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Der Preis der Freiheit und das Privileg des vollen Magens

Titelbild für Der Preis der Freiheit und das Privileg des vollen Magens

Ein unsichtbarer Moment

Es gibt einen Moment, der so alltäglich ist, dass er uns unsichtbar geworden ist. Wir betreten einen Supermarkt, nehmen einen Korb, gehen an dreitausend Produkten vorbei, wählen sieben davon aus und bezahlen. Der ganze Vorgang dauert vielleicht zwölf Minuten. In diesen zwölf Minuten verbirgt sich eine der ungeheuerlichsten Leistungen der Menschheitsgeschichte – und zugleich eine ihrer tiefsten Verwundungen.

In einem früheren Beitrag über Dankbarkeit, Wertschätzung und Bewusstsein habe ich beschrieben, wie mich ein Abendspaziergang durch die Eilenriede zum Nachdenken brachte: über die Fülle in unseren Supermarktregalen, über das warme Wasser aus der Leitung, über die Freiheit, abends spazieren zu gehen, ohne Angst vor Gewalt oder Hunger. Dieser Essay nimmt jenen Gedanken auf und treibt ihn weiter – in eine These, die Ernährungspsychologie und politische Philosophie verbindet.

Die These: Die Sicherung unserer Nahrungsversorgung ist nicht bloß ein angenehmer Nebeneffekt technischen Fortschritts. Sie ist die materielle Voraussetzung dafür, dass so etwas wie Karl Poppers „Offene Gesellschaft" – eine Ordnung, die auf Kritik, Fehlerkorrektur und der Freiheit des Einzelnen gründet – überhaupt denkbar wird. Doch diese Voraussetzung ist weder hinreichend noch kostenlos. Und wer das übersieht, versteht weder die Errungenschaft noch ihre Gefährdung.


I. Was es kostet, nicht zu hungern

Um den Wert unserer vollen Regale zu begreifen, müssen wir zunächst auf den Preis blicken, den wir für sie entrichten. Hier bietet die Arbeit des Ernährungspsychologen Prof. Dr. Christoph Klotter einen aufschlussreichen, wenn auch nicht unkomplizierten Zugang. Klotter argumentiert – insbesondere in seiner Auseinandersetzung mit Norbert Elias' Zivilisationstheorie –, dass der materielle Wohlstand der Moderne untrennbar an die psychischen Kosten der Zivilisierung gebunden ist. Wir haben den Mangel nicht durch ein Wunder beseitigt, sondern durch ein Tauschgeschäft: unmittelbare Triebbefriedigung gegen langfristige Sicherheit, spontane Impulse gegen kalkulierte Selbstkontrolle.

Die Rechnung ist konkret. Das moderne Leben verlangt Pünktlichkeit, Affektkontrolle, soziale Verträglichkeit und eine Leistungsbereitschaft, die weit über das hinausgeht, was für das bloße Überleben nötig wäre. Wir arbeiten nicht, um heute Abend zu essen; wir arbeiten, um in dreißig Jahren eine Rente zu beziehen. Wir essen nicht, was verfügbar ist; wir essen, was ein komplexes Geflecht aus Gesundheitswissen, sozialen Normen und ästhetischen Präferenzen uns als angemessen vorschreibt.

Wer diese Spannung zwischen Impuls und Norm genauer betrachten möchte, findet in meinem Beitrag über das hedonistische Kalkül eine verwandte Perspektive: die Abwägung zwischen momentaner Lust und zukünftiger Belohnung als permanente Verhandlung mit uns selbst.

Disziplin als erworbene Fähigkeit

Klotters Diagnose hat Gewicht, aber sie verdient auch Widerspruch. Denn sie neigt dazu, das Verhältnis von Zivilisation und Leid als Einbahnstraße darzustellen: mehr Ordnung, mehr Unterdrückung, mehr innerer Konflikt. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die Möglichkeit, dass Disziplin nicht nur erlittener Zwang ist, sondern auch eine erworbene Fähigkeit – eine, die neue Handlungsräume eröffnet, statt sie nur zu verschließen.

Wer gelernt hat, einen Impuls aufzuschieben, kann Pläne schmieden. Wer Pläne schmieden kann, kann Alternativen denken. Und wer Alternativen denken kann, ist bereits auf dem Weg in die offene Gesellschaft. In der Sprache der reflexiven Freiheit beim Essen: Es geht nicht um den Gegensatz zwischen Determination und absolutem freien Willen, sondern um die schrittweise gewonnene Fähigkeit, eigene Muster zu erkennen und zu gestalten.


II. Satte Bürger und die Möglichkeit der Kritik

An dieser Stelle betritt Karl Popper die Bühne, und mit ihm eine Frage, die harmloser klingt, als sie ist: Unter welchen Bedingungen können Menschen es sich leisten, kritisch zu denken?

Poppers „Offene Gesellschaft" – jene Ordnung, in der keine Wahrheit sakrosankt ist, in der Regierungen ohne Blutvergießen abgewählt werden können und in der das Experiment über das Dogma triumphiert – ist kein Naturzustand. Sie ist eine höchst voraussetzungsreiche kulturelle Errungenschaft. Und eine ihrer Voraussetzungen, so meine These, ist die Befreiung von der unmittelbaren Not.

Die Logik ist zunächst einleuchtend: Wo der Magen leer ist, verengt sich der Zeithorizont auf den nächsten Tag, die nächste Mahlzeit. Kognitive Ressourcen, die für Abwägung, Toleranz und Perspektivwechsel nötig wären, werden vom Überlebenskampf absorbiert. Hunger ist totalitär; er duldet keinen Pluralismus der Aufmerksamkeit. Erst wenn das Grundbedürfnis gesichert ist, entsteht jener kognitive Überschuss, der kritisches Denken, politische Teilhabe und das Ertragen von Ambiguität möglich macht.

Die Gegenbeispiele – und was sie lehren

Doch hier muss die Argumentation innehalten und sich ihrer eigenen Prüfung unterziehen – alles andere wäre Poppers unwürdig.

Denn die These „Sattheit ermöglicht Offenheit" stößt auf gewichtige Gegenbeispiele. Saudi-Arabien ist eines der reichsten Länder der Erde; seine Bürger hungern nicht. Dennoch ist es keine offene Gesellschaft. Singapur hat den Hunger besiegt und Wohlstand geschaffen, ohne dabei politischen Pluralismus im Popperschen Sinne zuzulassen. Umgekehrt hat sich Indien – ein Land, in dem Hunderte Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben – als die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt behauptet, wenn auch unter enormen Spannungen.

Was lehren uns diese Gegenbeispiele? Sie widerlegen die These nicht, aber sie präzisieren sie entscheidend: Nahrungsmittelsicherheit ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die offene Gesellschaft. Sie schafft einen Möglichkeitsraum, den eine Gesellschaft füllen kann – mit Freiheit oder mit neuen Formen der Kontrolle. Das Beispiel Saudi-Arabiens zeigt, dass Wohlstand auch dazu dienen kann, Unterwerfung komfortabel zu machen. Das Beispiel Indiens zeigt, dass demokratische Institutionen auch unter widrigen materiellen Bedingungen Wurzeln schlagen können, wenn kulturelle und historische Kräfte sie tragen.

Die These muss also bescheidener formuliert werden: Nahrungsmittelsicherheit erleichtert die offene Gesellschaft. Sie macht sie wahrscheinlicher, stabiler, widerstandsfähiger. Aber sie erzwingt sie nicht. Zwischen dem vollen Magen und der freien Gesellschaft liegt ein Raum, der mit Bildung, Institutionen, historischer Erfahrung und politischem Willen gefüllt werden muss.

Nahrungsmittelsicherheit schafft den Boden, auf dem Freiheit gedeihen kann – nicht muss. Was zwischen dem vollen Kühlschrank und der freien Gesellschaft liegt, ist kein Automatismus, sondern eine Aufgabe.


III. Wohin die freigestellte Energie fließt

Wenn die Grundbedürfnisse gesichert sind, geschieht etwas Bemerkenswertes mit der menschlichen Energie. Sie verschwindet nicht; sie transformiert sich. Sigmund Freud hat für diesen Vorgang den Begriff der Sublimierung geprägt: die Umwandlung triebhafter Energie in kulturell höherbewertete Leistungen.

Man muss Freuds metapsychologische Architektur nicht in allen ihren hydraulischen Metaphern akzeptieren, um den Kern seiner Beobachtung ernst zu nehmen: Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder vom Überlebenskampf entlastet, setzt schöpferische Kräfte frei. Die Frage ist nur, wohin diese Kräfte fließen – und ob die Richtung, die sie nehmen, dem humanen Projekt dient.

In meinem Beitrag über die drei Säulen für ein erfülltes Leben habe ich Freuds Idee aufgegriffen, dass ein Mensch als psychisch gesund gelten kann, wenn er „lieben und arbeiten" kann – ergänzt durch Emmanuel Lévinas' Gedanken zum bewussten Genuss als dritter Säule. Was dort als individuelle Lebenskunst beschrieben wird, zeigt sich hier als gesellschaftliches Phänomen: Erst die Befreiung vom Überlebenskampf ermöglicht es, Energie in Liebe, Arbeit und Genuss zu investieren – statt sie ausschließlich für die Nahrungssuche aufzuwenden.

Das Spektrum der Innovation

Das Spektrum dieser freigesetzten Energie ist enorm. Am einen Ende steht die Optimierung des Alltäglichen: ein Ingenieur entwickelt eine Babyflasche, die Koliken reduziert; eine Designerin entwirft eine Fahrradtasche, die gleichzeitig als Rucksack funktioniert. Man mag solche Dinge als Wohlstandsspielerei abtun. Aber sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die es sich leisten kann, über Ergonomie und Fürsorge nachzudenken.

Am anderen Ende des Spektrums stehen die existenziellen Projekte: die Erforschung des Klimawandels, die Entwicklung Künstlicher Intelligenz und die drängende Frage ihres Alignments – also der Versuch, sicherzustellen, dass diese Systeme menschlichen Werten dienen statt sie zu untergraben. Diese Fragen können nur dort gestellt werden, wo Menschen den Rücken frei haben.

Hier liegt die eigentliche ethische Pointe: Die Befreiung vom Hunger schafft nicht nur die Möglichkeit höherer Tätigkeit – sie begründet auch eine Pflicht. Wer die Früchte der zivilisatorischen Disziplin genießt, schuldet dieser Zivilisation etwas: den verantwortungsvollen Gebrauch der Freiheit, die sie gewährt. Oder, wie ich es in meinem Beitrag zur Dankbarkeit formuliert habe: Unsere Aufgabe besteht darin, unsere Privilegien zu genießen und unsere Talente, Möglichkeiten und Freiheit zu nutzen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.


IV. Der Konflikt als Produktivkraft – und seine Grenzen

Klotter beschreibt den modernen Menschen als zerrissen: gefangen zwischen dem, was er will, und dem, was er soll. Zwischen Trieb und Norm, zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip. Dieser Befund ist nicht falsch. Aber er ist unvollständig.

Denn Konflikte sind nicht nur Leidensquellen. Sie sind auch Erkenntnisquellen. Die Spannung zwischen Wollen und Sollen ist der Rohstoff, aus dem moralisches Urteil entsteht. Ohne diese Spannung gäbe es keine Ethik – nur Instinkt oder Gehorsam. Erst im Widerstreit zwischen dem, was mir schmeckt, und dem, was mir guttut, zwischen dem, was mir nützt, und dem, was gerecht wäre, entsteht jene Form der Reflexion, die wir Gewissen nennen.

Diese Dynamik durchzieht auch die Verbindung von Philosophie und Ernährung: Die Frage, was wir essen sollen, ist nie rein physiologisch. Sie ist immer auch eine ethische, ästhetische und existenzielle Frage – von der antiken Forderung nach mens sana in corpore sano bis zu den modernen Debatten über Massentierhaltung und Nachhaltigkeit.

Wo der Druck zerstört statt formt

Allerdings – und hier muss ein Essay, der sich Popper verpflichtet weiß, die eigene Begeisterung bremsen – gibt es eine Grenze. Nicht jeder Konflikt ist produktiv. Es gibt ein Maß an Druck, das nicht mehr sublimiert, sondern zerstört.

Die Zunahme psychischer Erkrankungen, die Epidemie der Einsamkeit, die Erschöpfungsdepression des Burnouts – all das sind Zeichen dafür, dass die Kosten der Zivilisierung für viele Menschen das erträgliche Maß überschritten haben. Eine Gesellschaft, die ihre Nahrungsmittelsicherheit auf dem Rücken psychisch gebrochener Individuen errichtet, hat das Fundament, aber sie untergräbt es gleichzeitig. Denn die offene Gesellschaft braucht nicht nur satte, sondern auch handlungsfähige Bürger.

Hier schließt sich der Kreis zur reflexiven Freiheit: Nachhaltige Veränderung – ob im Essverhalten oder in der Gesellschaft – gelingt nicht durch Unterdrückung und Zwang, sondern durch Bewusstmachung, Verstehen und schrittweise Gestaltung. Wer die eigenen Muster erkennt, kann sie verändern. Wer sie nur unterdrückt, wird von ihnen eingeholt.


V. Das Fundament und das Gebäude

Ich habe zu zeigen versucht, dass die Sicherung unserer Nahrungsversorgung eine der großen Voraussetzungen der offenen Gesellschaft ist – aber eben nur eine. Sie schafft den Boden, auf dem Freiheit, Kritik und Innovation gedeihen können, nicht müssen.

Es wäre bequem, an dieser Stelle in Optimismus zu enden. Zu sagen: Seht her, wir haben den Hunger besiegt, also ist alles auf gutem Weg. Aber das wäre intellektuell unredlich. Denn die Nahrungsmittelsicherheit, die wir genießen, ist fragiler, als wir glauben. Sie hängt an globalen Lieferketten, an einem stabilen Klima, an funktionierenden Institutionen. Sie hängt, mit anderen Worten, an genau jenen Errungenschaften der offenen Gesellschaft, die sie selbst erst ermöglicht hat. Die Beziehung ist zirkulär, und Zirkularitäten sind verwundbar: Bricht ein Glied, brechen alle.

Was also folgt daraus?

Vielleicht dies: Dass wir die Tatsache, uns über „First World Problems" ärgern zu können, nicht als Zeichen der Dekadenz lesen sollten, sondern als Beweis eines enormen zivilisatorischen Gelingens. Aber ein Gelingen, das uns nicht zur Selbstgefälligkeit berechtigt, sondern zur Wachsamkeit verpflichtet. Die offene Gesellschaft ist kein Zustand, den man erreicht und dann bewohnt. Sie ist ein Prozess, den man jeden Tag erneuern muss – mit der Disziplin, die Klotter beschreibt, mit der Kritikfähigkeit, die Popper fordert, und mit der Demut, die aus dem Wissen erwächst, dass zwischen einem vollen Kühlschrank und einer freien Gesellschaft zwar ein Zusammenhang besteht, aber kein Automatismus.

Der volle Magen ist ein Privileg. Die Freiheit, die auf ihm ruhen kann, ist eine Aufgabe.


Dieser Essay stützt sich auf Gedanken von Karl R. Popper (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 1945), Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation, 1939), Christoph Klotter (u. a. Identitätsbildung über Essen, 2016) sowie Sigmund Freud (Das Unbehagen in der Kultur, 1930).


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