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Der Koch, der nichts erzwingt: Warum die Diätkultur hackt – und Veränderung den Fugen folgt

Titelbild für Der Koch, der nichts erzwingt: Warum die Diätkultur hackt – und Veränderung den Fugen folgt

Der Ringkampf um halb vier

Eine Klientin* beschrieb mir ihre Nachmittage einmal so, dass ich erst hinterher bemerkte, aus welchem Register ihre Worte kamen. Halb vier, das dritte Meeting vorbei, und in der Schreibtischschublade liegt die Schokolade. Sie „kämpft“ dann, sagte sie. An manchen Tagen „hält sie durch“. Manche Wochen auch – bis Donnerstag, dann „verliert“ sie, „wird schwach“, „gibt auf“. Am Montag beginnt sie „von vorn“: neue Regel, diesmal wirklich, diesmal ganz. Kämpfen, durchhalten, verlieren, schwach werden, aufgeben – es ist das Vokabular eines Ringkampfs. Sie führte ihn seit elf Jahren, gegen einen Gegner von 100 Gramm (okay mittlerweile 90).

In Erinnerung geblieben ist mir nicht die Schokolade. In Erinnerung geblieben ist mir ihre Erschöpfung. Sie kam nicht zu mir, weil sie den Kampf zu oft verlor. Sie kam, weil sie nicht mehr kämpfen konnte – und genau das für den endgültigen Beweis ihrer Schwäche hielt.

Ich möchte dieser Erschöpfung heute einen Text zur Seite stellen, der rund zweieinhalb Jahrtausende alt ist und von einem Koch handelt. Es ist die vielleicht berühmteste Parabel über das Nicht-Erzwingen, die je erzählt wurde – und sie weiß mehr über gescheiterte Vorsätze als die meisten Ratgeber dieses Jahres.


Ein Koch, ein Fürst und ein Messer, das nicht stumpf wird

Der Philosoph Zhuangzi ist in diesem Blog schon einmal aufgetreten – mit dem nutzlosen Baum, der gerade deshalb uralt wird, weil kein Zimmermann ihn brauchen kann. Diesmal führt er uns nicht an den Waldrand, sondern in eine Küche. Das dritte Buch seiner Schriften trägt eine Überschrift, die man heute über jede Gesundheitskolumne setzen könnte: Vom Pflegen des Lebens. Und die zentrale Lehrfigur dieses Kapitels ist kein Weiser auf einem Berg, kein Einsiedler am Fluss. Es ist ein Koch bei der Arbeit.

Koch Ding zerlegt einen Ochsen für den Fürsten Wen Hui. Wo seine Hand anfasst, wo seine Schulter sich stemmt, wo sein Fuß auftritt – alles hat den Rhythmus eines Tanzes; das Messer trifft im Takt, nichts stockt, nichts reißt. Der Fürst staunt: Wie kommt eine Fertigkeit zu solcher Höhe? Ding legt das Messer beiseite und antwortet: Was er liebe, sei nicht die Fertigkeit, sondern der Weg, der über sie hinausgeht. Als er anfing, habe er nichts als ganze Ochsen gesehen. Nach drei Jahren sah er keine ganzen Ochsen mehr. Heute begegne er dem Tier nicht mehr mit den Augen, sondern mit dem Geist: Er folgt den natürlichen Linien, trifft die großen Zwischenräume, lässt sich von den Öffnungen führen, die der Bau des Tieres ihm anbietet. Sehnen und Knochen berührt seine Klinge nie.

Dann der Satz, für den die Parabel berühmt ist:

„Ein guter Koch wechselt sein Messer einmal im Jahr: Er schneidet. Ein gewöhnlicher Koch wechselt sein Messer einmal im Monat: Er hackt. Dieses Messer hier ist neunzehn Jahre alt und hat mehrere tausend Ochsen zerlegt – und seine Schneide ist, als käme sie frisch vom Schleifstein.“ — Zhuangzi, 3. Buch

Denn die Gelenke, erklärt Ding, haben Zwischenräume, und die Schneide hat fast keine Dicke; wo beinahe nichts in einen Zwischenraum fährt, ist Raum genug. Nur eines verschweigt er nicht: Immer wieder kommt er an verwachsene, schwierige Stellen. Dort wird er nicht schneller, sondern langsam; er sammelt sich, der Blick ruht, die Hand bewegt das Messer kaum merklich – bis sich das Stück löst „wie ein Klumpen Erde, der zu Boden fällt“. Der Fürst hat verstanden, dass hier nicht vom Kochen die Rede war: „Vortrefflich! Ich habe den Worten eines Kochs gelauscht – und gelernt, wie man das Leben pflegt.“


Die Kunst des Hackens

Man muss diese Parabel kaum übersetzen; sie übersetzt sich selbst. Der gewöhnliche Koch ist kein Stümper aus Faulheit. Er tut das Naheliegende, das, was uns allen als Erstes einfällt: Er beantwortet Widerstand mit Kraft. Wo das Material nicht nachgibt, schlägt er fester zu. Und weil der Ochse aus Knochen besteht, wird sein Messer stumpf – nicht trotz seiner Anstrengung, sondern durch sie.

Die Diätkultur ist eine einzige Schule dieser Technik. Ihr Werkzeug ist die Willenskraft, und Willenskraft ist Hacken: der frontale Angriff auf die Stelle des größten Widerstands. Iss das nicht. Widersteh. Halt durch. Jeder Montag ein frisch geschliffenes Messer, jeder Januar eine neue Klinge – und wenn die Schneide nach vier Wochen wieder stumpf ist, lastet die Kultur das nie der Technik an, sondern immer dem Koch: nicht fest genug zugeschlagen, nicht diszipliniert genug. Dass die Scham, die dann einsetzt, kein Antrieb ist, sondern Sand im Getriebe, habe ich an anderer Stelle ausgeführt. Hier genügt eine einfachere Beobachtung: Wenn Hacken funktionieren würde, hätte es längst funktioniert. Elf Jahre sind ein ausreichend langer Feldversuch.

Das Gegenprogramm der Parabel steckt in einem einzigen Bild: Der Ochse hat Fugen. Das Verhalten auch. Es ist kein massiver Block, der sich nur mit Gewalt teilen ließe, sondern ein Gefüge – es hat Gelenke, Zwischenräume, Stellen, an denen ein Verlangen mit dem Bedürfnis verbunden ist, für das es einspringt. Dass dieses Gefüge drei Ebenen hat und Veränderung davon abhängt, auf der richtigen anzusetzen, habe ich im Beitrag über die drei Ebenen der Veränderung entfaltet; hier reicht das Bild selbst: Die Fuge ist die Stelle, an der ein Verhalten sich teilen lässt, ohne dass man es zerschlagen muss.

Nur: Fugen sieht man nicht sofort. Drei Jahre, sagt Ding, habe es gedauert, bis er keine ganzen Ochsen mehr sah. Auch das gehört zur Lehre, und es ist ihr entlastender Teil. Am Anfang sieht man nur „die Schokolade“ – einen ganzen, massiven, feindlichen Block. Erst mit der Zeit, und selten allein, treten die Linien hervor: die Uhrzeit, die Müdigkeit, das Alleinsein, die Stelle, an der es sich fügt. Wer die Fugen noch nicht sieht, ist nicht blind. Er steht im ersten der drei Jahre.

Und noch etwas verhindert, dass aus der Parabel ein neues Leistungsprogramm wird: Selbst der Meister kommt an Stellen, wo es sich staut. Dort wird er nicht härter, sondern behutsamer. Wer aus dem „mühelos“ ein neues Soll macht – ab jetzt bitte anstrengungslos! –, hat nur das Messer gewechselt und hackt weiter. Die Parabel verlangt keine Mühelosigkeit. Sie beschreibt, was geschieht, wenn man aufhört, Widerstand für eine Provokation zu halten, und anfängt, ihn als Auskunft zu nehmen.


Die Fuge um halb vier

Zurück im Beratungsraum. Wir haben irgendwann aufgehört, über Schokolade zu sprechen – sie war elf Jahre lang besprochen worden, ohne Ergebnis –, und angefangen, über halb vier zu sprechen. Was ist das für eine Stunde? Das dritte Meeting, sagte sie. Die Konzentration längst weg. Und auf die Frage, wann sie eigentlich Pause mache, kam ein kurzes Lachen: „Bei uns macht niemand Pause.“

Da lag die Fuge. Es war nie Appetit gewesen. Es war Müdigkeit – und das Stück Schokolade war die einzige Unterbrechung, die sich nicht wie Faulheit anfühlte: eine Pause, die als Kleinigkeit getarnt durchgeht, wo eine echte Pause wie Arbeitsverweigerung ausgesehen hätte. Elf Jahre lang hatte sie mit aller Kraft auf eine Stelle eingeschlagen, an der nichts zu trennen war – und die Stelle, an der ihr Nachmittag ein Gelenk hatte, nie berührt.

Was sie dann veränderte, war unspektakulär: der Müdigkeit ihre Ruhe geben. Zehn Minuten ohne Bildschirm, am offenen Fenster, an guten Tagen ein paar Schritte draußen. Keine neue Regel gegen die Schokolade – die Schublade blieb gefüllt. Und auch die Pause war keine neue Regel: Sie galt der Müdigkeit, nicht der Schokolade – als Mittel gegen das Naschen eingesetzt, wäre sie nur das nächste Messer gewesen. Nur ein Versuch, der Fuge zu folgen statt dem Widerstand. Wochen später sagte sie einen Satz, der genauer war als jede Erfolgsmeldung: „Ich habe nicht gewonnen. Es gibt nur nichts mehr zu kämpfen.“ Das dritte Stück fiel ihr nicht schwer. Es fiel weg – wie der Klumpen Erde bei Zhuangzi, der sich löst, ohne dass Gewalt im Spiel wäre. An manchen Nachmittagen isst sie Schokolade, weil sie welche will; an den meisten vergisst sie die Schublade. An sehr vollen Tagen meldet sich der alte Griff bis heute – nur ist er inzwischen eine Auskunft, kein Gegner mehr. Der Unterschied ist nicht die Menge. Der Unterschied ist, dass kein Ringkampf mehr stattfindet.

Zwei Missverständnisse wären an dieser Stelle billig zu haben. Das erste: dass hier jemand „einfach losgelassen“ hätte. Das Gegenteil trifft zu – sie hat etwas getan: hingesehen, gefragt, probiert, einer Müdigkeit Raum gegeben, die sie jahrelang übergangen hatte. Wu wei, das Nicht-Erzwingen des Daoismus, von dem in der Muße-Folge schon die Rede war, ist kein Nichtstun; es ist Handeln, das sich vom Material führen lässt, statt gegen es anzurennen. Und auch der Fuge zu folgen fiel ihr nicht zu – der alte Widerstand, dem jede echte Pause als Arbeitsverweigerung galt, wollte, in der Sprache des letzten Beitrags, durchgearbeitet werden, Nachmittag für Nachmittag. Das zweite Missverständnis: dass solche Gelassenheit ein Privileg derer wäre, die sich aus der Welt zurückziehen können. Koch Ding ist kein Aussteiger. Er steht im Dienst, mitten im Betrieb, ein Angestellter mit Publikum; seine Kunst findet nicht trotz des Arbeitstags statt, sondern in ihm. Auch die Fuge um halb vier lag nicht außerhalb des Büros. Sie lag mitten darin, zehn Minuten breit.

Vielleicht ist das die stillste Pointe der Parabel: Ding zerlegt nach neunzehn Jahren immer noch Ochsen. Von außen dasselbe Tun – niemand hat den Beruf gewechselt, niemand das Leben umgekrempelt. Nur das Hacken ist verschwunden. Dass Veränderung am Ende genau so aussieht – dasselbe Tun, das ein anderes geworden ist –, war der Schlusssatz der drei Ebenen. Der Koch hatte ihn gut zwei Jahrtausende früher.


Nicht nur China

Es wäre nun ein Missverständnis, das alles für eine exotische Spezialität des alten China zu halten – für fernöstliche Folklore, die man sich als Ausgleich zum westlichen Ernst hinzubucht. Das Erstaunliche ist vielmehr, dass Weisheitstraditionen, die einander nie begegnet sind, auf verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Jahrhunderten immer wieder zum selben Befund kommen: Das Wesentliche lässt sich nicht erzwingen. Und auffallend viele von ihnen haben diese Einsicht ausgerechnet dort aufbewahrt, wo gekocht, gedeckt und gegessen wird. Dass diese Einsicht nicht nur China gehört – davon ein andermal.

Bleibt der Nachmittag um halb vier. Vielleicht kennen Sie den Ringkampf; vielleicht führen Sie ihn seit Jahren und halten Ihre Erschöpfung inzwischen für den Beweis, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Dann ist dies der wichtigste Satz dieses Beitrags: Ihre Müdigkeit ist kein Charakterfehler. Sie ist die verlässlichste Auskunft über eine Technik, die Widerstand nur als Gegner kennt. Ein Messer, das monatlich stumpf wird, verrät nicht, dass zu schwach zugeschlagen wurde. Es verrät die Technik.

Sie müssen dafür nicht kochen lernen wie Ding, und an das Dao müssen Sie auch nicht glauben. Es reicht, den Verdacht zuzulassen, dass Ihr Widerstand kein Feind ist, sondern eine Auskunft – dass das Verlangen um halb vier von etwas spricht, das keinen Namen bekommt, solange man es nur bekämpft. Sie dürfen den Kampf einstellen, ohne sich geschlagen zu geben. Aufhören zu hacken ist keine Kapitulation. Es ist das Erste, was ein guter Koch lernt.


* Die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Zhuangzi (Dschuang Dsi) (2011 [ca. 4. Jh. v. Chr.]). Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Übers. v. R. Wilhelm. Köln: Anaconda. — Buch III: Vom Pflegen des Lebens.
  • Kalinke, V. (2017). Zhuangzi: Der Gesamttext und Materialien. Leipzig: Leipziger Literaturverlag.

Die Wiedergaben der Parabel im Text folgen frei den Übersetzungen von Wilhelm und Kalinke.


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