VerumVita - Wahres Leben

Wenn es Klick macht – Die Illusion des plötzlichen Wandels

Titelbild für Wenn es Klick macht – Die Illusion des plötzlichen Wandels

Der Mythos vom Schalter im Kopf

„Plötzlich hat es einfach Klick gemacht."

Anna* saß mir gegenüber, ein Jahr nach Beginn unserer Zusammenarbeit, und strahlte. Regelmäßige Bewegung, ein entspannterer Umgang mit Essen, zwölf Kilo weniger – und, vielleicht am wichtigsten: ein neuer Blick auf sich selbst. Für ihre Familie wirkte das wie ein Schalter, der über Nacht umgelegt wurde. Der berühmte Knoten, der plötzlich platzt.

Doch als ich Anna fragte, wann genau dieser „Klick" stattgefunden habe, wurde es still. Sie überlegte. Dann sagte sie: „Ich weiß es gar nicht genau. Es war irgendwann … alles zusammen."

Dieses Irgendwann ist der Kern des heutigen Beitrags. Denn der vermeintlich plötzliche Durchbruch ist, bei näherer Betrachtung, fast nie plötzlich. Ihm geht ein unsichtbarer, oft jahrelanger Prozess voraus – ein Prozess, den die Betroffenen selbst häufig erst im Rückblick erkennen.


Die Sehnsucht nach dem magischen Moment

Wir lieben Geschichten vom Durchbruch. Vom 1. Januar, an dem alles anders wird. Vom Arzttermin, der wachrüttelt. Vom Blick auf die Waage, der die Wende bringt. Solche Momente existieren und sie können Initialzündungen sein. Aber die Vorstellung, dass sie die eigentliche Ursache nachhaltiger Veränderung sind, ist eine Illusion – und eine gefährliche dazu.

Gefährlich, weil sie denjenigen, bei denen es noch nicht „Klick" gemacht hat, suggeriert, dass sie nur auf den richtigen Moment warten müssen. Dass die Veränderung wie ein Blitz einschlagen wird, wenn sie nur genug leiden oder den richtigen Impuls erhalten. Diese Erwartungshaltung führt paradoxerweise dazu, dass der eigentliche Prozess – die mühsame, schrittweise Arbeit an sich selbst – entwertet wird.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard kannte diese Spannung. Er unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Veränderungen. Ein quantitativer Wandel ist das stetige Ansammeln kleiner Schritte. Ein qualitativer Sprung hingegen ist der Moment, in dem sich die gesamte Perspektive verschiebt – nicht weil etwas Neues hinzukommt, sondern weil das Bestehende neu gesehen wird. Was wir „Klick" nennen, ist in Kierkegaards Sprache ein solcher qualitativer Sprung. Aber – und das ist entscheidend – er kommt nicht aus dem Nichts. Er ist das Resultat einer oft langen quantitativen Vorbereitung.


Identität als unsichtbare Bremse

In unseren Sitzungen kam Anna irgendwann an einen Punkt, der nichts mehr mit Kalorien, Makronährstoffen oder Trainingsplänen zu tun hatte. Sie sagte einen Satz, der hängen blieb:

„Ich bin einfach nicht der Typ, der so etwas durchzieht."

Ein scheinbar harmloser Gedanke. Tatsächlich aber ein Identitätsnarrativ von enormer Tragweite. Denn wenn ich tief in mir glaube, dass ich „der undisziplinierte Typ" bin, dann wird jeder Erfolg zu einem Problem. Ich müsste mich selbst Lügen strafen, um das neue Verhalten anzunehmen. Das erzeugt einen psychologischen Konflikt, den die meisten Menschen nicht bewusst wahrnehmen, der aber als diffuses Unbehagen spürbar wird.

Typische Identitätsnarrative, denen wir in der ernährungstherapeutischen Arbeit regelmäßig begegnen:

  • „Ich war schon immer die, die Dinge abbricht."
  • „In unserer Familie sind wir halt alle kräftig."
  • „Wenn ich schlank wäre, würden andere mehr von mir erwarten – dem wäre ich nicht gewachsen."
  • „Ich habe es gar nicht verdient, mich in meinem Körper wohlzufühlen."
  • „Andere schaffen das, ich nicht."

Diese Sätze sind keine bloßen Ausreden. Sie sind tief verankerte Überzeugungen über das eigene Selbst – geformt durch Erziehung, Biografie und jahrzehntelange Wiederholung. Unsere Essgeschichten sind immer auch Geschichten über unsere Identität. Und genau hier liegt der Grund, warum so viele Veränderungsversuche scheitern: Nicht am mangelnden Wissen, nicht an fehlender Disziplin, sondern am unbewussten Widerstand gegen eine Identitätsverschiebung.

Kohärenz als psychisches Grundbedürfnis

Unser Selbstbild – selbst wenn es uns schadet – bietet etwas Kostbares: Kohärenz. Vorhersagbarkeit. Eine Form von innerer Ordnung. In der Salutogenese nach Aaron Antonovsky ist das Kohärenzgefühl eine zentrale Ressource für Gesundheit. Es besteht aus drei Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Wenn mein Selbstbild sagt „Ich bin jemand, der scheitert", dann ist Scheitern paradoxerweise verstehbar und vorhersagbar – und damit psychisch weniger bedrohlich als ein unerwarteter Erfolg.

Veränderung bedroht die innere Kohärenz. Und unser psychisches System wehrt sich dagegen – oft unbewusst und umso heftiger.

Das erklärt ein Phänomen, das wir in der Praxis regelmäßig beobachten: Menschen, die nach anfänglichen Erfolgen plötzlich selbstsabotierende Verhaltensweisen zeigen. Nicht weil sie „schwach" sind, sondern weil der Erfolg nicht zu ihrem Selbstbild passt. Wie ich in meinem Beitrag über die Fallstricke der Selbstdisziplin beschrieben habe, kann auch eine übermäßig ausgebildete Disziplin zur Falle werden – insbesondere dann, wenn sie nicht von einer inneren Identitätsverschiebung getragen wird.


Die Psychologie der Stadien: Prochaska und der unsichtbare Fortschritt

Was die meisten Menschen nicht wissen: Die Verhaltensforschung hat den Prozess der Veränderung längst kartografiert. Das Transtheoretische Modell der Psychologen James Prochaska und Carlo DiClemente beschreibt fünf Stadien des Wandels:

  1. Absichtslosigkeit (Precontemplation): „Ich habe kein Problem."
  2. Absichtsbildung (Contemplation): „Vielleicht sollte ich etwas ändern."
  3. Vorbereitung (Preparation): „Ich plane konkrete Schritte."
  4. Handlung (Action): „Ich setze die Veränderung um."
  5. Aufrechterhaltung (Maintenance): „Das neue Verhalten wird zur Gewohnheit."

Das Entscheidende an diesem Modell: Die meiste Arbeit geschieht in den Stadien 2 und 3 – also bevor von außen überhaupt etwas sichtbar wird. Wenn Anna ein Jahr lang in der Absichtsbildung verweilt, mit sich ringt, ambivalent ist, zwei Schritte vor und einen zurück macht – dann sieht das von außen nach Stillstand aus. In Wirklichkeit ist es die Phase, in der sich die tiefgreifendsten Verschiebungen vollziehen.

Was wir „Klick" nennen, ist häufig der Übergang von Stadium 3 zu Stadium 4 – der Moment, in dem die innere Vorbereitung so weit gereift ist, dass die Handlung nicht mehr als Kampf erlebt wird, sondern als logische Konsequenz. Nicht als Willensakt, sondern als Ausdruck einer veränderten Identität.

Selbstwirksamkeit: Der stille Motor

Albert Bandura, dessen Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung zu den einflussreichsten Theorien der Psychologie gehört, beschrieb genau diesen Mechanismus. Selbstwirksamkeit meint die Überzeugung, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Sie wächst nicht durch Motivationsreden oder Vorsätze, sondern durch wiederholte Erfahrungen des Gelingens – und zwar in kleinen, realistischen Schritten.

Bei Anna war es kein dramatischer Moment. Es war ein leiser Satz in einer Sitzung:

„Vielleicht bin ich doch jemand, der lernen kann, dranzubleiben."

Das war der eigentliche Wendepunkt. Nicht die Waage. Nicht der Ernährungsplan. Nicht das Fitnessstudio. Sondern eine Verschiebung auf Identitätsebene – getragen von hundert kleinen Erfahrungen, die ihr gezeigt hatten: Ich kann mir vertrauen.


Klick oder Strohfeuer? Der Realitätscheck

Gleichzeitig wäre es intellektuell unredlich, den „Klick"-Moment nur zu feiern. Denn viele Menschen erleben tatsächlich einen Motivationsschub. Sie ziehen drei Monate durch. Sie nehmen ab. Sie fühlen sich stark. Und zwei Jahre später? Ist das Gewicht wieder da.

Die wissenschaftliche Evidenz, die wir auch in unserem Beitrag über Gewichtsregulation und Abnehmen ausführlich beleuchten, spricht eine deutliche Sprache: 80–95 % aller Diätversuche scheitern langfristig (Mann et al., 2007). Das vermeintliche „Klick" war real. Die Motivation auch. Aber sie war nicht tief genug verankert.

Warum? Weil Verhaltensänderung nicht im luftleeren Raum entsteht. Sie ist Ausdruck von Identität. Und Motivation allein ersetzt keine Identitätsarbeit.

Die Falle der reinen Willenskraft

Wer nur über reine Willenskraft Symptome bekämpft – weniger essen, mehr bewegen, streng kontrollieren –, betreibt das, was man in der Ernährungspsychologie als restriktives Essverhalten bezeichnet. Es funktioniert kurzfristig, weil der präfrontale Kortex die Kontrolle übernimmt. Aber wie Roy Baumeisters Forschung gezeigt hat, funktioniert Willenskraft wie ein Muskel: Sie ermüdet. Und wenn sie ermüdet, übernehmen die alten Gewohnheitsschleifen wieder das Steuer.

Nachhaltiger Wandel entsteht nicht dadurch, dass wir gegen uns selbst kämpfen, sondern dadurch, dass sich verschiebt, wer wir zu sein glauben.

Der Unterschied zwischen einem Strohfeuer und einem echten „Klick" liegt also nicht in der Intensität der Anfangsmotivation. Er liegt in der Tiefe der darunterliegenden Identitätsarbeit.


Was nachhaltigen Wandel wirklich trägt

Wenn wir in der Praxis beobachten, was jene Menschen unterscheidet, bei denen die Veränderung trägt, von jenen, bei denen sie verfällt, kristallisieren sich wiederkehrende Muster heraus:

  • Realistische Zielsetzungen statt perfektionistischer Ideale. Veränderung darf und muss sogar Spaß machen – sonst fehlt die intrinsische Motivation.
  • Flexible Strategien statt rigider Regeln. Wer sich ein Verhalten „verbietet", macht es erst recht attraktiv. Emotionales Essen lässt sich nicht durch Verbote auflösen, sondern nur durch das Verstehen seiner Funktion.
  • Emotionsregulation als Schlüsselkompetenz. Viele unserer Klient:innen essen nicht aus Hunger, sondern aus Frust, Einsamkeit oder Langeweile. Solange diese Muster nicht verstanden und alternative Strategien entwickelt werden, bleibt jede Ernährungsumstellung ein zu kleines Pflaster auf einer offenen Wunde.
  • Selbstmitgefühl statt Selbstverachtung. Wer sich nach jedem „Rückfall" geißelt, verstärkt genau die negativen Identitätsnarrative, die das Problem verursachen.
  • Identitätsintegration: Die wohl tiefgreifendste, aber auch anspruchsvollste Dimension. Sie erfordert, dass das neue Verhalten nicht als Ausnahme erlebt wird, sondern als Ausdruck dessen, wer man zu werden im Begriff ist.

Und – das sei ausdrücklich betont – sie erfordert Zeit. Viel Zeit.


Der Unterschied zwischen Motivation und Identitätswandel

Motivation fragt: „Was will ich erreichen?"

Identitätsarbeit fragt: „Wer bin ich – und wer darf ich werden?"

Solange ich glaube, ich sei „der unsportliche Mensch", wird jedes Training eine Anstrengung gegen mich selbst sein. Sobald ich beginne, mich als „jemand, der für sich sorgt" zu sehen, verändert sich die Dynamik fundamental. Das ist kein positives Denken. Es ist kein Affirmations-Trick. Es ist ein kognitiver Rekonstruktionsprozess, der sich aus realen Erfahrungen speist und schrittweise vollzieht.

In der Sprache der reflexiven Freiheit beim Essen: Es geht nicht um den naiven Glauben an einen absoluten freien Willen, der unser Verhalten per Knopfdruck ändert. Und es geht auch nicht um die resignierte Kapitulation vor neurowissenschaftlichem Determinismus. Es geht um den dritten Weg – die schrittweise gewonnene Fähigkeit, die eigenen Muster zu erkennen, zu verstehen und behutsam zu gestalten.

Und was ist mit dem hedonistischen Kalkül?

Man könnte einwenden: Wenn Veränderung so viel Mühe erfordert – warum nicht einfach das Leben genießen, wie es ist? Das hedonistische Kalkül – die Abwägung zwischen momentaner Lust und zukünftiger Belohnung – ist eine berechtigte Frage. Die Antwort liegt, wie so oft, nicht im Entweder-oder. Wie ich dort argumentiert habe, ist das hedonistische Kalkül die Kunst der Balance: die Fähigkeit, das Jetzt zu genießen, ohne das Morgen zu zerstören – und das Morgen zu gestalten, ohne das Jetzt zu verfehlen.

Das echte „Klick" ist genau dieser Moment, in dem die Balance gefunden wird. Nicht als abstraktes Ideal, sondern als gelebte Erfahrung.


Wenn der Knoten wirklich platzt

Das echte „Klick" ist kein Feuerwerk. Es ist eher ein stilles inneres Einverständnis. Ein Moment, in dem Widerstand und Selbstbild sich neu sortieren.

Nicht: „Ab morgen bin ich perfekt."

Sondern: „Ich darf anders sein, als ich bisher von mir gedacht habe."

Und dieses Einverständnis wächst. Durch Erfahrungen. Durch Begleitung. Durch das wiederholte Erleben von Selbstwirksamkeit. Durch den Mut, den eigenen Weg zu gehen, statt auf den Guru zu warten.

Wenn Sie bei anderen das Gefühl haben, „Bei denen hat es einfach Klick gemacht" – dann schauen Sie tiefer. Welche inneren Kämpfe sind diesem Moment vorausgegangen? Welche Rückschläge? Welche vorsichtigen Korrekturen alter Glaubenssätze?

Und wenn Sie selbst gerade darauf warten, dass der Knoten endlich platzt: Vielleicht sind Sie längst mitten im Prozess. Vielleicht ist das, was sich wie Stillstand anfühlt, in Wahrheit Vorbereitung.

Denn nachhaltiger Wandel ist selten ein Sprung. Er ist eine Verschiebung. Und manchmal hört man dieses „Klick" erst im Rückblick.


Begleitung auf dem Weg

In unserer Praxis für Ernährungstherapie in Hannover begleiten wir Sie auf genau diesem Weg – empathisch, wissenschaftlich fundiert und ohne erhobenen Zeigefinger. Denn wir wissen: Der wichtigste Durchbruch geschieht nicht auf der Waage, sondern in der Beziehung zu sich selbst.


Weiterführende Artikel


*Name geändert.

Hat dieser Artikel Ihr Interesse geweckt?

Ob für Sie persönlich oder für Ihr Unternehmen – wir finden den passenden Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch.

Jetzt Kontakt aufnehmen
Termin buchen