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Über Gewicht: Wir müssen gestalten – Bericht vom parlamentarischen Abend in Berlin

Titelbild für Über Gewicht: Wir müssen gestalten – Bericht vom parlamentarischen Abend in Berlin

Ein Abend am Brandenburger Tor

Es gibt Orte, an denen sich die Gewichtigkeit eines Themas schon durch die Kulisse mitteilt. Das Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin, direkt am Brandenburger Tor, ist so ein Ort. Als ich am Abend des 15. April 2026 den Saal betrete – als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Ernährungspsychologie (DGEP e.V.) –, sind bereits rund 200 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Medizin und Gesundheitswesen versammelt. Die Stimmung ist konzentriert. Der Anlass ist ernst.

Der dritte Parlamentarische Abend der Reihe „Über Gewicht", organisiert von Dr. Dennis Ballwieser, Chefredakteur der Apotheken Umschau, steht unter dem Motto „Wir müssen gestalten" – nach „Wir müssen reden" und „Wir müssen handeln" ein bewusster Appell, von der Analyse ins konkrete politische Handeln zu kommen.

In einem früheren Essay über den Preis der Freiheit und das Privileg des vollen Magens habe ich beschrieben, wie die Sicherung unserer Nahrungsversorgung die materielle Voraussetzung für eine offene Gesellschaft ist. An diesem Abend in Berlin zeigt sich die Kehrseite: Was geschieht, wenn dieselbe Überflussgesellschaft Strukturen schafft, die systematisch krank machen? Und was passiert, wenn wir über Gewicht sprechen, ohne die Psychologie des Essens zu verstehen?


„Food Politics" – Wenn die Umgebung das Problem ist

Den inhaltlichen Auftakt setzt Prof. Dr. Marion Nestle, emeritierte Professorin für Nutrition, Food Studies und Public Health an der New York University. Nestle, Autorin der einflussreichen Bücher Food Politics, Soda Politics und What to Eat Now?, gilt als eine der weltweit profiliertesten Stimmen an der Schnittstelle von Ernährungswissenschaft und Politik.

Ihre zentrale Botschaft ist so schlicht wie unbequem: Persönliche Verantwortung und Ernährungspolitik greifen untrennbar ineinander. Ernährungspolitik könne es dem Individuum leichter machen, gesündere Entscheidungen zu treffen – oder eben schwerer.

Die Zahlen, die Nestle präsentiert, sind ernüchternd: In den USA sind 75 % der Männer und 67 % der Frauen übergewichtig, in Deutschland liegen die Werte bei 60 % bzw. 45 %. Die ökonomischen Kosten von Adipositas weltweit schätzt sie auf bis zu vier Billionen US-Dollar bis 2035.

„Seit 1980 sehen wir einen rapiden Anstieg – in Amerika und weltweit. Was ist passiert? Nicht unser Metabolismus hat sich verändert, nicht unsere Psychologie. Es ist die Ernährungsumgebung, die sich radikal gewandelt hat."

Nestle identifiziert drei historische Wendepunkte in den USA, die diese Umgebung geprägt haben:

  • Earl Butz' Agrarpolitik – Der US-Landwirtschaftsminister forcierte in den 1970ern die Maximierung der landwirtschaftlichen Produktion. Die pro Kopf verfügbaren Kalorien stiegen bis 2005 auf rund 4.000 kcal pro Tag.
  • Reagans Deregulierung – Die weitreichende Deregulierung unter der Reagan-Regierung verschaffte der Lebensmittelindustrie enorme Freiräume in Marketing und Produktgestaltung.
  • Friedmans Shareholder-Value-Doktrin – Milton Friedmans Maxime, Gewinnmaximierung sei die einzige Aufgabe von Unternehmen, führte zu quartalsweisem Wachstumsdruck – auch in der Ernährungsindustrie.

Die Folgen sind bekannt, auch hierzulande: Essen ist überall. Größere Portionen, mehr Fast Food, ein Überangebot an hochverarbeiteten Lebensmitteln. Ultra-processed Foods (UPF) sind heute die Hauptquelle für Kalorien in den USA und erhöhen nachweislich das Risiko für Übergewicht und kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Lebensmittelindustrie wehrt sich massiv gegen Regulierung – denn, so Nestle pointiert: „Eating less is bad for business."

Wer den Wandel unserer Esskultur von früher bis heute verfolgt, erkennt diese Mechanismen auch in Deutschland. Und wer verstanden hat, wie Gesundheits-Nudging funktioniert, weiß: Die Gestaltung der Ernährungsumgebung ist kein Luxus, sondern ein zentraler Hebel der Prävention.

Abschließend präsentiert Nestle drei Policy-Hebel: erstens evidenzbasierte Ernährungsrichtlinien, zweitens transparentes Labeling wie den Nutri-Score und drittens die aktive Gestaltung gesundheitsförderlicher Ernährungsumgebungen. Alle drei zeigen messbare Outcomes – ihr Einfluss auf die Adipositas-Prävalenz bleibt bisher jedoch begrenzt.

So überzeugend Nestles Analyse ist – und sie ist überzeugend –, so sehr lohnt sich an genau diesem Punkt ein kurzer, kritischer Zwischenhalt. Denn jede grosse Erzählung trägt ihre eigenen Schatten.


Das Schlaraffenland hat zwei Seiten

Es ist verlockend, Marion Nestles Analyse als abgeschlossene Erklärung zu lesen: Die Lebensmittelindustrie ist das Problem, Regulierung ist die Lösung. Dieses Narrativ ist in Teilen zutreffend – und es greift dennoch zu kurz. Der Ernährungspsychologe Prof. Dr. Christoph Klotter und die Ernährungssoziologin Eva-Maria Endres haben 2020 mit dem Sammelband Gute – Böse Lebensmittelindustrie. Ein Diskurs der Ernährungsakteure genau darauf aufmerksam gemacht: Es ist fast schon eine Selbstverständlichkeit geworden, die Lebensmittelbranche negativ zu bewerten. So berechtigt diese Kritik in vielen Punkten ist – so sehr blendet sie aus, wo wir eigentlich herkommen.

Wir leben im Schlaraffenland – und haben es vergessen

Noch im 19. Jahrhundert waren über 80 % der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Heute sind es weniger als 5 %. In meinem Essay über den Preis der Freiheit und das Privileg des vollen Magens habe ich beschrieben, welche zivilisatorische Leistung es darstellt, wenn wir einen Supermarkt betreten, in zwölf Minuten aus dreitausend Produkten wählen und bezahlen können. Wir leben länger als jede Generation vor uns. Wir werden gesünder älter. Mangelerkrankungen wie Skorbut oder Rachitis sind hierzulande eine historische Fußnote. All das wäre ohne eine hochentwickelte Lebensmittelindustrie schlicht nicht denkbar.

Das ist keine Apologie für ungesunde Produktgestaltung, irreführendes Marketing oder politische Einflussnahme der Konzerne. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir nicht ins Paradies zurückkehren müssen – wir leben bereits in einer Überflussgesellschaft, die unseren Urgroßeltern wie ein Schlaraffenland vorgekommen wäre. Wer die Industrie pauschal verteufelt, übersieht diese Errungenschaft. Und er übersieht den wichtigsten Punkt: Adipositas ist ein multikausales Phänomen. Genetik, Lebensstil, Stress, Schlaf, sozioökonomischer Status, Bildung, Wohnumgebung, psychische Verfassung, Bewegungsmuster – sie alle wirken zusammen. Prof. Dr. Christina Holzapfel hat an diesem Abend im Panel genau darauf hingewiesen: Entstehung und Therapie von Adipositas sind hochgradig individuell. Wer diese Komplexität auf einen einzelnen Schuldigen reduziert, erzählt zwar eine einfachere Geschichte – aber nicht die wahre.

Genauso, wie wir dicke Menschen nicht als schuldig an ihrer Situation stigmatisieren dürfen, dürfen wir auch die Industrie nicht als alleinigen Schuldigen hinstellen. Beide Narrative – die des individuellen Versagens und die des industriellen Komplotts – sind zu eindimensional, um der Realität gerecht zu werden.

Die psychoanalytische Dimension: Wut auf den Versorger

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick durch die tiefenpsychologische Brille. Denn der Affekt, der in öffentlichen Debatten über „die Industrie" spürbar wird, hat eine eigene Dynamik. Psychoanalytisch gelesen, lässt sich die Wut auf die Ernährungsindustrie auch als Aufbegehren gegen einen Versorger-Archetyp verstehen: jene Instanz, die uns nährt, auf die wir angewiesen sind – und die uns zugleich in eine Abhängigkeit zwingt, die wir nicht gewählt haben. Wer jemals ein hungriges Kleinkind erlebt hat, kennt die Urform dieser Dynamik: Hingabe und Protest, Liebe und Wut gegenüber derjenigen Person, die füttert.

Diese Dynamik hat eine wichtige Funktion – und eine gefährliche Schattenseite. Sie wird zum Problem, wenn sie in einer Opferposition endet: „Ich bin manipuliert, ausgeliefert, willenlos – die Industrie macht mit mir, was sie will." Diese Erzählung hat etwas Erleichterndes. Sie nimmt Druck von den eigenen Schultern. Sie hat aber auch etwas zutiefst Lähmendes. Sie raubt den Menschen ihre Agency, ihre Selbstwirksamkeit, ihre Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion innezuhalten und zu wählen. Wer sich als Opfer der Industrie versteht, verliert genau jene reflexive Freiheit beim Essen, die nachhaltige Veränderung überhaupt erst möglich macht.

Warum einfache Erzählungen problematisch sind

Hier kommt eine dritte, vorsichtig formulierte Beobachtung ins Spiel. Komplexe gesellschaftliche Herausforderungen erzeugen in Menschen regelmäßig den Wunsch nach einfachen Erklärungen – und nach einem identifizierbaren Schuldigen. Dieser Wunsch ist psychologisch nachvollziehbar: Er entlastet, er ordnet, er gibt Handlungsmöglichkeit. Er ist aber, wie Karl Popper es in seiner Offenen Gesellschaft beschrieben hat, auch der Nährboden für genau jene geschlossenen Weltbilder, die der demokratischen Auseinandersetzung abträglich sind.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Kritik an Konzernen, Lobbyismus oder problematischen Marketingpraktiken falsch wäre – ganz im Gegenteil: Nestles Analyse ist ein wertvoller Beitrag genau zu dieser Kritik. Es bedeutet aber, dass wir uns davor hüten müssen, monokausale Erzählungen zu pflegen. Wenn „die Industrie" zum alleinigen Feindbild wird, verpassen wir die Chance, die vielen anderen Hebel zu sehen, die wir als Individuen, als Familien, als Lebenswelten und als Gesellschaft tatsächlich in der Hand haben. In unseren Beiträgen über Gesundheitsförderung in Lebenswelten und über den Methodenmix in der Ernährungspsychologie haben wir genau diese Vielfalt der Hebel beschrieben.

Die Synthese

Genauso, wie wir dicke Menschen nicht als schuldig an ihrer Situation stigmatisieren dürfen, dürfen wir auch die Industrie nicht als alleinigen Schuldigen hinstellen. Beide Narrative – das des individuellen Versagens und das des industriellen Komplotts – sind zu eindimensional, um der Realität gerecht zu werden.

Nestles Kritik und die Schlaraffenland-Perspektive widersprechen sich nicht – sie ergänzen sich. Ja, die Ernährungsumgebung ist gestaltbar. Ja, sie ist heute in vielen Bereichen nicht gesundheitsförderlich. Und ja, die Politik ist gefragt. Aber gleichzeitig gilt: Wir leben in einer beispiellos reichen Ernährungslandschaft, deren Errungenschaften es zu würdigen gilt. Und Adipositas ist ein multikausales Zusammenspiel, das differenziertes Denken verdient. Genau an dieser Schnittstelle – zwischen berechtigter struktureller Kritik und gestärkter individueller Agency – beginnt die eigentliche Aufgabe der Ernährungspsychologie.


Was Nestle nicht sagte – und warum es wichtig ist

Wenn wir die Opferrolle vermeiden und gleichzeitig die veränderten Rahmenbedingungen ernst nehmen wollen, stellt sich die entscheidende Frage: Wie reagieren Menschen eigentlich auf die veränderte Ernährungsumgebung? Warum gelingt es manchen, selbst im Schlaraffenland maßvoll zu essen, während andere sich in einer Spirale aus Heißhunger, Scham und neuen Diätversuchen wiederfinden? Hier beginnt das Terrain der Ernährungspsychologie – und hier wird klar, dass weder die rein politische noch die rein individuelle Perspektive allein tragen.

Die Macht der Konditionierung

Die Lebensmittelindustrie nutzt – bewusst oder unbewusst – Mechanismen der klassischen und operanten Konditionierung. Bunte Verpackungen, Jingles, Belohnungssysteme in Apps: All das koppelt Produkte an positive Emotionen. Der Mere-Exposure-Effekt sorgt zusätzlich dafür, dass wir das, was wir oft sehen, allein deshalb bevorzugen – unabhängig von seiner Qualität. Das zu wissen, stärkt nicht die Opferrolle, sondern das Gegenteil: Wer die Mechanismen kennt, kann sich ihnen entziehen.

Essen als Stressregulator

Für viele Menschen ist Essen weit mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist Trost, Belohnung, Betäubung. Emotionales Essen ist keine Schwäche, sondern eine psychologisch nachvollziehbare Reaktion auf Überforderung. In extremen Fällen kann dieser Mechanismus suchtähnliche Strukturen annehmen. Wer das ignoriert und ausschließlich auf politische Rahmenbedingungen setzt, greift zu kurz.

Die Illusion der Selbstdisziplin

Nestles Gegenspielerin auf individueller Ebene ist die Selbstdisziplin-Erzählung: „Man muss sich nur zusammenreißen." Die Forschung zeigt ein anderes Bild. In unserem Beitrag über Gewichtsregulation und Abnehmen beschreiben wir, wie kognitive Verzerrungen – etwa die Verfügbarkeitsheuristik und der Confirmation-Bias – unser Denken über Ernährung systematisch verzerren. Und wer sich die Fallstricke der Selbstdisziplin anschaut, erkennt: Reine Willenskraft scheitert an der biologischen und psychologischen Realität.

Der Methodenmix als Antwort

Was stattdessen hilft, ist ein Ansatz, der verschiedene psychologische Perspektiven integriert: Verhaltenspsychologie, Systemtheorie, Tiefenpsychologie und humanistische Psychologie. Professor Christoph Klotters Methodenmix in der Ernährungspsychologie bietet genau diesen Rahmen – und er zeigt, warum weder rein politische noch rein individuelle Ansätze allein genügen.


Sechs Perspektiven auf ein komplexes Problem

Im anschließenden Panel – moderiert von Dr. Dennis Ballwieser – kommen sechs Expert*innen zu Wort, die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten. Auch Marion Nestle nahm nach ihrer Keynote am Gespräch teil.

Prof. Dr. Marion Nestle verteidigte im Panel die Notwendigkeit konsequenter politischer Regulierung und wies erneut auf die Diskrepanz zwischen Lobbyinteressen und Public-Health-Zielen hin. Zugleich betonte sie, dass politische Hebel allein nicht genügten – Ernährungskompetenz und Bildung seien ebenso entscheidend.

Dr. Tanja Machalet, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag (SPD), nennt die geplante Zuckersteuer einen „Lichtblick". Sie fordert, die Ernährungslobby entschiedener anzugehen, und regt an, einen Präventionsfonds aus den Steuereinnahmen zu speisen. Wer sich mit der wissenschaftlichen Grundlage dieser Debatte beschäftigen möchte, findet in unserem Beitrag über Zucker eine differenzierte Analyse.

Markus M. Müller, Vorstand der VIACTIV Krankenkasse, betont das starke Missverhältnis zwischen Prävention und Rehabilitation im deutschen Gesundheitssystem. Die Aufgabe der Krankenkassen sei es, Gesundheit zu bewahren, wiederherzustellen und zu verbessern – dafür müssten Verhältnis- und Verhaltensprävention stärker zusammengedacht werden. Das entspricht exakt der Logik von Gesundheitsförderung in Lebenswelten: nicht individuelle Optimierung, sondern partizipative Veränderung der Verhältnisse. Zur Debatte um GLP-1-Medikamente merkt Müller an, die Indikation müsse sorgfältig definiert werden.

Christel Moll, 1. Vorsitzende des Adipositas Verbands Deutschland e.V., rückt die menschliche Dimension in den Fokus: Es gehe nicht nur um Zahlen, sondern um das Leiden realer Menschen. Sie unterstützt die Zuckersteuer als Instrument der Verhältnisprävention, kritisiert Versorgungslücken bei adipösen Menschen und mahnt an, dass sowohl gesunde Ernährung als auch GLP-1-Medikamente für einkommensschwache Familien oft zu teuer seien. Molls Appell erinnert an eine Erkenntnis, die wir in unseren Beiträgen über Scham als gescheitertes Motivationsmittel und das Unbehagen im dicken Körper herausgearbeitet haben: Stigmatisierung löst kein einziges Gesundheitsproblem – sie verschärft sie.

Prof. Dr. Christina Holzapfel, Professorin für Humanernährung an der Hochschule Fulda und Leiterin der Forschergruppe „Personalisierte Ernährung & eHealth" an der TU München, bricht eine Lanze für die Komplexität: Entstehung und Therapie von Adipositas seien hochgradig individuell. Sie plädiert für kassenfinanzierte, individualisierte Ernährungsberatung und mehr Kassenleistungen für nachweislich wirksame Therapien. Wer wissen möchte, was qualifizierte Ernährungsberatung von unqualifizierten Angeboten unterscheidet und warum das relevant ist, wird in unserem entsprechenden Beitrag fündig.

PD Dr. Sarah Forberger, Senior-Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen, fordert eine übergreifende Vision für Deutschlands Strategie zur Gewichtsregulation – mit konkreten mittel- und langfristigen Zielen. In einer idealen Welt sei „Health in All Policies" breit aufgestellt: über die Sektoren hinweg, von Mobilitätskonzepten über Bildung bis hin zu Marktzugängen.

Die Debatte um GLP-1-Rezeptor-Agonisten – Ozempic, Wegovy und Co. – zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Panel. Die Positionen reichen von vorsichtiger Hoffnung bis zu der Frage, ob eine lebenslange Medikation die richtige Antwort auf ein strukturelles Problem sein kann. Wer die Forschungslage und die psychologischen Implikationen dieser Medikamente besser verstehen möchte, findet in unserem Beitrag über die Abnehmspritze eine ausführliche Einordnung.


Warum Ernährungspsychologie in diese Debatte gehört

Der Abend macht eindrucksvoll deutlich, wie eng Ernährung, Politik und psychologische Faktoren miteinander verwoben sind. Marion Nestles Analyse, dass sich nicht der Mensch, sondern seine Umgebung verändert hat, ist im Kern ein zutiefst ernährungspsychologischer Befund: Unser Essverhalten wird maßgeblich durch Kontextfaktoren bestimmt – durch Verfügbarkeit, Portionsgrößen, Marketing und gesellschaftliche Normen. Wer Essverhalten verstehen will, muss diese Kontexte mitdenken.

Die DGEP e.V. sieht genau hier ihren Auftrag: die psychologischen Mechanismen hinter dem Essverhalten sichtbar zu machen und in politische, therapeutische und präventive Strategien einzubringen. Dabei geht es um eine doppelte Bewegung: strukturelle Ursachen ernst nehmen – und zugleich die Agency der Menschen stärken. Beides gehört zusammen. Wer nur die Umgebung kritisiert, lässt den Einzelnen als Opfer zurück. Wer nur Selbstdisziplin predigt, ignoriert die realen Machtverhältnisse. Die Ernährungspsychologie ist genau die Disziplin, die diese beiden Pole miteinander ins Gespräch bringt.

Christel Molls Appell, über Emotionen statt nur über Zahlen zu sprechen, und Christina Holzapfels Plädoyer für individualisierte Ansätze unterstreichen: Wirksame Adipositas-Prävention ohne ernährungspsychologische Perspektive bleibt unvollständig. Die Diätkultur – jenes Denksystem, das dicke Menschen konsequent stigmatisiert und das Scheitern von Diäten als individuelles Versagen umdeutet – ist ein systemisches Problem, kein persönliches. Und der Jojo-Effekt ist kein Beleg für mangelnde Disziplin, sondern für das Scheitern rein behavioraler Ansätze.


Ein politischer Appell: Ernährungsberatung endlich angemessen finanzieren

An dieser Stelle muss ich einen Punkt ansprechen, der an diesem Abend zwischen den Zeilen mitschwang, aber selten offen ausgesprochen wird: Die Rahmenbedingungen für ambulante Ernährungsberatung und -therapie in Deutschland werden dem Problem, das sie lösen soll, nicht ansatzweise gerecht.

Der Status quo: Gesetzlich Versicherte erhalten in der Regel etwa fünf anteilig bezuschusste Sitzungen pro Jahr. Das Konzept dahinter ist ein Modell aus dem letzten Jahrhundert – es unterstellt, dass Ernährungsberatung im Kern Wissensvermittlung sei: Der Beratende erklärt, wie gesunde Ernährung geht, der Beratene setzt es um, fertig. Wer die Forschung der letzten zwanzig Jahre verfolgt hat, weiß: Dieses Modell stimmt hinten und vorne nicht.

Christoph Klotter hat es in seinen Arbeiten seit Jahren auf den Punkt gebracht: „Ernährungsberatung ist niedrigschwellige Psychotherapie." Wer Menschen tatsächlich dabei begleiten will, ihr Essverhalten nachhaltig zu verändern, arbeitet nicht primär mit Nährwerttabellen, sondern mit Emotionen, Biografien, Beziehungsmustern, Konditionierungen, Scham und Selbstwert. Und – das ist der zweite entscheidende Punkt Klotters – „Veränderung braucht Zeit." Die moderne Neurowissenschaft zeigt konsistent: Die Reorganisation tief verankerter Essgewohnheiten und der damit verbundenen emotionalen Regulationsmuster ist kein Drei-Monats-Projekt. Realistisch sprechen wir über Zeiträume von zwei bis drei Jahren, in denen nachhaltige Verhaltensänderung entstehen kann. Wie komplex dieser Prozess tatsächlich ist, haben wir in unserem Beitrag Mehr als Verhaltensänderung ausführlich beschrieben.

Mit fünf bezuschussten Sitzungen diesem Anspruch gerecht werden zu wollen, ist, als wollte man einen Beinbruch mit einem einzigen Verband behandeln. Es ist nicht nur unzureichend – es ist strukturell zum Scheitern verurteilt. Und es produziert genau jene Frustration und jene „Diät-Karrieren", die am Ende teurer werden als eine adäquate Therapie von Anfang an: in Form von Folgeerkrankungen, stationären Aufnahmen, Arbeitsausfällen und nicht zuletzt in Form von menschlichem Leid.

Der politische Appell, den ich aus der Perspektive der DGEP formulieren möchte, lautet daher:

  • Ernährungstherapie muss als das anerkannt werden, was sie ist – eine anspruchsvolle, psychologisch fundierte Begleitung von Verhaltens- und Lebensstiländerung, nicht eine Handvoll Ernährungspläne.
  • Die Bezuschussungsdauer muss an die neurowissenschaftliche Realität angepasst werden. Programme, die zwei bis drei Jahre begleitende Unterstützung ermöglichen, sind kein Luxus, sondern evidenzbasierte Notwendigkeit.
  • Qualifikation muss sich auch in der Vergütung niederschlagen. Wer psychologisch fundiert arbeitet, darf nicht auf dem Niveau reiner Wissensvermittlung honoriert werden.
  • Die Schnittstelle zu Psychotherapie und Medizin muss sektorenübergreifend gedacht werden – ganz im Sinne dessen, was an diesem Abend unter dem Stichwort „Verhältnisprävention" und integrierter Versorgung diskutiert wurde.

Wenn die Politik – wie an diesem Abend mehrfach betont – tatsächlich „gestalten" will, dann gehört die strukturelle Aufwertung der ambulanten Ernährungstherapie auf den Tisch. Ohne sie bleibt alles andere Symbolpolitik.


Was das für unsere Arbeit in Hannover bedeutet

Von Berlin zurück nach Hannover. Die großen Fragen des Abends – Verhältnisprävention, Entstigmatisierung, individualisierte Therapie – sind exakt die Themen, mit denen wir bei VerumVita® täglich arbeiten.

In unserem Manifest für 2026 haben wir es so formuliert: Hannover braucht keine weitere Diät, sondern echte Therapie. In unserem umfangreichen Beitrag zu Adipositas zeigen wir auf, warum wir bei VerumVita® zuerst auf die Seele und dann auf den Teller schauen.

Was an diesem Abend in Berlin besprochen wurde, bestätigt unseren Ansatz: Ernährungstherapie, die wirken soll, muss die Psychologie des Essens ernst nehmen. Sie muss die Umgebung mitdenken, ohne das Individuum aus der Verantwortung zu entlassen. Und sie muss die Würde jedes Menschen respektieren – unabhängig von seinem Körpergewicht.

Wenn Sie diesen Weg mit uns gehen möchten – individuell, empathisch und evidenzbasiert –, freuen wir uns auf Ihre Nachricht.


Der Weg vom Reden zum Gestalten

„Wir müssen reden", „Wir müssen handeln", „Wir müssen gestalten" – die Dramaturgie der drei Parlamentarischen Abende ist klug gewählt. Sie bildet ab, was auch in der Ernährungstherapie gilt: Am Anfang steht das Verstehen, dann das Ausprobieren, dann die nachhaltige Veränderung.

Die Erkenntnis ist da. Der politische Wille wächst. Die Zuckersteuer, sektorenübergreifende Prävention und eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Lebensmittelindustrie sind zentrale Bausteine. Aber gestalten heißt mehr als regulieren. Gestalten heißt, der Komplexität gerecht zu werden: strukturelle Hebel ziehen und individuelle Agency stärken; die Rolle der Industrie kritisch beleuchten und die Errungenschaften unserer Überflussgesellschaft anerkennen; Verhältnisse verändern und Menschen befähigen. Was bisher in der öffentlichen Debatte fehlt, ist die systematische Integration der Ernährungspsychologie – als Brücke zwischen individueller Therapie und struktureller Verhältnisprävention, als Gegengewicht zu vereinfachenden Feindbildern.

An diesem Abend am Brandenburger Tor war zu spüren: Die Brücke wird gebraucht. Und sie wird gebaut.


Dieser Beitrag gibt die persönlichen Eindrücke des Autors vom 3. Parlamentarischen Abend „Über Gewicht: Wir müssen gestalten" (15. April 2026, Allianz Forum Berlin) wieder. Julian Jaschinger vertrat die Deutsche Gesellschaft für Ernährungspsychologie e.V. (DGEP) als Fachgesellschaft.

Weiterführende Informationen: dgep.info

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