Esskultur sinnvoll anpassen

Esskultur sinnvoll anpassen

Unser Essverhalten ist individuell. Aber eine Gemeinschaft von Individuen bildet eine gemeinsame Esskultur aus. Diese Esskultur bestimmt nicht nur unsere Vorlieben und Abneigungen sondern auch, wie viele Ressourcen wir durch unsere Ernährung verbrauchen. Im Angesicht der aktuellen globalen Herausforderungen, vor die uns der drohende Klimakollaps stellt, sollten wir einen genaueren Blick auf unsere Esskultur werfen. Welche historischen Einflüsse liegen unserer Esskultur zu Grunde? Und welche aktuellen Entwicklungen prägen unsere Esskultur im 21. Jahrhundert? Daraus resultiert eine wichtige, zukunftsorientierte Frage: Welche gezielten Einflüsse benötigt unsere gemeinsame Esskultur, um den globalen Herausforderungen unserer Zeit Rechnung zu tragen?

Esskultur im historischen Kontext

In meinem Blog gehe ich immer wieder auf die evolutionären Gründe ein, die unser (Ess-)verhalten steuern. Durch meine Weiterbildung im Bereich Ernährungspsychologie bei Herrn Professor Dr. Klotter an der Hochschule Fulda nehme ich auch die Einflüsse unserer Esskultur auf unser individuelles Verhalten stärker in den Fokus. Laut Klotter trägt unsere Esskultur sowohl barbarische Einflüsse unserer germanischen Vorfahren als auch mediterrane Einflüsse in sich. Die barbarischen Einflüsse zeichnen sich durch Maßlosigkeit, Völlerei und Fleischverzehr aus. Dagegen halten die mediterranen Einflüsse uns historisch dazu an, Mäßigung, Genügsamkeit und den Verzehr pflanzlicher Lebensmittel in unser Essverhalten zu integrieren.

„Barbarische und mediterrane Einflüsse konkurrieren in unsere gemeinsamen Esskultur und in jedem Einzelnen von uns“

Esskultur = Gesundheit?

Welche Bestandteile unserer Esskultur sind für unsere individuelle sowie für unsere planetarische Gesundheit förderlich? Die Antwort ist ernährungswissenschaftlich einfach. Eine gesunde Ernährungsweise zeichnet sich durch einen hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln aus. Diese Tatsache trifft auf individueller und planetarischer Ebene gleichermaßen zu. Wenn wir nun wissen, dass eine mediterrane Ernährungsweise sinnhafter ist, als eine barbarische, sollten dann nicht möglichst alle Adaptionen unserer kollektiven Esskultur in Richtung einer mediterranen Ernährung gehen?

Wer nimmt Einfluss auf unsere Esskultur?

Auf unsere Esskultur gibt es vier erwähnenswerte Einflussfaktoren. Erstens sind es die Menschen selbst, die die Gemeinschaft eines Dorfes, einer Stadt, einer Region und eines Staates bilden. Durch unsere Haltung und unsere Werte beeinflussen wir die Esskultur der Zukunft mit. Die erwähnten historischen Einflüsse sind dabei ein Teil von uns, die unser kulturelles Erbe zweifellos prägen. Ein zweiter wichtiger Einfluss auf unsere Esskultur ist die Wissenschaft. Die Verschmelzung von Ernährungswissenschaften und Sozialwissenschaften, wie die Psychologie, fördern die Erkenntnisse zu Tage, die uns helfen, die notwendigen Schritte für eine sinnvolle, nachhaltige und ästhetische Esskultur festzulegen. Drittens sind es die Unternehmen, die an der Wertschöpfungskette „from farm to fork“ beteiligt sind. Der vierte elementare Einfluss wird durch die Haltung und das Verhalten der staatlichen Institutionen, z.B. das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und die Krankenkassen gebildet.

Die Grenzen gesundheitlicher Aufklärung und Prävention

Bislang sind die Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung größtenteils verhaltensorientiert. Durch Ernährungsberatung, betriebliche Gesundheitsförderung und andere Präventionsmaßnahmen werden allerdings größtenteils Menschen angesprochen, die bereits gesundheitsbewusst sind. Diejenigen, die sich mit fundamentaleren Alltagsherausforderungen herumschlagen als ihrer langfristigen Gesundheit, werden durch Ernährungsberatung, Gesundheitsförderung und andere Präventionsmaßnahmen kaum erreicht.

Die maslowsche Bedürnispyramide

Abraham Maslow hat im 20. Jahrhundert eine Bedürnishierarchie in Pyramidenform entwickelt. Anhand dieses genialen Modells lassen sich die Grenzen von Ernährungsberatung, Gesundheitsförderung und anderen Präventionsmaßnahmen ableiten. Essen gehört zwar zu den fundamentalsten, den physiologischen Bedürfnissen. Gesunde Ernährung ist allerdings auf den höheren Ebenen der maslowschen Bedürnispyramide zu verorten. Sich gesund ernähren zu wollen, gehört zu den Individualbedürfnissen und der Selbstverwirklichung. Diejenigen, die mit Sicherheits- sowie sozialen Bedürfnissen beschäftigt sind, zeigen üblicherweise kein großes Interesse an Maßnahmen der Ernährungsberatung, Gesundheitsförderung etc. 

„Von Menschen zu fordern, sie sollten sich mit gesunder Ernährung beschäftigen, ist teilweise ignorant und daher nicht erfolgsvorsprechend.“

Einflüsse auf unsere Esskultur sinnvoll anpassen

Die historischen Einflüsse, die auf unsere Esskultur wirken, lassen sich sicherlich nicht im Schnellverfahren verändern. Sie reichen einige tausend Jahre zurück. Doch auch wenn bestimmte Bestandteile unserer historischen Esskultur weiterhin in uns wirken, sollten wir kollektiv und wissenschaftlich fundiert planen, welche aktuellen und zukünftigen Einflüsse unsere Esskultur prägen sollen. Die Haltungen vieler Menschen in unserer Gesellschaft verändern sich bereits analog zu den wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen der letzten Jahre. Trends, die in die Richtung einer nachhaltig orientierten, pflanzenbasierten, regional-saisonalen Ernährungsweise gehen, entwickeln sich unübersehbar in unserer Gesellschaft.

„Die Trends, die diese Teile der Gesellschaft einschlagen sind teilweise sehr nah an den ernährungswissenschaftlichen, gesundheitlich und nachhaltig orientierten Empfehlungen der Fachwelt orientiert.“

Die aktuelle Entwicklung von Wirtschaft und Politik

Die aktuelle Entwicklung von Wirtschaft und Politik macht mir Sorgen. Denn nach meiner Wahrnehmung sind die aktuellen Einflüsse auf unsere Esskultur zu stark durch die Interessen der Großunternehmen der Nahrungsmittelindustrie geprägt. Da diese den Regeln des Marktes folgen, geht es bei den hier anvisierten Veränderungen unserer Esskultur um kurzfristiges wirtschaftliches Wachstum. Die Rolle der Nahrungsmittelindustrie möchte ich nicht allzu stark kritisieren. Sie folgen eben den Regeln des Marktes. Allerdings haben diese Unternehmen viel größere finanzielle Mittel und dadurch ein größeres Sprachrohr als wir Menschen und die Wissenschaft.

Wo ist die Politik?

Der vierte Einfluss, die Politik, sollte ins Handeln kommen und uns Menschen dabei unterstützen, die (ernährungs-)wissenschaftlichen Erkenntnisse besser im Alltag anzuwenden. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Staat mit intelligenten Präventions- und Nudgingmaßnahmen die Entscheidungsfindung der Menschen verbessern kann, ohne Freiheiten einzuschränken.
„Die Einflüsse auf unsere Esskultur sollten sich stärker an den wissenschaftlichen Erkenntnissen und unseren planetarischen- sowie gesundheitlichen Interessen orientieren. Die Politik darf hier ihre Rolle als Dienstleister der Gesellschaft stärker annehmen“

Konkrete Einflüsse 

Sorgen machen mir die aktuellen Entwicklungen deswegen, weil Großunternehmen quasi alle Freiheiten besitzen, um uns ihre Produkte zu verkaufen. Betrachtet man z.B. den Aufbau eines Supermarktes, reduziert dieser durch geschickte Entscheidungsarchitektur unsere Fähigkeit gesunde Entscheidungen zu treffen. Wir werden zunehmend zu Konsumenten degradiert. Insbesondere die sozioökonomisch schlechter gestellten Menschen in unserer Gesellschaft, bzw. diejenigen mit weniger Selbstwirksamkeitserwartung, sind hier betroffen. Doch nicht nur im Supermarkt sind wir auf dem Holzweg. Sonderangebote, All-you-can-eat-Restaurants und besonders Werbung, die uns auf ein ungünstiges Verhalten primen, stärken eher die barbarischen Einflüsse unserer Esskultur, als die mediterranen. 

Esskultur und Psychologie

Wir leben in einem Wirtschaftssystem, in dem Liberalismus gepredigt wird. Aus dieser Weltsicht heraus sind nur wir selbst für unsere Gesundheit verantwortlich und entscheiden selbst, was wir konsumieren wollen und was nicht. Die damit verbundenen Glaubenssätze sowie unsere Abneigung unsere eigene Begrenztheit anzuerkennen, nähren das oben benannte Problem. 

Die Wissenschaft ist hier deutlich weiter als unsere Schwarmintelligenz. Wir sind zwar keine Marionetten, aber unsere Entscheidungen werden auch nicht ausschließlich durch unseren freien Willen gefällt. Menschen sind widersprüchlich und beeinflussbar. Wir nehmen uns das eine vor und tun das andere. Beim Thema „Gesundheit“ ist das verhängnisvoll, denn beim gesunden Leben geht es nicht nur um die Dinge die wir tun, sondern noch stärker um die Dinge die wir meiden. 

„Wenn wir es schaffen wollen, eine gesundheits- und klimafreundliche Esskultur in der Mitte der Gesellschaft zu verankern, brauchen wir neue Glaubenssätze und Paradigmen.“

Welche Rolle hat der Staat?

Chile ist ein gutes Lernbeispiel. Während wir uns in Deutschland tausend Mal im Kreis drehen, bevor wir einen Nutri-Score einführen, geht Chile deutlich weiter. Hier gibt es seit 2016 nicht nur eine verpflichtende Lebensmittelkennzeichnung, sondern verschiedene weitere Maßnahmen um die gesunde Entscheidung zur leichten Entscheidung zu machen. Meiner Meinung nach geht es genau darum. Der Staat soll möglichst viel Freiheit zulassen und gleichzeitig Maßnahmen einleiten und verstärken, die gesundheits- und klimafreundliches Verhalten zur Norm unserer zukünftigen Esskultur machen. 

„Liebe Politiker*innen, bitte emanzipiert euch von der Nahrungsmittelindustrie und orientiert euch an den Interessen eurer Wähler. Vielleicht werden Sie dann auch wieder gewählt.“