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Die Schule der Härte: Über den Jungen, der mitlacht

Titelbild für Die Schule der Härte: Über den Jungen, der mitlacht

„Ist doch nur Spaß“

Eine Umkleide, siebte Klasse, kurz nach dem Sportunterricht. Es riecht nach dieser unsäglichen Mischung aus Schweiß, Deo und Frühpubertät. Einer zieht gerade sein T-Shirt über den Kopf, als ein Zweiter etwas über seine Brust sagt, nicht laut, aber doch hörbar. Ein Dritter lacht sofort. Ein Vierter lacht mit, eine halbe Sekunde zu spät, und schaut dabei auf den Boden vor sich. Auch der mit dem T-Shirt lacht. Was soll er anderes tun?

Die meisten Männer kennen eine Szene dieser Art in irgendeiner Fassung und die meisten wissen noch ziemlich genau, welcher der vier Jungen sie waren.

Letzte Woche ging es an dieser Stelle um den Adonis-Komplex: um Männer, die gegen die eigene Weichheit antrainieren, und um die stumme Gleichung, die darunter arbeitet – Weich = angreifbar. Wo man sie lernt, stand dort nur in Halbsätzen, etwa: „in einer Umkleide, auf einem Schulhof“. In einem Satz haben wir die Scham angedeutet, die Plätze zuweist und dort nicht Scham heißt, sondern „ist doch nur Spaß“. Diese beiden Stellen betrachtet der heutige Beitrag genauer.

Tobias, der Mann aus dem letzten Text, kommt darin nicht mehr vor. Wovor die Härte Männer wie ihn schützen soll, ist jeweils eine eigene Geschichte, und die gehört in den Therapieraum. Aber die Schule, in der solche Gleichungen bei vielen Jungen eingetragen werden, kann ich hier beschreiben – nicht nur als Gebäude, sondern als Lehrplan der angeblichen Männlichkeit: die Schule der Härte. Dieser Text ist tastender als der letzte, weniger sicher in seinen Befunden und mehr philosophisches Fragen. Er interessiert sich vor allem für eine Figur, die in Debatten über Mobbing selten vorkommt. Nicht für den, der austeilt, und nicht für den, der einsteckt, sondern für den Vierten. Den, der mitlacht.


Das Publikum

Die Forschung über Mobbing hat in den Neunzigerjahren eine Wendung genommen, die in der öffentlichen Debatte bis heute kaum angekommen ist. Lange hatte man auf zwei Figuren geschaut – auf Täter und Opfer. Ein finnisches Team um Christina Salmivalli fragte 1996, was eigentlich die anderen tun, die dabei sind. Es ließ rund 570 Sechstklässler einschätzen, wer in ihrer Klasse welche Rolle einnimmt. Dabei fand das Team deutlich mehr als zwei Figuren. Neben dem, der anfängt, gab es Assistenten, die mitmachen, ohne anzufangen. Darüber hinaus Verstärker, die zuschauen, lachen und anfeuern. Sie identifizierten die Außenstehenden, die sich heraushalten, sowie Verteidiger, die sich auf die Seite des Opfers stellen. Assistenten und Verstärker zusammen machten gut ein Viertel der Kinder aus. Verteidiger waren in der Minderheit. Außerdem waren die Rollen geschlechtlich ungleich verteilt: Jungen fanden sich häufiger unter Tätern, Assistenten und Verstärkern, Mädchen häufiger unter Verteidigerinnen und Außenstehenden. Mädchen mobben auch und sie leiden nicht weniger darunter. Um sie geht es hier nur deshalb nicht, weil die Gleichung, von der dieser Text handelt, männlich codiert ist und weil ich als Mann diese Gleichung besser verstehe als die des weiblichen Geschlechts.

Mobbing ist, so gesehen, kein Duell, sondern eine Aufführung. Es braucht ein Publikum und es lohnt sich für die Täter nur so lange, wie das Publikum mitspielt.

Denn es geht, dafür spricht in der Forschung vieles, um etwas evolutionär sehr Altes: um Status – die Spitze des Affenfelsens. Wer mobbt, wird in der Gruppe mit der Zeit populärer, wichtiger, sichtbarer – und stößt zugleich häufiger auf Ablehnung, sodass er unterm Strich weniger gemocht wird. Das klingt wie ein Widerspruch und ist keiner. Populär zu sein heißt auf dem Schulhof nicht, gemocht zu werden. Es heißt: Keiner kommt an einem vorbei.

Für den Rädelsführer hat unsere Kultur einen bequemen Trost parat: In Wahrheit sei er der Unsicherste von allen. Die Daten stützen das kaum. Der, der anfängt, steht in der Klasse oft gut da und ist seelisch meist erstaunlich stabil. Er versteht durchaus, was in anderen vorgeht. Was ihm eher fehlt, ist nicht das Verstehen, sondern das Mitfühlen. Belastet sind eher die anderen – die, die getroffen werden, und am meisten die, die beides erleben. Den meisten, die mitmachen, geht es um den Wunsch nach Zugehörigkeit. Eine Studie mit Zehn- bis Dreizehnjährigen fand bei Jungen, die beim Mobbing mitmachten – als Anstifter, Helfer oder Anfeuerer –, einen auffälligen Wunsch: von eben den Jungen akzeptiert zu werden, die ebenfalls mitmachten. Von den übrigen Jungen wurden sie dagegen eher abgelehnt.

Das Mittel, mit dem diese Ordnung hergestellt wird, ist erstaunlich selten die Faust. Es ist der Witz – die verbale Faust. Mary Jane Kehily und Anoop Nayak haben in den Neunzigern an britischen Schulen beobachtet, wie Humor, Frotzeleien und ritualisierte Beleidigungen Jungen in dominante und untergeordnete Gruppen sortieren. Wer den besseren Spruch hat, steht oben. Wer getroffen wird und so weich ist, dass man ihm den Schmerz anmerkt, steht unten – hier ist die Verbindungslinie zum Beitrag der letzten Woche. Der Witz hat dabei einen unschätzbaren Vorteil gegenüber der Faust: Er ist nicht zu fassen. Wer sich beschwert, hat „keinen Spaß verstanden“ – und damit bewiesen, dass er zu weich ist.

Die meisten Studien, von denen hier die Rede ist, stammen aus dem Ausland. Wer deutsche Schulhöfe kennt, wird trotzdem wenig Fremdes darin finden – hier hat diese Ordnung sogar ein eigenes Schimpfwort hervorgebracht. „Du Opfer“ ist seit Jahren eine gängige Beleidigung – kaum ein anderes Wort sagt so klar, was dort als das Schlimmste gilt: nicht, jemandem wehzutun, sondern jemand zu sein, dem wehgetan wird.

Wie sehr all das eine Aufführung ist, zeigt eine Beobachtung aus London. Ein Forschungsteam um Stephen Frosh sprach um die Jahrtausendwende mit Jungen zwischen elf und vierzehn. Erst in Gruppen und dann, mit einem Teil von ihnen, einzeln. In der Gruppe waren sie laut, schlagfertig, abgeklärt. Allein waren viele ernster und nachdenklicher und sie sprachen eher über das, was sie fühlten. Es waren dieselben Jungen, verändert hatte sich nur das Publikum. In der Gruppe, so das Ergebnis, mussten sie „richtig männlich“ wirken, um nicht als „schwul“ gemobbt zu werden. Die Feldforschung von C. J. Pascoe an einer amerikanischen Highschool beschreibt, dass dieses Schimpfwort unter Jugendlichen weniger über Sexualität sagt als über die angebliche Männlichkeit: Es trifft jeden Jungen, der seine Rolle für einen Moment nicht halten kann.


Eine bestechende Logik

Aus dieser Ordnung folgt eine Logik, die jedes Kind versteht, ohne dass sie ihm jemand erklärt: Wer austeilt, wird nicht getroffen. Wer gefürchtet wird, wird in Ruhe gelassen. Also teile ich aus, bevor es mich trifft.

Tatsächlich versuchen viele diesen Weg zu gehen. In einer großen amerikanischen Befragung von fast 16.000 Jugendlichen gab gut ein Drittel derer, die gemobbt wurden, an, auch selbst zu mobben. Die Forschung nennt sie Täter-Opfer und um diese Gruppe muss man sich die größten Sorgen machen. Eine amerikanische Langzeitstudie, die Kinder bis ins junge Erwachsenenalter begleitete, fand bei ihnen später die höchsten Raten an Depressionen und Angststörungen; bei den jungen Männern unter ihnen war das Risiko für Suizidalität – von wiederkehrenden Todeswünschen bis zum Suizidversuch – um ein Vielfaches erhöht, auch wenn sich das genaue Maß bei so kleinen Gruppen nur grob schätzen lässt.

Nur hält die Logik nicht, was sie verspricht. Sie ist bestechend, aber trotzdem falsch. Als Glenn Walters 2021 die verfügbaren Längsschnittstudien zusammenfasste, zeigte sich ein symmetrisches Bild: Wer gemobbt wird, mobbt später öfter selbst. Aber wer mobbt, wird später ebenfalls häufiger selbst gemobbt. Robert Faris und Diane Felmlee haben 2014 an 19 amerikanischen Schulen sogar gezeigt, dass für die meisten Jugendlichen jeder Aufstieg in der Rangordnung das Risiko erhöht, selbst zur Zielscheibe zu werden, weil man nun mit anderen um denselben Platz ringt. Wirklich geschützt waren nur die obersten fünf Prozent. Ihr Aufsatz trägt einen Titel, der das ganze Feld zusammenfasst: „Casualties of Social Combat“, Verluste im sozialen Gefecht.

Austeilen schützt selten. Meist hält es einen im Ring.

Lange bevor es diese Zahlen gab, ist über diesen Ring schon einmal geschrieben worden. Ende 1940, im Jahr der französischen Niederlage, erschien ein Essay von Simone Weil über Homers Ilias. Er handelt von Achill und Hektor und doch von jedem Schulhof. Die Gewalt, heißt es darin, mache aus jedem, der ihr unterworfen sei, ein Ding. Sie versteinere, auf verschiedene Weise, aber gleichermaßen, die Seelen derer, die sie erleiden, und die Seelen derer, die sie ausüben. Vielleicht gibt es in der Schule der Härte deshalb keine Gewinner. Es gibt nur verschiedene Grade der Versteinerung.

Das Wort „Versteinerung“ lädt dazu ein, an die Steinzeit zu denken: an eine Urzeit, in der sich der Stärkere durchsetzte und Härte das Überleben sicherte. Die Anthropologie erzählt eine andere Geschichte. Menschen haben den weitaus größten Teil ihrer Geschichte als Jäger und Sammler gelebt, und die Gruppen, die man in dieser Lebensweise noch beobachten konnte, gelten als auffallend gleichrangig – nicht, weil niemand nach oben wollte, sondern weil die Gruppe es nicht zuließ. Christopher Boehm spricht von einer umgekehrten Rangordnung: Nicht der Stärkste beherrscht die Gruppe, sondern die Gruppe beherrscht den, der sich zum Herrscher aufschwingen will. Eines ihrer wichtigsten Werkzeuge ist der Spott. Der Anthropologe Richard Lee hat das in den Sechzigerjahren bei den !Kung in der Kalahari am eigenen Leib erfahren. Zu Weihnachten schenkte er ihnen den größten und fettesten Ochsen, den er finden konnte, und bekam zu hören: zu mager, nur Haut und Knochen, kaum der Mühe wert. Erst später erklärte man ihm die Regel, die für jeden guten Jäger gilt: Ein junger Mann, der viel Fleisch erlege, halte sich sonst bald für einen Häuptling und die anderen für seine Diener. Deshalb rede man sein Fleisch immer schlecht. So kühle man sein Herz und mache ihn sanft.

Der Affenfelsen ist alt. Sehr alt ist aber auch das, was Menschen ihm entgegengesetzt haben, und der Spott gehört dazu. Nur zielte er in der Kalahari nach oben, auf den, der sich über die anderen erheben wollte, und machte ihn sanft. Auf dem Schulhof zielt er nach unten, auf den, der weich wirkt, und macht alle hart. Wenn die Steinzeit etwas lehrt, dann nicht, dass Härte unser Schicksal ist, sondern dass eine Gruppe entscheiden kann, worüber sie lacht.


Das Ideal der Unsicheren

Das Erstaunliche an dieser Schule ist, dass sie nicht mit dem Schulhof endet. Sie setzt sich fort, und zwar ausgerechnet dort, wo man Schutz vor ihr erwarten würde: unter Freunden. Viele Freundschaften unter Jungen und Männern funktionieren, so jedenfalls meine Beobachtung, wie ein fortgesetztes Training der Schlagfertigkeit. Man zieht sich auf, man hält dagegen, man lacht, obwohl es innerlich wehtut. Zuneigung zeigt sich als gut gesetzter Seitenhieb, und wer einen Treffer einsteckt, ohne dass man es ihm ansieht, steigt im Ansehen. Vieles daran ist angeblich liebevoll gemeint, und manches davon ist es tatsächlich. Aber auch hier entsteht eine Rangordnung, die sich an zwei Fähigkeiten bemisst: wie gut einer austeilen kann und wie gut er verbirgt, was ihm (emotionalen) Schmerz bereitet.

Wenn man das so betrachtet, entsteht das männliche Ideal an einer unerwarteten Stelle: nicht bei denen, die sich ihres Platzes sicher sind, sondern bei denen, die um ihn fürchten müssen.

Ist es wirklich ein Zeichen von Stärke, ständig um die eigene Position kämpfen zu müssen?

Das Männlichkeitsideal hat sich durchgesetzt, weil es im direkten Gegeneinander gewinnt: Wer nichts an sich heranlässt, ist schwerer zu treffen als der, dem man ansieht, dass es wehtut. Also wird er zum Vorbild, und alle anderen üben, ihm ähnlicher zu werden. Irgendwann braucht es dafür keinen Schulhof mehr. Die Rangordnung ist nach innen gewandert und spricht mit der eigenen Stimme – mit jener Strenge in der eigenen Stimme, von der in diesem Blog schon die Rede war.

Die Sozialpsychologie hat für diesen Zustand einen Begriff: prekäre Männlichkeit. Joseph Vandello, Jennifer Bosson und ihr Team fanden 2008 in Befragungen, dass Mannsein, anders als Frausein, als ein Status gilt, den man sich erst verdienen muss und jederzeit wieder verlieren kann – und der deshalb öffentlich bewiesen werden will, immer wieder. Die Experimente, die auf diese Idee folgten – etwa zur Frage, ob Männer nach einer Kränkung ihrer Männlichkeit aggressiver oder politisch härter reagieren –, stehen nach neueren Überprüfungen auf schwächeren Füßen, als die Zahl der Veröffentlichungen vermuten lässt. Eine große Wiederholungsstudie fand die politischen Effekte gar nicht wieder. Aber schon die Grundidee erklärt viel. Wer eine Männlichkeit besitzt, die ihm jederzeit aberkannt werden kann, hat keinen sicheren Ort. Er hat nur die nächste Runde.

Axel Honneth hat 1992 beschrieben, woraus Menschen ein stabiles Verhältnis zu sich selbst gewinnen: aus Anerkennung, und zwar in drei Formen. Die grundlegendste ist die Liebe, die Erfahrung, in engen Beziehungen mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen gewollt zu sein. Aus ihr entsteht, so Honneth, Selbstvertrauen. Eine andere Form ist die soziale Wertschätzung, die man für seine Fähigkeiten und Leistungen in einer Gemeinschaft erfährt. Verweigerte Anerkennung erleben Menschen als Missachtung. Aus Missachtung entstehen Kämpfe. Man kann den Schulhof als eine der frühesten Arenen solcher Kämpfe lesen und vielleicht erklärt das, warum sie manche Jungen so viel härter treffen als andere.

Wer sich der ersten Anerkennung sicher ist, kann um die Wertschätzung der Gruppe spielen. Wer es nicht ist, kämpft um sie wie um sein Leben, und zwar in der einzigen Währung, die dort gilt.

Was das kostet, hat Niobe Way an der New York University über Jahre dokumentiert. Das Forschungsteam begleitete Jungen an New Yorker Schulen durch die Adoleszenz und fragte sie immer wieder nach ihren Freundschaften. Mit vierzehn, fünfzehn sprachen viele von ihnen mit einer Offenheit über ihre besten Freunde, die Erwachsene überrascht: über Geheimnisse, die man nur einem anvertraut, über Vertrauen, manchmal ausdrücklich über Liebe. Gegen Ende der Schulzeit erzählten viele, dass diese Freundschaften verschwunden waren – und dass sie ihnen fehlten. Das Buch dazu heißt „Deep Secrets“. Vielleicht ist das tiefste Geheimnis der Jungen, dass sie Nähe wollen – und dass sie ihnen genau in dem Alter abtrainiert wird, in dem sie sie am meisten brauchen.


Große Männer, die sich klein fühlen

Und dann, irgendwann zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig, entdecken viele Jungen einen Ort, an dem die Regeln plötzlich fair zu sein scheinen: die Hantelbank. Oder die Matte im Kampfsportstudio. Hier zählt nicht der schnellere Spruch, sondern die Arbeit. Hier wird man nicht ausgelacht, wenn man sich anstrengt, sondern respektiert. Und hier lässt sich, Kilo um Kilo, eine Antwort auf die Frage bauen, die der Schulhof gestellt hat: Was, wenn es wieder jemand versucht?

Für einen Teil der Männer im Kraftraum ist genau das die Geschichte ihres Trainings, und die Forschung hat dafür einen Titel gefunden, der mehr sagt als jede Zusammenfassung. „Big men feeling small“ heißt eine britische Befragung von 2008 unter hundert Bodybuildern: Wer sich an Mobbing in der Kindheit erinnerte, berichtete häufiger Symptome einer Muskeldysmorphie, jener Störung, bei der Betroffene den eigenen, oft längst muskulösen Körper als schmächtig erleben, und war darüber seelisch stärker belastet. Es war eine einmalige Befragung ohne Vergleichsgruppe, aber eine kleinere Studie mit 51 Bodybuildern kam einige Jahre später zu einem ähnlichen Ergebnis. Große Männer, die sich klein fühlen: Bei manchen ist der Muskel keine Eitelkeit, sondern eine nachträglich errichtete Mauer um ein Kind, das einmal keine hatte.

Man sollte daraus allerdings keine Regel machen und eine größere Studie mahnt zur Vorsicht. Unter knapp 250 deutschsprachigen Kraftsportlern hing frühere Mobbingerfahrung nur schwach mit dem Streben nach Muskeln zusammen. Der Zusammenhang verschwand vollständig, sobald andere Faktoren berücksichtigt wurden. Viel stärker wirkte, wie sehr die Männer die Körperbilder der Medien verinnerlicht hatten – wobei das natürlich auch wieder ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit widerspiegelt.

Wie dem auch sei: Die Hantelbank ist nicht für jeden eine Rüstung. Für viele ist sie eine Werkstatt, für andere ein Hobby, das Körper und Seele guttut, für manche Zugehörigkeit und für einige gilt wahrscheinlich alles, je nach Tagesform.

Beim Kampfsport ist das Bild noch aufschlussreicher, weil es in zwei Richtungen zeigt. Eine kleine Metaanalyse von 2017 mit zwölf Studien fand, dass angeleitete Kampfsportprogramme die Aggression von Kindern und Jugendlichen eher senken. Eine norwegische Längsschnittstudie mit knapp 500 Jungen zwischen elf und dreizehn fand dagegen, dass Sportarten wie Boxen, Ringen, Gewichtheben und fernöstliche Kampfkünste Gewalt und andere Regelverstöße außerhalb des Trainings steigerten. Die Ursache sah das Forschungsteam sowohl im Training selbst als auch im ständigen Kontakt mit Macho-Haltungen und -Normen. Unterschiedliche Programme, unterschiedliche Umfelder, gegensätzliche Befunde. Das legt eine Lesart nahe, die auch für die Hantelbank gilt: Nicht nur das Eisen entscheidet und nicht nur die Matte. Mit entscheidet die Kabine – die Kultur, die um das Training herum gelebt wird.

Die Frage ist nur, ob ein Mensch sowie menschliche Gruppen und Gesellschaften im Training stärker werden oder ob dort trainiert wird, nie wieder weich sein zu müssen. Von außen sieht beides ähnlich aus. Von innen fühlt es sich vollkommen anders an und zeitigt, davon bin ich überzeugt, völlig andere Ergebnisse.


Wer die Wut erntet

Im letzten Beitrag stand auch, wie der Markt auf die Sehnsucht der Männer geantwortet hat: mit Protein zum Aufpreis und mit Feeds, in denen Influencer jungen Männern Training, Diät und das Unterdrücken von Gefühlen als Rezept verkaufen. Das war, ehrlicherweise, erst die halbe Antwort. Denn was in der Schule der Härte heranwächst, ist nicht nur Unsicherheit. Es ist auch Wut: über die erlittene Kränkung, über die Rangordnung, vielleicht auch über das eigene Mitlachen. Und Wut ist ein Rohstoff. Wer ihn ernten will, muss zwei Dinge anbieten: eine Erklärung, wer schuld ist, und das Versprechen, nie wieder weich sein zu müssen.

Eine schwedische Studie aus diesem Jahr passt zu dieser Vermutung, auch wenn sie nicht nach Schulhöfen fragt. Männer, die die Stellung ihres Geschlechts bedroht sahen – etwa weil sie glaubten, inzwischen würden eher Männer als Frauen benachteiligt –, reagierten mit Wut, und wer wütender war, konnte sich eher vorstellen, sich der Manosphere oder sogenannten Männerrechtsgruppen anzuschließen.

Dass Körper und Politik zusammenhängen können, ist keine neue Beobachtung. Klaus Theweleit hat 1977 in den „Männerphantasien“ die Romane und Erinnerungen von Freikorps-Soldaten der Weimarer Zeit gelesen. Gefunden hat Theweleit dort eine regelrechte Angst vor dem Weichen, dem Fließenden und allem, was diese Männer als weiblich empfanden, und einen Körper, der wie ein Panzer dagegen gebaut war: gegen die Welt draußen und gegen die Gefühle drinnen. Niemand, der heute Gewichte hebt, ist deshalb ein Freikorps-Soldat. Aber vielleicht hat Theweleit etwas gesehen, das über die Freikorps hinausreicht: Wer das Weiche in sich einmauern muss, ist empfänglich für Angebote, die das Weiche draußen bekämpfen.

Was das für eine Gesellschaft bedeutet, bis hinein in Fragen von Krieg und Frieden, von Klimaschutz und Gewalt, lässt sich in einem Blogbeitrag nicht beweisen, und ich will keine Kausalkette behaupten, die ich nicht belegen kann. Aber ich will meine Sorge nicht verschweigen. Ich fürchte, eine Politik, die Härte verspricht, braucht Gegner, an denen sie sich beweisen kann: Frauen, die zu viel wollen, Fremde, die zu viel nehmen, Schwache, die zu viel kosten. Sie bietet dem Jungen aus der Umkleide an, endlich auf der richtigen Seite des Witzes zu stehen. Für jemanden, der jahrelang mitgelacht hat, kann das ein verführerisches Angebot sein. Es ist nur dieselbe Schule mit einem größeren Schulhof.


Das Gegengift

Wenn es eine Schule der Härte gibt, gibt es dann auch eine Gegenschule? Ich glaube, ja, und sie ist unscheinbarer, als man denkt. Sie besteht aus Beziehungen, in denen Gefühle willkommen sind, aus Orten, an denen ein Junge weich sein kann, ohne dafür zu bezahlen.

Die Forschung dazu ist weniger spektakulär als beim Mobbing, und ihre Effekte sind klein, aber sie stützt diese Vermutung. Eine Metaanalyse über siebzig Studien mit mehr als 200.000 Kindern fand, dass Kinder warmer, zugewandter Eltern seltener gemobbt wurden und noch seltener zu Täter-Opfern wurden, also zu jener Gruppe, in der sich die Logik der Härte am tiefsten festsetzt. Überbehütung schützte dagegen nicht, sie ging sogar mit einem leicht höheren Risiko einher – wie auf der anderen Seite, deutlicher noch, Vernachlässigung und Misshandlung; von diesem familiären Pendel war in diesem Blog schon die Rede. Eine britische Zwillingsstudie zeigte, dass Wärme in der Familie die Folgen von Mobbing abfedert: Von eineiigen Zwillingen, die beide gemobbt wurden – Kindern mit denselben Genen und denselben Eltern –, hatte der, dem die Mutter mehr Wärme entgegenbrachte, weniger Verhaltensprobleme. Und eine kanadische Studie fand schon 1999 etwas, das man jedem Jungen und seinen Eltern sagen möchte:

Mit einem einzigen besten Freund, bei dem die Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruhte, zog Mobbing nicht die Probleme nach sich, die es sonst mit sich brachte.

Nicht jede Studie findet diese Effekte. Eine Familie ist keine Impfung. Aber das Muster passt zu Honneth: Selbstvertrauen, das nicht erkämpft werden muss, weil es geschenkt wurde, macht unabhängiger von der Rangordnung. Wer zu Hause weich sein darf, muss auf dem Schulhof nicht beweisen, dass er es nicht ist.

Was aber, wenn man diese Wärme nicht hatte? Dann steht die Frage im Raum, ob es zu spät ist, und ich will hier nichts versprechen, was niemand versprechen kann. Die Bindungsforschung ist in diesem Punkt allerdings tröstlicher als ihr Ruf. Wie sicher ein Kind an seine Eltern gebunden ist, bleibt bis ins junge Erwachsenenalter nur mäßig stabil; über Zeiträume von mehr als fünfzehn Jahren fand eine große Metaanalyse keinen verlässlichen Zusammenhang mehr. Unter schwierigen Lebensumständen hält sich Unsicherheit allerdings hartnäckiger. Veränderung geschieht also nicht von selbst, aber sie ist möglich: Übersichtsarbeiten zeigen, dass Bindungssicherheit im Lauf einer Psychotherapie wachsen kann. Und ich glaube, dass sie überall dort wachsen kann, wo einer einmal weich war und nicht angegriffen wurde, in Freundschaften wie in Partnerschaften. Im letzten Beitrag hieß das: gelebte Gegenerfahrung. Sicherheit ist kein Schicksal. Sie ist ein Ort, den man auch spät noch finden kann.

Für Eltern von Jungen heißt das nichts Kompliziertes. Es heißt nicht, den Sohn vor jedem Spott zu bewahren; das gelingt nicht, und die Zahlen zur Überbehütung legen nahe, dass es nicht einmal gut wäre. Es heißt, einen Ort bereitzuhalten, an dem er nach dem Spott nicht mitlachen muss. Das Team um John Gottman hat Eltern, die die Gefühle ihrer Kinder ernst nehmen, benennen und begleiten, „Emotionscoaches“ genannt. Deren Kinder kamen in den Studien, klein wie diese waren, besser mit Stress und mit Gleichaltrigen zurecht.

Und für Männer, die sich beim Lesen in der Umkleide wiedererkannt haben, in welcher der vier Rollen auch immer: Es gibt Orte, an denen man nicht mitlachen muss. Manchmal ist es ein alter Freund, bei dem man den ersten ernsten Satz riskiert. Manchmal ist es die Partnerin oder der Partner, manchmal eine Männergruppe, manchmal eine Psychotherapie. Und wenn sich die Härte bei Ihnen vor allem am Teller oder vor dem Spiegel zeigt, ist das unser Feld: In unserer Praxis stehen zwei Stühle, und auf dem einen geht es um genau dieses Warum.


Der Vierte

Bleibt der Junge aus der Umkleide, der mitlacht, eine halbe Sekunde zu spät. Er ist kein Feigling. Er ist ein Kind, das eine Rechnung aufgemacht hat und aus seiner Sicht geht sie sogar auf: Wer nicht mitlacht, steht auf der anderen Seite des Witzes. Was ihm fehlt, ist nicht Mut. Es ist ein Ort, an dem er nicht rechnen muss.

Vielleicht beginnt eine Männlichkeit, die diesen Namen verdient, nicht mit dem ersten Klimmzug und nicht mit dem besten Spruch, sondern in dem Moment, in dem einer nicht mehr mitlacht. Nicht aus Heldentum, sondern weil er irgendwo erfahren hat, dass man weich sein kann, ohne zu fallen.

Im letzten Beitrag habe ich den Männern eine Frage mitgegeben: Woran würden Sie merken, dass es genug ist? Für diesen Text habe ich eine zweite, leisere. Wo durften Sie zuletzt weich sein, ohne dafür zu bezahlen?

Wenn Ihnen darauf ein Mensch einfällt, dann halten Sie ihn fest. Und wenn Ihnen keiner einfällt, ist das kein Urteil über Sie. Es ist die Stelle, an der Sie anfangen können.


Wenn Sie gerade selbst in einer Krise sind: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenfrei und anonym erreichbar – unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

In eigener Sache: Mit diesem Beitrag geht der Blog in eine kurze Herbstpause. Anfang November beginnt hier die Serie „Gegengewichte“ – wöchentliche Essays aus der Arbeit an einem Buch über Selbsttechniken, also über die alten und neuen Übungen, mit denen Menschen für sich sorgen, ohne sich zu vermessen. Wer den Start nicht verpassen möchte, kann sich für den Newsletter eintragen.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


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