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Der vermessene Bauch: Mikrobiom-Tests, Fibermaxxing und das Organ, das sich nicht befehligen lässt

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„Und darf ich das jetzt noch essen?“

Vierzehn Seiten, farbig gedruckt, in einer Klarsichthülle. Anke*, Mitte vierzig, legte den Ausdruck auf den Tisch, bevor sie den Mantel ausgezogen hatte. Vorn ein Kreisdiagramm, dahinter Balken in Ampelfarben, eine Spalte mit lateinischen Gattungsnamen, daneben Bewertungen: überrepräsentiert, unterrepräsentiert, im Zielbereich. Ganz oben, größer gesetzt als alles andere, eine Zahl mit Nachkommastelle – ihr Diversity-Score. Auf den letzten Seiten dann das, was den Test überhaupt erst attraktiv macht: eine persönliche Lebensmittelliste, grün, gelb, rot, und ein Vorschlag für ein Nahrungsergänzungspaket im Monatsabo. Bezahlt hatte sie 189 Euro; das Röhrchen war per Post gekommen, die Probe per Post gegangen, das Ergebnis in eine App.

Seit dem Befund lebte sie sehr diszipliniert. Siebenundvierzig verschiedene Pflanzen in der Woche, abgehakt in einer App, die Kräuter mitzählt. Ballaststoffe, hochgerechnet, um die fünfundfünfzig Gramm am Tag. Leinsamen, Flohsamenschalen, Chiapudding, eine Sorte Pulver morgens, eine abends. Es ging ihr schlechter als vorher. Der Bauch spannte, besonders nachmittags; sie hatte den Gürtel eine Stufe weiter gestellt und war sich sicher, das liege daran, dass sie noch nicht konsequent genug sei.

Dann zeigte sie auf ein gelbrot unterlegtes Feld in der Lebensmittelliste, sagte, so genau habe sie das nicht verstanden, es habe irgendwas mit einer Bakteriengattung zu tun, und stellte die Frage, um die es in diesem ganzen Beitrag geht. Sie fragte sie wegen ihres Frühstücks – Haferbrei, seit Jahren, jeden Morgen, mit Apfel und Zimt, das Einzige an ihrem Tag, auf das sie sich verlässlich freute.

„Und darf ich das jetzt noch essen?“

Nicht: Tut es mir gut? Nicht: Wie geht es mir damit? Sondern: Darf ich. Die Zuständigkeit für ihr Frühstück war umgezogen. Sie hatte den Bauch verlassen und wohnte jetzt in einem PDF.

Dieser Beitrag handelt von diesem Umzug. Er handelt von dem Trend, der ihn organisiert – und, weil das die interessantere Hälfte ist, von der Ironie darin: dass wir ausgerechnet das Organ an ein Labor delegieren, das in unserer Sprache seit jeher für das steht, was man ohne Labor weiß.


Das Jahr des Darms

Man kann ziemlich genau datieren, wann der Darm in Deutschland sympathisch wurde. 2014 erschien Giulia Enders' „Darm mit Charme“, ein Buch, das ein Organ aus der Schamzone holte und in die Bestsellerlisten trug: drei Millionen Exemplare im deutschsprachigen Raum, weltweit acht, vierzig Sprachen. Das ist, im Rückblick, eine kulturelle Leistung. Über Verdauung durfte plötzlich geredet werden.

Zwölf Jahre später wird nicht mehr geredet, sondern optimiert. Seit Mitte Juni 2026 füllt ein Wort die Gesundheitsecken der sozialen Medien, das die Grammatik des Jahrzehnts perfekt trifft: Fibermaxxing. Ziel ist, so viele Ballaststoffe wie irgend möglich zu essen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt seit Jahren mindestens 30 Gramm am Tag; tatsächlich kommen Erwachsene im Schnitt auf rund 20. Die Protokolle des Trends zielen auf 50 Gramm und mehr. Daneben steht ein ganzes Sortiment: fermentierte Lebensmittel als Trend des Jahres, „Psychobiotika“ für die Stimmung, Darm-Kuren, Resistente-Stärke-Pulver, L-Glutamin. Und am Anfang der Kette, als Eintrittskarte und Erfolgskontrolle zugleich, der Mikrobiom-Selbsttest für zu Hause.

Der Markt dafür ist erwachsen geworden. Stiftung Warentest zählte weltweit 31 kommerzielle Anbieter solcher Analysen, Einstiegspreis ab 150 Euro, keine Kassenleistung; knapp die Hälfte dieser Firmen verkauft im selben Atemzug die Nahrungsergänzungsmittel, die das eigene Testergebnis empfiehlt. Der Markt für „personalisierte Ernährung“ insgesamt liegt im zweistelligen Milliardenbereich, und das Mikrobiom-Segment ist rund ein Viertel davon. Es geht hier also nicht um eine Marotte, sondern um eine Industrie.

Leser:innen dieses Blogs wird die Endung -maxxing bekannt vorkommen. Im Beitrag über den Protein-Hype stand, dass der Trend zum „Mehr essen“ derselben Grammatik folgt wie das alte Diät-„Weniger“: Essen als Leistung, Körper als Projekt, das Gefühl ersetzt durch ein Etikett. -maxxing ist das Suffix, das diese Grammatik sichtbar macht. Es verwandelt jeden beliebigen Nährstoff in eine Bestenliste. Erst war es das Eiweiß, jetzt sind es die Ballaststoffe, und die Branche hat für 2027 bereits die nächste Drehung angekündigt: weg von der schieren Menge, hin zur „Ballaststoff-Vielfalt“. Dass das Ziel weiterwandert, bevor irgendjemand es erreicht hat, ist kein Zufall. Es ist die Betriebsart.

Zwei Fragen stellen sich, und die Reihenfolge ist wichtig. Erstens: Was ist an alldem dran? Zweitens: Was macht das Vermessen mit dem Menschen, der vermessen wird? Die zweite Frage ist die tiefere. Aber wer sie zuerst stellt, macht es sich zu leicht mit der ersten.


Was der Darm kann – und was die Tests nicht können

Fangen wir mit einer Zahlenkorrektur an, weil sie den Ton dieses Feldes gut trifft. Jahrzehntelang stand in jedem Artikel über den Darm, wir bestünden zu neunzig Prozent aus Bakterien – zehn Mikroben auf jede menschliche Zelle. Die Schätzung ging auf eine Überschlagsrechnung von 1972 zurück, die nie überprüft worden war. 2016 haben Sender, Fuchs und Milo sie nachgerechnet: Es sind grob 38 Billionen Bakterien auf etwa 30 Billionen Körperzellen. Also ungefähr eins zu eins. Beeindruckend genug – aber selbst die Kränkung war aufgerundet.

Was solide belegt ist, lässt sich in wenigen Sätzen sagen, und es ist erfreulich. Ballaststoffe sind das Futter der Darmbakterien; aus ihnen entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, von denen sich die Schleimhaut des Dickdarms buchstäblich ernährt. Pflanzenbetonte, vielfältige Kost geht mit höherer bakterieller Vielfalt und günstigeren Stoffwechselprofilen einher. Und – das ist der hoffnungsvollste Befund des ganzen Feldes – die Zusammensetzung ist kein Schicksal: In der großen niederländischen Bevölkerungsstudie an rund achttausend Menschen erklärten Umweltfaktoren, Ernährung voran, das Mikrobiom deutlich besser als die Gene. Man kann etwas tun. Das ist keine Kleinigkeit.

Nur beantwortet all das eine Frage nicht: welches Bakterienprofil eigentlich das richtige wäre. Genau hier hört das Wissen auf, und genau hier fängt der Verkauf an.

Im März 2026 hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ihren 63. Wissenschaftlichen Kongress in Kassel dem Thema gewidmet. Zwei Befunde von dort sollte man kennen. Der erste stammt von Rinse Weersma, der kommerzielle Anbieter schlicht gegeneinander geprüft hat: dieselbe Stuhlprobe, verschiedene Firmen – völlig unterschiedliche Ergebnisse, und, was schwerer wiegt, unterschiedliche Empfehlungen. Sein Fazit: Kommerzielle Stuhlanalysen liefern derzeit keine validen Ergebnisse. Der zweite stammt von Jens Walter und ist die tiefere Auskunft: Vielleicht ist gar nicht entscheidend, welche Mikroorganismen da sind, sondern welche Funktionen sie erfüllen. Ein Artenverzeichnis wäre dann in etwa so aufschlussreich wie die Namensliste einer Belegschaft ohne Angabe, wer was tut. Passend dazu ein dritter Befund vom selben Kongress: Ein Vergleich der Ernährungsempfehlungen aus 17 Ländern ergab, dass diese Empfehlungen ohnehin weitgehend mikrobiomfreundlich sind – nur zwei der 17 erwähnen den Darm überhaupt. Man muss also nichts Neues essen. Man müsste bloß das Alte tun.

Die Fachgesellschaften sagen es entsprechend deutlich. Die DGE rät von Stuhltests zur Mikrobiom-Untersuchung ab, weil sie weder einen informativen noch einen therapeutischen Mehrwert bringen. Die Gastroenterologen der DGVS nennen die Tests „in keiner Weise standardisiert und validiert“. Stiftung Warentest fasst es in drei Worten zusammen: teuer und sinnlos. Und die Anbieter müssen, das ist der regulatorische Kern der Sache, weder Aussagekraft noch Nutzen ihrer Tests belegen.

Zwei Abgrenzungen gehören an diese Stelle, weil hier echte Gesundheitsfragen berührt sind.

Erstens: Es gibt Stuhltests, die etwas taugen – sie messen nur nichts von alldem. Der immunologische Test auf verstecktes Blut ist eine etablierte Säule der Darmkrebsfrüherkennung. Calprotectin im Stuhl unterscheidet zuverlässig zwischen entzündlichen und funktionellen Beschwerden. Erregerdiagnostik bei Durchfall hat ihren festen Platz. Und Beschwerden, die abgeklärt gehören, sind an klaren Zeichen erkennbar: Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Beschwerden, die nachts wecken, Blutarmut, neu aufgetretene Änderungen des Stuhlgangs jenseits der fünfzig. Wer so etwas an sich beobachtet, braucht keine Darmflora-Analyse, sondern einen Termin.

Zweitens: Es gibt genau eine mikrobiomtherapeutische Intervention mit überzeugender Evidenz, und sie ist das Gegenteil eines Lebensstils. Die Übertragung von Spenderstuhl bei wiederkehrender Clostridioides-difficile-Infektion wirkt so gut, dass die entscheidende Studie 2013 vorzeitig abgebrochen wurde – es wäre unethisch gewesen, der Kontrollgruppe die Behandlung weiter vorzuenthalten. Das ist eine Notfallmedizin für eine definierte, gefährliche Erkrankung. Aus ihr folgt für den Frühstückstisch: nichts.

Bleibt die Darm-Hirn-Achse, die den Trend emotional trägt. Dass Darm und Gehirn miteinander sprechen, ist unbestritten – über Nervenbahnen, Immunsignale, Stoffwechselprodukte. Nur stammen die spektakulären Befunde, das ängstliche Verhalten, das mit dem Mikrobiom übertragen wird, ganz überwiegend aus Versuchen mit keimfrei aufgezogenen Mäusen. Der Weg von der keimfreien Maus zum „Psychobiotikum“ im Onlineshop ist keine kurze Strecke. Er ist eine unbelegte Behauptung.

Der Trend hat recht, wo er für uns Menschen irrelevant ist – und wird falsch, sobald er relevant wird.


41 Menschen, eine Regel

Wie aus Wissenschaft eine Quote wird, kann man an diesem Feld beispielhaft studieren.

2018 veröffentlichte das American Gut Project, ein weltweites Bürgerforschungsprojekt, seine erste große Auswertung. Darin fand sich unter vielem anderen ein Vergleich: Menschen, die mehr als 30 verschiedene Pflanzenarten pro Woche aßen, hatten ein vielfältigeres Mikrobiom als Menschen, die zehn oder weniger aßen – mehr Produzenten kurzkettiger Fettsäuren, weniger Antibiotikaresistenzgene. Ein interessanter Befund. Er beruht auf 41 beziehungsweise 44 Personen, er ist eine Momentaufnahme, und er sagt nichts darüber, was passiert, wenn ein Mensch seine Pflanzenzahl absichtlich erhöht.

Aus diesen 41 Menschen ist eine globale Regel geworden. „30 Pflanzen pro Woche“ steht heute auf Verpackungen, es gibt Apps, Punktesysteme, Wochenlisten zum Abhaken, und in Ankes Fall waren es siebenundvierzig, weil dreißig sich nach Mindestmaß anfühlte. Der Weg ist immer derselbe: Aus einer Beobachtung wird ein Ziel. Aus einem Ziel wird eine Pflicht. Die Pflicht braucht einen Nachweis. Und der Nachweis kostet 189 Euro.

Dass diese Bewegung nicht harmlos ist, zeigt ausgerechnet der Körper, um den es angeblich geht. Das Bundeszentrum für Ernährung hat im Mai 2026 in seltener Deutlichkeit vor zu schneller Steigerung gewarnt: Bauchschmerzen, Blähungen, bei zu geringer Trinkmenge sogar Verstopfung. Der Trend, der Darmgesundheit verspricht, produziert also zuverlässig Darmbeschwerden. Und er trifft am härtesten diejenigen, die ihn am dringendsten anklicken: Menschen mit Reizdarmsyndrom, für die eine pauschale Ballaststoff-Maximierung die Beschwerden verschlimmern kann und für die es tatsächlich strukturierte, begleitete Wege gibt – nur eben keine, die man sich per Pulver bestellt.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, sage ich es unmissverständlich: Ballaststoffe sind gut. Wer im Schnitt bei 20 Gramm liegt und auf 30 und mehr kommt, tut sich einen der bestbelegten Gefallen, die die Ernährungswissenschaft überhaupt kennt. Der Hafer in Ankes Schüssel ist, gemessen an der Beweislage, das Solideste in ihrem ganzen Ernährungstag. Die Kritik dieses Textes gilt nicht den Ballaststoffen. Sie gilt der Bewegung, die aus „langsam gesteigert, wäre etwas mehr davon gut“ ein „so viel wie möglich“ macht, aus einem Durchschnittswert ein Ranking und aus einem Frühstück eine Prüfung.


Die vierte Kränkung

Freud hat 1917 einen kleinen Text geschrieben, in dem er die Wissenschaftsgeschichte als eine Abfolge von Beleidigungen erzählt. Drei Kränkungen habe die Menschheit einstecken müssen: die kosmologische durch Kopernikus – die Erde ist nicht die Mitte; die biologische durch Darwin – der Mensch ist kein Sonderfall der Schöpfung, sondern ein Tier unter Tieren; und die psychologische, für die er bescheiden sich selbst nannte – das Ich ist nicht Herr im eigenen Hause.

Das Mikrobiom bietet sich als vierte an. Nicht einmal der Körper, der uns bleibt, ist exklusiv unserer. In ihm lebt, in ungefähr gleicher Zellzahl, eine Bevölkerung, die wir nicht ausgesucht haben, die zu großen Teilen in den ersten Lebensjahren zu uns gekommen ist, die an unserer Verdauung, unserer Immunabwehr und vermutlich an unserer Stimmung mitarbeitet – und die keinen einzigen Befehl von uns entgegennimmt.

Bemerkenswert ist nun nicht die Kränkung. Bemerkenswert ist, wie schnell unsere Kultur sie unschädlich gemacht hat. Sie hat sie nämlich nicht ausgehalten, sondern umgewidmet: Aus der Entdeckung, dass in uns etwas lebt, über das wir nicht verfügen, wurde binnen weniger Jahre eine Managementaufgabe. Die Mikroben sind Personal, der Darm ist ein Betrieb, die Vielfalt ist eine Kennzahl, der Test ist der Quartalsbericht, und die Nahrungsergänzung ist die Prämie. Die Kränkung wurde beantwortet, indem man den Kränkenden einstellte.

Genau das ist die Bewegung, die dieser Blog in diesem Sommer an vier Versprechen beschrieben hat: Was sich nicht verfügbar machen lässt, wird nicht anerkannt, sondern in ein Projekt verwandelt. Der Darm ist nur der jüngste Fall – und der elegantest getarnte, weil er sich als Demut verkleidet. „Ich höre auf meine Bakterien“ klingt nach Bescheidenheit. Es ist der Satz eines Menschen, der einer Zahl gehorcht.


Das Organ des Bauchgefühls

Und hier liegt die eigentliche Ironie dieses Trends, die man erst sieht, wenn man auf die Sprache achtet.

Der Darm ist im Deutschen nicht irgendein Organ. Er ist das Organ des Wissens, das sich nicht begründen lässt. Wir entscheiden aus dem Bauch heraus. Etwas liegt uns schwer im Magen, lange bevor wir sagen könnten, was. Wir können etwas nicht verdauen. Ein Mensch hat Mumm in den Knochen, aber sein Bauchgefühl hat er im Bauch. Jahrhunderte bevor jemand von einem enterischen Nervensystem sprach, war das Verdauungsorgan die Metapher für die Instanz in uns, die früher Bescheid weiß als der Kopf.

Ausgerechnet diese Instanz bekommt nun einen Score.

Leser:innen kennen die Mechanik aus dem Beitrag über die Selbstvermessung. Dort ging es um Jonas, der morgens ausgeruht aufwachte, auf die Uhr sah – Erholungswert 41 – und seinen Tag absagte. Das Gerät ergänzt das Körpergefühl nicht, es tritt an seine Stelle; und ein Score, der wie eine Messung aussieht, ist in Wahrheit eine Wertung, die sich als Messung ausgibt. Der Mikrobiom-Test ist dieselbe Bewegung, nur eine Etage tiefer. Die Uhr enteignet die Nacht. Der Kalorienzähler hatte, wie im alten Beitrag über Hunger und Sättigung beschrieben, schon die Signale vor dem Essen abgesetzt. Der Diversity-Score setzt die letzte verbliebene Instanz ab: das Gefühl nach dem Essen. Danach ist nichts mehr übrig, was man selbst hätte spüren können.

Man kann sich die Absurdität an Ankes Frage klarmachen. Sie hatte jahrelang jeden Morgen einen Haferbrei gegessen und es sich dabei gut gehen lassen. Nach dem Befund aß sie ihn nicht mehr – nicht, weil ihr davon schlecht geworden wäre, sondern weil ein Balken gelbrot war. Ein Mensch mit funktionierender Verdauung und ausgezeichnetem Frühstück hatte aufgehört, seinem Bauch zu glauben, weil ein Labor widersprach, das seinen Bauch nie gesehen hat.

Dazu kommt die Beschaffenheit der Messung selbst. Das Mikrobiom verändert sich mit dem Essen, dem Schlaf, einer Reise, einem Infekt, einem Antibiotikum – teils binnen Tagen. Eine Stuhlprobe ist die Fotografie eines Flusses. Man kann sie machen. Nur wird sie in dem Moment gefährlich, in dem der Mensch das Foto für sein Wesen hält: Mein Mikrobiom ist schlecht. Aus einem Momentwert wird eine Eigenschaft, aus der Eigenschaft ein Urteil – und schon ist die alte Bewegung der Diätkultur wieder da, nur im mikrobiologischen Vokabular: erst ein Wert, dann ein Charakter. Dass Scham dabei niemals motiviert, steht an anderer Stelle in diesem Blog ausführlich.

Ivan Illich hat für diesen Vorgang vor fünfzig Jahren ein Wort gehabt, das immer noch trifft: die Enteignung der Gesundheit – der Prozess, in dem professionelle Apparate den Menschen die Fähigkeit abnehmen, mit dem eigenen Körper umzugehen. Im Beitrag „Kompass statt Landkarte“ habe ich daraus die Prüffrage abgeleitet, an der sich jedes Gesundheitswerkzeug messen lassen muss: Erweitert die Metrik das Subjekt – oder ersetzt sie es? Der Mikrobiom-Test beantwortet diese Frage unfreiwillig, aber eindeutig. Er gibt keine Deutung zurück. Er nimmt eine.

Ein Wort noch zum Preis, denn er gehört zur Sache. 189 Euro für die Auskunft, man solle mehr Gemüse, mehr Vollkorn und weniger stark Verarbeitetes essen – das ist nicht nur teuer, das ist auch sozioökonomisch verteilt. Wer den Wocheneinkauf auf den Cent plant, kauft weder den Test noch das Abo, und wird von derselben Kultur trotzdem an deren Maßstab gemessen. Wie tief Essen und Klassenlage zusammenhängen, steht ausführlich im Beitrag „Wer deckt den Tisch?“. Hier genügt die schlichte Beobachtung, dass die wirksamste Mikrobiom-Maßnahme der Welt – Vielfalt, Pflanzen, Zeit zum Kochen – fast nie am Wissen scheitert, sondern am Zugang. Ein Test ändert daran nichts. Er verkauft die Auskunft, die ohnehin öffentlich ist.


Der Gärtner und der Betriebsleiter

Und doch ist das Mikrobiom nicht nur das jüngste Objekt der Vermessung. Es ist zugleich das beste Gegenbild, das die Biologie zu bieten hat – wenn man es lässt.

Denn ein Ökosystem kann man nicht bauen. Man kann Bedingungen schaffen und dann warten. Ein Gärtner befiehlt dem Boden nichts; er gießt, er mulcht, er lässt stehen, er greift selten ein, und was daraus wächst, ist nie exakt das Geplante. Die Vielfalt eines Gartens ist kein Ergebnis von Steuerung, sondern von Zurückhaltung: Wer alles kontrolliert, bekommt keinen Garten, sondern Rasen – eine Monokultur, gut beherrschbar und ökologisch das Gegenteil von divers. Das gilt für die Mikroben im Dickdarm ziemlich wörtlich. Vielfalt entsteht durch Bedingungen, nicht durch Zugriff.

Es ist derselbe Unterschied, den im August der Koch aus dem alten China vorgeführt hat: Der eine hackt gegen den Widerstand, der andere folgt den Fugen. Der Betriebsleiter optimiert das Mikrobiom. Der Gärtner ernährt es und hört auf, hineinzureden.

Das ist ausdrücklich kein Aufruf zur Gleichgültigkeit, und es ist erst recht keine neue Vorschrift – ich habe keine Lust, dem Fibermaxxing ein Gelassenheitsgebot hinterherzuschicken; niemand muss sein Verhältnis zum eigenen Darm weise gestalten. Es ist eine nüchterne Feststellung darüber, wo die wirksamen Hebel liegen. Sie sind bekannt, sie sind unspektakulär, und sie sind vollständig: vielfältig pflanzlich essen, mehr Ballaststoffe als bisher und langsam gesteigert, wenig stark Verarbeitetes, ausreichend trinken, sich bewegen, schlafen, Antibiotika nehmen, wenn sie nötig sind, und nicht, wenn sie es nicht sind. Das ist die Liste. Sie kostet nichts, sie ist für alle gleich, und sie lässt sich nur insofern personalisieren, dass Mensch auf seine individuellen körperlichen und psychischen Bedürfnisse lauscht und eingeht.

Genau darin liegt ihr kommerzielles Problem. Das Wirksame ist unspezifisch – und Unspezifisches lässt sich schlecht verkaufen. Also wird es vermessen, denn eine Zahl macht aus einer allgemeinen Empfehlung ein persönliches Produkt. Man kauft nicht das Wissen. Man kauft die Illusion, dass es für einen selbst anders lautet als für alle anderen und, dass man mit ausreichend Geld Kontrolle über etwas Unverfügbares bekommen könnte.

Wer diesen Blog länger liest, erkennt hier eine Bewegung wieder, die ich im Frühjahr an mir selbst korrigiert habe. Im Beitrag „Wenn der Körper aufräumt“ ging es um Autophagie und Fasten: reale, faszinierende Prozesse – und eine Kultur, die aus jedem realen Prozess sofort ein Protokoll macht. Das Mikrobiom ist die nächste Runde desselben Spiels. Die Forschung ist echt. Der Hype ist der Aufschlag.


Was aus dem PDF wurde

Ich habe Anke den Test nicht ausgeredet, und das war keine Höflichkeit. Wer einem Menschen seine Ordnung nimmt, ohne dass etwas anderes da ist, ersetzt nur eine Autorität durch die nächste. Wir haben stattdessen die Reihenfolge der Fragen umgedreht. Nicht mehr: Was sagt der Befund? Sondern: Was sagen Sie?

Es folgte, Stammleser:innen ahnen es, nichts Spektakuläres. Der Hafer kam zurück – die bestbelegte Zeile des ganzen Berichts war ausgerechnet die, die er ihr ausgeredet hatte. Die Ballaststoffe gingen von den fünfundfünfzig Gramm langsam auf ein Maß zurück, bei dem der Gürtel wieder auf der alten Stufe saß; das Spannen verschwand innerhalb von drei Wochen, was sie mehr überzeugte als jedes Argument von mir. Das Nahrungsergänzungsabo hat sie gekündigt. Die App zum Pflanzenzählen hat sie gelöscht, die Gewohnheit dahinter aber behalten: Samstags kauft sie weiterhin gern ein Gemüse, das sie noch nicht kennt - um ihr Bedürfnis nach Neuem und Vielfalt zu befriedigen, nicht um die Quote zu erfüllen.

Und die Frage vom Anfang hat sich verändert. Aus „Darf ich das essen?“ wurde, sehr allmählich, „Wie geht es mir damit?“ – eine Frage, die sich, das war die unbequemste Einsicht dieser Wochen, nicht beantworten lässt, während man vor einem Bildschirm isst. Sie braucht die zwanzig Minuten, in denen ein Mensch merkt, was er merkt. Das ist der eigentliche Vielfalts-Test, und er kostet 0 Euro.

Vielleicht haben Sie selbst so ein PDF zu Hause, oder ein Röhrchen im Warenkorb, oder eine App, in der Sie Pflanzen abhaken. Dann sei zweierlei klar gesagt. Erstens: Daran ist nichts albern. Der Wunsch, den eigenen Körper zu verstehen, ist tendenziell gesundheitsförderlich, und wer echte Beschwerden hat, hat recht damit, sie ernst zu nehmen – nur gehören sie in ärztliche Hände und nicht in einen Lifestyle-Test. Zweitens: Sie schulden niemandem einen Score. Alles, was die Mikrobiom-Forschung heute wirklich empfehlen kann, passt auf eine Postkarte, gilt für alle gleich und ist kostenlos zu haben. Was darüber hinaus verkauft wird, ist derzeit kein Wissen, sondern Handel mit Hoffnung.

Der vermessene Bauch ist ein Widerspruch in sich. Ein Ökosystem hat keine Bestnote; es hat klimatische Bedingungen, eine Geschichte und einen Menschen, der es beherbergt. Die Frage war nie, ob Anke ihren Hafer noch essen darf.

Die Frage ist, ob sie noch merkt, dass er ihr guttut.


* Die Vignette ist eine Verdichtung mehrerer Klient:innen-Geschichten – die Pointe ist real, die Person ist es nicht.


Über den Autor

Julian Jaschinger ist Ökotrophologe (B.Sc.), Ernährungstherapeut und besitzt ein Hochschulzertifikat in Ernährungspsychologie. Seine Praxis befindet sich am „Bauch von Hannover“ (Markthalle). Seit der Gründung 2017 verbindet sein Ansatz wissenschaftliche Ernährungstherapie mit psychologischen und philosophischen Prinzipien für ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper. Weitere Informationen unter verumvita.de.

Aus derselben Haltung entsteht VerumVita Digital – ein Begleiter, der dir die Deutung zurückgibt, statt sie zu übernehmen. → www.verumvita-digital.de


Literatur

  • Sender, R., Fuchs, S. & Milo, R. (2016). Revised Estimates for the Number of Human and Bacteria Cells in the Body. PLOS Biology, 14(8), e1002533.
  • McDonald, D. et al. (2018). American Gut: an Open Platform for Citizen Science Microbiome Research. mSystems, 3(3), e00031-18. — Quelle des „30 Pflanzen pro Woche“-Vergleichs (41 vs. 44 Personen).
  • Gacesa, R. et al. (2022). Environmental Factors Shaping the Gut Microbiome in a Dutch Population. Nature, 604, 732–739. — Lifelines-Kohorte; Umwelt vor Genetik.
  • van Nood, E. et al. (2013). Duodenal Infusion of Donor Feces for Recurrent Clostridium difficile. New England Journal of Medicine, 368(5), 407–415.
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2026). Das Mikrobiom – Update für die Ernährungsberatung. DGE-Blog; sowie Nachbericht zum 63. Wissenschaftlichen Kongress, Kassel, 4.–6. März 2026 (Beiträge R. Weersma und J. Walter).
  • Stiftung Warentest (2024). Mikrobiom-Selbsttests: Teure Analysen ohne Aussagekraft. test.de, 6. Mai 2024. — 31 kommerzielle Anbieter, ab 150 Euro, knapp die Hälfte verkauft ergänzend Nahrungsergänzungsmittel.
  • Bundeszentrum für Ernährung (2026). Trend Fibermaxxing. Pressemeldung, 20. Mai 2026.
  • Sudo, N. et al. (2004). Postnatal Microbial Colonization Programs the Hypothalamic-Pituitary-Adrenal System for Stress Response in Mice. Journal of Physiology, 558(1), 263–275. — Zur Reichweite der Darm-Hirn-Befunde aus Tiermodellen.
  • Freud, S. (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. — Zu den drei Kränkungen der Menschheit.
  • Illich, I. (1975). Die Nemesis der Medizin. München: Beck. — Zur Enteignung der Gesundheit.
  • Enders, G. (2014). Darm mit Charme. Berlin: Ullstein.

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