Ernährungspolitik

Ernährungspolitik

Am 26.05.2019 kam ein neues Videointerview von Jung&Naiv heraus, welches sich mit meinem Lieblingsthema Ernährung bzw. Ernährungspolitik beschäftigt. Ich finde es großartig, dass vermehrt darüber gesprochen wird, welche Auswirkungen eine gesunde bzw. ungesunde Ernährungsweise auf uns ausübt. Meiner Meinung nach kam allerdings eins der wichtigsten Themen etwas zu kurz. Deswegen habe ich einen offenen Brief an den Betreiber des „Jung&Naiv-Videokanals“, Tilo Jung formuliert. Vielleicht hast Du, lieber Tilo, ja Lust, dich mit mir über das Thema zu unterhalten.

Ernährungspolitik 

Lieber Tilo,

mit großer Freude und Begeisterung über die Themenauswahl deines letzten Interviews, habe ich die Folge „Jung &Naiv“ mit Bas Kast gesehen. Toller Gast und tolle Themen! 

Ich persönlich fand deine Frage, was Herr Kast verbieten würde, hoch interessant. Insbesondere, dass Herr Kast bei seiner Antwort im Bezug auf gesetzliche Regelungen, besorgt zu sein schien aufgrund des Einflusses von Lobbyarbeit etc. als naiv zu erscheinen, finde ich bedenklich. Wie kann es sein, dass wir als Experten für Ernährung, Forderungen nach sinnvollen Veränderungen naiv finden „müssen“?

Sind wir nicht mit unserem Verhalten in den letzten Jahrzehnten bzgl. des Klimawandels und unserer Gesundheit mehr als naiv gewesen? 

Ernährungspolitik in Großunternehmen 

Ich bin der Meinung, dass wir beginnen müssen, die Großunternehmen, besonders im Ernährungsbereich, stärker zu kontrollieren, auch mit strikten Verboten. Gleichzeitig müssen wir den veränderungswilligen Unternehmen die Hand reichen und sie in unsere Bemühungen mit einbeziehen.

Herr Kast spricht von der kriminellen Energie, die in Werbebotschaften wie „Haribo macht Kinder froh“ steckt. In diesem Punkt bin ich vollständig seiner Meinung. Wir sollten diesen Punkt allerdings noch weiterdenken. McDonalds z.B. bietet „Happy Meals“ an und richtet Kindergeburtstage aus. Was passiert dadurch? Der beste Tag im Jahr eines Kindes wird emotional mit dem ungesündesten Essen verknüpft, was man überhaupt konsumieren kann. Von Essen möchte ich da eigentlich gar nicht mehr reden.

Ernährungspolitik und Feiertage

Welche Tage, neben dem eigenen Geburtstag, sind denn für Kinder besonders schön? Der Weihnachtsmann wurde von Coca-Cola instrumentalisiert. Ostern spielt ebenfalls der Zuckerindustrie in die Hände und auch unbedeutendere Festtage wie Halloween stehen im Zeichen des Zuckerkonsums. Wie kann es sein, dass Traditionen, die ursprünglich zu mehr sozialen Bindungen führen sollte, mittlerweile im Dienste des Diabetes stehen?

Ernährungspolitik und Werbung

Werbung, die sich direkt an Kinder richtet, ist verboten- gut so. Der Werberat behauptet auf seiner Website, ohne Quellenangabe, dass Lebensmittelwerbung keinen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Übergewicht habe. Aber die Glaubenssätze, die von Großunternehmen seit Jahrzehnten gepflegt werden, sind bereits so tief in unserem Denken und Handeln verankert, dass wir deren langfristige Auswirkungen auf unsere Gesundheit kaum noch extrahieren können. Abgesehen davon, muss man sich die Frage stellen, wer eigentlich die Studien finanziert, welche die Werbung für ungesunde Lebensmittel als nicht entscheidend für die Entstehung von Übergewicht einordnen. 

Ernährungspolitik und lernen über Emotionen 

Wir Menschen lernen größtenteils über Emotionen, die unterbewusst mit dem verknüpft werden, was uns im Leben begegnet. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Die Nahrungsmittelindustrie nutzt dieses Wissen über das Lernen von Menschen bislang dazu, sich auf Kosten unserer Gesundheit zu bereichern. Das ist zwar verständlich- Unternehmen müssen Gewinne erzielen, aber es schadet unserer Gesundheit, unseren Ökosystemen und ist langfristig völlig unwirtschaftlich. Dagegen muss gesellschaftlich und politisch vorgegangen werden!

Es kann und darf nicht sein, dass es sich für Großkonzerne lohnt, uns Menschen möglichst stark dahingehend zu konditionieren, immer mehr ungesunde Lebensmittel zu konsumieren. Im Auftrag des kurzfristigen Wirtschaftswachstums. Und im Wissen, dass dieser übermäßige Konsum uns krank und unglücklich machen wird. Das aktuellste politische Thema, der Klimawandel, wird durch diese Konsumanreize ebenfalls gefördert. Kann es naiv sein, dagegen konsequent vorzugehen?

Ernährungspolitik und Kosten

Als Begründung für die angebliche Naivität von verbraucherfreundlichen Veränderungen in der Regulierung von Großunternehmen werden meist wirtschaftliche Gründe herangezogen. Doch wenn man sich anschaut, dass ungesunde Lebensmittel deutlich höhere indirekte Kosten verursachen, als wir im Supermarkt dafür bezahlen, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass die jüngere Generation dafür später bezahlen wird. Die Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie lassen das Auftreten von Diabetes, Übergewicht und Adipositas explodieren. Krankheiten, die uns fast 17 Milliarden Euro kosten- jährlich. 

Das wirtschaftliche Argument ist auf lange Sicht gesehen, kompletter Wahnsinn!

Ernährungspolitik und Beeinflussung

Wenn das Diskussionsthema des staatlichen Eingreifens aufkommt, schreien einige Menschen sofort, dass der Staat sich raushalten soll. Wir sollten unsere Entscheidungen möglichst frei treffen können. Aber was wäre, wenn diese Entscheidungen, gerade im Bereich der alltäglichen Essentscheidungen, überhaupt nicht so frei wären? Die Beeinflussung in Form von langangelegter Umweltgestaltung, Werbung und Marketing von Großunternehmen lenken unsere Entscheidungen. Diese Beeinflussung bewirkt eine ungesündere Ernährungsweise. Sollte es dann nicht eine Gegensteuerung geben? Ich bin der festen Überzeugung, dass es gar keine Alternative mehr gibt. Wir haben jahrzehntelang der Nahrungsmittelindustrie eine Selbstregulation gewährt, die faktisch nicht funktioniert hat. 

Eine staatliche Gegensteuerung würde uns eine deutlich größere Freiheit ermöglichen als es im Moment der Fall ist!

Ernährungspolitik und Nudging

Ein neuerer Trend in der Ernährungswissenschaft ist das sogenannte Nudging, welches Einzug in die Gemeinschaftsverpflegung findet. Wir treffen gesundheitsförderlichere Entscheidungen, wenn unsere Umwelt dementsprechend gestaltet wird. Dieses Positivbeispiel zeigt, dass solche Maßnahmen Wirkung zeigen. Kurz gesagt, wenn unsere Umwelt gesundheitsförderliche Primereize liefert, essen wir gesünder. Liefert die Umwelt dagegen ungesunde Primereize essen wir mehr Zucker, Fastfood und Fertiggerichte. Meiner Meinung nach sind wir als Gesellschaft verpflichtet, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auf unser gesamtes Alltagsleben anzuwenden! Zum Wohle von uns „normalen“ Menschen!

Ernährungspolitik- Fazit 

Dieser offene Brief erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch möchte ich keineswegs behaupten, es gäbe einfache Lösungen. Ich möchte auch nicht die Frage nach einem Schuldigen klären. Ich empfinde es allerdings wichtig, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird und wir gemeinsam an sinnvollen und nachhaltigen Lösungen für die Probleme unserer Zeit arbeiten. Und dazu gehört definitiv auch der Einfluss von Großunternehmen in der Nahrungsmittelindustrie auf unser Konsumverhalten und unsere Gesundheit.

Mit freundlichen Grüßen 

Julian Jaschinger