Selbstfindung und Ernährungsberatung
"Wer zu sich selbst finden will, darf andere nicht nach dem Weg fragen."- Paul Watzlawick
Dieses kluge Zitat vom Autor des bekannten Werks „Anleitung zum unglücklich sein“ lässt sich auch bestens auf die weit verbreitete Ernährungs- und Diätmentalität von heute anwenden. Viele Menschen scheinen nach einem Guru zu suchen, der genau beantworten kann, welche Art von Ernährung die absolut und für immer richtige sei. Aber Selbstfindung und Sinnsuche gehen anders.
Fünf Axiome der Kommunikation
Paul Watzlawick ist für seine philosophischen und psychologischen Arbeiten bekannt geworden. Insbesondere seine „fünf Axiome der Kommunikation“ sind weitläufig anerkannt. Sein berühmtestes Axiom lautet:
„Man kann nicht nicht kommunizieren“
Auch unser Essverhalten ist Kommunikation. Wir kommunizieren damit etwas über uns selbst, unsere Bedürfnisse und unsere Werte – an andere, aber vor allem an uns selbst.
Der Ruf nach dem Guru
In einer Zeit der unendlichen Optionen fühlen wir uns oft verloren. Ketogen? Vegan? Intervallfasten? Was sagt es über uns aus, wenn wir verzweifelt nach jemandem suchen, der uns den einzig "richtigen" Weg weist? Oft handelt es sich um eine Delegation von Verantwortung. Wir wollen, dass uns jemand die schwere Last der Entscheidung abnimmt (der Guru, der Influencer, der Plan).
Aber: Wer blind einem Guru folgt, hört auf, auf den wichtigsten Experten zu hören – den eigenen Körper.
Selbstfindung beim Essen
Selbstfindung bedeutet:
- Hinhören: Was tut mir wirklich gut? (Nicht: Was sollte mir gut tun?)
- Experimentieren: Den Mut haben, eigene Erfahrungen zu machen, auch wenn sie vom Mainstream abweichen.
- Vertrauen: Lernen, den Signalen des eigenen Körpers (Hunger, Sättigung, Wohlbefinden) wieder zu vertrauen.
Menschen in westlichen Kulturen sind implizit dazu gezwungen, sich selbst zu verwirklichen. Dies führt zu einer gewissen Form von Einsamkeit. Wir suchen oft im Außen nach Regeln, um uns innerlich halt zu geben.
Wie kann das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Halt mit der kulturellen Verpflichtung zur Selbstverwirklichung vereinbart werden?
Selbstfindung und Sinnsuche
Auf welche Weise können Menschen Sinn in einem Universum finden, das nicht a priori mit Sinn gefüllt ist? Dabei ist eine große Schwierigkeit unserer Kultur, dass diese Sinnsuche individuell gestaltet werden muss und gleichzeitig soziale Bedürfnisse mit berücksichtigen sollte. Es geht bei der Selbstfindung von Menschen somit um einen individuellen Sinn. Dennoch benötigen wir Menschen auch tiefe soziale Kontakte zu unseren Mitmenschen. Ohne Sozialleben sind Selbstfindung und Sinnsuche sinnlos.
Selbstfindung und Ernährungsberatung
Paul Watzlawick liefert die Blaupause für die Wegfindung dieser Sinnsuche. Diese führt über den einzelnen Menschen und seine Art mit anderen zu kommunizieren. Sie fordert eine Verknüpfung von individueller Selbstfindung mit sozialen Elementen. Wer Ernährungsberatung als eine Vermittlung von „richtigen und falschen“ Ernährungsregeln betrachtet, hat Watzlawick grundlegend falsch verstanden.
