Nahrung als Wirtschaftsgut

Nahrung als Wirtschaftsgut

Als ich das erste mal über den Börsenhandel mit Lebensmitteln las, war ich schockiert und wollte die Wahrheit nicht akzeptieren. Doch Nahrung ist in der Wirtschaft niemals Zweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck der Umsatz- und Gewinnsteigerung. Kant würde sagen: „Die Wirtschaft kennt keine Moral.“ Für die meisten Akteure spielt es keine Rolle, ob die Nachfrage nach biologisch angebauten Gemüsesorten oder gentechnisch verändertem Grillfleisch hoch ist. Hauptsache mit dem Trend kann Geld verdient werden. Doch was macht die Industrie, wenn die Energiezufuhr der Bevölkerung gedeckt ist? 

Nahrung als Energielieferant

Nahrungsaufnahme dient als Energielieferant, das ist ihre ursprüngliche Funktion. Arten die sich bis heute durchsetzen konnten, haben sich Eigenschaften und Fähigkeiten angeeignet, die ihnen helfen unterschiedliche Energielieferanten zu verarbeiten und für ihren Metabolismus nutzbar zu machen. Dabei herrschte ursprünglich ein beeindruckendes Gleichgewicht zwischen Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren. Dieses ökologische Gleichgewicht gerät durch menschliche Phänomene wie Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, Waldrodung und Artensterben aus den Fugen.

Nahrung für den Menschen heute

Wie können wir so etwas vor uns selbst rechtfertigen? Heute wird es zunehmend schwerer sich einzureden, dass mit dem Klimawandel und der systematischen Tierquälerei in der Landwirtschaft alles okay ist. Wir gehen davon aus, dass Tiere und sogar Pflanzen Gefühle haben, bzw. zur Empfindung von Leid fähig sind. Daraus folgt eine moralische Verantwortung der Menschen, Schwächere, vor dem Aussterben bedrohte Organismen zu schützen. Denn:

„Große Macht bringt große Verantwortung mit sich.“

Nahrung für den Menschen früher

Als René Descartes( 1596 bis 1650) mit seiner Philosophie auch die Natur beurteilte, nahm er an, dass alle Lebewesen, auch der Mensch, wie eine Maschine funktionierten. Ausschließlich die Seele des Menschen sei göttlich und alle anderen Lebewesen nur Automaten, die dem Wohle des Menschen dienten. Mit solch einer Philosophie könnte man Klimawandel, Artensterben und Massentierhaltung problemlos rechtfertigen. Ich stimme dieser Philosophie nicht ansatzweise zu, finde es allerdings faszinierend, wie anders das Denken der Menschen vor weniger als 400 Jahren im Vergleich zu uns heute war und wie schnell sich das anthropozentrische Weltbild von Kirche und Descartes nahezu vollständig aufgelöst hat.

Nahrung an der Börse

An der Börse verhalten sich die Menschen eher nach der Philosophie von Descartes als nach einer Philosophie, die dafür geeignet wäre, den Planeten auch noch unseren Kindern lebenswert zu hinterlassen. Es scheint, in Analogie zu Descartes, als sei Geld das einzig Göttliche und alle Lebewesen der Erde nur dafür da dem Geld zu dienen. Wenn die Nahrung der Menschen eine ausreichende Kalorienzufuhr aufweist, heißt das noch lange nicht, dass man keine Gewinnsteigerung mehr mit dem Verkauf von Nahrung generieren kann. Wenn das eine Adipositas-Pandemie auslöst, Ungleichheit fördert, den Klimawandel vorantreibt und Milliarden Tiere leiden lässt, dann ist das halt so, weil:

„Unser Gott, das Geld, hat uns befohlen alles zu opfern, um es zu mehren.“

Nahrung als Wirtschaftsgut

Stellen wir uns eine einfache Rechnung vor: In Hannover gibt es 500.000 Menschen, die täglich jeweils 2.000 Kilokalorien benötigen, um ihren Energiebedarf zu decken. Insgesamt benötigen wir also eine Billion( eine 1 mit neun 0) Kilokalorien um alle Menschen in Hannover zu versorgen. Doch was machen wir, wenn die Wirtschaft zwei Billionen Kalorien für den Raum Hannover zur Verfügung stellt? Und was machen wir, wenn die Aktionäre niemals satt sind und jedes Quartal neue Gewinnsteigerungen erwarten? 

Das Geschäft mit der Nahrung

Das Buch „Essen ist Kommunikation“ von Ines Heindl handelt unter anderem davon, mit welchen fragwürdigen Mitteln die Wirtschaft mit ihrem Anspruch auf Wachstum immer mehr Nahrung produziert. Wie sie durch Werbung, XXL- und All-You-Can-Eat Angebote dafür sorgt, dass mehr Nahrung gekauft, gegessen und weggeworfen wird. Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass unsere Welt so funktioniert. Ich schrieb eine E-Mail an Frau Heindl, die ich mittlerweile mit einem Mix aus Scham und Belustigung betrachte. Doch leider änderte auch diese E-Mail nichts an der traurigen Tatsache, dass Nahrung an der Börse ein reines Wirtschaftsgut ist und als Mittel zum Zweck der Gewinnsteigerung eingesetzt wird. Moralische Ernährung scheint hier keinen Platz zu haben.