Adipositas als chronische Krankheit | Argumente und Meinungen

Gestern bin ich beim Lesen der „Ernährungsumschau“ vom Juni 2017 auf einen Artikel gestoßen, der mich nach wie vor beschäftigt. Die „World Obesity Federation“ fordert, dass Adipositas als chronische Krankheit eingeordnet und behandelt werden soll. Dafür wurden auch einige Argumente genannt, die ich jeweils einzeln diskutieren möchte. Jeder Leser ist gerne dazu eingeladen, sich an der Debatte zu beteiligen und seine Meinung mit mir zu teilen.

Adipositas – Geld- und Zeitverschwendung in der Wissenschaft und Politik

Adipositas Argument: Den Betroffenen würde die Last genommen werden, allein für ihr Übergewicht verantwortlich zu sein.

Meine Meinung: Es ist völlig richtig, dass die meisten adipösen Menschen nicht „allein“ für ihre Probleme verantwortlich sind. Es gibt viele Einflüsse. Einige liegen im Menschen selber, z.B. genetische Veranlagung. Andere liegen außerhalb. Zum Beispiel die vielen Reklamen für ungesundes Essen. Allerdings haben alle diese Einflüsse eins gemeinsam: Wir können sie nicht ändern. Ändern können wir nur uns selbst. Deswegen macht es für mich keinerlei Sinn, institutionalisierte Entschuldigungen zu schaffen. Adipositas ist eine Erkrankung, die sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft zu viel abverlangt, als dass wir sie als „normal“ akzeptieren könnten.

Adipositas Argument: Die Stigmatisierung von Adipositaserkrankten in der Gesellschaft würde abnehmen, wenn Adipositas in der Medizin als chronische Krankheit anerkannt würde.

Meine Meinung: Es ist eine schöne Vorstellung, dass jeder Mensch den anderen akzeptiert und als Individuum behandelt. Ich halte es allerdings für völlig unrealistisch, dass eine medizinische Kategorisierung die menschliche Oberflächlichkeit in irgendeiner Weise einschränkt. Ein Mensch mit Adipositas wird sich immer wieder mit negativen Vorurteilen konfrontiert sehen. Das ist tragisch und absolut negativ zu bewerten, allerdings bestimmt nicht durch neue „Regeln“ veränderbar.

Adipositas Argument: Adipositas sei eine Reaktion auf die adipogene Umwelt und entspräche dem epidemiologischen Verständnis von Krankheitsverläufen.

Meine Meinung: Definitiv sind die Veränderungen in unserer Arbeitswelt, dem Lebensmittelangebot und der Mobilität, Gründe für die zunehmende Verbreitung von Adipositas. Dieses Argument greift in meinen Augen aus zwei Gründen dennoch nicht. Zum einen sind wir Menschen in der Lage unsere Umwelt zumindest mit zu bestimmen. Die Wahl, wie viel wir uns bewegen und wie viel wir essen hängt wesentlich von unseren Entscheidungen ab. Zum anderen ist Adipositas nicht mit unheilbaren, chronischen Erkrankungen zu vergleichen, da Zunehmen und Abnehmen immer noch nach der Regel „Energiebilanz“ funktioniert. Ein Freund von mir leidet an der entzündlichen Darmerkrankung „Morbus Crohn“. Unabhängig davon, was er isst, wie viel er sich bewegt oder was er auch sonst tut, er hat keine Kontrolle über die Schübe seiner Erkrankung und ist ihr vollständig ausgeliefert. In meinen Augen liegt genau da der entscheidende Unterschied zu einer chronischen Erkrankung.

Fazit zum Beitrag in der „Ernährungsumschau“ Adipositas als chronische Krankheit

Adipositas sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Die Betroffenen haben es in vielen Hinsichten schwer und mit gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen. Die Idee der „World Obesity Federation“ neue Lösungswege zu eröffnen, den Zugang zu medizinischen Behandlungen und die Kostenübernahme durch Krankenversicherungen zu verbessern, finde ich absolut berechtigt. Ich bin allerdings der Meinung, dass weniger Geld, Zeit und Energie für Spitzfindigkeiten wie die Einordnung einer Erkrankung als „chronisch“ aufgewendet werden sollte. Stattdessen könnte man diese Ressourcen einsetzen, um konkrete Forderungen und Lösungskonzepte zu entwickeln. Des Weiteren vertrete ich die Meinung, dass jeder Mensch seinen Handlungsspielraum ausnutzen sollte, statt sich auf Faktoren zu berufen, die er nicht zu ändern vermag. Diese „Selbstwirksamkeit“ der Menschen sollte gefördert werden, statt sie einzuschränken und die Folgen gesellschaftlich zu manifestieren.

Hast Du Fragen zu Adipositas oder möchtest gerne eine Beratung zu dem Thema?

Dann melde dich bei mir und lass uns darüber sprechen.

Kommentare: 1

  1. Irmgard Kiegeland

    Adipositas als chronische Erkrankungen anzuerkennen halte ich für nicht richtig. In meinen Augen ist das auch eine Legitimation so weiter zu machen und nichts in meinem Leben zu verändern.
    In unserer heutigen Gesellschaft gibt es immer weniger eine Esskultur. Familien sitzen oft nicht mehr für die Mahlzeiten gemeinsam am Tisch . Heute ist alles „to go“, und viele verlieren den Überblick was sie eigentlich den Tag über gegessen haben.
    Esskultur bekommt man auch von Zuhause mit, genau wie die Genetik. Adipositas ist eine Erkrankung, ohne Frage, die behandelt werden muss.

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