen wir dieses Dritte zu fassen.


I. Wo die drei klassischen Ebenen enden

Wir haben in den vergangenen drei Beiträgen die bio-psycho-soziale Trias abgeschritten. Auf der körperlichen Ebene das Messbare (Teil 1): Vitalparameter, Anthropometrie, Labor, funktionelle Gesundheit, Strukturintegrität, komplexe Syndrome, Erkrankungen. Auf der psychischen das Diagnostizierbare (Teil 2): zehn Hauptklassen psychischer Störungen, ein gewaltiges Manual und kein einziger objektiver Biomarker. Auf der sozialen Ebene das Beziehungsgebundene (Teil 3): Bowlbys Bindung, Holt-Lunstads Mortalitätsdaten, Marmots soziale Determinanten, Porges' Co-Regulation.

Diese drei Ebenen ergeben zusammen das bio-psycho-soziale Modell von George Engel (1977) – die wichtigste Erweiterung des Gesundheitsbegriffs der letzten 50 Jahre. Sie sind, jede für sich genommen, eine echte Errungenschaft. Und sie sind – das ist meine These – nicht genug.

Denn alle drei Ebenen kreisen um das Funktionieren von Verhältnissen innerhalb des Lebens. Wie der Körper funktioniert. Wie die Psyche funktioniert. Wie die Beziehungen funktionieren. Sie alle setzen voraus, dass Leben grundsätzlich sinnvoll ist – und fragen dann, ob es gut funktioniert. Aber die Vorfrage – warum überhaupt? Wofür? Und wie gehen wir damit um, dass es endlich ist? – wird nicht gestellt.

Genau diese Vorfrage ist die vierte Ebene. Und sie ist nicht eine vierte Säule neben den drei anderen, sondern der Raum, in dem die ersten drei überhaupt erst sinnvoll werden.


II. Der Skandal der Endlichkeit

Wenn nur die ersten drei Ebenen zählen, hat die Medizin ein Problem, das sie selten ehrlich anspricht: Altern wird zur Krankheit.

Schauen Sie sich die körperlichen Werte über den Lebensverlauf an. Knochendichte: sinkt nach 30. VO₂max: sinkt nach 25. Maximalkraft: sinkt nach 30. Reaktionsgeschwindigkeit: sinkt nach 25. Sehkraft: sinkt nach 40. Hörschwelle: sinkt nach 50. Gefäßelastizität: sinkt durchgehend. Telomere werden kürzer. Mitochondrien werden langsamer. DNA-Reparaturmechanismen werden ungenauer. Die Liste ist lang und unbarmherzig.

Wenn körperliche Gesundheit definiert ist als normwertige Werte, dann sind alle Menschen über 70 unausweichlich krank. Das ist offensichtlich Unsinn. Wir alle kennen alte Menschen, die in einem tiefen Sinn gesund sind, obwohl ihr Körper nachgibt – und wir kennen junge Menschen mit makellosen Werten, die in einem ebenso tiefen Sinn nicht gesund sind, obwohl ihr Körper funktioniert.

Marlene, mit 47 und ihren makellosen Werten, war ein Beispiel für die zweite Gruppe. Mein Großvater, mit 95 und einem Körper, der zuletzt nachgab, war ein Beispiel für die erste. Wer beides nebeneinanderstellt, sieht: Es muss eine Form von Gesundheit geben, die unabhängig vom Werteverlauf existiert. Eine Gesundheit, die mit der Endlichkeit nicht streitet, sondern sie integriert.

Wenn wir diese Form nicht erfassen, kollabiert unser Gesundheitsbegriff in eine Logik, die das gesamte späte Leben pathologisiert – und damit eine der wichtigsten Phasen menschlicher Existenz aus dem Blick verliert. Genau das passiert in einer Kultur, die jung sein und gesund sein zunehmend gleichsetzt. Und genau dagegen muss die vierte Ebene formuliert werden.


III. Existenzielle Gesundheit – ein Begriff, vorläufig

Ich nenne diese Ebene existenzielle Gesundheit. Der Begriff spirituelle Gesundheit wäre auch möglich – manche Forschungstraditionen, etwa die Palliativmedizin, verwenden ihn. Er hat aber für viele Menschen einen religiösen Beiklang, der mir hier zu eng ist. Existenziell trifft es genauer: Es geht um die Verfasstheit dessen, was es heißt, ein menschliches Leben zu führen – mit dem Wissen, dass dieses Leben endlich ist.

Ein erster, vorläufiger Vorschlag zur Bestimmung: Existenzielle Gesundheit ist die Fähigkeit, das eigene Leben in einem stimmigen Verhältnis zu seiner Endlichkeit zu führen.

Sie umfasst, ohne darin aufzugehen:

  • die Bereitschaft, die eigene Sterblichkeit nicht nur abstrakt zu wissen, sondern in das eigene Leben zu integrieren;
  • ein Gefühl von Sinn und Kohärenz, das nicht davon abhängt, ob der Körper jung oder die Werte gut sind;
  • eine Verbindung zu etwas, das größer ist als das eigene Selbst – sei es eine Religion, eine Idee, eine Familie, ein Werk, eine Tradition, ein gemeinsames Bemühen;
  • die Fähigkeit zur Akzeptanz dessen, was nicht zu ändern ist, ohne in Resignation zu kippen;
  • eine gewisse Versöhnung mit der eigenen Biografie – nicht in dem Sinn, dass alles gut war, sondern in dem Sinn, dass es das eigene Leben war.

Mehrere philosophische und gesundheitswissenschaftliche Traditionen kreisen um dieses Feld, jede aus ihrer eigenen Richtung. Ich nenne fünf, die ich für besonders erhellend halte.


IV. Fünf Zugänge zur vierten Ebene

1. Heideggers Sein-zum-Tode

Martin Heidegger hat in Sein und Zeit (1927) ein Konzept eingeführt, das für unser Thema zentral ist: das Sein-zum-Tode. Heideggers Argument, vereinfacht: Der Mensch ist nicht ein Wesen, das auch irgendwann stirbt – er ist ein Wesen, dessen Verfasstheit ist, dass es endlich ist. Endlichkeit ist nicht ein Anhängsel des Lebens, sondern dessen Struktur.

Die meisten Menschen, sagt Heidegger, fliehen vor dieser Struktur. Sie verdrängen den Tod ins „Man stirbt"; sie tun so, als sei der Tod immer der Tod der Anderen. Heidegger nennt das die uneigentliche Existenz. Erst wer den eigenen Tod nicht verdrängt, sondern ihn als konstitutiv für das eigene Sein anerkennt, erreicht das, was Heidegger Eigentlichkeit nennt: ein Leben, das aus seiner Endlichkeit heraus geführt wird, statt sie zu beschwichtigen.

Das klingt schwer und ist es auch. Aber es bietet etwas, was die ersten drei Ebenen nicht bieten: einen Begriff für die Differenz zwischen Marlene und meinem Großvater. Mein Großvater hat sein Sein-zum-Tode integriert. Marlene hatte es bis zum Beginn unserer Beratung verdrängt – nicht aktiv, sondern indem sie sich in Funktionalität verlor.

2. Viktor Frankls Logotherapie

Viktor Frankl, Wiener Psychiater, hat aus seiner Erfahrung in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern eine therapeutische Schule mitgebracht: die Logotherapie. Sein Hauptwerk ... trotzdem Ja zum Leben sagen (1946) basiert auf einer Beobachtung, die er an sich selbst und an seinen Mithäftlingen gemacht hatte. In den Lagern – unter Bedingungen, die jede körperliche und psychische Gesundheit zerstörten – bestand ein erkennbarer Unterschied zwischen Menschen, die zerbrachen, und solchen, die nicht zerbrachen. Der Unterschied lag, soweit Frankl ihn fassen konnte, im Sinn, den die Betroffenen ihrem Leiden geben konnten.

Frankls Schluss: Der Mensch ist primär kein Wesen, das nach Lust strebt (Freud), und auch keines, das nach Macht strebt (Adler), sondern eines, das nach Sinn strebt. Wenn Sinn vorhanden ist – sei es Liebe zu jemandem, eine Aufgabe, eine moralische Verpflichtung –, kann ein Mensch fast alles ertragen. Wenn er fehlt, zerbricht der Mensch an Leiden, das objektiv vergleichsweise gering wäre*.

Für unseren Kontext ist Frankl deshalb wichtig, weil er den Übergang von der psychischen zur existenziellen Ebene besonders deutlich markiert. Die psychische Ebene fragt: Wie geht es mir? Die existenzielle fragt: Wofür geht es mir so? Das ist nicht dieselbe Frage. Und es ist die Frage, die Marlene gestellt hatte.

*Die Dreiteilung – Lust (Freud), Macht (Adler), Sinn (Frankl) – ist Frankls eigene rhetorische Gegenüberstellung und in dieser Form auch in seinen Schriften zu finden (etwa in Der Wille zum Sinn, 1972). Streng wissenschaftsgeschichtlich ist sie allerdings eine Vereinfachung: Freuds „Lustprinzip" ist nur eine Säule seiner Triebtheorie, und Adler sprach präziser von einem „Geltungsstreben" bzw. „Streben nach Überlegenheit/Vollkommenheit"; den Ausdruck „Wille zur Macht" entlehnt Frankl eher Nietzsche und überträgt ihn auf Adler.

3. Antonovskys Salutogenese

Ich habe in meinem Beitrag über Antonovskys Salutogenese ausführlich dargestellt, wie der israelisch-amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky in den 1970er Jahren das Konzept des Kohärenzgefühls (sense of coherence, SOC) entwickelt hat. Es besteht aus drei Komponenten:

  • Verstehbarkeit (das Leben erscheint mir als nachvollziehbar geordnet),
  • Handhabbarkeit (ich verfüge über Ressourcen, mit den Anforderungen umzugehen),
  • Bedeutsamkeit (es lohnt sich, mich anzustrengen).

Antonovsky hatte herausgefunden, dass Frauen, die das Konzentrationslager überlebt hatten und 30 Jahre später untersucht wurden, ein deutlich höheres Maß an körperlicher Gesundheit aufwiesen, wenn ihr SOC hoch war – unabhängig von ihrer Lagererfahrung. Daraus entstand seine zentrale Frage, die in der Pathogenese-Logik nicht vorgesehen war: Was hält Menschen gesund? Statt zu fragen Was macht krank?

Antonovskys Konzept ist, in unserer Systematik, der Schwellenbegriff zwischen der dritten und vierten Ebene. Verstehbarkeit und Handhabbarkeit sind noch sozial-kognitive Fähigkeiten. Bedeutsamkeit aber ist existenziell: Sie fragt nicht, ob das Leben verstehbar ist, sondern ob es lohnt. Das ist exakt die Frage, die Marlene umgetrieben hatte.

Wenn ich existenzielle Gesundheit als Raum der bio-psycho-sozialen Trias verstehe, dann ist Antonovskys Bedeutsamkeit die Brücke, die die ersten drei Ebenen mit dem Raum verbindet, der sie umgibt.

4. Aristoteles' Eudaimonia

Wir gehen ein paar Jahrhunderte zurück. Aristoteles hat in der Nikomachischen Ethik (4. Jh. v. Chr.) das gute Leben unter dem Begriff Eudaimonia gefasst – häufig mit „Glückseligkeit" übersetzt, was zu kurz greift. Eudaimonia ist nicht ein Zustand angenehmer Empfindung, sondern das Gelingen eines Lebens als Ganzes. Sie ist – und das ist die provokante Pointe – erst von ihrem Ende her zu beurteilen. Aristoteles zitiert Solon: Niemanden nenne glücklich vor seinem Tod.

Das ist kein Pessimismus. Es ist ein methodischer Hinweis: Das Leben hat eine Form, die sich erst als Ganzes verstehen lässt. Was zwischendrin als Glück erscheint, kann sich am Ende anders erweisen. Und umgekehrt: Was zwischendrin als Mühe erscheint, kann am Ende als Sinn erkennbar werden.

Aristoteles fügt der vierten Ebene eine zeitliche Tiefe hinzu, die die ersten drei nicht haben. Sie alle messen Gegenwart (Werte, Diagnosen, Beziehungsstatus). Eudaimonia misst Gestalt – die Form, die ein Leben annimmt, wenn es bis zu seinem Ende geführt ist.

5. Die Stoa und das Memento mori

Schließlich die Stoiker: Seneca, Mark Aurel, Epiktet. Bei ihnen ist die Erinnerung an den Tod – das Memento mori – kein morbides Brüten, sondern eine Übung der Lebenskunst. Wer den Tod täglich vor Augen hat, lebt aufmerksamer, dankbarer, freier. Seneca formuliert das in seinen Briefen an Lucilius unmissverständlich: Wer nicht weiß zu sterben, hat nicht gelernt zu leben. Mark Aurel notiert in seinen Selbstbetrachtungen, man solle so handeln, als sei jede Handlung die letzte.

Das klingt heute beinahe befremdlich – unsere Kultur ist eine, die den Tod ins Kuratorium des Krankenhauses oder ins Schlachthaus auszulagern und aus dem Alltag fernzuhalten versucht. Genau diese Verdrängung ist – aus stoischer Sicht – ein gesundheitliches Problem. Wer den Tod aus dem Leben verbannt, verbannt zugleich die Schärfe, mit der das Leben für ihn überhaupt sichtbar wird.

Marlenes Therapie hatte – ohne dass ich es so geplant hätte – eine stoische Wendung genommen, als wir an einer der späten Sitzungen über das Sterben ihres Vaters sprachen. Sie hatte sich seit sechs Jahren nicht mehr konkret erinnert. Als sie es tat, kam etwas in Bewegung, das ich nur als existenzielle Lockerung beschreiben kann: Sie begann, ihre Werte – im Sinn von wertgeschätzten Inhalten, nicht im Sinn von Laborwerten – wieder zu spüren.


V. Die Raum-Metapher

Ich komme zur konzeptuellen Pointe dieser Serie. Stellen Sie sich das bio-psycho-soziale Modell visuell vor: drei sich überlappende Kreise – Körper, Psyche, Soziales –, die in der Schnittmenge das ergeben, was wir „Gesundheit" nennen. Engels Modell. Lehrbuchstand.

Und nun stellen Sie sich einen vierten Kreis vor, der die anderen drei umschließt. Nicht über ihnen, nicht neben ihnen, sondern um sie herum. Das ist die existenzielle Ebene als Raum.

Diese Raum-Metapher hat mehrere Implikationen:

Erstens: Existenzielle Gesundheit konkurriert nicht mit den anderen Ebenen. Sie ersetzt nicht den Bluttest, sie ersetzt nicht die Diagnostik, sie ersetzt nicht die soziale Eingebundenheit. Sie ist nicht eine vierte Säule auf gleicher Stufe, sondern eine andere Art von Dimension.

Zweitens: Sie macht die anderen Ebenen erst sinnvoll. Ohne den umschließenden Raum sind die drei Kreise leer. Ein gut funktionierender Körper ohne Sinn ist eine Maschine. Eine wohlsortierte Psyche ohne Sinn ist eine Verwaltung. Ein dichtes soziales Netz ohne Sinn ist ein Geräusch. Erst mit dem Raum drumherum bekommen die ersten drei Ebenen ihren Bedeutungs-Nährboden.

Drittens: Sie ist nicht messbar – und das ist kein Defizit. Was sich vollständig messen ließe, wäre kein existenzielles Phänomen mehr. Trotzdem lässt sich diese Ebene erkennen – nicht messen, aber erkennen. Wir merken, wenn ein Mensch in einem stimmigen Verhältnis zu seinem Leben steht. Wir merken es an der Art, wie er spricht, wie er wartet, wie er auf andere zugeht, wie er mit Niederlagen umgeht, wie er altert, wie er stirbt.

Viertens: Sie ist anschlussfähig an Antonovskys SOC. Auch das Kohärenzgefühl ist nicht eine Ressource, sondern jene Disposition, die Ressourcen zu Ressourcen macht. Genauso ist existenzielle Gesundheit nicht eine Dimension, sondern jene Verfasstheit, die die anderen Dimensionen zu Dimensionen guten Lebens macht.

Marlenes Befund war – auf allen drei klassischen Ebenen – inzwischen unauffällig. Was ihr fehlte, war der Raum. Und in dem Maße, wie wir gemeinsam diesen Raum öffneten – durch Gespräche über ihren Vater, über ihre Mutter, über die Beziehungen, die ihr fehlten, über das, was sie wirklich wollte –, in diesem Maß füllte sich auch das, was vorher leer aussah, mit etwas anderem als Leistungen.


VI. Was das für die Ernährungstherapie bedeutet

Wir kommen zurück zu meinem eigentlichen Berufsfeld. Was bedeuten diese vier Ebenen für eine ernährungspsychologisch fundierte Praxis?

Erstens: Wer mit Klient:innen nur auf der körperlichen Ebene arbeitet – Kalorien, Makros, Mikronährstoffe –, behandelt einen Organismus. Das ist solides Handwerk und manchmal alles, was gebraucht wird. Aber es ist nicht alles, was möglich ist.

Zweitens: Wer auf zwei Ebenen arbeitet – körperlich und psychisch –, behandelt eine Person. Dazu gehört, was ich in meiner ernährungspsychologischen Serie der vergangenen Wochen ausgearbeitet habe: die Arbeit mit Verhalten, mit unbewussten Mustern (Übertragung), mit Emotionen (Empathie und Mitgefühl), mit Selbstkritik (Selbstmitgefühl) und schließlich mit der unterliegenden Variable des Selbstwerts.

Drittens: Wer auf drei Ebenen arbeitet – körperlich, psychisch, sozial –, behandelt einen Menschen in seinen Verhältnissen. Das ist die Kernleistung des bio-psycho-sozialen Modells, und sie ist in meinen Augen unverzichtbar.

Viertens: Wer den existenziellen Raum mitdenkt, ohne ihn zu therapeutisieren, behandelt einen Menschen, der lebt. Nicht jeder will diese Ebene berühren, und das muss nicht jede*r. Aber wer als Therapeut:in den Raum offen hält – nicht aufdrängt, nicht auflädt, sondern mit-anwesend macht –, ermöglicht etwas, was in keinem Behandlungsplan vorgesehen ist: dass die Klient:in sich selbst die Frage stellen darf, wofür sie sich eigentlich nährt. Nur wer dieser Frage Raum gibt, kann erleben, was meine eigene Praxis-Maxime auf den Punkt bringt: Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Und das setzt voraus, dass das Leben, dem sie dienen, einen Wert hat – einen, der über Funktionieren hinausgeht.

Genau hier schließt sich der Bogen zur ernährungspsychologischen Serie. Selbstwert, hatte ich in jenem Beitrag argumentiert, ist die unterschätzte Variable hinter jeder Ernährungsentscheidung. Heute kann ich ergänzen: Selbstwert ist die psychologische Kondensation jener existenziellen Verfasstheit, von der dieser Beitrag handelt. Wer sein Leben als bedeutsam erlebt, wer mit seiner Endlichkeit nicht streitet, wer in Beziehungen eingebunden ist und einen Sinnboden unter sich spürt – der entwickelt fast notwendig eine Beziehung zum eigenen Körper, die fürsorglich ist statt strafend. Diese Fürsorglichkeit ist es, die wir in der Ernährungstherapie eigentlich anstreben.

Die vier Ebenen sind also keine vier verschiedenen Therapien. Sie sind vier Hinsichten, in denen ein und derselbe Mensch sichtbar wird. Wer eine Ebene auslässt, ist nicht falsch – aber unvollständig.


VII. Marlene, ein Jahr später

Ein Jahr nach unserem ersten Gespräch sah ich Marlene zu einer abschließenden Verlaufssitzung. Wir waren auf etwa zwölf Sitzungen gekommen, mit großen Pausen zwischendrin, was für unsere Praxis untypisch ist. Sie hatte beschlossen, weiterzuarbeiten – mit der Psychotherapeutin, mit der Wandergruppe, mit ihrer Schwester, mit ihrer Mutter, mit sich selbst.

Sie sagte: „Ich weiß immer noch nicht ganz, wofür ich das alles tue. Aber ich frage es jetzt anders." Sie lächelte, kurz. „Ich glaube, ich frage nicht mehr ‚wofür', sondern ‚mit wem'. Und das ist eine Frage, auf die es Antworten gibt."

Sie wirkte ruhiger als bei unserem ersten Treffen. Nicht euphorisch, nicht erleuchtet – einfach ruhiger. Ihre Werte waren immer noch makellos. Ihre Diagnostik immer noch unauffällig. Aber etwas hatte sich an der Art verändert, wie sie im Raum stand.

Vielleicht ist das die einzige Form, in der existenzielle Gesundheit jemals beobachtbar wird: als feine Veränderung der Weise, wie jemand im Raum steht. Ihres Schwerpunkts. Ihrer Schultern. Ihrer Augen.

Mein Großvater stand bis zuletzt in einer ähnlichen Weise im Raum. Aufrecht ohne Anstrengung. Ruhig ohne Resignation. Gegenwärtig ohne Verzweiflung. Es ist, am Ende, das genauere Bild von Gesundheit, das ich kenne.


VIII. Schluss: Vier Ebenen, ein Mensch

Erlauben Sie mir eine kurze Zusammenfassung dieser Serie, bevor ich schließe.

  • Die körperliche Ebene gibt uns Daten. Sie ist präzise, evidenzbasiert, lebensrettend – und sagt uns überraschend wenig darüber, ob ein Mensch gut lebt.
  • Die psychische Ebene gibt uns Kategorien. Sie ist hilfreich, sprachgebend, strukturierend – und sagt uns überraschend wenig darüber, ob ein Mensch im Frieden ist.
  • Die soziale Ebene gibt uns Bezogenheit. Sie ist biologisch wirksam, ethisch verbindlich, gesundheitspolitisch zentral – und sagt uns überraschend wenig darüber, ob ein Mensch einen Sinn spürt.
  • Die existenzielle Ebene gibt uns Raum. Sie ist nicht messbar, nicht diagnostizierbar, nicht sozialwissenschaftlich erschöpfbar. Aber sie ist die Bedingung, unter der die anderen drei Ebenen überhaupt zu dem werden, was wir Gesundheit nennen.

Erst zusammen ergibt sich ein vollständiges Bild. Wer nur die erste Ebene kennt, reduziert den Menschen auf einen Organismus. Wer nur die ersten beiden kennt, reduziert ihn auf einen funktionierenden Apparat aus Körper und Psyche. Wer die ersten drei kennt, sieht ein eingebettetes Lebewesen. Erst die vierte Ebene erinnert uns daran, dass Gesundheit nicht das Gegenteil von Sterblichkeit ist – sondern eine Weise, mit ihr zu leben.

Vielleicht ist das die eigentlich interessante Frage, wenn wir über Gesundheit nachdenken. Nicht „Wie sind meine Werte?". Auch nicht „Habe ich eine Diagnose?". Auch nicht „Bin ich eingebunden?" – obwohl all diese Fragen gestellt werden müssen.

Sondern, am Ende und im Raum dahinter:

Bin ich mit meinem Leben – einschließlich seines Endes – im Reinen?

Auf diese Frage gibt das Labor keine Antwort. Das Manual auch nicht. Die Sozialepidemiologie auch nicht. Sie sind nicht dafür gemacht. Aber es lohnt sich, die Frage zu stellen.

Mein Großvater hätte sie, wenn man ihn an einem späten Nachmittag zwischen seinen Gartenbeeten danach gefragt hätte, vermutlich nicht ausführlich beantwortet. Er hätte vielleicht nur kurz aufgesehen und „Ja" gesagt. Marlene wird länger brauchen. Aber sie ist auf dem Weg.

Und damit endet diese Serie. Sie endet nicht in einer Antwort, sondern in einer offen gehaltenen Frage – jener Frage, die jeder von uns sich selbst stellen muss, in der eigenen Geschwindigkeit, in der eigenen Tiefe, an dem eigenen Ort.

Sie endet aber auch in einem leisen Plädoyer: dass wir, wenn wir in Hannover und anderswo über Gesundheit sprechen – als Therapeutinnen, als Ärztinnen, als Patient*innen, als Gesellschaft –, lernen, vier Ebenen mitzudenken. Nicht eine, nicht zwei, nicht drei. Vier. Und die vierte als den Raum, in dem die anderen drei zu Hause sind.

Danke fürs Mitgehen.


In dieser Serie

Weiterführende Beiträge

Literaturhinweise

  • Antonovsky, A. (1979). Health, Stress, and Coping. San Francisco: Jossey-Bass.
  • Antonovsky, A. (1987). Unraveling the Mystery of Health. San Francisco: Jossey-Bass.
  • Aristoteles (4. Jh. v. Chr.). Nikomachische Ethik, übers. v. Ursula Wolf. Reinbek: Rowohlt 2006.
  • Engel, G. L. (1977). The need for a new medical model: A challenge for biomedicine. Science, 196(4286), 129–136.
  • Frankl, V. E. (1946). ... trotzdem Ja zum Leben sagen. Wien: Deuticke.
  • Heidegger, M. (1927). Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer.
  • Mark Aurel (2. Jh.). Selbstbetrachtungen, übers. v. Rainer Nickel. Düsseldorf: Artemis & Winkler 1990.
  • Seneca (1. Jh.). Briefe an Lucilius, übers. v. Manfred Rosenbach. Darmstadt: WBG 1995.

*Name geändert. Marlene ist eine Verdichtung mehrerer Klient*innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht. Die Erinnerung an meinen Großvater ist nicht erfunden.

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