Mit allen Sinnen | Essen im Dunkelrestaurant

Heute ist wieder Mittwoch. Der letzte Mittwoch vor dem ersten Speedcoaching in Hannover am 18.11.2017. Heute möchte ich eine persönliche Essgeschichte mit euch teilen, die mir besonders am Herzen liegt. Warum? Weil diese Geschichte von meinem Vater verfasst wurde. Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass mein Vater blind ist. Aus diesem Grund suche ich als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für ihn nach besonderen Erfahrungen, die wir beide mit anderen Sinnen als dem Sehsinn erleben können. Zu seinem Geburtstag dieses Jahr waren wir im Dunkelrestaurant in Hamburg. Mein Vater hat daraufhin einen tollen Text über dieses Erlebnis geschrieben:

Licht und Finsternis

Es liegt schon einige Wochen zurück, aber das, von dem ich hier berichten werde, ist mir noch so präsent, als sei es gestern geschehen. Vor einigen Jahren bin ich erblindet, und nun wollte mein Sohn erleben und verstehen, wie es ist, auf den Sehsinn verzichten zu müssen. Er hatte mich in ein Dunkelrestaurant in Hamburg eingeladen. An einem Mittwoch im September machten wir uns auf den Weg. Nach der Begrüßung im beleuchteten Vorraum führte uns Tino, der blinde Kellner, zu dem Tisch mit der Nummer 331, wobei wir gemeinsam eine Art Polonaise vollführten. Die glücklicherweise unsichtbare Darbietung wurde dadurch abgeschlossen, dass Tino uns durch Klopfzeichen auf die Stühle bedeutete, wo wir uns setzen sollten. In der absoluten Dunkelheit war ich froh, dass meine Hände und Finger etwas Vertrautes spürten, das glatte und polierte Holz der Armlehnen und die raue, kratzige Oberfläche des rustikalen Holztisches.

Der Verlass auf die Sinne

Ich hatte gelernt, meine Umwelt mit den Ohren und dem Tastsinn zu erkunden, aber dies hier war etwas Neues. Sonst versuchten meine Augen immer noch, eine Information zu erfassen – eine Bewegung, einen Umriss, einen Kontrast. Aber hier mühten sich meine Augen vergebens. Für Julian war die Umstellung noch schwieriger, und ich bewunderte ihn für seinen Mut. Tino kam an unseren Tisch, um nach den Getränkewünschen zu fragen. Er hatte sogar die Zeit, kurz mit uns zu plaudern. Mir gefiel seine Stimme und seine berlinernde Sprechweise. Seit meiner Erblindung haben Stimmen eine geradezu magische Wirkung auf mich. Ich hatte mich ganz gut daran gewöhnt, die Gesichtszüge und die Mimik meiner Gesprächspartner nicht erkennen zu können, denn die Stimme und die Art und Weise, wie jemand spricht, sind ein perfekter Spiegel seiner Seele, hatte ich gelernt. Tino hatte die Getränke angeliefert, wir waren entspannt und begannen, über unsere Eindrücke und Gedanken an diesem Ort der absoluten Finsternis zu sprechen.

In der Dunkelheit mehr Intensität

Wir waren uns einig, dass man hier im Dunkeln intensiver hört. Julian schwieg, wohl, um einen großen Schluck Bier zu trinken, nach dem leicht schlürfenden Geräusch zu urteilen, das an meine Ohren drang. „Ich bin gespannt, ob meine anderen Sinne in der Finsternis geschärft werden“, sagte er nach einer Weile. Auf den laut knarrenden Dielen waren Tinos Schritte zu hören. Clever, dachte ich, dass man an knarrenden Fußboden gedacht hatte. Das war gut in einem finsteren Raum. Tino stellte vor jedem von uns einen Suppenteller ab, aus dem es nahezu betäubend nach Gurke und Senf duftete. „Die Teller stehen direkt vor euch, rechts findet ihr das Messer, links die Gabel, auf zwölf Uhr die Löffel“, informierte er uns, obwohl das für mich nicht notwendig gewesen wäre. Ich hatte den Tisch schon längst gründlich inspiziert.

Wir begannen, unsere Suppen zu löffeln. Der Duft und der Geschmack wirken intensiver, wenn die Augen uns nicht ablenken, da waren wir uns wieder mal einig.
Nachdem ich den letzten Rest der Suppe gelöffelt hatte, überlegte ich, ob ich sämtliche Benimmregeln ignorieren und den Teller ablecken sollte. Entschlossen schritt ich zur Tat. Hoffentlich hat Julian nicht zu gute Ohren, ging mir durch den Kopf, während ich die letzten Geschmacksmoleküle aufschleckte. Tino servierte den Zwischengang, eine leckere Vorspeisenplatte. Wir machten uns einen Spaß daraus, bei jedem Bissen zu raten, was wir uns gerade in den Mund geschoben hatten. Julian erkundigte sich: „Hattest du schon die eingelegten Champignons?“ „Nö“, antwortete ich kauend, „aber der eingelegte Schafskäse ist spitzenmäßig!“ So wechselten sich Ertasten der Leckereien, genussvolles Kauen und Dialoge zum Essen ab. „Ist es nicht toll, dass wir fast alles erkannt haben, was auf dem Teller lag?“, fragte mein Sohn.

„Na klar, mit der Zunge sieht man besser“, antwortete ich und erntete das mir gut bekannte Lachen, das ich an meinem Sohn so liebe.
Die Stimmen im Raum hatten mir verraten, dass es noch vier andere Tische geben musste, aber erst jetzt fiel mir auf, dass auch dort oft und herzlich gelacht wurde. „Ich glaube“, sagte Julian, „in einem Dunkelrestaurant wird mehr gelacht, weil man dasselbe Schicksal teilt. Man muss das Essen suchen, man teilt Hilflosigkeit und kleine Katastrophen. Das verbindet. Und… na ja, es macht Spaß zu erleben, was Ohren, Nase, Zunge und Finger so können.“

Lebensmittel noch intensiver genießen

An das Hauptgericht und das Dessert kann ich mich nur undeutlich erinnern, denn Julian hatte mich mit einem Kompliment überrascht, das Väter nur selten von ihren erwachsenen Kindern bekommen. Er sei froh, dass ich mein Schicksal ohne Klagen bewältige. Ich sei deshalb nicht nur für ihn ein Vorbild. Er staune immer wieder, dass ich ohne Begleitung, mal von meinem Blindenstock abgesehen, in die Stadt fahre, dass ich gelernt hätte, mit Hilfe technischer Hilfsmittel Zeitung und Bücher zu lesen und mit speziellen Spielkarten Skat und Doppelkopf zu spielen. „Von den vielen anderen Dingen, die du genauso gut wie Sehende bewältigst, will ich gar nicht erst anfangen“, beendete er seine Lobrede. Ich war froh, dass niemand sehen konnte, wie rot ich vor Stolz und Verlegenheit wurde.
„Ich habe darüber nachgedacht, warum manche Menschen an dem zerbrechen, was das Leben an Schicksalsschlägen bereit hält und andere nicht“, fügte mein Sohn hinzu, während wir uns über den Hauptgang hermachten.

„Na ja, manchmal ist es schon hart, die vermutlich schöne Frau nicht sehen zu können, die sich hinter einer sympathischen Stimme verbirgt. Und es ist traurig, dass ich mich an Blumen und Herbstlaub nur in meiner Fantasie erfreuen kann“, antwortete ich mit halbvollem Mund. Ich musste meine Rede kurz unterbrechen, weil sich eine widerspenstige Kartoffel selbstständig gemacht hatte. „Es hat mir geholfen, mich mit dem griechischen Denker Epiktet zu beschäftigen“, murmelte ich, als ich die flüchtige Kartoffel gefunden hatte. „Epiktet sagt, man müsse unterscheiden lernen, was in der eigenen Macht steht und was nicht. Gesundheit gehört zu dem, was kaum in der eigenen Macht steht . Man sei unfrei, wenn man über Dinge klagt, die man nicht beeinflussen kann oder wenn man andere beneidet. Diese Gedanken haben mir geholfen, nicht mit meiner Erblindung zu hadern“, sagte ich und machte mich auf die Suche nach den restlichen Bohnen auf meinem Teller.

Spaß am Essen

Julian fiel es schwerer, sein Essen vom Teller in den Mund zu befördern, aber er machte Fortschritte. Nach einer längeren Such-, Aufspieß- und Kaupause sagte er: „Das war ein besonderes Erlebnis für mich. Auch wenn es ungewohnt war – es hat sich gelohnt, mit dir hier gewesen zu sein. Ich habe den Geschmack und den Duft des Essens noch nie so deutlich wahrgenommen wie heute. Und ich habe mich noch nie so auf das Sehen gefreut. Zukünftig werde ich aufmerksamer für das sein, was um mich herum vorgeht.“ Tino vollführte mit uns die bereits bekannte Polonäse durch die Finsternis Richtung Tür und verabschiedete uns. Vor der Tür fragte mein Sohn: „Papa, hast du eigentlich auch den Suppenteller abgeleckt?“

Aus voller Kehle lachend machten wir uns auf Richtung Hauptbahnhof. Die Stadt wirkte trotz der späten Stunde gar nicht finster.

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